Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Viren und Immunzellen - mit vereinten Kräften gegen Krebs

18.08.2008
Zur Behandlung von Krebs werden dringend neue Therapien, bevorzugt Kombinationstherapien, benötigt. Eine neue therapeutische Strategie, die derzeit erforscht wird, ist die Virotherapie.

Hierzu werden spezielle Viren entwickelt, sogenannte onkolytische ("krebsauflösende") Viren, die Tumorzellen infizieren und zerstören. Solche Viren wurden bereits in ersten Studien, vor allem in den USA, in Krebspatienten untersucht. Dabei waren Nebenwirkungen geringer als befürchtet. Aber es wurde auch deutlich, dass die Wirksamkeit der Virotherapie verbessert werden muss.

Unsere Arbeitsgruppe der Universitäts-Hautklinik und des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg untersucht jetzt, wie durch die virale Tumorzerstörung auch körpereigene Immunzellen zur Bekämpfung des Tumors rekrutiert werden können. Ziel ist die Entwicklung einer neuen Generation onkolytischer Viren, die zusätzlich zur direkten Zerstörung von Krebszellen das körpereigene Immunsystem so manipuliert, dass dieses nachhaltig auch solche Krebszellen zerstört, die von Viren nicht erreicht werden.

Eine auf Tumorzellen begrenzte Infektion mit Viren ist das Prinzip der Virotherapie. Dabei sollen durch den Vermehrungszyklus der Viren Tumorzellen, nicht jedoch gesunde Zellen, zerstört werden. Von infizierten Tumorzellen wird eine neue Generation von Viren freigesetzt, die wiederum benachbarte Tumorzellen infizieren kann - ein neuer Zyklus der Virusvermehrung beginnt. Bei dieser Therapie wird das "Medikament" also im Tumor des Patienten vervielfältigt. Verschiedene Viren werden zurzeit weltweit für eine mögliche Anwendung in der Krebstherapie untersucht.

Ein entscheidender Vorteil der Virotherapie ist, dass Viren auf verschiedenste Art verändert, geradezu "maßgeschneidert" werden können, um zu einem besseren Medikament zu werden. So haben wir in Laborarbeiten der letzten Jahre aus einem Adenovirus, das normalerweise Erkältungen hervorruft, ein onkolytisches Virus für eine angestrebte Behandlung des Schwarzen Hautkrebses, des Malignen Melanoms, entwickelt. Grundvoraussetzung für eine Anwendung von Viren zur Krebstherapie ist natürlich die Beschränkung der viralen Zellzerstörung und Vermehrung auf Tumorzellen.

Dies haben wir erreicht, indem wir Adenovirusgene unter die Kontrolle von zellulären Genschaltern setzten, die in Melanomzellen, aber nicht in anderen Zellen aktiv sind. Einen notwendigen verbesserten Eintritt der Viren in Tumorzellen erzielten wir durch Veränderungen der Proteinhülle des Adenovirus. Weiterhin entwickelten wir eine Strategie, mit der diese onkolytischen Viren - zusätzlich zur direkten Tumorzellzerstörung - auch nichtvirale (z.B. menschliche) Proteine herstellen können. Es werden derzeit Proteine mit unterschiedlichen therapeutischen Aktivitäten zur Verbesserung der Virotherapie untersucht. Diese Strategie wird auch bei unseren Arbeiten zur Immunzellrekrutierung zum Einsatz kommen.

Im Idealfall würden sich onkolytische Viren so lange vermehren, bis die letzte Tumorzelle im Patienten aufgespürt und zerstört ist. Aufgrund verschiedener Barrieren der Virusausbreitung ist es aber fraglich, ob dieses Szenario realisiert werden kann. So bestehen Tumoren nicht nur aus Tumorzellen, sondern sind z.B. mit Stützgewebe aus Proteinfasern und Bindegewebszellen durchzogen, das von den Viren nur schwer durchdrungen wird. Darüber hinaus begrenzt die Immunabwehr, wie bei anderen Infektionserkrankungen auch, die Virusausbreitung zeitlich.

Eine besonders Erfolg versprechende Ergänzung zur Virotherapie wäre eine Aktivierung des Immunsystems der behandelten Patienten gegen die Krebszellen. Bei einer solchen Viro-/Immuntherapie sollten hierzu aktivierte Immunzellen jene Krebszellen überall im Körper des Patienten zerstören, die von den onkolytischen Viren nicht erreicht werden. Ob die Infektion und Zerstörung von Krebszellen mit onkolytische Adenoviren selbst schon eine solche, gegen Krebszellen gerichtete Immunantwort auslöst oder ob hierfür eine ergänzende Immunbehandlung erforderlich ist, ist bisher nicht geklärt.

