Anzeige
Bochumer Neurowissenschaftler haben bei älteren Menschen im Vergleich zu jungen eine erhöhte Erregbarkeit in dem Areal des Gehirns gefunden, welches für die Verarbeitung des Tastsinns der Hand zuständig ist.
Während bei jungen Menschen solch eine „Enthemmung“ mit einer besseren Tastleistung verbunden ist, geht sie bei den Älteren mit einem verschlechterten Tastsinn einher. Demnach liegen bei altersbedingten Veränderungen andere Mechanismen zugrunde als beim Lernen.
Die Forscher um Prof. Dr. Martin Tegenthoff (Neurologische Klinik Bergmannsheil) und PD Dr. Hubert Dinse (Neural Plasticity Lab am Institut für Neuroinformatik) berichten in der renommierten Fachzeitschrift „Journal of Neuroscience“.
Überraschend: Hand ist im Alter größer repräsentiert
In einer vorangegangenen Studie hat die Arbeitsgruppe bereits eine überraschende Entdeckung gemacht: Zur Untersuchung des Tastsinns bestimmten sie die taktile „Zwei-Punkt-Diskriminationsschwelle“ der Probanden: Dabei wird gemessen, welchen Abstand zwei Nadeln haben müssen, damit die Versuchsperson sie als zwei separate Spitzen wahrnimmt und nicht als eine einzige. Ergebnis: Trotz schlechterer Tastleistung war die Repräsentation der Hände im Gehirn bei älteren Versuchspersonen wesentlich größer als die der jungen Versuchspersonen. Eine größere Repräsentation der Hand geht bei jungen Menschen mit besseren Tastleistungen, also einer kleineren Zwei-Punkt-Diskriminationsschwelle einher.
Mögliche Ursache: Hemmende Prozesse wirken im Alter schlechter
Als mögliche Ursache für diese Unterschiede zwischen altersbedingten und lernbedingten Veränderungen im Gehirn untersuchten die Forscher jetzt, ob im Gehirn älterer Versuchspersonen eine generelle „Enthemmung“ vorliegt. Bei 132 Versuchspersonen im Alter zwischen 17 und 86 Jahren wurden für die neue Studie nach einer elektrischen Stimulation der Hand die Hirnströme im sog. somatosensorischen Hirnareal der Hand gemessen. Das Ergebnis: Die Erregbarkeit in diesem Areal korrelierte mit dem Alter der Versuchspersonen; sie war im Alter deutlich erhöht. Die Forscher schlossen daraus, dass erregungshemmende Prozesse, die bei jüngeren Menschen wirken, bei Älteren nicht mehr so gut funktionieren. Hinweise für eine solche „Enthemmung“ waren zwar in Tierversuchen gefunden worden, wurden bisher aber für den Menschen noch nie gezeigt.
Je stärker enthemmt das Gehirn, desto schlechter die Tastleistung
Ungeklärt waren bisher auch die funktionellen Auswirkungen einer reduzierten Wirksamkeit hemmender Verarbeitungsmechanismen auf das Verhalten. Die Untersuchung einer Untergruppe der älteren Versuchspersonen ergab weiterhin, dass bei Personen mit besonders starker „Enthemmung“ der Tastsinn ebenfalls besonders stark beeinträchtigt war. „Diese Ergebnisse zeigen erstmals eine Verbindung zwischen Hemmungsprozessen und Wahrnehmungsleistungen im Alter“, erklärt PD Dr. Dinse. „Darüber hinaus sind die Befunde ein weiterer Beleg dafür, dass kortikale Veränderungen im Gehirn während des Alterns grundlegend verschieden sind von Veränderungen durch Lernprozesse, die bei jüngeren Menschen auftreten.“ Ziel weiterer Forschungen ist es, über ein besseres Verständnis dieser altersbedingten Gehirnveränderungen Trainingsmethoden für ältere Menschen zu entwickeln, die ihnen helfen, ihre Alltagskompetenz länger zu erhalten.
Förderung
Die Studie wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG (Di 334/19-1 und Te 315/4-1), sowie im Rahmen des SFB 874 „Integration und Repräsentation sensorischer Prozesse“ (TP A1 und A5) gefördert.
