Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Erster oberirdischer Kurzzeit-Großkältespeicher Deutschlands geht in Betrieb

28.06.2007
3,5 Millionen Liter kaltes Wasser für Chemnitz
Stadtwerke Chemnitz und TU Chemnitz arbeiten Hand in Hand

Am 29. Juni 2007 geht in Chemnitz an der Georgstraße Deutschlands erster Kurzzeit- Großkältespeicher in Betrieb. An der Entwicklung der Anlage war die Technische Universität Chemnitz maßgeblich beteiligt. Im Februar 2006 haben die Stadtwerke Chemnitz und die TU einen Kooperationsvertrag für das Projekt unterzeichnet. Baubeginn für den Kältespeicher war am 1. August 2006. Die Idee für den Speicher entwickelte Dr. Thorsten Urbaneck von der Professur Technische Thermodynamik, das Projektteam der TU berechnete die Strömungsverhältnisse und das thermische Verhalten im Kältespeicher und betreut auch zukünftig die Messtechnik. "Die Ergebnisse könnten bald deutschlandweit beim Aufbau und der Umrüstung von Kühlsystemen angewendet werden", so Urbaneck.

Das Chemnitzer Fernkältesystem, das bereits seit 1973 in Betrieb ist, besteht aus einem 4,5 Kilometer langen Rohrsystem, in dem fünf Grad kaltes Wasser fließt. Dieses Wasser wird durch eine so genannte Kraft-Wärme-Kälte-Kopplung mit überschüssiger Wärme aus dem Heizkraftwerk Chemnitz Nord gekühlt und versorgt nahezu alle großen Kälteabnehmer der Stadt, von der Oper über Museen bis zum Kaufhaus. Auch der Universitätsteil Straße der Nationen 62 ist an dieses Netz angeschlossen. Die Fernkälte ist aus mehreren Gründen eine vorteilhafte Art der Klimatisierung: Der Platzbedarf im Gebäude ist gering, es müssen keine Geräte an die Fassade angebracht werden, es gibt keinen Maschinenlärm, Wartungen und aufwändige Bedienung von Geräten fallen nicht an.

Das bisherige Problem der Fernkälteversorgung in Chemnitz beschreibt Ulf Uhlig von den Stadtwerken: "Zu normalen Zeiten ist das System nur zum Teil ausgelastet. Zu Spitzenzeiten - wenn im Sommer die Außentemperaturen über 30 Grad liegen - sind die Maschinen aber nun überlastet, weil immer mehr Kälteabnehmer an das Netz angeschlossen werden." Abhilfe schafft jetzt ein Tank von 19 Metern Höhe (mit einem Füllstand von rund 17 Metern) und 16,5 Metern Durchmesser, in den 3.500 Kubikmeter Wasser passen. Dieses Wasser dient als Speichermedium - auf fünf Grad Celsius gekühlt, reicht es aus, um die Abnehmer in der Chemnitzer Innenstadt zu Spitzenlastzeiten fünf Stunden lang mit Kälte zu versorgen. Die Idee dahinter: Der gut gedämmte Kältespeicher wird nachts mit Hilfe überschüssiger Wärme aus dem Kraftwerk Nord durch Absorptionskältemaschinen aufgeladen und kann tagsüber die Engpässe im Fernkältesystem ausgleichen. Diese Lösung ist nach Meinung von Experten nicht nur umweltfreundlich, sondern auch ökonomisch ausgewogen. "Die oberirdische Kurzzeit- Speicherung von Kälte ist in Deutschland neu, während es ein großes Langzeit-Kältedepot unter dem Reichstag in Berlin gibt", berichtet Urbaneck. In Europa würden auch anderenorts - etwa in Barcelona, London und Stockholm - Projekte zur Kurzzeit-Großkältespeicherung vorangetrieben, jedoch habe Chemnitz nun ein Vorzeige-System. "Wir freuen uns, dass wir selbst Interessenten aus Dubai schon auf unserer Baustelle begrüßen konnten", ergänzt Urbaneck. Jedoch benötigt man im arabischen Raum Anlagen, die einhundert Mal leistungsstärker sind.

Nach Machbarkeitsuntersuchungen, Konzeptentwicklung, Simulation und technischer Planung werden die Forscher der TU in Zukunft das umweltfreundliche Speicher-System in Chemnitz optimieren: "Dazu werden wir in einer Langzeitüberwachung mit mehr als 100 Messstellen die Funktion der Anlage mit den Ergebnissen unserer Simulationen vergleichen", erläutert Urbaneck. Das Projektteam der TU unter Leitung von Prof. Dr. Bernd Platzer steht den Stadtwerken auch weiterhin beratend zur Seite. Neben den Stadtwerken zeigte sich auch das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie begeistert - es übernahm die Kosten für die Forschung der TU zu 100 Prozent und steuerte knapp 247.000 Euro bei. Insgesamt förderte das Bundeswirtschaftsministerium das 1,1 Millionen Euro teure Vorhaben mit etwa 588.000 Euro.

