Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     Siemens     3M    n-tv
Datenbankrecherche:

Fachgebiet (optional):

 

IOW entdeckt und kultiviert zwei bislang unbekannte Einzeller aus der Ostsee

29.01.2013
Forschern des IOW in Zusammenarbeit mit russischen Kollegen ist es zum ersten Mal überhaupt gelungen, aus sauerstoffarmen Meeresbereichen einzellige Kragengeißelflagellaten zu kultivieren.

Anzeige

Die beiden zuvor unbekannten Arten aus der Ostsee haben sich offenbar hervorragend an die wechselnden Sauerstoffbedingungen angepasst und weisen eine Zellstruktur auf, die so noch nie bei Kragengeißelflagellaten beobachtet wurde.
Der trichterförmige Kragen gibt den Einzellern ihren Namen:


Choanoflagellaten (choano [griech.]: Vertiefung, Trichter) zählen zu den Protisten und nehmen als Bakterienfresser eine zentrale Rolle im mikrobiellen Nahrungsnetz ein. Der Kragen besteht aus einer Reihe fadenförmiger Zellfortsätze, sogenannten Mikrovilli. Aus dem Kragen ragt eine einzelne Geißel hervor, mit der sich die Einzeller fortbewegen und ihre bakterielle Nahrung heranstrudeln, die dann durch den Trichter aufgefangen und am Ansatz der Mikrovilli in die Zelle aufgenommen wird.

Die Kultivierung – also die Hälterung von Reinkulturen unter Laborbedingungen – ist extrem aufwändig und gelingt für solche Mikroorganismen nur selten, so dass die im Meer vorhandene mikrobielle Artenvielfalt erst zu einem sehr kleinen Teil bekannt ist. Die früheren Forschungsarbeiten des IOW wiesen bereits darauf hin, dass Choanoflagellaten – zu Deutsch: Kragengeißelflagellaten – in den sauerstoffverarmten Bereichen der zentralen Ostsee in erhöhten Konzentrationen vorkommen. Doch aus einem solchen sauerstoffarmen Lebensraum (Redoxzone) konnten weltweit bisher noch keine Choanoflagellaten gewonnen werden, die in einer Reinkultur im Labor überlebensfähig sind.

Genau dieses Kunststück ist den Forschern des IOW mit Unterstützung eines russischen Gastwissenschaftlers nun gelungen: Mit Codosiga minima und Codosiga balthica bereichern jetzt zwei zuvor völlig unbekannte Arten von Kragengeißelflagellaten die umfangreiche Kultursammlung des IOW, zu denen bereits eine Reihe von Bakterien, Geißel- und Wimperntierchen zählen, die von zentraler Bedeutung für das Ökosystem Ostsee sind. Beide Neuzugänge wurden elektronenmikroskopisch untersucht und nun erstmals beschrieben. Einer der beiden Flagellaten hat aufgrund seiner geringen Größe (ca. 3 Mikrometer) den Namen Codosiga minima erhalten und gehört vermutlich zu den eher selten auftretenden Arten. Sein größerer Bruder (ca. 5 Mikrometer) ist dagegen eine häufige Spezies und lebt offenbar bevorzugt in der Ostsee, was ihm den Namen Codosiga balthica eingetragen hat.

Beide Arten machen sich die Nahrungsquellen der sauerstoffarmen Redoxzone zunutze und ernähren sich von den dort zahlreich vorhandenen Bakterien und Archaeen. Gleichzeitig genießen sie hier einen gewissen Schutz vor Fraßfeinden, da sich das mehrzellige Zooplankton (z.B. kleine Krebse) nur selten in die sauerstoffarmen Schichten wagt. Um die Vorteile des Lebens in der Redoxzone nutzen zu können, haben sich die beiden Choanoflagellaten – die von sauerstoffliebenden Vorfahren abstammen – auf vielfältige Weise an die Sauerstoffknappheit angepasst. So wurden die sauerstoffabhängigen Mitochondrien – die Energie produzierenden „Kraftwerke“ der Zellen – so umgebildet, dass diese wahrscheinlich mit wenig oder sogar ganz ohne Sauerstoff arbeiten können. Diese Form der Anpassung ist so einzigartig, dass sie weltweit noch nie bei einem Kragengeißelflagellaten beobachtet wurde. Eine weitere Überraschung für die Wissenschaftler des IOW waren intrazelluläre Bakterien, die Codosiga balthica beherbergt: Im Inneren jeder Flagellatenzelle leben zahlreiche Bakterienzellen, die vermutlich der Unterstützung des Energiestoffwechsels dienen.

