Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     Siemens  n-tv 
Datenbankrecherche:

Fachgebiet (optional):

 

Warum die Giraffe nicht wie ein Dackel laufen kann

06.03.2009
Wissenschaftler der Universität Jena erforschen in EU-Projekt die menschliche Fortbewegung

Anzeige

Zuerst können sie nur einige Zentimeter vorwärts robben, dann beginnen sie zu krabbeln und irgendwann, nachdem sie sich zum ersten Mal selbstständig aufgerichtet haben, sind sie vor Begeisterung am Laufen kaum noch zu bändigen.


"Die Art, wie Kinder laufen lernen, ist dem Übergang vom vierbeinigen zum zweibeinigen Gang im Laufe der Evolution des Menschen erstaunlich ähnlich", sagt Dr. André Seyfarth von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Zusammen mit einem internationalen Forscherteam will er herausfinden, wie sich der Übergang zur Zweibeinigkeit mechanisch abspielt. Dafür startet jetzt ein Kooperationsprojekt mit Kollegen aus der Schweiz, Belgien, Dänemark und Kanada, das die EU für die nächsten vier Jahre mit insgesamt 2,7 Millionen Euro fördert. 515.000 Euro davon erhält die Jenaer Arbeitsgruppe um Dr. Seyfarth.

Locomorph heißt das neue Projekt, zusammengesetzt aus den Wörtern Lokomotion und Morphologie. Dahinter verbirgt sich, wörtlich genommen, die Gestalt der Bewegung. Und genau das ist erklärtes Ziel von André Seyfarth: "Wir wollen begreifen, wie die mechanische und neuronale Kommunikation im bewegten Bein aussieht. Und zwar so genau, dass wir es nachstellen können." Geplant ist der Bau von modularen Laufrobotern, mit denen die Entwicklung von der vierbeinigen zur zweibeinigen Lokomotion nachgestellt werden kann. Doch bevor die Wissenschaftler diesen letzten der drei Projektteile verwirklichen können, stehen Bewegungsanalysen und die Entwicklung von Computermodellen an.

Im Jenaer Lauflabor starten dazu jetzt Untersuchungen, bei denen die Bewegung von Probanden auf dem Laufband eingehend erforscht wird. Dazu nutzen die Wissenschaftler auch speziell angepasste Orthesen. Die werden normalerweise eingesetzt, um eingeschränkt funktionstüchtige Körperteile zu unterstützen, zum Beispiel zur Gelenkstabilisierung nach Sportunfällen. "Unsere Orthesen haben wir in ihrer Mechanik so umgebaut", erklärt André Seyfarth, "dass wir von außen typische Bewegungsprogramme nachstellen können. Der Körper kann uns dann signalisieren, ob er das Programm als hilfreich oder störend empfindet." Dadurch erfahren die Forscher, ob es sich bereits um den natürlichen Zustand handelt oder ob sie weiter nach der richtigen Lösung suchen müssen. "Wir nutzen sozusagen einen umgekehrten Weg und versuchen die biologischen Zusammenhänge aufzuklären, indem wir die zugrunde liegenden Mechanismen identifizieren und dem Körper anbieten", so Seyfarth.

Parallel zu den Analysen der Jenaer Arbeitsgruppe machen die Kollegen in Belgien ähnliche Messungen mit Echsen, Primaten und Kindern. "Dadurch erhoffen wir uns ein möglichst genaues Bild der Bewegungsmuster beim Übergang vom vier- in den zweibeinigen Gang", so Seyfarth.

Anhand der Messdaten wollen die Wissenschaftler ein Computermodell entwickeln und anschließend in ein technisches System umsetzen. Dafür sollen im gerade vergrößerten Jenaer Laufrobotik-Labor verschiedene Laufroboter konstruiert werden, mit denen sich die Bewegungsmodelle darstellen und testen lassen. Der Vorteil eines technischen Systems liegt für Arbeitsgruppenleiter André Seyfarth auf der Hand: Man kann es anfassen, verändern und beobachten, welche Reaktion die Veränderung hervorruft. "Dadurch nähern wir uns Schritt für Schritt den exakten Abläufen bei der menschlichen Bewegung."

Ziel des Projekts ist es, mit Hilfe der Robotik ein Werkzeug zu schaffen, mit dem die Bewegungsmorphologie in verschiedenen menschlichen oder biologischen Entwicklungsstufen dargestellt und begreiflich gemacht werden kann. Dadurch wäre es möglich, für Patienten mit Bewegungsstörungen oder Beinamputationen individuelle Therapien oder Prothesen zu entwickeln, so Seyfarth. Schließlich habe jeder Mensch ein eigenes Gangbild. Den herkömmlichen Vergleich gestörter Bewegungsmuster mit einer Normkurve hält der Jenaer Wissenschaftler für ungünstig, weil dieser individuelle Bewegungseigenschaften des jeweiligen Körpers nicht abbildet. "Wenn man eine Giraffe zwingt, wie ein Dackel zu gehen, wird sie immer unglücklich sein, weil sie es einfach nicht realisieren kann", macht Seyfarth das Problem deutlich.

"In vier Jahren", so hofft er, "könnte durch neue Forschungsergebnisse eine bessere Grundlage dafür geschaffen sein, um bei der Behandlung von motorischen Störungen, z. B. nach einem Unfall, die individuellen morphologischen Voraussetzungen zur Fortbewegung der einzelnen Patienten besser berücksichtigen zu können."