Titelaufnahme
Increased Excitability of Somatosensory Cortex in Aged Humans is Associated with Impaired Tactile Acuity. Melanie Lenz, Martin Tegenthoff, Karsten Kohlhaas, Philipp Stude, Oliver Höffken, Mario A. Gatica Tossi, Tobias Kalisch and Hubert R. Dinse, in: The Journal of Neuroscience, 1 February 2012, 32(5):1811-1816; doi:10.1523/JNEUROSCI.2722-11.2012
Weitere Informationen
Dipl.-Biol. Melanie Lenz, Neurologische Klinik und Poliklinik, BG Universitätsklinikum Bergmannsheil, Bürkle-de-la-Camp Platz 1, 44789 Bochum, Tel. 0234/302-3507, E-Mail: melanie.lenz@rub.de
PD Dr. Hubert Dinse, Neural Plasticity Lab, Institut für Neuroinformatik der Ruhr-Universität, 44780 Bochum, Tel.: 0234/32-25565, E-Mail: Hubert.Dinse@rub.de, http://www.neuralplasticitylab.de
Redaktion: Meike Drießen
Dr. Josef König | Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen: www.neuralplasticitylab.de
www.ruhr-uni-bochum.de
Weitere Berichte zu: Altern > Erregbarkeit > Neuroinformatik > Neuroscience > plasticity > Repräsentation > specimen processing > Tastleistung > Tastsinn > Veränderungen im Gehirn
Mütterliche Antikörper behindern Impfschutz bei jungen Katzen
22.05.2012 | Paul-Ehrlich-Institut - Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel
Der nukleare GAU ist wahrscheinlicher als gedacht
22.05.2012 | Max-Planck-Institut für Chemie
Unter Federführung der Empa erscheint ein neues Standardwerk, das die europäische Forschung an Nanopartikeln vereinheitlichen soll.
Exakte Laborvorschriften zur Herstellung definierter Nanopartikel und zu deren Analytik stellen die Arbeiten auf diesem Gebiet auf eine neue Grundlage und machen sie erstmals vergleichbar. Herausgeber ist Harald Krug, Leiter des Empa-Departements «Materials meet Life».
Das neue Standardwerk soll Schluss machen mit dem «babylonischen Sprachgewirr», das derzeit noch in der Nanoforschung ...
Bei rheumatischen Erkrankungen erlauben moderne bildgebende Verfahren weit mehr als nur die Darstellung der knöchernen Gelenkstrukturen.
Mit funktionellen Untersuchungsmethoden wie der hochauflösenden Einzelphotonen-Emissions-Computertomographie (SPECT) können pathologische Knochenumbauvorgänge bereits sehr früh nachgewiesen werden, mitunter schon zu einem Zeitpunkt, zu dem selbst die MRT-Diagnostik noch unauffällig ist. Eine Studie der Universitätsradiologie Düsseldorf, die jetzt auf dem 93. Deutschen Röntgenkongress vorgestellt wurde.
In der Rheumatologie hat sich in den letzten ...
Wirkmechanismus eines der ältesten Arzneimittel der Menschheit aufgeklärt
Rizinusöl ist vor allem als effektives Abführmittel bekannt, wurde aber auch bereits in der Antike bei Schwangeren zur Förderung der Wehentätigkeit eingesetzt.
Erst jetzt ist es Wissenschaftlern vom Max-Planck-Institut für Herz- und Lungenforschung gelungen, die entscheidenden Details des Wirkmechanismus zu entschlüsseln. Verantwortlich ist demnach ein Rezeptor mit dem Namen EP3 auf ...
Pünktlich zum morgigen Weltschildkrötentag wird die Artenliste der Panzerträger um zwei Namen reicher.
Wissenschaftler des Senckenberg Forschungsinstitutes in Dresden haben gemeinsam mit einem internationalen Forscherteam zwei neue Arten der afrikanischen Gelenkschildkröte identifiziert. Die zugehörige Studie ist kürzlich im Fachjournal „Journal of Zoological Systematics and Evolutionary Research“ erschienen.
Gelenkschildkröten sind die Bewegungskünstler unter den landlebenden Schildkröten. Aufgrund eines Scharniers im Rückenpanzer können die in Afrika ...
Eine Forschungsgruppe der Universität Ulm hat einen neuartigen molekularen Schalter im Gehirn identifiziert, der eine wichtige Rolle bei der Steuerung der postnatalen Neurogenese im Gyrus dentatus spielt, der Unterregion im Hippocampus, in der lebenslang Nervenzellen aus neuralen Stammzellen gebildet werden.
„Unsere Untersuchungen beschreiben erstmals einen neuen und letztlich unerwarteten Signalweg bei der Regulation der Neurogenese im Hippocampus“, sagt Professor Stefan Britsch, Direktor des Instituts für Molekulare und Zelluläre Anatomie, der die Arbeit dieser Tage gemeinsam mit Dr. Ruth Simon im international renommierten Fachblatt EMBO-Journal veröffentlicht. An dem von der Deutschen ...
Anzeige
Anzeige

Mütterliche Antikörper behindern Impfschutz bei jungen Katzen
22.05.2012 | Biowissenschaften Chemie
Researchers Improve Fast-Moving Mobile Networks
22.05.2012 | Kommunikation Medien
New microscope uses rainbow of light to image the flow of individual blood cells
22.05.2012 | Medizintechnik
Bericht zum Lachsmanagement: Die BLE auf der NASCO-Jahrestagung
22.05.2012 | Veranstaltungsnachrichten
Plagiate und wissenschaftliches Fehlverhalten
22.05.2012 | Veranstaltungsnachrichten
Der IdeenPark weckt Begeisterung für Technik
22.05.2012 | Veranstaltungsnachrichten