Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

„Zuckersüße Bindungspartner“ regulieren Alzheimer-Proteine

23.03.2015

Die Alzheimer-Demenz ist eine langsam fortschreitende Hirnerkrankung, die mit zunehmendem Verfall der geistigen Fähigkeiten einhergeht. Sie zeichnet sich durch Ablagerung seniler Plaques im Gehirn aus, die vor allem aus amyloiden β-Peptiden bestehen; Spaltprodukten des β-Amyloid-Vorläufer-Proteins APP.

Forschern des Jenaer Leibniz-Instituts für Altersforschung gelang es nun, die räumliche Struktur der Bindungsdomäne E2 von APLP1 (APP-Homolog) im Komplex mit Heparansulfaten (funktionelle Zucker) detailliert aufzuklären. Sie fanden, dass diese in verschiedenen Bindemodi mit der E2-Domäne wechselwirken und so unterschiedliche (patho)physiologische Funktionen des Proteins beeinflussen können.


Durch Röntgenstrukturanalyse kann die Bindung zwischen dem APLP1-Protein und dem Zuckermolekül Heparansulfat sichtbar gemacht werden. Im Vergleich zum Gehirn sind diese Moleküle millionenfach kleiner

[Grafik: Sven Dahms / FLI] Hinweis: Das zur Verfügung gestellte Bildmaterial darf nur im Zusammenhang mit dieser Pressemitteilung genutzt werden. (Quelle u.a. panthermedia.net)

Die Alzheimersche Krankheit ist weltweit die häufigste Form der Demenz und wird durch absterbende Nervenzellen im Gehirn verursacht. Sie führt im zunehmend schwereren Verlauf zu einem fortschreitenden Verlust der intellektuellen Fähigkeiten, wodurch z.B. das Gedächtnis, die Lernfähigkeit, die Orientierung und die Sprache betroffen sind. Über 1.2 Millionen Menschen sind bereits in Deutschland an Morbus Alzheimer erkrankt. Der Hauptrisikofaktor ist das fortschreitende Lebensalter.

Die Krankheit zeichnet sich durch die Ablagerung seniler Plaques im Gehirn aus, die vorwiegend aus amyloiden β-Peptiden (Aβ) bestehen; proteolytische Spaltprodukte des β-Amyloid-Vorläufer-Proteins (engl. β-amyloid precursor protein, APP). Die Proteine der APP-Familie besitzen ebenfalls eine zentrale Bedeutung für die neuronale Entwicklung und Selbsterneuerung von Zellen (Homöostase).

APP und die paralogen, APP-ähnlichen Proteine APLP1 und APLP2 enthalten die hoch konservierte, strukturelle E2-Domäne, die Heparansulfat bindet und somit verschiedene (patho)physiologische Funktionen des Proteins beeinflusst. Trotz intensiver Forschung zur Pathologie der Alzheimerschen Krankheit und der Beteiligung von APP und seinen Spaltprodukten sind insbesondere die physiologischen Funktionen dieser Proteinfamilie bis heute jedoch nur wenig verstanden.

In Zusammenarbeit mit Kollegen der Freien Universität Berlin und McGill University Montreal in Kanada ist es Forschern des Jenaer Leibniz-Instituts für Altersforschung – Fritz-Lipmann-Institut (FLI) nun erstmals gelungen, die räumliche Struktur der Bindungsdomäne E2 von APLP1 im Komplex mit Heparansulfaten, einer Klasse funktioneller Zucker, detailliert aufzuklären. Für die aktuelle Studie in dem Fachjournal Acta Crystallographica nutzten sie die Methode der Röntgenstrukturanalyse, um die Bindung des Zuckers an das Protein auf molekularer Ebene sichtbar zu machen.

„Aufgrund der sehr komplexen und multiplen Funktion von APP und seinen Homologen müssen wir zunächst viel Grundlagenforschung betreiben, um die Demenzerkrankung und ihre Entstehung fundamental besser verstehen zu können und um einer möglichen zukünftigen Therapie näherzukommen“, erklärt Dr. Manuel Than, Forschungsgruppenleiter am FLI.

