Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Steigende Kosten für CO2-Emissionen als Treiber der technischen Entwicklung

13.09.2005


Anfang 2005 begann in der EU die Erprobungsphase für den Handel mit Emissionszertifikaten, die noch bis Ende 2007 läuft. Grundlage dafür ist das bereits 1997 im japanischen Kyoto beschlossene Protokoll zum Klimaschutz mit dem Ziel, den Ausstoß von Treibhausgasen weltweit deutlich zu reduzieren. Der Anfang ist innerhalb Europas gemacht, seitdem Ende Februar dieses Jahres die Zuteilung der zunächst kostenfreien Zertifikate rechtskräftig abgeschlossen wurde. Doch noch ist sehr viel Zurückhaltung bei den Beteiligten spürbar. Trotzdem wächst das Interesse vor allem auf Seiten der Kraftwerksbetreiber, denn derzeit stehen Kosteneinsparungen mehr im Vordergrund als der Handel. Eine erste Bilanz wird die Fachtagung "Emissionshandel - Herausforderung für die Europäische Energiewirtschaft" ziehen, die von der Energietechnischen Gesellschaft (ETG) im VDE im Rahmen ihres internationalen Kongresses in Dresden (14. bis 16. September 2005) veranstaltet wird. "Zudem wollen wir Verbesserungen für die Handelsperiode von 2008 bis 2012 diskutieren und somit die ersten Lehren aus dem Beginn des Emissionshandels ziehen", erklärt Prof. Johannes Verstege von der Bergischen Universität Wuppertal, Wissenschaftlicher Leiter der Tagung.



In Deutschland und Europa läuft gerade eine große Erneuerungswelle der Kraftwerke an. Allein in Deutschland sind bis 2020 bis zu 80.000 Megawatt (MW) Leistung zu installieren, um dem steigenden Bedarf zu entsprechen, veraltete, unwirtschaftliche Blöcke zu ersetzen sowie neue Anlagen für die auslaufende Kernenergie zu schaffen. In Europa ist die Situation ähnlich, hier müssen 200.000 MW bis 2020, sogar 320.000 MW bis 2030 neu gebaut werden. Hierfür sind Investitionen in der Größenordnung von 250 Milliarden Euro nötig. "Aktivitäten in Richtung Neubau und Modernisierung sind deutlich vom Thema Emissionshandel beeinflusst. Unsere Kunden rechnen sehr genau aus, was auf sie zukommt, und wollen wissen, in welche Technologien sie investieren sollen", sagt Dr. Rainer Speh von Siemens Power Generation. Selbst aus dem asiatischen Ausland kommen entsprechende Anfragen, um auf die Zukunft vorbereitet zu sein.



Zunächst aber hat der Emissionshandel die Planungssicherheit verringert und bei vielen Investoren zu einem Aufschub von Investitionsentscheidungen geführt. Angesichts der Planungshorizonte von 15 bis 30 Jahren auf der Seite der Kraftwerksbetreiber und der Regulierungshorizonte von drei bis acht Jahren auf Seite der Politik sicher kein Wunder. In den meisten Mitgliedsstaaten ist das Emissionshandelssystem derzeit noch so ausgestaltet, dass Neuinvestitionen aus CO2-Sicht nicht oder kaum belohnt werden. Positive Ausnahmen sind hier Deutschland, Polen oder Ungarn. Hier zahlt sich die Emissionseinsparung einer Ersatzinvestition wirklich aus, da es möglich ist, die Allokation von einer Altanlage auf eine Neuanlage zu übertragen.

Ein marktstimulierender Effekt zeigt sich darin, dass die Strompreise auf Grund der teilweisen Weitergabe der CO2-Kosten schon früher ein Niveau erreichen werden, auf dem Investitionen refinanzierbar sind. Mittelfristig ist zu erwarten, dass die Investitionsanreize die Planungsunsicherheit kompensieren werden. Es lohnt sich heute unter den Randbedingungen des Emissionshandels, mehr Geld für den Wirkungsgrad einer Anlage auszugeben, weil dadurch automatisch Brennstoffbedarf und Emissionen sinken. Gerade diese technischen Optionen sollen auf der Fachtagung behandelt werden.

