Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Kran aus Knochen und Muskeln

12.10.2005


Der Wendehals Diplodocus: Diese Riesenechse ist mit 30 Metern einer der längsten Dinosaurier. Er lebte in der späten Jurazeit vor 156 bis 144 Millionen Jahren im Gebiet der heutigen USA (Colorado, Montana, Utah, Wyoming). Der zwölf Tonnen schwere Pflanzenfresser hat einen im Vergleich zum massigen Körper winzigen Kopf, der auf einem bis zu sieben Meter langen Hals sitzt. Untersuchungen mit Computer- und Neutronentomografie haben gezeigt, dass die Halswirbel für respektable Luftkissen Platz haben. Dank dem somit leichten und wendigen Hals konnte der Saurier effizient seinen enormen Bedarf an Schachtelhalmen, Farnen und Blättern decken – wie eine Art pneumatischer Kran in Leichtbauweise. (Bild des Modells im Dinopark «Im Grünen», Genossenschaft Migros Basel)


Neutronen erzählen von Dinos: Die Neutronenradiografie am PSI bietet Anwendungen in vielen wissenschaftlich-technischen Gebieten, so auch in der Paläontologie. Das Durchleuchten von Saurierknochen liefert aufschlussreiche Befunde über Körperbau und Verhalten der Riesenechsen. Eine Physik-Studentin installiert an der neuen ICON-Anlage einen Saurierknochen, um dessen Materialaufbau zerstörungsfrei zu untersuchen. (Bild H.R. Bramaz/PSI)


Mit der Neutronenradiografie am Schweizer Paul Scherrer Institut (PSI) lassen sich Objekte aus zahlreichen wissenschaftlich-technischen Gebieten zerstörungsfrei prüfen und durchleuchten.


So ergaben Untersuchungen an Halswirbeln eines 30 Meter langen Dinosauriers aufschlussreiche Befunde über Körperbau und Verhalten der Riesenechse. Die hohlen Knochen reduzierten nicht nur beträchtlich das Gewicht, das darin eingerichtete pneumatische System trug auch wesentlich zur Stabilisierung und Beweglichkeit des Halses bei. Vermutlich konnte der Pflanzenfresser dadurch seinen enormen Nahrungsbedarf effizienter decken.

Dinosaurier sind sehr populäre Geschöpfe, auch wenn sie bereits vor 65 Millionen Jahren ausgestorben sind. In zahlreichen Ausstellungen, Parks und Museen werden die urzeitlichen Riesenechsen stets von einem grossen Publikum bestaunt. Diese Faszination gründet auch auf dem Mythos einer längst vergangenen Zeit, als in der Schweiz ein tropisches Klima herrschte und weite Gegenden vom Tethysmeer überflutet waren.


Forschende haben bereits etliche Erkenntnisse über die Lebensweise der Dinosaurier gewonnen. Wie sie lebten, was sie frassen, warum sie so gross wurden. Dabei ist von der Vorstellung Abschied zu nehmen, die Grossreptilien seien primitive Monster gewesen. Noch sind aber viele Fragen ungewiss. Mehr Licht ins Dunkel haben kürzlich Ergebnisse gebracht, die zerstörungsfreie Verfahren wie die Computer- (CT) und die Neutronentomografie (NT) des PSI einsetzten.

Bei der CT werden Röntgenstrahlen und bei der NT Neutronen mit angemessener Energie durch die Probe geschickt. Röntgen eignet sich für dicke organische Proben, wie das Durchleuchten des menschlichen Körpers. Die Neutronenradiografie hingegen kann dünne Schichten organischer Stoffe oder andere wasserstoffhaltige Proben sehr kontrastreich abbilden, weil die Neutronen im Gegensatz zu Röntgenstrahlen an leichten Atomen wie Wasserstoff stark streuen. Neutronen können die meisten Metalle leicht durchqueren, während Röntgenstrahlen gestoppt werden und somit kein Bild über die Probe liefern.

