Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Zwei auf einen Streich - wie Zellen sich vor Krebs schützen

16.03.2010
Neue Erkenntnisse von MDC- und Charité-Forschern

Zellen haben zwei verschiedene Schutzprogramme, die sie davor bewahren, bei Stress außer Kontrolle zu geraten, sich ungebremst zu teilen und Krebs zu entwickeln. Bisher ging die Forschung davon aus, dass sich diese Systeme unabhängig voneinander anschalten.

Jetzt haben Krebsforscher des Max-Delbrück-Centrums (MDC) und der Charité in Berlin erstmals bei Lymphdrüsenkrebs (Lymphom) im Tiermodell gezeigt, dass beide Schutzprogramme mit Abwehrzellen kooperieren und so verhindern, dass Tumoren entstehen. Die Erkenntnisse von Dr. Maurice Reimann (Forschungsgruppe Prof. Clemens Schmitt) könnten grundlegende Bedeutung für die Krebsbekämpfung haben (Cancer Cell, DOI 10.1016/j.ccr.2009.12.043)*.

Seit einiger Zeit wissen Forscher, dass krebsauslösende Gene (Onkogene) im Frühstadium der Entstehung einer Krebserkrankung paradoxerweise selbst diese Zellschutzprogramme aktivieren können. Das erklärt möglicherweise, weshalb manche Tumore Jahrzehnte brauchen, bis sie zum Ausbruch kommen. Das Krebsgen Myc löst den programmierten Zelltod oder Apoptose (griech.: fallende Blätter) aus. Das ist ein seit langem bekanntes Schutzprogramm, bei dem sich eine geschädigte Zelle umbringt, und damit den Körper als Ganzes vor Schaden bewahrt. Mit einer Chemotherapie aktivieren Ärzte dieses Schutzprogramm bei einer Krebsbehandlung.

Das zweite Sicherungsprogramm ist die Seneszens (lat.: senex für Alter, Greis). Es wird von einem anderen Krebsgen, dem ras-Onkogen, angeschaltet. Dieses Programm hält den Zellzyklus an, die Zelle kann sich nicht mehr teilen, lebt aber im Gegensatz zur Apoptose weiter und ist noch Stoffwechsel-aktiv. Prof. Schmitt, der in der Charité als Kliniker tätig ist und am MDC eine Forschungsgruppe leitet, hatte vor wenigen Jahren im Tierversuch an Hand eines Lymphdrüsenkrebs-Modells zeigen können, dass die Seneszenz die Entwicklung bösartiger Tumoren im Frühstadium blockieren kann.

Krebsgen Myc löst Kaskade zur Aktivierung beider Schutzprogramme aus
Jetzt konnten Dr. Reimann, Dr. Soyoung Lee, Dr. Christoph Loddenkemper, Dr. Jan R. Dörr, Dr. Vedrana Tabor und Prof. Schmitt erstmals nachweisen, dass das Krebsgen Myc eine Schlüsselrolle bei der Aktivierung beider Schutzprogramme spielt und zwar ohne Anwesenheit des ras-Onkogens. "Bemerkenswert an diesem Befund ist, dass ein Onkogen zunächst Apoptose auslösen kann und mit dem Tumorstroma - das ist das Gewebe, das den Tumor umgibt und auch gesunde Zellen enthält - sowie dem Immunsystem wechselwirkt und in der Lage ist, dort Signale anzuschalten, die dann zu Tumor-Seneszenz führen", erläutert Prof. Schmitt die Forschungsarbeit.
"Grundlegende Bedeutung"
Die Kaskade läuft nach den Erkenntnissen der Forscher wie folgt ab: erst löst das Myc-Onkogen in den Lymphomzellen Apoptose aus. Die absterbenden, apoptotischen Zellen locken Fresszellen (Makrophagen) des Immunsystems an, die die abgestorbenen Lymphomzellen entsorgen. Die so aktivierten Fresszellen wiederum setzen Botenstoffe (Zytokine) frei, darunter das Zytokin TGF-beta. Es kann im Frühstadium einer Tumorerkrankung das Wachstum von Krebszellen hemmen. Die MDC- und Charité-Forscher stellten fest, dass der Botenstoff in den Tumorzellen, die der Apoptose entkommen sind, das Seneszenz-Programm anschaltet und die Krebszellen damit stilllegt.

"Unsere Ergebnisse haben vermutlich über die Lymphomerkrankungen hinaus grundlegende Bedeutung für die Krebsentstehung. Weiter zeigen sie, dass die durch Botenstoffe des Immunsystens ausgelöste Seneszenz möglicherweise ein wichtiges weiteres Wirkprinzip neben der durch Chemotherapie ausgelösten Apoptose ist."

Gegenwärtig beschäftigen sich die Forscher in der Arbeitsgruppe von Prof. Schmitt intensiv mit Chemotherapie-vermittelter Seneszenz. "Wenn wir genauer verstanden haben, ob wir Krebszellen, die wir nicht mehr abtöten können, auch durch Seneszenz-Anschaltung langfristig unter Kontrolle bringen können, ergäben sich wichtige neue Therapiemöglichkeiten", sagte Prof. Schmitt.

