Anzeige
Noch immer gibt das Orientierungsvermögen der Heuschrecken Rätsel auf. Während man früher glaubte, sie ließen sich auf ihren Tausende Kilometer langen Wanderungen vor allem vom Wind treiben, gilt inzwischen als wahrscheinlich, dass sie sich an der Sonne und an polarisiertem Himmelslicht orientieren.
Darüber hinaus wies der Marburger Neurobiologe Professor Dr. Uwe Homberg nun nach, welcher Mechanismus im Gehirn der Wüstenheuschrecke Schistocerca gregaria der Verarbeitung polarisierten Lichts zu Grunde liegt. In Windkanalversuchen konnten Homberg und Mitarbeiter zudem erstmals belegen, dass die Erkennung und neuronale Verrechnung der Polarisationsdaten das Verhalten der Tiere tatsächlich beeinflusst.
Über seine Ergebnisse berichtet Homberg jetzt gemeinsam mit seinem Doktoranden Stanley Heinze im internationalen Fachjournal Science. Die Veröffentlichung unter dem Titel "Maplike Representation of Celestial E-vector Orientations in the Brain of an Insect" erscheint am 16. Februar 2007.
"Das polarisierte Licht, dessen Eigenschaften den Heuschrecken zur Orientierung dienen, wird im so genannten Zentralkomplex des Heuschreckengehirns verarbeitet", erklärt Homberg seine Entdeckung. In dieser auffallend geordneten Struktur gebe es zahlreiche Neurone, die auf die Schwingungsrichtung von Lichtwellen reagieren. Homberg untersuchte insbesondere die Protocerebralbrücke: Wie bei allen Insekten finden sich hier Neuronen in einer Reihe von sechzehn säulenartigen Kompartimenten, so genannten Kolumnen. "Bislang allerdings war deren Funktion unklar", sagt Homberg. "Wir haben nun nachgewiesen, dass jede Säule auf unterschiedliche Polarisationsrichtungen reagiert." Jede Säule deckt einen Winkelbereich von etwa 26 Grad ab, insgesamt werde dabei eine vollständige 360-Grad-Erfassung erreicht. "Die Aktivität einer bestimmten Säule", schließt Homberg, "gibt dem Tier also an, wie es relativ zur Sonne orientiert ist."
Außergewöhnliches sensorisches Instrumentarium
Mit der Erkennung von Polarisationsmustern verfügen Heuschrecken, aber auch andere Insekten wie Bienen oder Ameisen, über ein außergewöhnliches sensorisches Instrumentarium. Mittels der "dorsalen Randregion" des Auges - einem mit speziellen Photorezeptoren ausgestatteten und himmelwärts gerichteten Teil des Auges - können sie am blauen Himmel "ablesen", in welcher Richtung sich die Sonne befindet, selbst wenn sie hinter Wolken verborgen ist. Was sie sehen, lässt sich so erklären: Licht besteht aus elektromagnetischen Wellen, die senkrecht zu ihrer Ausbreitungsrichtung schwingen. Noch immer aber sind dabei zahllose verschiedene Schwingungsrichtungen möglich: Stellt man sich vor, dass ein Lichtstrahl auf das Auge trifft, können die Wellen von oben nach unten schwingen, von links nach rechts oder in beliebigen anderen Orientierungen (aber immer senkrecht zur Richtung des Strahls). Wird Sonnenlicht indessen in der Erdatmosphäre gestreut, sodass es als blaues Licht des Himmels zu uns kommt, bleibt an jedem Punkt des Himmels nur eine "Vorzugsrichtung" der Schwingung übrig. Diese Richtung (genauer: die elektrischen Feldvektoren) können von spezialisierten Fotorezeptoren im Auge und von Neuronen im Gehirn der Insekten detektiert werden.
