Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     Siemens  n-tv 
Datenbankrecherche:

Fachgebiet (optional):

 

Wer zieht die Fäden in der Zelle?

02.04.2009
Konstanzer Molekulargenetiker entdeckt neue Wechselwirkungen zwischen Proteinen bei der Zellteilung

Anzeige

Durch die Zellteilung, die Mitose, ist die Entstehung eines vielzelligen Organismus überhaupt erst möglich. Das gilt für Hund, Katze, Maus, Mensch oder Pflanze gleichermaßen.


Gesteuert wird der Prozess über Proteine, die in sehr komplexer Wechselwirkung miteinander stehen. Der Konstanzer Molekulargenetiker Prof. Thomas U. Mayer hat neue Forschungsergebnisse zu den Proteinen CPC und Mklp2 gewonnen. Er weiß jetzt, welche Proteine wiederum die Regieanweisungen für CPC und Mklp2 geben und mit dafür sorgen, dass die Zellteilung vonstatten gehen kann: Cylcin-abhängige Kinase 1.

Ein Knäuel von zarten Fäden, ineinander verwirbelt. Dann wieder Fäden ganz geordnet, gerade gezogen. Ein Gebilde wie die Spindel in einem Webstuhl zieht die Fäden auseinander. Das Ganze in leuchtenden Farben auf schwarzem Grund. Was wir sehen, sind Bilder von Zellteilungsvorgängen. Sie stammen aus dem Labor des Biologen Prof. Thomas U. Mayer aus dem Fachbereich Biologie der Universität Konstanz. Er ist Experte für Molekulare Genetik. Mit seinem Wissenschaftlerteam hat er neue Erkenntnisse darüber gewinnen können, welche Proteine dafür verantwortlich sind, dass die Proteinmischungen CPC und Mklp2, die für die Teilungsvorgänge einer Zelle im Rahmen der Mitose mitverantwortlich sind, überhaupt in Aktion treten können.

Bei der Mitose wird zunächst der Zellkern geteilt, anschließend in der Zytokinese der ganze Zellleib. Diese Zellteilung ist nötig, damit neues Lebens entstehen kann, aber auch damit Verletzungen heilen können und neues Gewebe entsteht. Das Prinzip heißt: Aus ein mach zwei, aber nicht per Zufallsprinzip. Im Gegenteil: die Teilung des Zellleibes muss zeitlich und räumlich exakt koordiniert mit der Zellkernteilung erfolgen, d.h. die Tochterzellen dürfen sich erst abschnüren wenn die Chromosomen komplett getrennt sind und die Abschnürung muss exakt zwischen den getrennten Chromosomen stattfinden. Nur so kann gewährleistet werden, dass jede Tochterzelle einen identischen Satz an Chromosomen erhält. In der Mitose werden die Chromosomen, bildlich gesprochen, "auseinander gezogen", nicht irgendwo, nicht beliebig, sondern an einer ganz bestimmten Stelle. Dazu verdoppelt sich in der Zelle das "Zentrosom", auch Zentralköperchen genannt. An den beiden Zentrosomen bilden sich dann kleine "Förderbander", die den Transportprozess für das genetische Material übernehmen, die Mikrotubuli. Sie sind röhrenartige Gebilde, die zum Zytoskelett - dem Skelett einer Zelle - gehören. Doch ohne zusätzliche Proteine kann dies alles nicht funktionieren. Sie wiederum brauchen von anderen Proteinen genaue Regieanweisungen.

Jetzt kommt der so genannte "CPC", der "Chromosomale Passenger Complex", ins Spiel. Der CPC wandert während der Zellteilung wie ein Passagier an verschiedene Strukturen in der Zellen. Zunächst bindet er an das Centromer. Dabei handelt es sich um die Stelle auf dem Chromosom, an dem über weitere Proteinkomplexe die Chromosomen mit den Mikrotubuli verknüpft werden. Sobald die Chromosomen auseinander gezogen werden, verläßt der CPC die Centromere und bindet an die Mikrotubuli mittig zwischen den getrennten Chromosomen. Er wandert also genau dorthin, wo später der Zellleib geteilt werden soll

Wie der CPC bindet auch Mklp2 an die Stelle, an der die beiden Tochterzellen später abgeschnürt werden.Mklp2 ist ein Motorprotein, welches entlang von Mikrotubuli wandert. Der Treibstoff dabei ist ATP, der generelle Energielieferant in der Zelle. Bislang ist man davon ausgegangen, dass das Motorprotein Mklp2 den CPC als Gepäck (Cargo) an die spätere Zellteilungsstelle transportiert. Die Arbeiten von Mayer haben jedoch gezeigt, dass beide, der CPC und Mklp2, für die korrekte Bindung an Mikrotubuli voneinander abhängen. "Das eine kann ohne das andere nichts ausrichten" bringt es Mayer auf den Punkt.

