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Gütertrennung bei Fledermäusen

24.03.2011
Die Nutzung unterschiedlicher Habitate durch Männchen und Weibchen der Zweifarbfledermaus erschwert die Schätzung von Populationsgrößen und damit den Artenschutz

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Wenn Männchen und Weibchen einer Art unterschiedliche Ressourcen nutzen, erschwert dies die Schätzung der Populationsgröße. Aber gerade die Überwachung von Populationsgrößen spielt für seltene und gefährdete Arten eine wichtige Rolle, damit man auf Änderungen schnell und richtig reagieren kann.


Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell haben die ökologischen Nischen von Männchen und Weibchen der Zweifarbfledermaus (Vespertilio murinus) untersucht und herausgefunden, dass beide Geschlechter gänzlich unterschiedliche Habitate nutzen. Für eine zuverlässige Schätzung der Populationsgrößen gefährdeter Arten ist es also unabdingbar, verschiedene Gruppen innerhalb einer Art getrennt zu betrachten, um die richtigen Erhaltungsmaßnahmen treffen zu können.

Im Artenschutz ist es von grundlegender Bedeutung, die Populationsgröße bedrohter Arten aus Zählungen oder Schätzungen genau zu kennen. Wenn sich aber Gruppen innerhalb einer Art, zum Beispiel Männchen und Weibchen, unterschiedlich verhalten, kann dies zur Nutzung unterschiedlicher Ressourcen wie Nahrung und Rastplätzen und damit zu Spezialisierungen führen, sogar zu einer räumlicher Trennung, einer Segregation. Für gefährdete und seltene Arten ist die Überwachung der Population besonders wichtig, um bei spontanen Populationsschwankungen durch spezifische Schutzmaßnahmen schnell und richtig zu reagieren. Allerdings erschwert innerartliche Segregation eine Schätzung ganz erheblich.

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell und ihre Kollegen des Schweizer Zentrums für Fledermausschutz haben nun einen Weg gefunden, wie sie bessere Schätzungen der Populationsgrößen auch für Arten mit sexueller Segregation erhalten. Sie untersuchten Zweifarbfledermäuse (Vespertilio murinus) in der Schweiz. Diese Fledermausart hat ein sehr großes Verbreitungsgebiet. Man findet sie von den Niederlanden bis nach China, in Europa ist sie jedoch eher selten anzutreffen. Obwohl sich Männchen und Weibchen äußerlich gleichen und beide Geschlechter während des Sommers ähnliche Schlafquartiere bevorzugen, unterscheiden sie sich bei genauerer Betrachtung jedoch sehr.

Wie auch bei anderen Säugetieren, investieren bei den Zweifarbfledermäusen ausschließlich die Weibchen sehr viel Energie in den Nachwuchs und ziehen meistens zwei Junge gleichzeitig groß, was bei Fledermäusen eher ungewöhnlich ist und einen vermehrten Energieaufwand für die Mutter bedeutet. Bisher nahm man an, dass diese ungleichgewichtige Beteiligung an der Jungenaufzucht Auswirkungen auf die Ansprüche von Männchen und Weibchen an die Qualität ihres Jagdreviers und des Futters hat und letztlich dazu führt, dass sie nicht dieselben Tagesquartiere nutzen.

Die Wissenschaftler berechneten die ökologischen Nischen beider Geschlechter anhand von Radiotelemetrie-Daten, die sie bei der Beobachtung des Verhaltens einzelner männlicher und weiblicher Zweifarbfledermäuse gewannen, in Verbindung mit ökologisch-geografischen Daten des Bundesamts für Statistik in der Schweiz. So erhielten sie Informationen über die Art und die Anzahl geeigneter Habitate und konnten Karten mit geeigneten Lebensräumen erstellen. Diese Karten zeigen, wo laut Analyse ein für Männchen oder Weibchen geeignetes Habitat in der Schweiz zur Verfügung steht.

Dabei stellten sie fest, dass die ökologischen Nischen beider Geschlechter grundsätzlich verschieden sind und dass sich in der gesamten Schweiz keinerlei Überschneidung geeigneter Habitate finden lässt. Zusätzlich konnten sie den Spezialisierungsgrad beider Geschlechter genauer definieren. „Die Weibchen der Zweifarbfledermaus sind hoch spezialisiert, weil sie ausschließlich Seeufer als Jagdrevier nutzen“, erläutert Marielle van Toor vom Max-Planck-Institut für Ornithologie. „Die Männchen dagegen sind ebenfalls sehr spezialisiert, aber dennoch flexibler in ihrer Habitatwahl. Sie fühlen sich auch in offenen Landschaften, an Waldrändern und an Flüssen wohl. Daher steht ihnen im Untersuchungsgebiet fast dreimal mehr geeignetes Habitat zur Verfügung als den Weibchen. Ökologisch betrachtet verhalten sich Männchen und Weibchen wie zwei verschiedene Tierarten.

Die Untersuchungen zeigten, dass die Weibchen der Zweifarbfledermaus wesentlich gefährdeter sind als die Männchen und dass sich die notwendigen Erhaltungsmaßnahmen auf diese kleinere Gruppe innerhalb der Gesamtpopulation konzentrieren sollten. Bislang basierte die Überwachung der Fledermauspopulationen auf akustischen Signalen, dem so genannten bioakustischen Monitoring, das lediglich Rückschlüsse auf die Anzahl der Tiere, nicht aber auf ihr Geschlecht zulassen. Zukünftig sollte der Artenschutz aber auch die unterschiedlichen Habitatansprüche berücksichtigen. Ob die Signale im Wald oder in der Nähe eines Sees empfangen werden und mit welcher Wahrscheinlichkeit es sich bei der abgehorchten Fledermaus um ein Männchen oder ein Weibchen handelt, ist für die Ergebnisse des Monitorings von entscheidender Bedeutung.

„Bei Arten mit sexueller Segregation kommt es nicht unbedingt darauf an, typisches Habitat zu erhalten“ ergänzt Marielle van Toor, „sondern es ist viel wichtiger, das Habitat des anspruchsvolleren Geschlechts zu schützen.“ Für die Zweifarbfledermaus in der Schweiz bedeutet das, sich dem Erhalt von Feuchtgebieten und Seen zu widmen, damit für die Weibchen und ihre Jungen auch in Zukunft gute Futterquellen zur Verfügung stehen.

Ansprechpartner
Marielle van Toor
University of Konstanz
Max-Planck-Institut für Ornithologie, Teilinstitut Radolfzell, Radolfzell
E-Mail: mvantoor@orn.mpg.de

Leonore Apitz
Press and Public Relations Radolfzell
Max-Planck-Institut für Ornithologie, Seewiesen
Telefon: +49 7732 1501-74
Fax: +49 7732 1501-69
E-Mail: apitz@orn.mpg.de

Originalveröffentlichung
M.L. van Toor, C. Jaberg, K. Safi
Integrating sex-specific habitat use for conservation using habitat suitability models“
Animal Conservation, 24.03.2011, 1469-1795 Doi: 10.1111/j. 1469-1795 2011.00454.x

Leonore Apitz | Quelle: Max-Planck-Institut
Weitere Informationen: www.mpg.de/1258061/zweifarbfledermaus

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