Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     Siemens  n-tv 
Datenbankrecherche:

Fachgebiet (optional):

 

Einfache Nervenzellen steuern die Schwimmtiefe von marinem Plankton

18.10.2011
Der Zilienschlag von Platynereis gibt Einblick in ein Urstadium der Evolution des Nervensystems

Anzeige


Lichtmikroskopische Aufnahme der Larve des marinen Ringelwurms Platynereis. Die Larven schwimmen im Meer angetrieben durch ein schlagendes Band von Flimmerhärchen (Zilienband). Markus Conzelmann, Arbeitsgruppe Gáspár Jékely, Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie



Im Nervensystem von Platynereis (weiß) wurden zahlreiche verschiedene Neuropeptide entdeckt. Diese sind in unterschiedlichen Farben dargestellt. Albina Asadulina und Markus Conzelmann, Arbeitsgruppe Gáspár Jékely, Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie

Die Larven des Ringelwurms Platynereis schwimmen als Teil des Planktons frei im Meer. Sie bewegen sich mit Hilfe von Zilien fort, tausenden von Flimmerhärchen, die sich bandförmig am Körper der Larve entlangziehen und koordinierte Schlagbewegungen ausführen. Je nach Umgebungsbedingungen schwimmen die Larven in bevorzugten Wassertiefen.

Forscher des Max-Planck-Instituts für Entwicklungsbiologie in Tübingen haben nun eine Reihe von Signalstoffen identifiziert, die über das Nervensystem die Schwimmtiefe der Larven regulieren. Diese Stoffe haben Einfluss auf die Zilienbewegung und können die Larve in ihrer optimalen Wassertiefe halten. Grundlage dafür sind einfache Schaltkreise der Nervenzellen, die nach Einschätzung der Forscher ein Urstadium des Nervensystems widerspiegeln.

Viele Tiere bewegen sich mit Muskeln fort. Kleine Meerestiere nutzen jedoch oft Zilienhärchen zum Schwimmen oder Kriechen. Dieser Fortbewegungsart ist evolutionär wesentlich älter als die Fortbewegung mit Muskeln und ist bei Meeresplankton sehr weit verbreitet. Die Larvenstadien vieler wirbelloser Meerestiere sind Teil dieses Planktons, zu dem neben den Ringelwurmlarven beispielsweise auch Larven von Schnecken, Muscheln und Seesternen gehören. „Wie die Nervensysteme des Meeresplanktons Zilienbewegungen regulieren, ist immer noch weitgehend unbekannt, da intensiv erforschte Modellorganismen wie die Fruchtfliege Muskeln als Basis ihrer Fortbewegung benutzen“, sagt Gáspár Jékely. Mit seiner Arbeitsgruppe am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie hat er in Zusammenarbeit mit Thomas A. Münch vom Werner-Reichardt-Zentrum für Integrative Neurowissenschaften in Tübingen das Nervensystem der Larven des Meeresringelwurms Platynereis dumerilii näher untersucht.

Das Zilienband dient den Platynereis-Larven im Meerwasser als Schwimmmotor: Bei schnellem dauerhaften Schlagen der Zilien schwimmen die Larven aufwärts, stoppt die Schlagbewegung, sinken sie. Diese Larven nehmen verschiedene Umgebungsbedingungen wahr, beispielsweise reagieren sie auf Schwankungen der Temperatur, des Lichteinfalls und des Nahrungsangebots und ändern entsprechend ihre Bewegung in der Wassersäule. Um mehr über die Regulation dieses Verhaltens zu erfahren, analysierten die Tübinger Forscher die Gene von Platynereis. Sie entdeckten mehrere neuronale Signalstoffe, sogenannte Neuropeptide, in ihren Gen-Datenbanken. Außerdem fanden die Forscher heraus, dass diese Neuropeptide in einzelnen sensorischen Nervenzellen der Larve produziert und direkt am Zilienband freigesetzt werden. Die Forscher zogen daraus den Schluss, dass diese Nervenzellen Sinnesinformationen direkt an die Zilien weiterleiten. Einige dieser Neuropeptide haben Einfluss auf die Schlagfrequenz der Zilien, andere auch auf die Häufigkeit des Stillstands der Zilien. Dadurch konnten die Forscher die Auf- und Abwärtsbewegungen freischwimmender Larven steuern und deren Schwimmtiefe in der Wassersäule ändern.