Hohlräume in Knochen ermittelt

Ein Forschungsteam des Naturhistorischen Museums Basel (NMB) hat in einem vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Projekt verschiedene Wirbelknochen des Dinosauriers Diplodocus mit CT und NT untersucht. Die Kombination der beiden tomografischen Verfahren erbrachte ein detailliertes Bild der innern Hohlräume. Durch die Tomografien lassen sich auch die Verteilung der pneumatischen Strukturen im Knocheninneren herausfinden und rekonstruieren, ohne dass die wertvollen Reste zerstört werden.

Der Diplodocus wurde 30 Meter lang, fast vier Meter hoch und wog vermutlich etwa zwölf Tonnen. Sein Hals war stolze sechs bis sieben Meter lang. Versteinerte Knochen hat man in den US-Bundesstaaten Colorado, Montana, Utah und Wyoming entdeckt. Dort lebte der Dinosaurier vor 156 bis 144 Millionen Jahren (im späten Jura) und ernährte sich von Pflanzen. Die untersuchten Knochen stammen aus dem Sauriermuseum Aathal ZH.

Luftschläuche verhindern Absacken

Anhand der CT und NT rekonstruierten die Wissenschaftler die Weichteile im Hals, die früher die Hohlräume in und um die Wirbel ausgefüllt hatten. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Diplodocus im Halsbereich um die Wirbel herum ein dreiteiliges Luftschlauch-System besass. Mit Hilfe der prallen pneumatischen Schläuche konnte er den langen Hals in Normalstellung stabil halten. So wurde beispielsweise zusammen mit dem Bänderapparat ein Absacken des Halses verhindert.

An den einzelnen Halswirbeln war durch die pneumatischen Strukturen mindestens die Hälfte der Masse reduziert. Das zeigen die tomografischen Schnitte. Das gesamte Halsgewicht war demnach ein Fünftel leichter als früher berechnet. Der Riese konnte also seinen Hals pneumatisch drehen und schwenken. Um die Pflanzen effizient ins Maul zu bekommen, so vermuten die Paläontologen, bewegte der Diplodocus seinen Hals wendig auf und ab sowie hin und her - wie ein höchst flexibler und stabiler pneumatischer Kran. Mit einer klugen Kombination von Biologie und Technik könnten so die Millionen Jahre alten Fossilien das Prinzip liefern für eine neuartige Technologie im Kranbau und als Beispiel dienen von gelungener Bionik nach Dino-Art.

Neue Neutronenradiografie-Anlage am PSI

Die Anwendungen der Neutronenradiografie am PSI haben sich seit Inbetriebnahme der Anlage NEUTRA im Jahr 1997 stark erweitert. Das bildgebende Verfahren kommt heute neben Routineaufgaben bei der zerstörungsfreien Prüfung vornehmlich der Forschung in Elektrochemie, Bodenkunde, Geologie, Holzanalyse, Archäologie und (wie zuvor beschrieben) Paläontologie zugute. Die hohe Nachfrage nach Messungen und die Weiterentwicklung der Methode führten zum Entschluss, am PSI eine zweite Anlage aufzubauen. Die kürzlich fertig gestellte Strahllinie ICON verwendet kalte Neutronen und weist im Vergleich zur bisherigen Anlage ein unterschiedliches Neutronenspektrum auf. Dadurch lässt sich die Aussagekraft der Untersuchungen mit Neutronenradiografie weiter verbessern.

Auf dem Gebiet der industriellen Anwendungen dominieren zurzeit Analysen von elektrochemischen Brennstoffzellen, die Wasserstoff und Sauerstoff zu elektrischem Strom umwandeln. Das dabei entstehende Wasser kann mit Neutronen sehr genau in hoher räumlicher und zeitlicher Auflösung auch innerhalb der metallischen Struktur sichtbar gemacht werden. Anhand solcher Detailstudien lässt sich die Effizienz der Brennstoffzellen erheblich steigern. Werden die Zellen in Fahrzeugen eingesetzt, können solche Antriebe wesentlich zu einem umweltfreundlicheren Strassenverkehr beitragen.

