Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Nachwuchspreis der Leibniz-Gemeinschaft geht an RWI-Wissenschaftler Dr. Michael Fertig

21.11.2003


Die Leibniz-Gemeinschaft hat den Nachwuchsförderpreis des Jahres 2003 an RWI-Wissenschaftler Dr. Michael Fertig vergeben. Die Preisverleihung fand gestern in einem Festakt anlässlich der Jahrestagung der Leibniz-Gemeinschaft in Nürnberg statt. Der seit Oktober 2002 als Forschungskoordinator im RWI tätige Volkswirt überzeugte das Präsidium der WGL durch eine Forschungsarbeit, die eine ganze Reihe von gebräuchlichen Vorurteilen ausräumt, die die deutsche Zuwanderungsdebatte prägen. Die Arbeit, die in der politischen Debatte um Zuwanderung mutig Position bezieht, hatte von der Universität Heidelberg die Bestnote "summa cum laude" erhalten.



Zur Arbeit:

... mehr zu:
»Zuwanderung


Eines der hartnäckigsten Vorurteile gegenüber Ausländern in Deutschland besagt, dass Zuwanderer häufiger als deutsche Staatsbürger dem Staat auf der Tasche liegen und das "soziale Netz" belasten. Dr. Michael Fertig hat den Sachverhalt genau betrachtet, Daten aus dem Mikrozensus von 1995 analysiert und kann das Vorurteil widerlegen: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein typischer Zuwanderer der ersten oder zweiten Generation auf Sozialhilfe angewiesen ist, ist deutlich niedriger als bei einem Deutschen in vergleichbaren Lebensumständen. Das ändert natürlich nichts an der Tatsache, dass ein ungelernter türkischer Arbeiter eher auf Sozialhilfe angewiesen sein wird als etwa ein deutscher Arzt oder Anwalt. Aber wenn Ausländer im Mittel häufiger Sozialhilfe beziehen als Deutsche, dann kann man das auch als ein Ergebnis verfehlter Zuwanderungs- und Integrationspolitik sehen. Die Arbeit von Fertig ist durchaus als Aufforderung zu verstehen, dass sich Deutschland endlich als Einwanderungsland begreifen und Zuwanderung ebenso wie Integration sinnvoll gestalten möge.

Ein weiterer Teil der Arbeit befasst sich mit den Einstellungen der Einheimischen gegenüber Minderheiten (Ausländern und Juden). Aus wirtschaftspolitischer Sicht wird die Wahrnehmung von Minoritäten in Deutschland angesichts des zunehmenden Wettbewerbs um hoch qualifizierte Zuwanderer mit einer langfristigen Integrationsperspektive immer relevanter. Sie beeinflusst, wie attraktiv Deutschland als Einwanderungsland ist. Methodisch lässt sich diese Forschungsfrage nur recht aufwendig beantworten; Fertig stützt sich auf die so genannte ALLBUS 1996-Umfrage und wertet alle dort gegebenen Antworten simultan aus. Dabei zeigt sich, dass letztlich von allen potenziellen Bestimmungsgründen der Wahrnehmung von Minoritäten einzig die Ausbildung des Befragten in der Lage ist, einen bedeutenden und statistisch signifikanten Erklärungsbeitrag zu liefern. Alle anderen in der öffentlichen Diskussion um das Thema Fremdenfeindlichkeit bzw. Antisemitismus häufig angebotenen Erklärungen wie Arbeitslosigkeit, Furcht vor dem Verlust des Arbeitsplatzes oder das Alter der Befragten erweisen sich in diesem Zusammenhang als bedeutungslos.

Von besonderem Interesse in der Migrationsforschung sind auch die Motive, die zur Umsiedlung veranlassen. Hier hat sich gezeigt, dass sich zukünftige Migrationsströme insbesondere mit der Größe der (jungen) Bevölkerung vorhersagen lassen. Andere oftmals genannte Gründe, z.B. Unterschiede in der Wirtschaftskraft, haben nur dann Auswirkungen, wenn die Bevölkerung im Ursprungsland relativ jung ist. Aus diesen Zusammenhängen lässt sich etwa ableiten, dass die Ost-Erweiterung der EU nicht zu den dramatischen Wanderungsbewegungen führen wird, die häufig in der öffentlichen Diskussion skizziert werden.