„Wir haben dabei entdeckt, dass die verantwortlichen Nervenschaltkreise ungewöhnlich einfach aufgebaut sind. Die sensorischen Nervenzellen haben nämlich zugleich auch motorische Funktion, das heißt sie geben den Impuls zur Bewegung direkt an das Zilienband weiter“, berichtet Markus Conzelmann vom Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie, der Erstautor der Studie. Von der nervösen Steuerung der Muskelbewegung seien solche einfachen Verschaltungen überhaupt nicht bekannt. „Erstaunlich war außerdem, dass wir nicht nur ein Neuropeptid gefunden haben, das an einem solch einfachen Schaltkreis beteiligt ist, sondern gleich elf verschiedene.“

Nach Ansicht der Wissenschaftler liefert diese Entdeckung einen Einblick, wie Nervensysteme in einem frühen Stadium der Evolution ausgesehen und funktioniert haben könnten. Darüber hinaus könnten diese Erkenntnisse auch für andere Bereiche der Meeresbiologie von großem Interesse sein: „Nun haben wir ein geeignetes Modell dafür, die Regulation der Schwimmtiefe im Meeresplankton weitergehend zu erforschen. Da das Schwimmverhalten von Plankton für die Verbreitung und das Überleben tausender Meerestiere ausschlaggebend ist, kann unsere Forschung auch für die Meeresökologie relevant sein“, erklärt Gáspár Jékely. Er möchte in weiteren Studien untersuchen, welche Nervenzellen genau die einzelnen Sinnesinformationen wie Wasserdruck, Temperatur oder Salzgehalt wahrnehmen.

Originalpublikation:
Markus Conzelmann, Sarah-Lena Offenburger, Albina Asadulina, Timea Keller, Thomas A. Münch and Gáspár Jékely: Neuropeptides regulate swimming depth of Platynereis larvae. PNAS, doi: 10.1073/pnas.1109085108

Ansprechpartner:
Gáspár Jékely
Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie
Tel.: 07071 601- 1310
E-Mail: gaspar.jekely(at)tuebingen.mpg.de

Dagmar Sigurdardottir | Quelle: Max-Planck-Institut
Weitere Informationen: www.tuebingen.mpg.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Mütterliche Antikörper behindern Impfschutz bei jungen Katzen
22.05.2012 | Paul-Ehrlich-Institut - Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel

nachricht Der nukleare GAU ist wahrscheinlicher als gedacht
22.05.2012 | Max-Planck-Institut für Chemie

Alle Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>


Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Meilenstein in der Nanopartikel-Forschung: Nanopartikel-Testhandbuch setzt Standards


Unter Federführung der Empa erscheint ein neues Standardwerk, das die europäische Forschung an Nanopartikeln vereinheitlichen soll.

Exakte Laborvorschriften zur Herstellung definierter Nanopartikel und zu deren Analytik stellen die Arbeiten auf diesem Gebiet auf eine neue Grundlage und machen sie erstmals vergleichbar. Herausgeber ist Harald Krug, Leiter des Empa-Departements «Materials meet Life».

Das neue Standardwerk soll Schluss machen mit dem «babylonischen Sprachgewirr», das derzeit noch in der Nanoforschung ...

Im Focus: Frühdiagnostik bei Rheuma: SPECT zeigt Knochenveränderungen schon im Frühstadium


Bei rheumatischen Erkrankungen erlauben moderne bildgebende Verfahren weit mehr als nur die Darstellung der knöchernen Gelenkstrukturen.

