Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Forschen mit allen Sinnen

01.03.2004


Die Blickbewegung wird am PC mit einem bewegten Fadenkreuz visualisiert. © Fraunhofer FIT


Kommt meine Botschaft oder mein Produkt bei den Kunden an? Das ist die zentrale Frage, die sich PR-Agenturen und Konzerne, aber auch Software-Hersteller oder Web-Designer immer wieder stellen müssen. Häufig sind Produkte aber längst nicht so nutzerfreundlich, wie sie sein sollten. Hier sind Usability-Experten gefragt. Auf der CeBIT in Hannover lassen sich Wissenschaftler vom Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT am Gemeinschaftsstand A24 in Halle 11 bei ihrer Arbeit zusehen.


Dessous-Werbung ist berüchtigt: Der Blick auf die leicht bekleideten Models hat schon so manchen Autofahrer ins Unglück gestürzt. Die Botschaft ist jedenfalls beim Betrachter angekommen. Doch das ist nicht immer so. Rund 50 Prozent der eCommerce-Umsätze werden verschenkt, so fand Jakob Nielsen 2002 heraus, weil die Software zu wenig benutzerorientiert ist. Und die Standish Group kam zu dem Ergebnis, dass Kunden und Benutzer bei 91 Prozent aller Software-Projekte in großen Firmen enttäuscht sind. Der Grund: Sie kommen nicht mit den Programmen zurecht. Ähnlich geht es den WAP-Usern: 70 Prozent brechen entnervt ihre Aktionen ab.

Das Problem ist bekannt: Jeder hat sich schon mal darüber geärgert, dass er ein Computerprogramm nicht auf Anhieb versteht oder den gewünschten Link nicht sofort auf einer Web-Site findet, weiß Britta Hofmann von FIT in St. Augustin bei Bonn. Die Softwareentwickler haben einfach zu wenig an die späteren Nutzer gedacht: "Software ist ein Werkzeug, das den Menschen die Arbeit erleichtert", sagt die Leiterin des Usability Kompetenzzentrums. "Doch das klappt nur, wenn sie zum Menschen und zur Aufgabe passt. Softwarehersteller haben die Aufgabe, die Werkzeuge so zu gestalten, dass Menschen die ihnen gestellten Aufgaben effektiv und effizient bewältigen können. Das heißt Software muss nicht nur funktionieren, sie muss leicht und intuitiv bedient werden können. Usability ist ein Qualitätsmerkmal."


Auf der CeBIT können die Besucher in diesem Jahr den Usability-Experten über die Schulter schauen. "Wir untersuchen live die Fixationsdauer und Fixationsfrequenz von Logos bei sexueller und neutraler Werbung mit Eye-Tracking", erklärt Hofmann. Dazu werden die FIT-Wissenschaftler einen Computer mit eigener Aufnahmevorrichtung aufstellen. "Rechts und links am Bildschirm sind öhrchen-förmige Infrarotstrahler angebracht, die Infrarotlicht auf die Pupille strahlen. Die Rückstrahlung wird von einem infrarotsensiblen Objektiv, das unter dem Bildschirm angebracht ist, aufgefangen und in Infos über die Blickbewegung umgewandelt. Auf einem zweiten Computer wird diese mit einem bewegten Fadenkreuz visualisiert", beschreibt die Diplom-Psychologin den Versuchsaufbau. "Alle Zuschauer können so beobachten, was die Versuchsperson auf dem Bild am meisten interessiert. Auf den Bildern gibt es definierte Bereiche, etwa Logo, Augen, Schrift. Wir wollen zweimal täglich die Erhebungsdaten anzeigen. Die Besucher sehen also eine Statistik der Fixation der Bildbereiche."

Wenn die Wissenschaftler im Usability Kompetenzzentrum eine neue Software testen, kann Eye-Tracking das benutzerorientierte Testvorgehen unterstützen. "Zunächst müssen wir verstehen, welche Aufgaben mit dem Programm bearbeitet werden sollen und welche Menschen diese Aufgaben bei ihrer Tätigkeit erledigen", sagt Hofmann. Dazu interviewen sie die Nutzer und erstellen Tätigkeitsszenarien, aus denen die Experten Funktionen für ein praxistaugliches Programm ableiten. Ein Wissenschaftler prüft anschließend, ob das Produkt tatsächlich alle wichtigen Funktionen aufweist. Um herauszufinden, ob das Programm auch intuitiv und effizient zu bedienen ist, werden im nächsten Schritt Benutzungstests durchgeführt - entweder beim Kunden vor Ort mit dem mobilen Labor oder in den Laborräumen des FIT. Dort sorgen Bilder an den Wänden, Teppiche und normale Büromöbel für eine entspannte, gemütliche Atmosphäre. In einem Raum sitzt die Testperson vor dem PC. In einem haben die Wissenschaftler die Möglichkeit, den Versuchsablauf durch einen Einwegspiegel zu beobachten. Die Probanden werden vorher aufgefordert, laut zu sagen, was sie tun. Eine Kamera nimmt Mimik und Augenbewegungen des Testers auf, ein Mikro fängt O-Töne ein. Gleichzeitig zeichnet ein Programm das Bildschirmgeschehen auf.

Die FIT-Wissenschaftler testen nicht nur Anwendungssoftware. Auch Internet-Auftritte oder die Interaktion mit Hardware werden nach ergonomischen Kriterien bewertet. Außerdem beraten die Wissenschaftler Softwarehersteller dabei, gebrauchstaugliche Programme zu entwickeln. "Schließlich hat sich inzwischen überall in der Branche herumgesprochen, dass Kundenfreundlichkeit ein gutes Verkaufsargument ist", sagt Hofmann. "Software, mit der Menschen intuitiv, effizient und zufrieden ihre Arbeit erledigen können, entsteht nicht zufällig. Die Unternehmen müssen den Usability-Aspekt bewusst in den Entwicklungsprozess integrieren."

Ansprechpartnerin: Britta Hofmann, Tel. 02241/14-1578, Fax -2146, britta.hofmann@fit.fraunhofer.de

Dr. Johannes Ehrlenspiel | Fraunhofer-Gesellschaft
Weitere Informationen:
http://www.fit.fraunhofer.de

Weitere Berichte zu: Eye-Tracking Kompetenzzentrum Logo Usability Usability-Experten

Weitere Nachrichten aus der Kategorie CeBIT 2004:

nachricht FwD begeisterte CeBIT-Besucher
19.04.2004 | Funkwerk Dabendorf GmbH

nachricht D-Link unter die Top 50 der wichtigsten Cebit Aussteller gewählt
31.03.2004 | D-Link

Alle Nachrichten aus der Kategorie: CeBIT 2004 >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher entwickeln Unterwasser-Observatorium

07.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

HIV: Spur führt ins Recycling-System der Zelle

07.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

Mehrkernprozessoren für Mobilität und Industrie 4.0

07.12.2016 | Informationstechnologie