Was folgt daraus für die Zuwanderungspolitik? Für deren überfällige Gestaltung gibt Fertig im Schlusskapitel seiner Untersuchung wichtige Hinweise. Er legt dar, wie sich die Folgen einer bestimmten Zuwanderungspolitik wissenschaftlich solide prognostizieren lassen und wo die Grenzen der Vorausschau liegen. Damit erhält die Politik erstmals ein Instrument an die Hand, in der Migrationspolitik das eigene Handeln und dessen Folgen zu bewerten. Konkret gilt es, einzugestehen, dass Deutschland ein Zuwanderungsland ist. Aufgabe der Politik ist es nun, die Zuwanderung entsprechend zu steuern, etwa nach den Qualifikationserfordernissen des Arbeitsmarktes.

Der Preisträger:

Dr. Michael Fertig (Jahrgang 1970) begann im Herbst 1991 ein politikwissenschaftliches Studium an der Universität Köln, wechselte aber schon nach einem Semester Fach und Stadt. Das Volkswirtschaftsstudium an der Universität Heidelberg schloss er im Juli 1997 mit dem Diplom ab. Danach blieb er bis Herbst 2002 als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am dortigen Lehrstuhl für Ökonometrie von Prof. Dr. Christoph M. Schmidt. In dieser Zeit entstand seine nun ausgezeichnete Doktorarbeit, für die Fertig bereits den Südwestmetall-Förderpreis 2002 erhalten hat. Die Untersuchung trägt den Titel "Germany as an Immigration Country - Empirical Evidence". Seit Oktober 2002 ist Fertig am RWI Essen als Forschungskoordinator tätig.

Ihre Ansprechpartner dazu: Dr. Michael Fertig, Tel.: (0201) 81 49-201

Sabine Weiler | idw
Weitere Informationen:
http://www.rwi-essen.de

Weitere Berichte zu: Zuwanderung

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Förderungen Preise:

nachricht Millionen für die Krebsforschung
20.09.2017 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

nachricht Ausschreibung des Paul-Martini-Preises 2018 für klinische Pharmakologie
19.09.2017 | Paul-Martini-Stiftung (PMS)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Förderungen Preise >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Im Focus: Hochautomatisiertes Fahren bei Schnee und Regen: Robuste Warnehmung dank intelligentem Sensormix

Schlechte Sichtverhältnisse bei Regen oder Schnellfall sind für Menschen und hochautomatisierte Fahrzeuge eine große Herausforderung. Im europäischen Projekt RobustSENSE haben die Forscher von Fraunhofer FOKUS mit 14 Partnern, darunter die Daimler AG und die Robert Bosch GmbH, in den vergangenen zwei Jahren eine Softwareplattform entwickelt, auf der verschiedene Sensordaten von Kamera, Laser, Radar und weitere Informationen wie Wetterdaten kombiniert werden. Ziel ist, eine robuste und zuverlässige Wahrnehmung der Straßensituation unabhängig von der Komplexität und der Sichtverhältnisse zu gewährleisten. Nach der virtuellen Erprobung des Systems erfolgt nun der Praxistest, unter anderem auf dem Berliner Testfeld für hochautomatisiertes Fahren.

Starker Schneefall, ein Ball rollt auf die Fahrbahn: Selbst ein Mensch kann mitunter nicht schnell genug erkennen, ob dies ein gefährlicher Gegenstand oder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

23. Baltic Sea Forum am 11. und 12. Oktober nimmt Wirtschaftspartner Finnland in den Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

6. Stralsunder IT-Sicherheitskonferenz im Zeichen von Smart Home

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

OLED auf hauchdünnem Edelstahl

21.09.2017 | Messenachrichten

Weniger (Flug-)Lärm dank Mathematik

21.09.2017 | Physik Astronomie

In Zeiten des Klimawandels: Was die Farbe eines Sees über seinen Zustand verrät

21.09.2017 | Geowissenschaften