Kontakt:
Dr. André Seyfarth
Institut für Sportwissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Dornburger Str. 23, 07743 Jena
Tel.: 03641/945730
E-Mail: Andre.Seyfarth[at]uni-jena.de

Manuela Heberer | Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen: www.uni-jena.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Newly discovered breast milk antibodies help neutralize HIV
23.05.2012 | Duke University Medical Center

nachricht Scientists unravel role of fusion gene in prostate cancer
23.05.2012 | New York- Presbyterian Hospital/Weill Cornell Medical Center/Weill Cornell Medical College

Alle Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>


Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Licht lässt Partikel wachsen - Forscher entdecken neuen Mechanismus in der Atmosphäre


Licht lässt die Partikel in der Atmosphäre wachsen. In einem Experiment hat ein internationales Forscherteam erstmals einen neuen Mechanismus nachweisen können, bei dem Partikel durch Licht größer werden und der damit Einfluss auf die Wolkenbildung und das Klima hat.

Photokatalytische Reaktionen können zu einer schnellen Bindung von nicht kondensierenden flüchtigen organischen Kohlenwasserstoffen (VOCs) auf der Oberfläche der Partikel führen. Unter solchen Bedingungen nehme die Größe und Masse der Partikel schnell zu, schreiben die Wissenschaftler im renommierten Fachblatt PNAS.

Die Ergebnisse des Laborexperimentes könnten Effekte erklären, die bisher schon bei Feldkampagnen ...

Im Focus: Abschreckung: Tabak signalisiert angreifenden Zikaden Verteidigungsbereitschaft


Ähnlich wie blutsaugende Insekten prüfen Pflanzenschädlinge ihren Wirt auf Abwehrsignale, bevor sie anfangen zu fressen

Pflanzen bilden wenige Minuten nach Angriff eines Fraßfeindes Jasmonsäure, ein Hormon, das die Verteidigung gegen Insekten in Gange setzt mit der Folge, dass giftige Stoffe wie Nikotin oder Verdauungshemmer in den Blättern akkumulieren.

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für chemische Ökologie, Jena, haben jetzt herausgefunden, dass Zwergzikaden die Verteidigungsbereitschaft von Tabakpflanzen aufspüren können. ...

Im Focus: Erbgutkopie reist im Protein-Koffer


Wissenschaftlern vom Institut für Physikalische und Theoretische Chemie der Universität Bonn ist es erstmals gelungen, den Transport eines wichtigen Informationsträgers in biologischen Zellen praktisch unmodifiziert in Echtzeit zu filmen.

Die Studie zeigt, wie die so genannte Boten-RNA die Zellkernhülle überwindet und vom Zellkern in das Zytoplasma gelangt. Diese Arbeit ist nun in dem renommierten Journal „Proceedings of the National Academy of Sciences of the USA“ (PNAS) publiziert.

Der Bauplan aller Lebewesen ist in ihrem Erbgut gespeichert. Dieses lagert bei höheren ...

Im Focus: Mikroben kennen nur eine Konstante: Veränderung!


Ein neuer Sonderforschungsbereich (SFB) an der Philipps-Universität geht der einzigartigen Fähigkeit von Mikroorganismen auf den Grund, sich ständig an veränderte Umweltbedingungen anzupassen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert den SFB 987 mit dem Titel "Mikrobielle Diversität in der umweltabhängigen Signalantwort" in den kommenden vier Jahren mit voraussichtlich mehr als sieben Millionen Euro.

„Die erfolgreiche Beantragung des neuen Sonderforschungsbereichs belegt einmal mehr die exzellenten wissenschaftlichen Leistungen im Bereich der Mikrobiologie am Standort Marburg“, erklärt Professor Dr. Frank Bremmer, der Marburger Uni-Vizepräsident für Forschung. „Die Einrichtung des SFB wird Marburgs Stellung als zentraler Ort der mikrobiologischen Forschung festigen und deren internationale Sichtbarkeit weiter erhöhen.“ ...

Im Focus: Schnelles Korallensterben


Erosion in tropischen Küstenregionen führt zum schnellen Tod der Korallen

Die Farbigkeit, Vielfalt und Exotik der tropischen Korallenriffe fasziniert viele Menschen weltweit. Und doch sind es die Folgen unserer Zivilisation, die dieses fragile Ökosystem bedrohen durch Klimaerwärmung, Sauerstoffmangel und Ozeanversauerung. Fortschreitende Industrialisierung, Waldrodungen und intensive Landwirtschaft in küstennahen Gebieten führen zu Erosion und verändern die Lebensbedingungen im Meer dramatisch.

Jetzt ...

Alle Focus-News des innovations-reports >>>

Anzeige

B2B Suche
Produkt / Dienstleistung
Firma / Organisation

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Aktuell

Komplexität beherrschen

23.05.2012 | Energie und Elektrotechnik

Nano-Müll lässt sich nicht verbrennen

23.05.2012 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Nea Kameni volcano movement captured by Envisat

23.05.2012 | Geowissenschaften

VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Veranstaltungen

Jeder Mensch ist anders - Nutzen der individualisierten Medizin

23.05.2012 | Veranstaltungsnachrichten

14th Leibniz Conference of advanced science „Sensorsysteme 2012“

23.05.2012 | Veranstaltungsnachrichten

Exklusive Kontakte beim Investforum

23.05.2012 | Veranstaltungsnachrichten

FindAndHelp