Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Energiewende vor neuen Herausforderungen

17.10.2013
Der politische Konsens über die Ziele der Energiewende ist seit dem Fukushima-Unglück hergestellt, die dezentralen Technologien der Energieerzeugung haben den Mainstream erreicht – dennoch ist die Energiewende kein Selbstläufer.

Einige der Gründe für die komplizierte Umsetzung des Projekts haben Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS) in mehreren Forschungsprojekten zu akteurs- und raumbezogenen Aspekten der Energiewende identifiziert.

Sie sehen große Herausforderungen auf lokaler Ebene, da die auf Technik und Ökologie fixierten zentralen Vorgaben die komplexe Realität der Entscheidungsfindung für Kommunen und Regionen nicht widerspiegeln.

Die Abteilung „Institutionenwandel und regionale Gemeinschaftsgüter“ des IRS forscht in mehreren Projekten zu raum- und sozialwissenschaftlichen Aspekten der Energiewende. Durch die gleichzeitige Analyse von Akteuren, Institutionen und Räumen haben die Wissenschaftler um Abteilungsleiter Dr. Timothy Moss eine einzigartige Perspektive auf die Umsetzung dieses komplexen Projekts. „Darüber hinaus ist die Sichtweise hilfreich, Energie als eines von vielen regionalen Gemeinschaftsgütern zu sehen“, so Moss. Er sieht die Schlüsselfragen der Energiewende nicht länger in technologischen Entwicklungen oder gesamtgesellschaftlichem Konsens über die Zielsetzungen, sondern im „interplay“ von Institutionen verschiedener Ebenen und der damit verbundenen Möglichkeit, auf lokaler Ebene tatsächlich die Energiewende mitgestalten zu können.

Wesentliches Element der deutschen Energiewende sind starke zentrale politische Vorgaben in Form von wirkkräftigen Anreiz- und Regulariensystemen wie etwa der Einspeisevergütung durch das EEG. Diverse regulative und marktwirtschaftliche Maßnahmen werden von EU, Bund und Bundesländern in die ländlichen Regionen gebracht, wo sie auf ein komplexes Arrangement von Gemeinwohlzielen treffen. „Lokale Akteure müssen Zielsetzungen von Ökologie, Energieversorgung, Landschaftsschutz, Tourismus, Regionalwirtschaft oder regionaler Identität integrieren“, erklärt Ludger Gailing, Mitarbeiter in Moss‘ Abteilung. „Dies stellt Kommunen vor große Herausforderungen und lässt es sinnvoll erscheinen, dass die Instrumente auf zentraler Ebene die Notwendigkeit integrierter lokaler Handlungskonzepte mitdenken.“ Es gebe aus diesen Gründen eine große Diskrepanz zwischen den regionalen Gestaltungsmöglichkeiten durch die Energiewende und der tatsächliche Situation vor Ort. Gestaltungshoheit auszuüben und die großen Entwicklungschancen zu nutzen, erfordert meist eine hohe Wirtschaftskraft, gute Vernetzung und zivilgesellschaftliches Engagement. „Das schöne Bild der Gestaltungsregion ist sehr brüchig und in Deutschland räumlich sehr differenziert anzutreffen“, bilanziert Moss. So würden viele regionale Akteure in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz oder Teile Schleswig-Holsteins von der Energiewende profitieren und selbst gestalterisch tätig werden, in manchen peripheren Regionen Brandenburgs oder Mecklenburg-Vorpommerns bestehen dagegen manchmal sogar Kolonialisierungswahrnehmungen und entsprechende neuartige Konflikte.

