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Wissenschaftler des Berliner Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) haben das Phänomen „Superfetation“, Schwangerschaft in der Schwangerschaft, jetzt mit modernsten technischen Methoden beim Europäischen Feldhasen (Lepus europaeus) aufgeklärt. Die Resultate werden in der neuesten Ausgabe der wissenschaftlichen Fachzeitschrift „Nature Communications“ vorgestellt.
Bei systematischen Untersuchungen in einer Zuchtpopulation fanden die Forscher bei Häsinnen, die kurz vor der Geburt standen, zusätzlich zu den großen aktiven noch kleine frische Gelbkörper an den Eierstöcken. Gelbkörper entstehen nach einem Eisprung und produzieren Schwangerschaftshormone. Der Eisprung bei Häsinnen findet aber nicht spontan und regelmäßig, sondern nur nach einem Deckakt mit einem Rammler statt, den die hochträchtige Häsin zulassen muss. Ungeklärt war bislang, ob die Samenzellen der Rammler nach einem Deckakt nach dem 37. Trächtigkeitstag tatsächlich durch die trächtige Gebärmutter der Häsinnen wandern, oder ob sie vielleicht von der vorherigen Befruchtung im Reproduktionstrakt gespeichert werden.
„Vaterschaftstests mit verschiedenen Rammlern haben eindeutig gezeigt, dass die Samenzellen sich ihren Weg durch die Gebärmutter bahnen, in der sich noch der vorherige Wurf befindet“, so Dr. Kathleen Röllig, Wissenschaftlerin und Tierärztin am IZW. Die Feldhasen wurden noch während der Schwangerschaft befruchtet und entwickelten ca. vier Tage vor der erwarteten Geburt eine weitere Trächtigkeit. Die neuen Embryonen wuchsen noch während der vorherigen Trächtigkeit im Eileiter heran und wanderten in Richtung Gebärmutter. Nach der Geburt des vorherigen Wurfs waren sie bereits vier Tage alt und konnten sich sofort in der Gebärmutter einnisten. Damit verringerte sich der Zeitraum zwischen zwei Geburten auf 38 Tage, obwohl eine komplette Trächtigkeit von der Befruchtung bis zur Geburt 42 Tage beträgt.
„Neu war der Ansatz, Daten mit Hilfe modernster Technik an lebenden Tieren zu erheben. Wir haben dazu tragende Häsinnen mit hochauflösenden Ultraschallgeräten vielfach untersucht, um das 'Unsichtbare sichtbar' zu machen“, so Röllig. Mit dieser Methode konnten erstmalig Kriterien entwickelt werden, um Superfetation bei lebenden Tieren nachzuweisen und zu beschreiben. Die Erkenntnisse der Forscher zeigen, dass Häsinnen durch die Fortpflanzungsstrategie der Superfetation bis zu einem Drittel mehr Jungtiere hervorbringen. „Deshalb denken wir, dass Superfetation eine wichtige evolutionäre Anpassung ist, um den Fortpflanzungserfolg zu erhöhen“, so Röllig.
Schon seit Aristoteles’ Zeiten stand der Europäische Feldhase in dem Ruf, die Fähigkeit der Superfetation zu besitzen. Bisherige Erkenntnisse zur Funktionsweise der Superfetation waren widersprüchlich. Die Beobachtung verkürzter Geburtenintervalle wurde bereits oft in anderen Feldhasenzuchten gemacht. Deshalb wurde eine erneute Befruchtung vor der Geburt angenommen. Erst das systematische Untersuchen dieses Phänomens an der IZW eigenen Feldhasenzucht, ermöglichte die wissenschaftliche Aufklärung der Superfetation beim Europäischen Feldhasen.
Publikation:
Nature Communications: doi:10.1038/ncomms1079
Ansprechpartner und Fotos:
Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) im Forschungsverbund Berlin e.V., Alfred-Kowalke-Str. 17, 10315 Berlin, GERMANY
Dr. Kathleen Röllig (Wissenschaftlerin), roellig@izw-berlin.de, Telefon 0049 (0)30 51 26 242
Steven Seet (Pressesprecher), seet@izw-berlin.de, Telefon 030 51 68 108
Christine Vollgraf | Quelle: Forschungsverbund Berlin e.V.
Weitere Informationen: www.izw-berlin.de
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