Mit diesen beiden eng verwandten Arten stehen nun erstmals Modellorganismen zur Verfügung, mit denen der Stoffwechsel von Choanoflagellaten in sauerstoffarmen Habitaten experimentell untersucht werden kann. Diese Untersuchungen können dabei helfen, viele ungeklärte ökologische, physiologische und evolutionsbiologische Fragen zu klären.

Die beschriebenen Arbeiten wurden mit Unterstützung der Deutschen
Forschungsgemeinschaft durchgeführt. Die Ergebnisse sind nachzulesen unter:

Wylezich,C., Karpov,S.A., Mylnikov,A.P., Anderson,R. and Jürgens,K. (2012) Ecologically relevant choanoflagellates collected from hypoxic water masses of the Baltic Sea have untypical mitochondrial cristae. BMC Microbiol. 12 (1), 271

Kontakt:

Dr. Claudia Wylezich, Biologische Meereskunde, IOW
(Tel.: 0381 / 5197 3434, Email: claudia.wylezich@io-warnemuende.de)

Nils Ehrenberg, Öffentlichkeitsarbeit, IOW
(Tel.: 0381 / 5197 106, Email: nils.ehrenberg@io-warnemuende.de)

Dr. Barbara Hentzsch, Öffentlichkeitsarbeit, IOW
(Tel.: 0381 / 5197 102, Email: barbara.hentzsch@io-warnemuende.de)

Das IOW ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft, zu der zurzeit 86 Forschungsinstitute und wissenschaftliche Infrastruktureinrichtungen für die Forschung gehören. Die Ausrichtung der Leibniz-Institute reicht von den Natur-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die Wirtschafts-, Sozial- und Raumwissenschaften bis hin zu den Geisteswissenschaften. Bund und Länder fördern die Institute gemeinsam. Insgesamt beschäftigen die Leibniz-Institute etwa 16.800 MitarbeiterInnen, davon sind ca. 7.800 WissenschaftlerInnen, davon wiederum 3.300 NachwuchswissenschaftlerInnen. Der Gesamtetat der Institute liegt bei mehr als 1,4 Mrd. Euro, die Drittmittel betragen etwa 330 Mio. Euro pro Jahr.

Dr. Barbara Hentzsch | Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen: www.leibniz-gemeinschaft.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht DNA-Variante beeinflusst Diabetesrisiko und Behandlungserfolg
17.05.2013 | Deutsches Zentrum für Diabetesforschung

nachricht Aus zwei wird drei: In Deutschland kommt eine dritte Ringelnatter vor
17.05.2013 | Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

Alle Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>


Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Magnetische Fingerabdrücke von supraflüssigem
Helium-3


Supraleitungssensoren der PTB ermöglichen hochempfindliche Messungen der magnetischen Kernresonanz dünner Helium-3-Schichten - aktuelle Veröffentlichung in Science

Tieftemperatur-Spezialisten der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) haben mit ihren SQUIDs dazu beigetragen, dass die magnetischen Momente von Atomen des seltenen Isotopes 3He (Helium-3) extrem empfindlich gemessen werden konnten. Mithilfe dieser Sensoren wurden hochempfindliche Kernresonanzspektrometer entwickelt, die jetzt tiefe Einblicke in den Zustand der Materie bei extrem tiefen Temperaturen lieferten.