Mit funktionellen Untersuchungsmethoden wie der hochauflösenden Einzelphotonen-Emissions-Computertomographie (SPECT) können pathologische Knochenumbauvorgänge bereits sehr früh nachgewiesen werden, mitunter schon zu einem Zeitpunkt, zu dem selbst die MRT-Diagnostik noch unauffällig ist. Eine Studie der Universitätsradiologie Düsseldorf, die jetzt auf dem 93. Deutschen Röntgenkongress vorgestellt wurde.

In der Rheumatologie hat sich in den letzten ...

Im Focus: Rizinusöl wirkt über einen G-Protein-gekoppelten Rezeptor


Wirkmechanismus eines der ältesten Arzneimittel der Menschheit aufgeklärt

Rizinusöl ist vor allem als effektives Abführmittel bekannt, wurde aber auch bereits in der Antike bei Schwangeren zur Förderung der Wehentätigkeit eingesetzt.

Erst jetzt ist es Wissenschaftlern vom Max-Planck-Institut für Herz- und Lungenforschung gelungen, die entscheidenden Details des Wirkmechanismus zu entschlüsseln. Verantwortlich ist demnach ein Rezeptor mit dem Namen EP3 auf ...

Im Focus: Gelenkige Schildkröte - Zwei neue Arten der Landschildkröte Kinixys in Afrika entdeckt


Pünktlich zum morgigen Weltschildkrötentag wird die Artenliste der Panzerträger um zwei Namen reicher.

Wissenschaftler des Senckenberg Forschungsinstitutes in Dresden haben gemeinsam mit einem internationalen Forscherteam zwei neue Arten der afrikanischen Gelenkschildkröte identifiziert. Die zugehörige Studie ist kürzlich im Fachjournal „Journal of Zoological Systematics and Evolutionary Research“ erschienen.

Gelenkschildkröten sind die Bewegungskünstler unter den landlebenden Schildkröten. Aufgrund eines Scharniers im Rückenpanzer können die in Afrika ...

Im Focus: Wichtige Rolle bei der Steuerung der postnatalen Neurogenese nachgewiesen


Eine Forschungsgruppe der Universität Ulm hat einen neuartigen molekularen Schalter im Gehirn identifiziert, der eine wichtige Rolle bei der Steuerung der postnatalen Neurogenese im Gyrus dentatus spielt, der Unterregion im Hippocampus, in der lebenslang Nervenzellen aus neuralen Stammzellen gebildet werden.

„Unsere Untersuchungen beschreiben erstmals einen neuen und letztlich unerwarteten Signalweg bei der Regulation der Neurogenese im Hippocampus“, sagt Professor Stefan Britsch, Direktor des Instituts für Molekulare und Zelluläre Anatomie, der die Arbeit dieser Tage gemeinsam mit Dr. Ruth Simon im international renommierten Fachblatt EMBO-Journal veröffentlicht. An dem von der Deutschen ...

Alle Focus-News des innovations-reports >>>

Anzeige

B2B Suche
Produkt / Dienstleistung
Firma / Organisation

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Aktuell

Mütterliche Antikörper behindern Impfschutz bei jungen Katzen

22.05.2012 | Biowissenschaften Chemie

Researchers Improve Fast-Moving Mobile Networks

22.05.2012 | Kommunikation Medien

New microscope uses rainbow of light to image the flow of individual blood cells

22.05.2012 | Medizintechnik

VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Veranstaltungen

Bericht zum Lachsmanagement: Die BLE auf der NASCO-Jahrestagung

22.05.2012 | Veranstaltungsnachrichten

Plagiate und wissenschaftliches Fehlverhalten

22.05.2012 | Veranstaltungsnachrichten

Der IdeenPark weckt Begeisterung für Technik

22.05.2012 | Veranstaltungsnachrichten

FindAndHelp