Wird aus der Zelle das CPC entfernt, dann bewegt sich Mklp2 nicht an die spätere Trennstelle. Wird aus der Zelle das Mklp2 entfernt, dann reagiert auch das CPC nicht und begibt sich nicht auf Wanderung in die Mitte. Fazit: Das Motorprotein braucht sein Cargoprotein und umgekehrt. Die Wissenschaftler wollten mehr wissen: Wer ist für CPC und Mklp2 der Regisseur, sprich: wer gibt den Takt für die Bindung beider Komponenten an die Mikrotubuli an?

Um das herauszufinden, haben Mayer und sein Team das Protein Cyclin-abhängige Kinase 1 (Cdk1) getestet. Bereits bekannt war, dass die Trennung der Chromosomen mit einer Inaktivierung der CDK1 einhergeht, d.h. die Chromosomen trennen sich sobald die Aktivität der Cdk1 abnimmt. Durch die Kombination zellbiologischer und mikroskopischer Methoden sowie dem Einsatz chemischer Inhibitoren konnte Mayer und sein Team zeigen, dass die Inaktivierung der Cdk1 bewirkt, dass der CPC und Mklp2 an Mikrotubuli bindet. Cdk1 ist also der Dirigent auf dessen Zeichen hin, der CPC und Mklp2 an die spätere Zellteilungsfurche lokalisiert. Dadurch wird gewährleistet, dass die Trennung der Chromosomen zeitlich kooridiniert mit der Trennung des Zellleibes abläuft und somit zwei genetisch identische Tochterzellen gebildet werden.

Damit haben Mayer und sein Team wieder ein neues Mosaiksteinchen in der komplizierten Proteinkette, die für den Teilungsvorgang verantwortlich ist, gefunden. Grundlagenforschung pur. Interessant werden diese Fragen aber auch bei medizinischen Fragestellungen. "Jetzt geht es weiter, Schritt für Schritt werden die komplizierten Proteinabfolgen weiter entschlüsselt. Hier im Labor arbeitet eigentlich jeder Doktorand an einem anderen Protein und testet aus, wie es funktioniert", sagt der Wissenschaftler. Er betont, wie wichtig für ihn und sein Projekt die Zusammenarbeit mit der Chemie ist. "Mit Hilfe meiner Kollegen aus der Chemie suchen wir nach Molekülen, die ein Protein in Gang setzen oder ausschalten können. Wir entwickeln eine Art chemischen Schalter, und das geht ohne unsere Partner in der Chemie nicht", erklärt Mayer. Sein Traum: "Irgendwann eine Art Proteintoolbox für alle mitotischen Proteine in der Zelle". Ein langer Weg. Mayer geht ihn weiter. Mit Geduld.

Weitere Informationen:
Prof. Dr. Thomas U. Mayer
Fachbereich Biologie
Universität Konstanz
Universitätsstraße 10
Postfach M 613
78457 Konstanz
Tel.: 07531 88-3707
Fax: 07531 88-4036
E-Mail: thomas.u.mayer@uni-konstanz.de

Claudia Leitenstorfer | Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen: www.uni-konstanz.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Ocean warming causes elephant seals to dive deeper
09.02.2012 | Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung

nachricht How the zebra got its stripes
09.02.2012 | The Company of Biologists

Alle Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>


Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wissenschaftler machen Eisen durchsichtig


Erstmals gezeigt, dass Atomkerne transparent werden

Einem Team von DESY-Wissenschaftlern um Dr. Ralf Röhlsberger gelang es an der hochbrillanten Synchrotronlichtquelle PETRA III, Atomkerne mit Hilfe von Röntgenlicht transparent zu machen. Sie entdeckten dabei gleichzeitig ein neues Prinzip, um einen optisch gesteuerten Schalter für Licht herzustellen, also Licht mit Licht zu beeinflussen, ein wichtiger Baustein auf dem ...