Die Immuntherapie von Krebs, also eine gezielte Anwendung bzw. Aktivierung von Molekülen oder Zellen des Immunsystems gegen Krebs, wird bereits seit Jahrzehnten untersucht. Erste Erfolge wurden erzielt, z.B. werden gegen Tumorzellen gerichtete Antikörper bereits in der Krebstherapie eingesetzt. Im Vordergrund derzeitiger Forschungsarbeiten und erster Untersuchungen an Krebspatienten, auch in der Universitäts-Hautklinik Heidelberg und im Deutschen Krebsforschungszentrum, stehen Studien zur Aktivierung von Immunzellen, die Krebszellen zerstören können. Tumore besitzen aber Mechanismen, um solche Angriffe der Immunzellen zu unterlaufen. Z.B. gelangen gegen den Krebs aktivierte Immunzellen oft nicht in den Tumor, so dass sie ihre therapeutische Wirkung nicht entfalten können.

Mit dem von der Wilhelm Sander-Stiftung geförderten Forschungsprojekt werden wir nun zunächst untersuchen, wie die Infektion von Melanomzellen mit unseren onkolytischen Adenoviren eine Freisetzung von "Lockstoffen", sogenannten Chemokinen, reguliert und damit die Rekrutierung verschiedener Immunzellen beeinflusst. Im nächsten Schritt werden wir neue onkolytische Adenoviren entwickeln, die bei der Infektion von Melanomzellen in großen Mengen ganz bestimmte Chemokine oder Kombinationen von Chemokinen produzieren. In unterschiedlichen experimentellen Tumormodellen werden wir untersuchen, ob diese gezielt und in großen Mengen solche Immunzellen in den Tumor rekrutieren, die Krebszellen effektiv bekämpfen können.

Mit diesem Projekt sollen Viren mit gezielter "Lockfunktion" für eine effektive Viro-/Immuntherapie von Krebs bereitgestellt werden, die neben der direkten Tumorzellzerstörung indirekt auch eine Immunaktivierung oder Tumorimpfung bewirken und so eine nachhaltige Zerstörung aller Tumorzellen im Patienten ermöglichen. Diese neue Technologie wird zunächst für den Schwarzen Hautkrebs entwickelt, der im fortgeschrittenen Stadium bisher nur zu einem geringen Prozentsatz heilbar ist.

Kontakt:
Dr. irk M. Nettelbeck,
Heidelberg
Tel. +49 (6221) 424450 Fax +49 (6221) 424902
e-mail: d.nettelbeck@dkfz.de
Die Wilhelm Sander-Stiftung fördert dieses Forschungsprojekt mit über
175.000 €.
Stiftungszweck der Stiftung ist die medizinische Forschung, insbesondere Projekte im Rahmen der Krebsbekämpfung. Seit Gründung der Stiftung wurden dabei insgesamt über 160 Mio. Euro für die Forschungsförderung in Deutschland und der Schweiz bewilligt. Die Stiftung geht aus dem Nachlass des gleichnamigen Unternehmers hervor, der 1973 verstorben ist.

Bernhard Knappe | idw
Weitere Informationen:
http://www.wilhelm-sander-stiftung.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Förderungen Preise:

nachricht Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro
24.03.2017 | Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg

nachricht TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro
24.03.2017 | Technische Universität Kaiserslautern

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Förderungen Preise >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Quantenkommunikation: Wie man das Rauschen überlistet

Wie kann man Quanteninformation zuverlässig übertragen, wenn man in der Verbindungsleitung mit störendem Rauschen zu kämpfen hat? Uni Innsbruck und TU Wien präsentieren neue Lösungen.

Wir kommunizieren heute mit Hilfe von Funksignalen, wir schicken elektrische Impulse durch lange Leitungen – doch das könnte sich bald ändern. Derzeit wird...

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Organisch-anorganische Heterostrukturen mit programmierbaren elektronischen Eigenschaften

29.03.2017 | Energie und Elektrotechnik

Klein bestimmt über groß?

29.03.2017 | Physik Astronomie

OLED-Produktionsanlage aus einer Hand

29.03.2017 | Messenachrichten