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"Was wir gegenwärtig erleben, ist nicht eine Wiederholung der
Energiekrise der siebziger Jahre. Jene war politisch motiviert. Heute
steigt der Erdölpreis, weil Ressourcen und Förderung schon bald mit der
Nachfrage nicht mehr werden Schritt halten können. Es ist ein Erdbeben",
sagte Dr. John Colin Campbell, langjähriger Berater und Manager der
internationalen Erdölindustrie, am siebten Dezember in seinem Vortrag in
der Aula der TU Clausthal. (Mit Videoaufzeichnung des Vortrages und Website
in deutsch und englisch)
In fünf Jahren werde der Höhepunkt der Welterdölproduktion erreicht sein. Eine jährlich dreiprozentige Schrumpfung der Förderung konventionellen, leicht zu raffinierenden Erdöls, begleitet von immensen Preissteigerungen, werde die Folge sein. Manche Ökonomen erwarteten einen Zusammenbruch des Aktienmarktes. Es sei nicht auszuschließen, dass die USA mit militärischen Interventionen in Nahost ihre Erdölversorgung würden sichern wollen, sagte Dr. John Colin Campbell.
Deutschland solle mit seiner Energiepolitik mithelfen, eine Wende in der europäischen Energiepolitik einzuleiten. "Windmühlen und Fahrräder sind gute Zeichen, aber es gibt immer noch zu viele große Mercedes." Benzin und Heizöl sollten rationiert werden - um sie für wesentliche Bedürfnisse zu einem moderaten Preis verkaufen zu können, schlug Dr. Campbell vor. Ein Anreiz zum Stromsparen könnten invertierte Tarife sein. Je mehr einer verbrauche, desto höhere Tarife solle er proportional pro Kilowattstunde Strom zahlen. Deutschland solle aktiver in der europäischen Energiepolitik sein. Brüssel habe am vierten Oktober einen Bericht zur europäischen Erdölversorgung veröffentlicht, der völlig an der Realität vorbei ginge. Deutschland sollt, da der Anfang vom Ende der Erdölepoche bevorstehe, die Option Kernenergie nicht leichtfertig auf Druck der Grünen verwerfen. Deutschland besitze Kohlelagerstätten und Technologien zur Methanproduktion aus Kohle. Diese Industrie sollte wieder aktiviert werden. Sie könnte sich schon bald rechnen. Deutschland solle seine Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover wiederbeleben, sie habe in der Vergangenheit sehr gute Beiträge zu dieser Fragestellung geliefert. Deutschland solle seine Kfz-Hersteller bewegen, auf die Wasserstofftechnologie umzuschwenken, insbesondere zu Wasserstoff, der aus Sonnenenergie gewonnen wird. Es sollte alle fiskalischen Anreize, die nötig sind, vorhalten. Deutschland könnte eine Vorreiterrolle einnehmen. Es sollte seine Stärke nutzen.
Vor einem fachkundigen Publikum - die TU Clausthal ist Zentrum der Erdölforschung in Deutschland - untermauerte Dr. Campbell seine Analyse mit Fakten. Die größten Erdölfelder seien in den 1930ziger - 50ziger Jahren gefunden worden und seit den sechziger Jahren würden sie erschlossen. Technischer und wissenschaftlicher Fortschritt habe nur bewirkt, dass wir wüssten, wie bekannte Erdölfelder besser erschlossen werden können, und warum wir - außer der Funde im kaspischen Meer - keine neuen großen Erdölfelder mehr, geologisch bedingt, finden können. " Wir können heute eine Stecknadel in einem Heuhaufen finden. Aber es bleibt eine Stecknadel. Vier konsumierten Barrel Erdöl stehen nur je ein neu entdeckter gegenüber", beschrieb Dr. Campbell die Situation.
Die großen Erdölfirmen hätten - als Teil ihrer Geschäftsstrategie - stets systematisch ihre Erdölfunde untertrieben; um sie später nach oben zu korrigieren, sagte Dr. Campbell. Eine Strategie der Marktregulierung. So sei in der Öffentlichkeit irrtümlich der Eindruck entstanden, es würde immer mehr Erdöl gefunden. Tatsächlich seien aber seit den sechziger Jahren keine neuen Großfunde gemacht worden. Im Quotenkrieg der OPEC Ende der achtziger Jahre seien von mehreren OPEC-Staaten die geschätzten Erdölreserven künstlich nach oben gesetzt worden. Nur so hätten sie, höhere Förderraten, gleich höheren Gewinn durchsetzen können. Der nur als panisch zu charakterisierende Zusammenschluss von Erdölfirmen der letzten Jahre zeige, sie richteten sich schon heute darauf ein, in Zukunft auf einem schrumpfenden Markt handeln zu müssen. "Hundert Jahre leichten Wachstums, der Wirtschaft und der Weltbevölkerung, gehen zu Ende. Die Übergangsphase wird von großen Spannungen begleitet sein. Die Prioritäten müssen in Richtung Autarkie und Nachhaltigkeit verschoben werden", sagte Dr. Campbell.
Weitere Informationen finden Sie im WWW:
Jochen Brinkmann | Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
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