"Die Berechnungen der Strömungsverhältnisse im Speicher übernahm der neue Hochleistungsrechner CHiC der TU Chemnitz - herkömmliche Rechner könnten diese Datenmengen nicht bewältigen", erklärt Dr. Urbaneck. Der Rechner selbst wird auch durch das Fernkältesystem gekühlt: "Zukünftig sorgt bestimmt auch der neue Kältespeicher der Stadtwerke dafür, dass das Rechenwerk nicht heiß läuft. Damit würde sich einmal mehr der Kreis von Forschung und nützlicher Anwendung schließen", so Urbaneck.

Weitere Informationen erteilt Dr. Thorsten Urbaneck, Professur Technische Thermodynamik, Telefon (03 71) 5 31 - 3 24 63, E-Mail thorsten.urbaneck@mb.tu-chemnitz.de.

Mario Steinebach | TU Chemnitz
Weitere Informationen:
http://www.tu-chemnitz.de/tu/presse/

Weitere Berichte zu: Fernkältesystem Kältespeicher Stadtwerke Thermodynamik

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Energie und Elektrotechnik:

nachricht Ein leistungsfähiges Lasersystem für anspruchsvolle Experimente in der Attosekunden-Forschung
19.07.2017 | Forschungsverbund Berlin e.V.

nachricht Solarenergie unterstützt Industrieprozesse
17.07.2017 | FIZ Karlsruhe – Leibniz-Institut für Informationsinfrastruktur GmbH

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Energie und Elektrotechnik >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Einblicke unter die Oberfläche des Mars

Die Region erstreckt sich über gut 1000 Kilometer entlang des Äquators des Mars. Sie heißt Medusae Fossae Formation und über ihren Ursprung ist bislang wenig bekannt. Der Geologe Prof. Dr. Angelo Pio Rossi von der Jacobs University hat gemeinsam mit Dr. Roberto Orosei vom Nationalen Italienischen Institut für Astrophysik in Bologna und weiteren Wissenschaftlern einen Teilbereich dieses Gebietes, genannt Lucus Planum, näher unter die Lupe genommen – mithilfe von Radarfernerkundung.

Wie bei einem Röntgenbild dringen die Strahlen einige Kilometer tief in die Oberfläche des Planeten ein und liefern Informationen über die Struktur, die...

Im Focus: Molekulares Lego

Sie können ihre Farbe wechseln, ihren Spin verändern oder von fest zu flüssig wechseln: Eine bestimmte Klasse von Polymeren besitzt faszinierende Eigenschaften. Wie sie das schaffen, haben Forscher der Uni Würzburg untersucht.

Bei dieser Arbeit handele es sich um ein „Hot Paper“, das interessante und wichtige Aspekte einer neuen Polymerklasse behandelt, die aufgrund ihrer Vielfalt an...

Im Focus: Das Universum in einem Kristall

Dresdener Forscher haben in Zusammenarbeit mit einem internationalen Forscherteam einen unerwarteten experimentellen Zugang zu einem Problem der Allgemeinen Realitätstheorie gefunden. Im Fachmagazin Nature berichten sie, dass es ihnen in neuartigen Materialien und mit Hilfe von thermoelektrischen Messungen gelungen ist, die Schwerkraft-Quantenanomalie nachzuweisen. Erstmals konnten so Quantenanomalien in simulierten Schwerfeldern an einem realen Kristall untersucht werden.

In der Physik spielen Messgrößen wie Energie, Impuls oder elektrische Ladung, welche ihre Erscheinungsform zwar ändern können, aber niemals verloren gehen oder...

Im Focus: Manipulation des Elektronenspins ohne Informationsverlust

Physiker haben eine neue Technik entwickelt, um auf einem Chip den Elektronenspin mit elektrischen Spannungen zu steuern. Mit der neu entwickelten Methode kann der Zerfall des Spins unterdrückt, die enthaltene Information erhalten und über vergleichsweise grosse Distanzen übermittelt werden. Das zeigt ein Team des Departement Physik der Universität Basel und des Swiss Nanoscience Instituts in einer Veröffentlichung in Physical Review X.

Seit einigen Jahren wird weltweit untersucht, wie sich der Spin des Elektrons zur Speicherung und Übertragung von Information nutzen lässt. Der Spin jedes...

Im Focus: Manipulating Electron Spins Without Loss of Information

Physicists have developed a new technique that uses electrical voltages to control the electron spin on a chip. The newly-developed method provides protection from spin decay, meaning that the contained information can be maintained and transmitted over comparatively large distances, as has been demonstrated by a team from the University of Basel’s Department of Physics and the Swiss Nanoscience Institute. The results have been published in Physical Review X.

For several years, researchers have been trying to use the spin of an electron to store and transmit information. The spin of each electron is always coupled...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungen

Den Nachhaltigkeitskreis schließen: Lebensmittelschutz durch biobasierte Materialien

21.07.2017 | Veranstaltungen

Operatortheorie im Fokus

20.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Einblicke unter die Oberfläche des Mars

21.07.2017 | Geowissenschaften

Wegbereiter für Vitamin A in Reis

21.07.2017 | Biowissenschaften Chemie

Den Geheimnissen der Schwarzen Löcher auf der Spur

21.07.2017 | Veranstaltungsnachrichten