Für weitere Auskünfte:

Dr. Eberhard Lehmann, Leiter der Gruppe Neutronenradiografie, PSI; Telefon +41 (0)56 310 29 63; eberhard.lehmann@psi.ch

Dr. Daniela Schwarz, Paläontologin, Naturhistorisches Museum Basel; Telefon +41 (0) 61 266 55 90; daniela.schwarz@bs.ch

Beat Gerber | idw
Weitere Informationen:
http://www.psi.ch
http://www.bs.ch

Weitere Berichte zu: Dinosaurier Diplodocus Knochen Neutronenradiografie

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Energie und Elektrotechnik:

nachricht Frühwarnsystem für gefährliche Gase: TUHH-Forscher erreichen Meilenstein
20.09.2017 | Technische Universität Hamburg-Harburg

nachricht Strom im Flug erzeugen
20.09.2017 | Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Energie und Elektrotechnik >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Im Focus: Hochautomatisiertes Fahren bei Schnee und Regen: Robuste Warnehmung dank intelligentem Sensormix

Schlechte Sichtverhältnisse bei Regen oder Schnellfall sind für Menschen und hochautomatisierte Fahrzeuge eine große Herausforderung. Im europäischen Projekt RobustSENSE haben die Forscher von Fraunhofer FOKUS mit 14 Partnern, darunter die Daimler AG und die Robert Bosch GmbH, in den vergangenen zwei Jahren eine Softwareplattform entwickelt, auf der verschiedene Sensordaten von Kamera, Laser, Radar und weitere Informationen wie Wetterdaten kombiniert werden. Ziel ist, eine robuste und zuverlässige Wahrnehmung der Straßensituation unabhängig von der Komplexität und der Sichtverhältnisse zu gewährleisten. Nach der virtuellen Erprobung des Systems erfolgt nun der Praxistest, unter anderem auf dem Berliner Testfeld für hochautomatisiertes Fahren.

Starker Schneefall, ein Ball rollt auf die Fahrbahn: Selbst ein Mensch kann mitunter nicht schnell genug erkennen, ob dies ein gefährlicher Gegenstand oder...

Im Focus: Ultrakurze Momentaufnahmen der Dynamik von Elektronen in Festkörpern

Mit Hilfe ultrakurzer Laser- und Röntgenblitze haben Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik (Garching bei München) Schnappschüsse der bislang kürzesten Bewegung von Elektronen in Festkörpern gemacht. Die Bewegung hielt 750 Attosekunden lang an, bevor sie abklang. Damit stellten die Wissenschaftler einen neuen Rekord auf, ultrakurze Prozesse innerhalb von Festkörpern aufzuzeichnen.

Wenn Röntgenstrahlen auf Festkörpermaterialien oder große Moleküle treffen, wird ein Elektron von seinem angestammten Platz in der Nähe des Atomkerns...

Im Focus: Ultrafast snapshots of relaxing electrons in solids

Using ultrafast flashes of laser and x-ray radiation, scientists at the Max Planck Institute of Quantum Optics (Garching, Germany) took snapshots of the briefest electron motion inside a solid material to date. The electron motion lasted only 750 billionths of the billionth of a second before it fainted, setting a new record of human capability to capture ultrafast processes inside solids!

When x-rays shine onto solid materials or large molecules, an electron is pushed away from its original place near the nucleus of the atom, leaving a hole...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Höher - schneller - weiter: Der Faktor Mensch in der Luftfahrt

20.09.2017 | Veranstaltungen

Wälder unter Druck: Internationale Tagung zur Rolle von Wäldern in der Landschaft an der Uni Halle

20.09.2017 | Veranstaltungen

7000 Teilnehmer erwartet: 69. Urologen-Kongress startet heute in Dresden

20.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Drohnen sehen auch im Dunkeln

20.09.2017 | Informationstechnologie

Pfeilgiftfrösche machen auf „Kommando“ Brutpflege für fremde Kaulquappen

20.09.2017 | Biowissenschaften Chemie

Frühwarnsystem für gefährliche Gase: TUHH-Forscher erreichen Meilenstein

20.09.2017 | Energie und Elektrotechnik