Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     Siemens  n-tv 
Datenbankrecherche:

Fachgebiet (optional):

 

Jahrmillionen alte Ökosysteme in Bernstein eingelegt

17.05.2004

Anzeige


Seltene Inkluse: Pantoffeltierchen (Paramecium triassicum/Größe 60 µm). (Foto: Uni Jena)


Phryganella paradoxa ist die häufigste beschalte Amöbe des Schliersee-Harzes (Größe ca. 30 µm). (Foto: Uni Jena)


Biologe weist erstmals Existenz spezieller Mikroorganismen in der Kreidezeit nach

Fünf Gramm Bernstein und viel Geduld - mehr brauchte Dr. Alexander Schmidt nicht für seine sensationellen Entdeckungen. Der Biologe, der an der Universität Jena seine Doktorarbeit anfertigte, hat Einschlüsse in hunderten von Bernsteinsplittern untersucht. In dem Harz von Bäumen, die vor 100 Millionen Jahren in der Kreidezeit wuchsen, entdeckte er einen hochinteressanten biologischen Mikrokosmos. "Es sind Arten darunter, die von ihren heutigen Nachfahren nicht zu unterscheiden sind. Andere wiederum sind urtümliche Formen, die heute so nicht mehr existieren", nennt Schmidt einige seiner Ergebnisse. Herausragende Funde sind die im fossilen Harz eingeschlossenen beschalten Amöben. Da diese einzelligen Urtiere fast nur aus Wasser bestehen und nur eine dünne Schale aufweisen, werden sie selten als Fossilien aufgefunden. Erstmals konnten sie nun wegen der guten Erhaltung mit heute lebenden Vertretern verglichen werden. Diese Premiere führte u. a. dazu, dass die Jenaer Ergebnisse kürzlich nicht nur in der paläontologischen Fachzeitschrift "Palaeontology" erschienen sind, sondern auch den Herausgebern des renommierten Journals "Science" eine anerkennende Notiz wert waren.

Ausgangspunkt für Schmidts Entdeckung ist eine private Bernstein-Sammlung aus dem Gebiet des Schliersees in den bayerischen Alpen. Sie wurde in den 90er Jahren Dr. Wilfried Schönborn von der Friedrich-Schiller-Universität geschenkt. Forschungsschwerpunkt des inzwischen emeritierten Limnologen sind Thekamöben. Die mit Schalen versehenen Amöben kommen im Wasser und anderen feuchten Lebensräumen vor. "Wir haben in den Bernsteinsplittern gezielt nach ihren Vorfahren aus der Kreidezeit gesucht", berichtet Schmidt.

Im Gegensatz zu den bekannten in Bernstein eingeschlossenen Insekten, ist die Identifikation einzelliger Lebewesen weitaus schwieriger. "Mit speziellen Präparationsmethoden und modernen Mikroskopier-Techniken ist es uns gelungen, die Einzeller sicher von anderen winzigen Einschlüssen, wie Luftbläschen oder Öltröpfchen zu unterscheiden", berichtet der Biologe. Gefunden hat er letztlich nicht nur Thekamöben sondern auch Bakterien, Algen, Wimperntierchen sowie archaische Pilze. "Vertreter dieser verschiedenen Organismengruppen haben offenbar im gleichen Lebensraum zur gleichen Zeit nebeneinander existiert", deutet Schmidt seine Funde. "Noch nie wurden solch artenreiche Vergesellschaftungen von Mikroorganismen aus einem fossilen Harz beschrieben", begeistert er sich.

Alexander Schmidt, der in Jena neben dem Biologie- auch ein geowissenschaftliches Zusatzstudium absolviert hat, gibt sich nicht mit der biologischen Seite zufrieden. So hat er einen Harzchemiker zu Rate gezogen, um herauszubekommen, von welchen Bäumen das fossile Harz stammt. Die bis 10 mm dicken Bernsteinfragmente wurden in unmittelbarer Nachbarschaft von fossilen Pflanzenresten aufgefunden. Untersuchungen ergaben, dass die illustre Mikrogesellschaft an der feuchten Baumrinde von Kiefern oder in der Nähe der Bäume in Wasseransammlungen auf dem Waldboden lebte. Die Bäume wiederum, das hat Schmidt anhand von Dünnschliffen des umgebenden Sediments bestimmt, wuchsen im Erdmittelalter (Mesozoikum) im Gebiet der heutigen bayerischen Alpen. Mit seiner geologischen Zusatzausbildung kann Schmidt sogar erklären, wie das Harz schließlich dorthin gekommen ist, wo es der bayerische Hobbysammler entdeckt hat.

"Ursprünglich hatte man die Bernsteinstückchen für noch älter gehalten", sagt Schmidt. Doch auch so sind sie wichtige stumme Zeugen der Zeit vor 100 Millionen Jahren, "ein erdgeschichtlich sehr interessantes Zeitalter, in dem drastische Veränderungen stattgefunden haben", erklärt er. Der paläontologisch tätige Biologe mit geologischem Basiswissen hat die Bernsteinfragmente als Dauerleihgabe zu Forschungszwecken mit nach Berlin genommen, wo er nun im Naturkundemuseum versucht, ihnen weitere Geheimnisse über das Leben in längst vergangenen Zeiten zu entlocken.