Die eigentliche Orientierung der Heuschrecke erfolgt dann anhand des Sonnenstands. "Selbst wenn sie in hohem Gras verborgen ist und die Sonne gar nicht sieht, kann die Heuschrecke nun deren Position herausfinden, ein kleiner Himmelsausschnitt genügt ihr dafür", erklärt Homberg. "Denn sobald sie die Schwingungsebene des Lichts erkennt, weiß sie auch, dass die Sonne senkrecht zu dieser Richtung zu suchen ist."
Leistungsfähges Insektenhirn
"Sehr beeindruckend" sei es, was die Heuschrecken damit leisten, so Homberg. "Dass ein Insektenhirn tatsächlich über eine kartenartige Repräsentation elektrischer Feldvektoren am Himmel und über die entsprechenden Verrechnungsmechanismen verfügt, war bislang nicht bekannt." Tatsächlich könne man nun davon ausgehen, dass die Insekten eine "Himmelskarte" errechnen, bei der den Polarisationsrichtungen am Himmel jeweils eine genau bestimmbare neuronale Struktur im Gehirn, nämlich eine Kolumne im Zentralkomplex, entspricht.
"Noch unklar ist allerdings", sagt der Neurobiologie, "wie die Kompensation der Tageszeit erfolgt." Denn der Sonnenstand verändert sich im Lauf des Tages, sodass allein die Position der Sonne noch keine verlässliche Information über eine bestimmte Himmelsrichtung liefert. "Darum führen wir nun weitere Versuche durch und untersuchen auch jene Neuronen, die sich von der Protocerebralbrücke bis zum Bauchmark der Insekten - dem Pendant zum menschlichen Rückenmark - erstrecken." Das Bauchmark nämlich steuert die Flügelmuskulatur der Tiere an, spätestens hier also muss die vollständige Richtungsinformation einschließlich der Tageszeitkompensation vorliegen.
Unterschiedliche Sonnenstände im Windkanal simuliert
Neben der Entdeckung, in welcher Weise Heuschreckengehirne polarisiertes Licht verarbeiten, konnte Homberg erstmals auch die entsprechende "Verhaltensrelevanz" nachweisen, also belegen, dass die Ergebnisse dieser Verarbeitung von den Heuschrecken tatsächlich genutzt werden. "Dazu haben wir die Tiere in einem Windkanal fixiert, sodass sie zwar ihre Flügel bewegen konnten, dabei aber immer an derselben Stelle blieben", erklärt Homberg. "Mittels einer Polarisationsfolie, die wir über der Apparatur ausbreiteten, setzten wir die Tiere unterschiedlich polarisiertem Licht aus - wir simulierten also unterschiedliche Sonnenstände." Tatsächlich erwies sich, dass die Heuschrecken darauf reagierten: "Ein Drehmomentmesser an der Aufhängung der Tiere zeigte, dass sie ihre Flugrichtung abhängig von der Polarisation des einfallenden Lichts zu verändern suchten."
Hombergs Versuche finden bislang weitgehend im Labor statt, denn entsprechende Versuche in der freien Wildbahn sind mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. "Einige der Probleme haben wir allerdings bereits gelöst", sagt der Neurobiologe, der in ersten Freilandexperimenten derzeit am Nachweis arbeitet, dass ein Ausschnitt des blauen Himmels tatsächlich genügt, um den Tieren den Weg zu weisen.
Kontakt
Professor Dr. Uwe Homberg: Philipps-Universität Marburg, Fachbereich Biologie, Fachgebiet Neurobiologie/Ethologie, Karl-von-Frisch-Str. 8, 35032 Marburg
Tel.: (06421) 28 23402, E-Mail: homberg@staff.uni-marburg.de
Thilo Körkel | Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen: www.uni-marburg.de
Weitere Berichte zu: Heuschrecken > Heuschreckengehirn > Insekt > Neurobiologie > Neuron
Sharp images from the living mouse brain
07.02.2012 | Max Planck Institute for Biophysical Chemistry, Göttingen
Chemists Develop More Efficient Protein Labeling
07.02.2012 | North Carolina State University
Eine Puppe in der Puppe und noch eine drumherum – so erklärt Thomas Fässler seine Moleküle: Er packt ein Atom in einem Käfig in noch ein weiteres Atomgerüst.