Deutlich steigende Preise für Kohlendioxid-Emissionen

Seit Oktober 2004 sind die Preise für Kohlendioxid-Emissionen an der Leipziger European Energy Exchange von etwa 8 € auf rund 28 € (Anfang Juli) angestiegen. Fachleute gehen davon aus, dass dieser Trend anhält - einerseits ist das gehandelte Volumen noch sehr gering, andererseits ist wie beim Aktienhandel ein Teil davon auch Spekulation. Dennoch: Wenn diese Entwicklung anhält, könnten in 10 bis 20 Jahren innovative Technologien zur Abscheidung von CO2 erschwinglich werden. Dazu zählt auch die Umwandlung der Kohle über ein Vergasungsverfahren in ein Gas, das Wasserstoff und Kohlenmonoxid enthält. Das Kohlenmonoxid könnte in einer zusätzlichen Prozessstufe mit Wasserdampf zu Kohlendioxid reagieren und dabei zusätzlichen Wasserstoff bilden, der dann in der Turbine verbrannt würde. Das daraus entstehende konzentrierte CO2 ließe sich abfangen und gezielt zum Beispiel in ausgebeuteten Lagerstätten unter Tage entsorgen.

Weltweit werden bereits verschiedene Vergasungsverfahren mit unterschiedlichen Brennstoffen (Kohle, Petrolkoks, Biomasse, flüssige Raffinerierückstände) erprobt. Dazu gehören u.a. die Anlagen in Lünen/Deutschland, Buggenum/Niederlande, Plaquemine/USA, Puertollano/Spanien oder Priolo Gargallo/Italien. Alternativ zur Abscheidung des CO2 aus dem Brenngas kann es auch aus dem Abgas des Verbrennungsprozesses abgetrennt werden. Dieser Weg ist jedoch teurer und führt zu größeren Leistungs- und Wirkungsgradeinbußen.

Das Ziel sind weitere Verbesserungen beim Wirkungsgrad, was gleichermaßen der Ökonomie und Ökologie nutzt. Zur Bewältigung der Kohlendioxid-Emissionen zeichnen sich Möglichkeiten ab, die in Richtung Kohlendioxid freies Kraftwerk zielen. Allerdings sind zur Realisation dieser Vision noch viele technische und wirtschaftliche "Brocken" aus dem Weg zu räumen. Ein Einsatz zur Demonstration derartiger Anlagen dürfte ab 2015 möglich sein.

Der Emissionshandel stellt für alle Anlagenbetreiber eine energiepolitische Herausforderung dar, die Risiken, aber auch Chancen im Wettbewerb bietet. Beide Aspekte werden auf der ETG-Fachtagung intensiv beleuchtet werden. Auf Grund der Aktualität, aber auch wegen der langfristigen Bedeutung des Themas ist die Veranstaltung für einen großen Teilnehmerkreis von hohem Interesse. Dazu zählen Stromhändler und Kraftwerksbetreiber, Großverbraucher und Industrievertreter mit eigenen Energieumwandlungsanlagen, Hochschulen und die Hersteller-Industrie.

Ursula Gluske-Tibud | idw
Weitere Informationen:
http://www.vde.com
http://www.vde.com/etg

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Energie und Elektrotechnik:

nachricht Neue Sensortechnik für E-Auto-Batterien
08.12.2016 | Ruhr-Universität Bochum

nachricht Siliziumsolarzelle des ISFH erzielt 25% Wirkungsgrad mit passivierenden POLO Kontakten
08.12.2016 | Institut für Solarenergieforschung GmbH

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Energie und Elektrotechnik >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Rätsel um Mott-Isolatoren gelöst

Universelles Verhalten am Mott-Metall-Isolator-Übergang aufgedeckt

Die Ursache für den 1937 von Sir Nevill Francis Mott vorhergesagten Metall-Isolator-Übergang basiert auf der gegenseitigen Abstoßung der gleichnamig geladenen...

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Firmen- und Forschungsnetzwerk Munitect tagt am IOW

08.12.2016 | Veranstaltungen

NRW Nano-Konferenz in Münster

07.12.2016 | Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Einzelne Proteine bei der Arbeit beobachten

08.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

Intelligente Filter für innovative Leichtbaukonstruktionen

08.12.2016 | Messenachrichten

Seminar: Ströme und Spannungen bedarfsgerecht schalten!

08.12.2016 | Seminare Workshops