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Melisse im Schwitzkasten

17.06.2011
Der Bedarf an Arzneipflanzen wächst. Agrartechniker der Universität Hohenheim erforschen, wie sie passgenau, ressourcenschonend und damit auch wirtschaftlicher getrocknet werden können.

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Die meisten Arznei- und Heilpflanzen werden nach der Ernte getrocknet. Schon die alten Ägypter wussten, dass jede Pflanze auf ihre Art getrocknet sein will und unterschieden zwischen Schatten- und Sonnentrocknung.


Heute wird in der hochtechnisierten Landwirtschaft die artgerechte Trocknung von speziellen Anlagen übernommen. Ob Kamille, Melisse, Baldrian oder Petersilie, die eine Pflanze verträgt es richtig heiß, bei der anderen kommt durch eine dezente Dörrung das beste Endprodukt zustande. In jedem Fall aber schlägt der Trocknungsvorgang bei den landwirtschaftlichen Betrieben mit hohen Energiekosten zu Buche.

Was die Trocknungsanlagen effizienter macht und wie genau sich das Trocknungsverhalten der einzelnen Pflanzen unterscheidet, das untersucht jetzt ein Forscherteam an der Universität Hohenheim. Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz fördert das Projekt mit fast 300.000 Euro – und macht es damit zu einem der Schwergewichte der Forschung an der Universität Hohenheim.

Dem richtigen Trocknen kam bei der Gewinnung von Arznei- und Heilpflanzen seit jeher eine besondere Bedeutung zu. Der Begriff Droge selbst, abgeleitet vom Wort trocknen, verweist darauf.

Heute haben sich einige kleine und mittelständische landwirtschaftliche Betriebe auf den Anbau der gesundheitsförderlichen Gewächse spezialisiert. Bei der Ernte wie der Trocknung der Pflanzen kommt zwar moderne Technik zu Einsatz, die Erfahrung, die in den Betrieben oft von Generation zu Generation weitergegeben wird, spielt aber nach wie vor eine große Rolle.

Doch in den letzten Jahren brachten die enorm gestiegenen Energiepreise nicht wenige Betriebe trotz ihres Know-hows an ihre wirtschaftlichen Grenzen. Denn das Trocknen in den verschiedenen Anlagetypen erfordert große Mengen an Warmluft und damit einen hohen Energieeinsatz. „Aus der Praxis kam daher der Wunsch, nach Optimierungsmöglichkeiten zu suchen“, erklärt Prof. Dr. Joachim Müller vom Institut für Agrartechnik an der Universität Hohenheim.

Drei Jahre lang Forschung vor Ort und im Labor

Im Rahmen eines auf drei Jahre angelegten Forschungsprojekts nehmen Prof. Dr. Müller und sein Team von Agrartechnikern nun verschiedene in der Landwirtschaft eingesetzte Trocknungsanlagen vor Ort unter die Lupe. Ihr Ziel: den Betrieb der Anlagen und ihre Ausstattung möglichst zeitnah optimieren zu können.

Gleichzeitig führen sie im Labor umfangreiche Grundlagenuntersuchungen zum Trocknungsverhalten von Kamille, Melisse und Baldrian durch. Diese drei Kulturen werden in großem Umfang angebaut. Wie die verschiedenen Pflanzen genau auf die Wärme reagieren ist wichtig zu wissen, denn die Trocknung ist umso effizienter, desto höher die einsetzbaren Temperaturen sind. „Die Grundlagenforschung steht hier erst am Anfang“, unterstreicht Prof. Dr. Müller.

Neue Messmethoden und Ansätze zum Energiesparen

Um das Trocknungsverhalten in der Praxis zu studieren, mussten die Hohenheimer Wissenschaftler erst neuartige Messverfahren entwickelt, die sie bereits als Prototypen in verschiedenen Anlagen von ausgewählten Betrieben testen. Ein völlig neuer Ansatz zur Energieeinsparung ist neben der Grundlagenforschung ein von den Agrartechnikern entwickeltes Wärmetauschverfahren für die Trocknungsanlagen. Die Abluftwärme wird hier zurückgeführt und so zusätzlich für den Trocknungsvorgang genutzt.

Eine weitere Innovation ist es, den Bioabfall der Pflanzen selbst als regenerative Energie zu nutzen – denn das sind immerhin fünfzig Prozent der geernteten Pflanzen.

Mit diesem, so die Überlegung der Agrarwissenschaftler, lässt sich in Biogasanlagen Wärme erzeugen, die sich wiederum für die Vortrocknung des eigentlichen Ernteguts nutzen lässt. Und die Rückstände aus den Biogasanlagen lassen sich zu guter Letzt als Dünger verwenden.

Die technischen Innovationen testen die Forscher an Kleinanlagen bis hin zu Großtrocknern. Die zu erwartenden Resultate werden daher für eine große Spanne an Betriebsgrößen relevant sein.

Wachsendes Marktpotenzial von Arznei- und Heilpflanzen

Die Ergebnisse des Forschungsprojekts versprechen eine Energie und Ressourcen schonendere Gewinnung von Heil- und Arzneipflanzen und können so zur Existenzsicherung von landwirtschaftlichen Betrieben beitragen, die mit gestiegenen Energiekosten zu kämpfen haben.

Das Forschungsprojekt hat aber auch darüber hinaus Zukunftspotenzial. Der Bedarf an Arznei- und Heilmittelpflanzen steigt. Nicht zuletzt auch deswegen, weil sie aufgrund ihrer vielfältigen Inhaltsstoffe nur schwer von synthetisch hergestellten Mitteln zu ersetzen sind. Dies bescheinigt eine Marktanalyse der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR). Die Einschätzung der FNR das wirtschaftliche Potenzial von Arznei- und Heilmittelpflanzen betreffend: zukunftsträchtig.

Hintergrund: Schwergewichte der Forschung

Fast 31 Mio. Euro an Drittmitteln akquirierten Forscher der Universität Hohenheim im vergangenen Jahr. In loser Folge präsentiert die Reihe „Schwergewichte der Forschung“ herausragende Forschungsprojekte mit einem Drittmittelvolumen von mindestens einer viertel Million Euro bzw. 125.000 Euro in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.

Kontakt für Medien:
Prof. Dr. Joachim Müller, Universität Hohenheim, Fg. Agrartechnik in den Tropen und Subtropen
Tel.: +49 (0)711 459-22490, E-Mail: joachim.mueller@uni-hohenheim.de

Text: Renner / Lembens-Schiel

Renner / Lembens-Schiel | Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen: www.uni-hohenheim.de

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