Mit ihrer großen Oberfläche könnten solche Strukturen als hocheffiziente Katalysatoren dienen. Wie bei dem russischen Holzspielzeug sitzt ganz innen drin ein einzelnes kleines Zinnatom, eingepackt in eine Hülle aus zwölf Kupferatomen, und diese ist nochmals umgeben von weiteren 20 Zinnatomen.
In der Arbeitsgruppe von Professor Fässler am Institut für Anorganische ...
Eine Notunterkunft muss schnell verfügbar, kostengünstig, leicht zu transportieren und unkompliziert im Aufbau sein.
In der Katastrophenhilfe ist daher das Zelt die erste Wahl. Doch oft wird aus dem Provisorium ein Dauerzustand, der sich über Jahre erstrecken kann. Ziel des Projektes Architekturstudierender am KIT: ein Ansatz, der die Lebensbedingungen in solchen Zeltlagern verbessert. Mit der sechseckigen Konstruktion „x-tent.me“ entwickelten sie eine Übergangsform zwischen temporärer ...
Viele Insektenlarven fressen Pflanzen und richten so in der Landwirtschaft Schaden an. Wie wird das Fressverhalten der Larven gesteuert, welche Hormone sind daran beteiligt? Das untersuchen Wissenschaftler vom Biozentrum der Universität Würzburg. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) fördert ihr Projekt.
Ob ein Mensch Hunger spürt oder sich satt fühlt, wird durch ein komplexes Signalnetzwerk in seinem Organismus bestimmt. Daran beteiligt sind Nervensystem, Magen-Darm-Trakt, Bauchspeicheldrüse und Fettzellen, wobei diese Akteure über so genannte Neuropeptide wie Orexin und über Peptidhormone wie Insulin oder Leptin miteinander kommunizieren. Peptide von diesem Typus spielen im ...
Siemens hat eine getriebelose Windenergieanlage mit sechs Megawatt (MW) Leistung für den Offshore-Einsatz auf den Markt gebracht.
Windturbinen ohne Getriebe zeichnen sich durch ein robustes Design und ein geringes Gesamtgewicht aus. Diese Kombination senkt Infrastruktur-, Installations- und Wartungskosten und steigert die Energieausbeute und damit die Rentabilität über die gesamte Lebensdauer der Anlage. Die Rotorblätter der SWT-6.0-Windturbine sind mit 75 Meter Länge die größten für 6-MW-Anlagen.
Sie basieren auf ...
Siemens hat den weltweit ersten Leistungsschalter entwickelt, der bei Spannungen von 1,2 Millionen Volt arbeitet.
Solche Ultrahochspannungen erhöhen die Übertragungskapazität von Stromleitungen und bieten so die Möglichkeit, auf relativ wenigen Trassen große Mengen elektrischer Energie zu transportieren.
Leistungsschalter werden in Umspannwerken eingesetzt, um einzelne Stromleitungen zu- oder abzuschalten. Der neue Schalter ist für eine Testinstallation im indischen Bina bestimmt. Indien setzt auf die Ultrahochspannungs-Technik, um seine ...
Anzeige
Anzeige

07.02.2012 | Physik Astronomie
Sharp images from the living mouse brain
07.02.2012 | Biowissenschaften Chemie
07.02.2012 | Architektur Bauwesen
Zuverlässig und sicher fahren mit alternativen Antrieben
07.02.2012 | Veranstaltungsnachrichten
II. HHL-Energiekonferenz zu “Smart Cities“
07.02.2012 | Veranstaltungsnachrichten
GI-VDE-Forum zum Thema IT-Sicherheit auf der CeBIT am 9. März 2012 ab 11:00 Uhr
07.02.2012 | Veranstaltungsnachrichten