Kontakt:

Dr. Alexander Schmidt
Museum für Naturkunde
Institut für Paläontologie der Humboldt-Universität zu Berlin
E-Mail: Alexander.Schmidt@Museum.HU-Berlin.de

Stefanie Hahn | Quelle: Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen: www.uni-jena.de

Weitere Berichte zu: Bernstein Biologe Harz Kreidezeit

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Ocean warming causes elephant seals to dive deeper
09.02.2012 | Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung

nachricht How the zebra got its stripes
09.02.2012 | The Company of Biologists

Alle Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>


Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wissenschaftler machen Eisen durchsichtig


Erstmals gezeigt, dass Atomkerne transparent werden

Einem Team von DESY-Wissenschaftlern um Dr. Ralf Röhlsberger gelang es an der hochbrillanten Synchrotronlichtquelle PETRA III, Atomkerne mit Hilfe von Röntgenlicht transparent zu machen. Sie entdeckten dabei gleichzeitig ein neues Prinzip, um einen optisch gesteuerten Schalter für Licht herzustellen, also Licht mit Licht zu beeinflussen, ein wichtiger Baustein auf dem ...

Im Focus: Anti-Angst-Hormon Oxytocin wird gezielt an seine Wirkorte im Gehirn transportiert


Wissenschaftler beobachten, wie Oxytocin zentrale Schaltstellen im Gehirn erreicht und das Verhalten beeinflusst

Kuschelhormon, Treuehormon, Angstlöser – häufig gebrauchte Schlagwörter für das Neuropeptid Oxytocin, das sich in den letzten Jahren als ein Stoff erwiesen hat, der unser Verhalten in zentralen Regionen des Gehirns positiv beeinflussen kann. Was jedoch bisher völlig unklar war: Wie gelangt dieser Botenstoff aus dem Hypothalamus in die Hirnbereiche, die ...

Im Focus: Datenspeicher mit Lachs-DNA und Nano-Silber


Ein neuartiger Biopolymer-Film aus Lachs-DNA mit Silber-Nanopartikeln speichert Informationen kostengünstig und umweltverträglich.

Entstanden ist das organische System in fächer- und länderübergreifender Zusammenarbeit von Wissenschaftlern des DFG-Centers for Functional Nanostructures (CFN) am KIT und des Institute of Photonics Technologies an der National Tsing Hua University in Taiwan. Der DNA-Datenspeicher eignet sich unter anderem für biotechnische Anwendungen, etwa als Bauteil in Biosensoren.

Das System ...

Im Focus: VLT liefert detailreichstes Infrarotbild des Carinanebels


Bildveröffentlichung der Europäischen Südsternwarte (Garching) - Mit dem Very Large Telescope (VLT) der ESO haben das bislang detailreichste Infrarotbild der Sternkinderstube des Carinanebels aufgenommen. Es zeigt vor dem spektakulären Hintergrund einer himmlischen Landschaft auf Gas, Staub und jungen Sterne zahlreiche nie gesehene Details und zählt zu den atemberaubendsten VLT-Bildern überhaupt.

Im Herzen der südlichen Milchstraße, im Sternbild Carina (Der Schiffskiel, [1]), befindet sich in einer Entfernung von etwa 7500 Lichtjahren die Sternkinderstube des Carinanebels. Diese ausgedehnte Wolke aus leuchtendem Gas und Staub ist von der Erde aus gesehen eine der nächstgelegenen Geburtsstätten massereicher Sterne.

Der Nebel beinhaltet einige der hellsten und ...

Im Focus: Automatisch Lücken im Funkspektrum erkennen


Auf der embedded world identifizieren Wissenschaftler der Fraunhofer ESK Lücken im Funkspektrum, um diese für zusätzliche Übertragungen zu nutzen.

Der in Halle 5, Stand 5-228, vorgestellte Prototyp zeigt das Funkspektrum in einem 3D-Spektrogramm, markiert die prognostizierten Lücken und prüft deren Eintreffen. Diese Methode, Cognitive Radio, verbessert die Übertragungsqualität in einem bereits vollen Funkspektrum ohne aufwändiges, statisches Koexistenzmanagement. Ziel ist eine höhere Verfügbarkeit und Zuverlässigkeit von Funk für die Automatisierung.
...

Alle Focus-News des innovations-reports >>>

Anzeige

B2B Suche
Produkt / Dienstleistung
Firma / Organisation

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Aktuell

Kaltwasserkorallen als Anpassungskünstler?

09.02.2012 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Wandel der Hochschulbildung in Deutschland und Professionalisierung

09.02.2012 | Studien Analysen

Ocean warming causes elephant seals to dive deeper

09.02.2012 | Biowissenschaften Chemie

VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Veranstaltungen

7. Mannheimer Arbeitsrechtstag am 14. März mit Experten aus Theorie und Praxis

09.02.2012 | Veranstaltungsnachrichten

International Forum on Terahertz Spectroscopy and Imaging

09.02.2012 | Veranstaltungsnachrichten

Teams aus neun Ländern treffen sich an der Leibniz Universität zum 6th Hanover PreMoot

09.02.2012 | Veranstaltungsnachrichten

FindAndHelp