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"Sterbe ich mit 50 Jahren?" / Studierende entwickeln Internetportal "openSNP"

26.01.2012
Neues Internetportal bietet Nutzern Hilfestellung beim Umgang mit den Testergebnissen von DNA-Untersuchungen und stellt Wissenschaftlern Daten zur Verfügung / Studierende wollen Diskussion anregen

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Könnten Menschen in die Zukunft blicken, würden sie erfahren, an welchen Krankheiten sie einmal leiden werden – und wann sie sterben. Zwar kann niemand hellsehen, aber Experten können heute bereits für eine Reihe von Erkrankungen vorhersagen, mit welcher Wahrscheinlichkeit sie bei einem Menschen auftreten, beispielsweise für Alzheimer, Parkinson und verschiedene Krebsarten.


Dazu setzen sie moderne genetische Untersuchungsmethoden ein. Diverse Unternehmen bieten diesen Service für jedermann an. Doch was bedeuten die Ergebnisse, und wie soll man mit ihnen umgehen? Und wie sieht es mit Möglichkeiten des Missbrauchs aus – könnten Firmen beispielsweise DNA-Daten nutzen, um ihre Medikamentenwerbung 'maßzuschneidern'? Oder könnten Krankenkassen die Daten gegen ihre Kunden verwenden?

Um eine Hilfestellung bei dem Umgang mit den Testergebnissen zu geben und eine Diskussion anzuregen, haben drei Studierende in ihrer Freizeit das nichtkommerzielle Internetportal "openSNP" entwickelt. Nutzer können die Daten aus DNA-Untersuchungen, die sie bei darauf spezialisierten Firmen in Auftrag gegeben haben, in dem Portal hochladen. Eine Verknüpfung mit Literaturdatenbanken ermöglicht es, den aktuellen Forschungsstand zu den eigenen DNA-Varianten nachzulesen. Das System sucht automatisch die passenden Veröffentlichungen heraus und ist dabei immer auf dem neuesten Stand.

"Wir wollen den Menschen eine komfortable Möglichkeit geben, sich selbst umfassend zu informieren", erklärt Fabian Zimmer, der in der Arbeitsgruppe Evolutionäre Bioinformatik an der Universität Münster seine Masterarbeit schreibt. Der 24-Jährige hat das Portal gemeinsam mit Bastian Greshake entwickelt, der inzwischen seinen Master an der Universität Frankfurt macht, sowie mit Philipp Bayer, der derzeit in Australien studiert. Der Berliner Helge Rausch hat das Trio als Programmierer unterstützt.

Die Abkürzung SNP, die "Snip" ausgesprochen wird, steht für den englischen Begriff "Single Nucleotide Polymorphism". Sie bezeichnet bestimmte Variationen im Erbgut. "Es gibt rund zehn Millionen solcher SNPs in der menschlichen DNA. Von vielen weiß man inzwischen, dass sie mit bestimmten Eigenschaften wie Haar- oder Augenfarbe oder mit Erkrankungen gekoppelt sind", erklärt Fabian Zimmer. Trägt ein Mensch eine bestimmte SNP-Variante, bricht die damit zusammenhängende Erkrankung mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit bei ihm aus. Bei einer Reihe von Erbkrankheiten ist sogar eine eindeutige Diagnose möglich.

Diese persönlichen Varianten werden in der Medizin eine zunehmende Rolle spielen. "Die Medikamente werden mehr und mehr der persönlichen genetischen Ausstattung angepasst", sagt Fabian Zimmer voraus. Bereits jetzt lassen immer mehr Menschen ihre DNA untersuchen, weil sie ihr persönliches Erkrankungsrisiko erfahren wollen. "Doch was bedeutet es, wenn man das Testergebnis bekommt und es heißt: 'Sie werden mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit an Diabetes erkranken'? Ich sehe es sehr kritisch, wenn jemand ohne weitere Informationsmöglichkeiten mit dieser Aussage umgehen muss", betont der Student.

"openSNP", das derzeit im News Blog des renommierten Fachmagazins "Nature" diskutiert wird und bereits einen mit 10.000 US-Dollar dotierten Preis gewonnen hat, bietet neben der Literaturrecherche weitere Möglichkeiten: Die Nutzer können sich untereinander austauschen und beispielsweise ihre Erfahrungen weitergeben. Die DNA-Daten werden nach dem Wiki-Prinzip allen Nutzern zugänglich gemacht. Bei der Anmeldung besteht die Option, einen Fragebogen auszufüllen. Abgefragt werden zum Beispiel Angaben zur Haar- und Hautfarbe, aber auch, ob eine Laktose-Unverträglichkeit besteht oder eine Nikotinabhängigkeit. Diese Angaben werden mit den DNA-Daten verknüpft. Wissenschaftler können diese Daten nutzen. "Die US-amerikanische Firma '23andme' beispielsweise, die die DNA ihrer Kunden auf mehr als 200 Eigenschaften und Erkrankungen hin abklopft, hat nach eigenen Angaben bereits das Erbgut von 100.000 Menschen untersucht. Für Wissenschaftler wäre das ein riesiger Datenschatz, um zum Beispiel die Häufigkeit bestimmter DNA-Varianten zu bestimmen oder nach weiteren Zusammenhängen zwischen genetischen Eigenschaften und Merkmalen von Personen zu suchen", sagt Fabian Zimmer.

Den Studierenden ist es jedoch extrem wichtig, dass jeder Nutzer sich gut überlegt, ob er seine Daten zur Verfügung stellen will. "Auch wenn eine anonyme Anmeldung möglich ist und jede Angabe zur Person freiwillig ist – es besteht immer die Möglichkeit, dass Daten missbraucht werden. Uns ist es wichtig, eine Diskussion darüber anzustoßen", erklärt Fabian Zimmer. Die personalisierte Medizin birgt zwar ein großes Potenzial, weil sie Behandlungen in Zukunft effizienter machen kann. Und auch das Wissen um die eigenen Krankheitsrisiken bietet große Chancen. "Bevor jemand aber seine DNA zur Untersuchung an eine Firma schickt, sollte er sicher sein, dass er die Ergebnisse auch wirklich wissen will", betont Fabian Zimmer. "Denn was, wenn jemand mit 20 erfährt: 'Mit 50 sind Sie tot'?"

Textquelle: Januarausgabe der WWU-Unizeitung "Wissen|Leben" (Online-Version siehe http://www.uni-muenster.de/unizeitung/index.html)

Dr. Christina Heimken | Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen: opensnp.org/

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