*Tumor Stroma-Derived TGF-? Limits Myc-Driven Lymphomagenesis via Suv39h1-Dependent Senescence

Maurice Reimann1,6, Soyoung Lee1,2,6, Christoph Loddenkemper3,6, Jan R. Dörr1,6, Vedrana Tabor2,6, Peter Aichele4, Harald Stein3, Bernd Dörken1,2, Thomas Jenuwein5, and Clemens A. Schmitt1,2

1Charité - Universitätsmedizin Berlin/Molekulares Krebsforschungszentrum der Charité - MKFZ, Berlin, Germany
2Max-Delbrück-Center for Molecular Medicine, Berlin, Germany
3Charité - Universitätsmedizin Berlin/Department of Pathology, Campus Benjamin Franklin, Berlin, Germany
4University Hospital Freiburg, Department of Immunology, 79104 Freiburg, Germany
5Research Institute of Molecular Pathology, Vienna, Austria (present address: Max-Planck-Institute of Immunology, Freiburg, Germany)
6These authors contributed equally to this work
Correspondence: clemens.schmitt@charite.de. Fon +49-30-450 553 687; Fax +49-30-450 553 986
Barbara Bachtler
Pressestelle
Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch
Robert-Rössle-Straße 10
13125 Berlin
Tel.: +49 (0) 30 94 06 - 38 96
Fax: +49 (0) 30 94 06 - 38 33
e-mail: presse@mdc-berlin.de

Barbara Bachtler | Max-Delbrück-Centrum
Weitere Informationen:
http://www.mdc-berlin.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Superkondensatoren aus Holzbestandteilen
24.05.2018 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

nachricht Was einen guten Katalysator ausmacht
24.05.2018 | Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit Hilfe molekularer Schalter lassen sich künftig neuartige Bauelemente entwickeln

Einem Forscherteam unter Führung von Physikern der Technischen Universität München (TUM) ist es gelungen, spezielle Moleküle mit einer angelegten Spannung zwischen zwei strukturell unterschiedlichen Zuständen hin und her zu schalten. Derartige Nano-Schalter könnten Basis für neuartige Bauelemente sein, die auf Silizium basierende Komponenten durch organische Moleküle ersetzen.

Die Entwicklung neuer elektronischer Technologien fordert eine ständige Verkleinerung funktioneller Komponenten. Physikern der TU München ist es im Rahmen...

Im Focus: Molecular switch will facilitate the development of pioneering electro-optical devices

A research team led by physicists at the Technical University of Munich (TUM) has developed molecular nanoswitches that can be toggled between two structurally different states using an applied voltage. They can serve as the basis for a pioneering class of devices that could replace silicon-based components with organic molecules.

The development of new electronic technologies drives the incessant reduction of functional component sizes. In the context of an international collaborative...

Im Focus: GRACE Follow-On erfolgreich gestartet: Das Satelliten-Tandem dokumentiert den globalen Wandel

Die Satellitenmission GRACE-FO ist gestartet. Am 22. Mai um 21.47 Uhr (MESZ) hoben die beiden Satelliten des GFZ und der NASA an Bord einer Falcon-9-Rakete von der Vandenberg Air Force Base (Kalifornien) ab und wurden in eine polare Umlaufbahn gebracht. Dort nehmen sie in den kommenden Monaten ihre endgültige Position ein. Die NASA meldete 30 Minuten später, dass der Kontakt zu den Satelliten in ihrem Zielorbit erfolgreich hergestellt wurde. GRACE Follow-On wird das Erdschwerefeld und dessen räumliche und zeitliche Variationen sehr genau vermessen. Sie ermöglicht damit präzise Aussagen zum globalen Wandel, insbesondere zu Änderungen im Wasserhaushalt, etwa dem Verlust von Eismassen.

Potsdam, 22. Mai 2018: Die deutsch-amerikanische Satellitenmission GRACE-FO (Gravity Recovery And Climate Experiment Follow On) ist erfolgreich gestartet. Am...

Im Focus: Faserlaser mit einstellbarer Wellenlänge

Faserlaser sind ein effizientes und robustes Werkzeug zum Schweißen und Schneiden von Metallen beispielsweise in der Automobilindustrie. Systeme bei denen die Wellenlänge des Laserlichts flexibel einstellbar ist, sind für spektroskopische Anwendungen und die Medizintechnik interessant. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien (Leibniz-IPHT) haben, im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekts „FlexTune“, ein neues Abstimmkonzept realisiert, das erstmals verschiedene Emissionswellenlängen voneinander unabhängig und zeitlich synchron erzeugt.

Faserlaser bieten im Vergleich zu herkömmlichen Lasern eine höhere Strahlqualität und Energieeffizienz. Integriert in einen vollständig faserbasierten...

Im Focus: LZH zeigt Lasermaterialbearbeitung von morgen auf der LASYS 2018

Auf der LASYS 2018 zeigt das Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) vom 5. bis zum 7. Juni Prozesse für die Lasermaterialbearbeitung von morgen in Halle 4 an Stand 4E75. Mit gesprengten Bombenhüllen präsentiert das LZH in Stuttgart zudem erste Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt zur zivilen Sicherheit.

Auf der diesjährigen LASYS stellt das LZH lichtbasierte Prozesse wie Schneiden, Schweißen, Abtragen und Strukturieren sowie die additive Fertigung für Metalle,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Größter Astronomie-Kongress kommt nach Wien

24.05.2018 | Veranstaltungen

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungen

48V im Fokus!

21.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Was einen guten Katalysator ausmacht

24.05.2018 | Biowissenschaften Chemie

Superkondensatoren aus Holzbestandteilen

24.05.2018 | Biowissenschaften Chemie

Neue Schaltschrank-Plattform für die Energiewelt

24.05.2018 | Messenachrichten

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics