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Bindung im Frühkindalter fürs ganze Leben wichtig

14.04.2009
Frühes emotionales Verhältnis fördert die Gehirnentwicklung

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Die emotionale Bindung eines Kleinkinds zu seinen Eltern hat eine hohe Bedeutung für dessen weitere Entwicklung. Das haben Frühpädagogen und Neurowissenschaftler kürzlich am "Magdeburger Tag der Erziehung" hervorgehoben.


Eine sichere Bindungsbeziehung sei die beste Voraussetzung für ein Kind, auch im Jugend- oder Erwachsenenalter Vertrauen zu anderen aufzubauen. Direkte Auswirkungen haben Bindungs- und Trennungserlebnisse hingegen für die Hirnentwicklung.

"Bindung bedeutet, dass das Kind ein Urvertrauen zu einer Person aufbaut, die nicht austauschbar ist", erklärt Fabienne Becker-Stoll vom Staatsinstitut für Frühpädagogik im pressetext-Interview. Dieses Bedürfnis des Kindes sei biologisch verankert und könne zu einer hohen Qualität der Beziehung führen, wenn die erwachsene Person darauf mit Feingefühl antworte. "Gleichzeitig ist diese Bindung so fest, dass sie selbst gegenüber einer Person hält, die das Kind misshandelt. Das erklärt, warum Kinder in Heimen oft wieder zurück zu den Eltern wollen", so Becker-Stoll. Sichere Bindung sei das Gegenteil von Abhängigkeit und bilde die Grundlage für das Erkunden der Welt, für den emotionellen Ausdruck sowie für das eigene Bindungsverhalten während des Lebens. "Sie fördert die soziale Kompetenz sowie die Belastbarkeit des Kindes, auch in der Schule, im Jugendalter und in der Partnerschaft."

Die Trennung von der Bindungsperson bedeutet für ein Kind großes seelisches Leid. "Diese Erschütterung und Trauer etwa beim Verlust der Eltern ist auch schon bei Kleinkindern feststellbar. Studien haben gezeigt, dass die Trennung von der Mutter bei Säuglingen zur Regression und sogar zum Tod führen kann", so Becker-Stoll. Wechsel und Übergänge zwischen Bindungspersonen sollten daher so gering wie möglich gehalten werden. "Ändert sich die Erziehungsperson, so sollte dies nur einen Übergang zu einer dann konstanten Person sein. Sucht man im Bedarfsfall Pflegefamilien aus, sollten diese stabil sein und eine langfristige Pflege garantieren können. Sind die Familien hingegen überfordert, kann das auch noch für die Jugend- und Erwachsenenzeit verheerende Auswirkungen haben." Gute Bedingungen in der Pflegefamilie könnten hingegen selbst traumatisierten Kindern die Chance eines Neuanfangs geben.

Auch wenn das Kind das aktive Element in dieser Bindung darstellt, haben Eltern für die Voraussetzungen zu sorgen, dass die Bindung aufrecht erhalten werden kann. "Es handelt sich dabei um keine symmetrische Beziehung, denn die Eltern müssen den Kindern Schutz bieten und auf ihre Bedürfnisse reagieren. Jede andere Haltung würde das Kind überfordern", so Becker-Stoll. Das erfordere ein Feingefühl der Eltern und, wenn möglich, deren Zusammenwirken von Anfang an. Die Münchner Frühpädagogin hebt dabei die Rolle des Vaters in den ersten Lebenswochen des Kindes hervor. "Die ersten zwei Wochen nach der Geburt sollte der Vater ganz der Familie gehören und die Mutter unterstützen, damit sie sich ganz dem Kind widmen kann. Dienstreisen haben hier nichts verloren." Förderlich für das elterliche Feingefühl sei auch ein Augenmerk auf die Paarbeziehung. "Eltern können nur so gute Eltern sein, wie es ihnen selbst geht, daher sind gezielte Hilfe von außen und soziale Netzwerke oft sehr hilfreich. Denn jede Geburt bedeutet maximale Belastung und Stress und bringt besonders in der Großstadt die Gefahr sozialer Isolation", so Becker-Stoll.

Was die frühkindliche Bindung oder deren Verlust im Gehirn auslöst, erklärt der Biologe Jörg Bock von der Universität Magdeburg im Gespräch mit pressetext. Bindung sei eng mit Emotionen und mit Stress verknüpft. "Sie ist der erste emotionale Prozess, der das Gehirn eines Neugeborenen beeinflusst. Diese Erfahrung ist so grundlegend, da Emotionen auch bei allen späteren Lernprozessen beteiligt sind", so Bock. Darüber hinaus sei gezeigt worden, dass Trennungserfahrungen von Kindern zu einem Anstieg der Stresshormone führen, die wiederum hohen Einfluss auf Strukturveränderungen im Gehirn haben. "In Jungtieren, die von der Mutter entfernt werden, entwicken sich viele Nervenzellen anders", so der Biologe. Eine traumatische Erfahrung oder ein Übermaß an Stress in frühen Entwicklungsphasen könne beim Menschen später zu Verhaltens- und Lernstörungen führen bis hin zu psychischen Erkrankungen wie etwa Depressionen.

Hintergrund dieser Zusammenhänge ist die Ausprägung der Nervennetzwerken. "Die Anzahl der Synapsen - der Kontakte zwischen den Nervenzellen - nimmt in den ersten Lebensjahren kontinuierlich zu, bevor bis zur Pubertät ihr langsamer Abbau beginnt." Da dieser Prozess von Erfahrungen und Sinneswahrnehmungen gesteuert wird, sei die Interaktion mit der Umwelt ein wesentlicher Faktor für die Entstehung synaptischer Netzwerke. "Nahe emotionelle Kontakte fördern die Entwicklung dieser Netzwerke, während negative Erfahrungen zu fehlerhaften Netzwerken führen", so Bock. Kurzfristige, wiederholte Trennungserlebnisse wie etwa im Kindergarten oder in der Schule könnten sich auch positiv auswirken, wenn entsprechende Rahmenbedingungen dem Kind Möglichkeiten der Anpassung bieten. "Kann sich das Kind nicht darauf einstellen, kommt es zu einem Aufschaukeln negativer Entwicklungen."

Dass die Zeit der frühen Kindheit eine besondere Bedeutung für die emotionelle Entwicklung einnimmt, begründet der Magdeburger Biologe durch spezielle Zeitfenster der Entwicklung. "Dabei handelt es sich um Entwicklungsphasen, in denen das Gehirn in spezieller Form auf Impulse durch die Umwelt wartet, etwa für das visuelle System, die Sprache oder die Mathematik.

Kommt der Impuls, findet Entwicklung statt, je nach Impulsart in positiver oder negativer Form. Fehlt der Stimulus, findet die Entwicklung nicht statt." Bock vermutet, dass auch das Zeitfenster für soziale Kompetenz oder emotionale Entwicklung mit einem bestimmten Kindesalter abgeschlossen sei. Verpasste Zeitfenster der Entwicklung könne man auch später nachholen, doch zu einem erheblich höheren Aufwand, so der Magdeburger Biologe gegenüber pressetext.

Johannes Pernsteiner | Quelle: pressetext.deutschland
Weitere Informationen: www.ifp.bayern.de
www.uni-magdeburg.de

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