Im Focus: Anti-Angst-Hormon Oxytocin wird gezielt an seine Wirkorte im Gehirn transportiert


Wissenschaftler beobachten, wie Oxytocin zentrale Schaltstellen im Gehirn erreicht und das Verhalten beeinflusst

Kuschelhormon, Treuehormon, Angstlöser – häufig gebrauchte Schlagwörter für das Neuropeptid Oxytocin, das sich in den letzten Jahren als ein Stoff erwiesen hat, der unser Verhalten in zentralen Regionen des Gehirns positiv beeinflussen kann. Was jedoch bisher völlig unklar war: Wie gelangt dieser Botenstoff aus dem Hypothalamus in die Hirnbereiche, die ...

Im Focus: Datenspeicher mit Lachs-DNA und Nano-Silber


Ein neuartiger Biopolymer-Film aus Lachs-DNA mit Silber-Nanopartikeln speichert Informationen kostengünstig und umweltverträglich.

Entstanden ist das organische System in fächer- und länderübergreifender Zusammenarbeit von Wissenschaftlern des DFG-Centers for Functional Nanostructures (CFN) am KIT und des Institute of Photonics Technologies an der National Tsing Hua University in Taiwan. Der DNA-Datenspeicher eignet sich unter anderem für biotechnische Anwendungen, etwa als Bauteil in Biosensoren.

Das System ...

Im Focus: VLT liefert detailreichstes Infrarotbild des Carinanebels


Bildveröffentlichung der Europäischen Südsternwarte (Garching) - Mit dem Very Large Telescope (VLT) der ESO haben das bislang detailreichste Infrarotbild der Sternkinderstube des Carinanebels aufgenommen. Es zeigt vor dem spektakulären Hintergrund einer himmlischen Landschaft auf Gas, Staub und jungen Sterne zahlreiche nie gesehene Details und zählt zu den atemberaubendsten VLT-Bildern überhaupt.

Im Herzen der südlichen Milchstraße, im Sternbild Carina (Der Schiffskiel, [1]), befindet sich in einer Entfernung von etwa 7500 Lichtjahren die Sternkinderstube des Carinanebels. Diese ausgedehnte Wolke aus leuchtendem Gas und Staub ist von der Erde aus gesehen eine der nächstgelegenen Geburtsstätten massereicher Sterne.

Der Nebel beinhaltet einige der hellsten und ...

Im Focus: Automatisch Lücken im Funkspektrum erkennen


Auf der embedded world identifizieren Wissenschaftler der Fraunhofer ESK Lücken im Funkspektrum, um diese für zusätzliche Übertragungen zu nutzen.

Der in Halle 5, Stand 5-228, vorgestellte Prototyp zeigt das Funkspektrum in einem 3D-Spektrogramm, markiert die prognostizierten Lücken und prüft deren Eintreffen. Diese Methode, Cognitive Radio, verbessert die Übertragungsqualität in einem bereits vollen Funkspektrum ohne aufwändiges, statisches Koexistenzmanagement. Ziel ist eine höhere Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit von Funk für die Automatisierung.
...

Alle Focus-News des innovations-reports >>>

Anzeige

B2B Suche
Produkt / Dienstleistung
Firma / Organisation

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Aktuell

Kaltwasserkorallen als Anpassungskünstler?

09.02.2012 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Wandel der Hochschulbildung in Deutschland und Professionalisierung

09.02.2012 | Studien Analysen

Ocean warming causes elephant seals to dive deeper

09.02.2012 | Biowissenschaften Chemie

VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Veranstaltungen

7. Mannheimer Arbeitsrechtstag am 14. März mit Experten aus Theorie und Praxis

09.02.2012 | Veranstaltungsnachrichten

International Forum on Terahertz Spectroscopy and Imaging

09.02.2012 | Veranstaltungsnachrichten

Teams aus neun Ländern treffen sich an der Leibniz Universität zum 6th Hanover PreMoot

09.02.2012 | Veranstaltungsnachrichten

FindAndHelp