Konkret sperrte ...

Im Focus: Meeresspiegel: Ein Drittel seines Anstiegs kommt von schmelzenden Gebirgsgletschern


Gut 99 Prozent des gesamten Eises an Land ist in den riesigen Eisschilden der Antarktis und Grönlands gespeichert, nur knapp ein Prozent dagegen in Gletschern.

Die Schmelzwasser dieser Gletscher trugen im Zeitraum 2003 bis 2009 etwa genauso viel zum Anstieg des Meeresspiegels bei, wie die beiden Eisschilde: rund einen Drittel. Dies ist eines der Resultate einer internationalen Studie mit Beteiligung von UZH-Geographen.

Wieviel alle Gletscher zum Anstieg des Meeresspiegels beitragen, wurde noch nie so genau ...

Im Focus: Mehr Bewegungsfreiheit: Ultraschallkopf ohne Kabel


Siemens hat das weltweit erste kabellose Ultraschallgerät vorgestellt. Der Schallkopf ist mit einer Hand gut bedienbar und überträgt das Ultraschallbild per Radiofrequenz auf den Bildschirm.

Das Fehlen der Kabel ist vor allem bei Operationen oder interventionellen Eingriffen von Vorteil, wo beispielsweise Nadeln mit Hilfe von Ultraschall visualisiert werden. Die Kabel am Schallkopf behindern die Person, die das Gerät bedient, und sie können trotz steriler Schutzhüllen ein Infektionsrisiko darstellen.

Das kabellose Acuson Freestyle arbeitet bis zu ...

Im Focus: Bahnbetrieb optimieren mit großem Touch-Display


Siemens will mit einem großen Touch-Display Bahnbetreibern helfen, Störungen besser zu bewältigen.

Das Display mit rund 1,50 Metern Diagonale veranschaulicht alle Daten und Fakten, um Entscheidungen treffen zu können. Herzstück der Lösung ist eine Software, die mit Hilfe mathematischer Optimierungsalgorithmen bisher entkoppelte Systeme wie Wartung oder Zugdisposition vernetzt.

Bisher reagieren einzelne Abteilungen von Bahnbetreibern weitgehend unabhängig auf Störfälle, weil sie über das ...

Im Focus: Neuer Weltrekord bei der Datenübertragung per Funk


Forschern des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Festkörperphysik IAF und des Karlsruher Instituts für Technologie KIT ist es gelungen, 40 Gbit/s bei 240 GHz und über eine Entfernung von einem Kilometer per Funk zu übertragen.

Mit ihrer jüngsten Demonstration haben sie einen neuen Weltrekord erzielt und knüpfen damit erstmals nahtlos an die Kapazität von Glasfaser an. Solche Richtfunkstrecken könnten zukünftig Lücken in der Versorgung mit Breitband-Internet schließen, indem die drahtlosen Links das Netz an schwer zugänglichen Stellen oder im ländlichen Raum ergänzen.

Digital, mobil und ...

Alle Focus-News des innovations-reports >>>

Anzeige

B2B Suche
Produkt / Dienstleistung
Firma / Organisation

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Aktuell

DNA-Variante beeinflusst Diabetesrisiko und Behandlungserfolg

17.05.2013 | Biowissenschaften Chemie

Aus zwei wird drei: In Deutschland kommt eine dritte Ringelnatter vor

17.05.2013 | Biowissenschaften Chemie

New method proposed for detecting gravitational waves from ends of universe

17.05.2013 | Physik Astronomie

VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Veranstaltungen

Internationale Informatikkonferenz ICCS 2013

17.05.2013 | Veranstaltungsnachrichten

Herausforderungen des demografischen Wandels

17.05.2013 | Veranstaltungsnachrichten

Die 16 besten Nachwuchschemikerinnen und -chemiker Deutschlands treffen sich in Kiel

17.05.2013 | Veranstaltungsnachrichten

FindAndHelp