Einer der wichtigsten Gründe für diese ungleiche Entwicklung ist der generelle Widerspruch zwischen einem Mainstreaming von dezentralen Technologien der Energieerzeugung und einer nicht vorhandenen Dezentralität in der Institutionenlandschaft. Wenn zudem Windräder, Solaranlagen und Biomassekraftwerke zu Instrumenten der Big Player werden, bleiben positive lokale Effekte einer dezentralen Energieerzeugung vielerorts aus. „Welches Geld dann in der Gemeinde bleibt, welche lokalen Akteure von einer Installation profitieren oder wo die Produktionsanlagen hergestellt werden, sind essentielle Fragen für die Kommunen“, sagt Gailing. „Wir haben Extremfälle kennengelernt, in denen Investoren in großem Maßstab Agrarland pachten, um Mais für die Biogas-Produktion anzubauen oder in denen die lokale Bevölkerung vom Boom der Onshore-Windkraft nicht profitiert. Dies schürt lokale Konflikte, eine verantwortungsvolle Energiewende-Politik sollte sich mit diesen Realitäten der Umsetzung auseinandersetzen.“

Energiewendeforschung am IRS

Mit dem Forschungsprogramm 2012-2014 hat die Abteilung „Institutionenwandel und regionale Gemeinschaftsgüter“ des IRS die Transformation der Energieversorgungssysteme in Deutschland in den Fokus genommen. Entlang ihrer prägenden theoretisch-konzeptionellen Zugänge – der Analyse von institutionellen Systemen und Gemeinschaftsgütern im Wandel - erforschen sie, wie die Energiewende im Raum und in der Akteurslandschaft wirkt. Kern der Forschungen ist das haushaltsfinanzierte Leitprojekt „Gemeinschaftsgutaspekte und räumliche Dimensionen der Energiewende: Zwischen Materialität und Macht“ (Laufzeit drei Jahre, acht beteiligte Wissenschaftler), daneben wurden mehrere Drittmittelprojekte eingeworben, um Einzelaspekte genauer zu beleuchten. „EnerLOG“ sucht zu ergründen, wie die vielerorts auftretenden energiepolitischen Konflikte gelöst werden können, während eine Studie im Auftrag der RL-Stiftung den Begriff „Energiedemokratie“ inhaltlich fundieren soll. Im „ELaN“-Projekt suchen die Wissenschaftler nach Synergien von Energie- und Wasser/Abwasser-infrastrukturen.

Kontakt

Dr. Timothy Moss
Leiter der Forschungs-abteilung „Institutionenwandel und regionale Gemeinschaftsgüter“ des IRS
Tel: 03362/793-185
Mail: MossT@irs-net.de
Ludger Gailing
Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsabteilung „Institutionenwandel und regionale Gemeinschaftsgüter“ des IRS
Tel: 03362/793-252
Mail: Gailing@irs-net.de
Weitere Informationen:
http://www.irs-net.de/forschung/forschungsabteilung-2/leitprojekt.php
IRS-Forschungsprojekt "Gemeinschaftsgutaspekte und räumliche Dimensionen der Energiewende"

http://www.irs-net.de/forschung/forschungsabteilung-2/EnerLOG/index.php Forschungsprojekt "EnerLOG – Lösung von lokalen energiepolitischen Konflikten und Verwirklichung von Gemeinwohlzielen durch neue Organisationsformen im Energiebereich"

Jan Zwilling | idw
Weitere Informationen:
http://www.irs-net.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Energie und Elektrotechnik:

nachricht Elektromobilität: Forschungen des Fraunhofer LBF ebnen den Weg in die Alltagstauglichkeit
27.03.2017 | Fraunhofer-Institut für Betriebsfestigkeit und Systemzuverlässigkeit LBF

nachricht Wärme in Strom: Thermoelektrische Generatoren aus Nanoschichten
16.03.2017 | Universität Duisburg-Essen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Energie und Elektrotechnik >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Von Agenten, Algorithmen und unbeliebten Wochentagen

28.03.2017 | Unternehmensmeldung

Hannover Messe: Elektrische Maschinen in neuen Dimensionen

28.03.2017 | HANNOVER MESSE

Dimethylfumarat – eine neue Behandlungsoption für Lymphome

28.03.2017 | Medizin Gesundheit