„Die Röntgenstrukturanalyse des Heparansulfat- Komplexes mit APL1 ergab, dass - anders als bisher angenommen - diese funktionellen Zucker in zwei unterschiedlichen Bindemodi mit der E2-Domäne des APLP1 wechselwirken und es somit eine ganze Reihe verschiedener Komplexe zwischen APLP1-E2 und Heparansulfat gibt“, unterstreicht Than. „Diese spezifische Bindung kann Strukturänderungen im Protein auslösen; ein Indiz dafür, dass Heparansulfate in der Lage sind, die APLP1-Funktion zu regulieren“.

Die mit der E2-Domäne wechselwirkenden Heparansulfate sind eine sehr heterogene Klasse von langen Zuckerketten, die zum Teil an Proteine gebunden sind. „Ihre Bindung weist daher eine sehr heterogene Verteilung von Modifikationen und Ladung auf“, erläutert Dr. Sven Dahms, Postdoc am FLI.

„Wir sehen aufgrund der gefundenen Spezifität dieser Wechselwirkung, dass überhaupt nur bestimmte Typen von Heparansulfaten an das APLP1-Protein binden können“. „Aufgrund der hohen Ähnlichkeit ist dieser Mechanismus der Bindung höchstwahrscheinlich bei allen Mitgliedern der APP-Proteinfamilie zu finden, also auch beim Alzheimer-Protein APP“, schlussfolgern die Jenaer Forscher.

Bei der Alzheimerschen Krankheit treten im Verlauf der Erkrankung im Gehirn Entzündungsprozesse auf, die den Abbau von Heparansulfaten verstärken. „Ein veränderter Stoffwechsel dieser Zucker könnte sich daher entscheidend auf deren Interaktion mit den Proteinen der APP-Familie auswirken und dadurch pathologische Fehlfunktionen hervorrufen“, vermuten die Forscher aus Jena. „Mit unseren Ergebnissen konnten wir wieder einen weiteren zentralen Puzzlestein für das Verständnis der Krankheitsentwicklung aufzeigen.“

Publikation
Dahms SO, Mayer MC, Roeser D, Multhaup G, Than ME. Interaction of the amyloid precursor protein-like protein 1 (APLP1) E2 domain with heparan sulfate involves two distinct binding modes. Acta Crystallogr D Biol Crystallogr. 2015, 71(Pt 3), 494-504. doi: 10.1107/S1399004714027114

Kontakt:
Dr. Kerstin Wagner
Leibniz-Institut für Altersforschung – Fritz-Lipmann-Institut (FLI)
Beutenbergstr. 11, 07745 Jena
Tel.: 03641-656378, Fax: 03641-656351, E-Mail: presse@fli-leibniz.de


Hintergrundinfo

Das Leibniz-Institut für Altersforschung – Fritz-Lipmann-Institut (FLI) in Jena widmet sich seit 2004 der biomedizinischen Alternsforschung. Über 330 Mitarbeiter aus 30 Nationen forschen zu molekularen Mechanismen von Alternsprozessen und alternsbedingten Krankheiten. Näheres unter http://www.fli-leibniz.de.

Die Leibniz-Gemeinschaft verbindet 89 selbständige Forschungseinrichtungen. Deren Ausrichtung reicht von den Natur-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die Wirtschafts-, Raum- und Sozialwissenschaften bis zu den Geisteswissenschaften. Leibniz-Institute bearbeiten gesellschaftlich, ökonomisch und ökologisch relevante Fragestellungen. Sie betreiben erkenntnis- und anwendungsorientierte Grundlagenforschung. Sie unterhalten wissenschaftliche Infrastrukturen und bieten forschungsbasierte Dienstleistungen an. Die Leibniz-Gemeinschaft setzt Schwerpunkte im Wissenstransfer in Richtung Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Öffentlichkeit. Leibniz-Institute pflegen intensive Kooperationen mit den Hochschulen ‑ u.a. in Form der WissenschaftsCampi ‑, mit der Industrie und anderen Partnern im In- und Ausland. Sie unterliegen einem maßstabsetzenden transparenten und unabhängigen Begutachtungsverfahren. Aufgrund ihrer gesamtstaatlichen Bedeutung fördern Bund und Länder die Institute der Leibniz-Gemeinschaft gemeinsam. Die Leibniz-Institute beschäftigen rund 17.200 Personen, darunter 8.200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Der Gesamtetat der Institute liegt bei 1,5 Milliarden Euro. Näheres unter http://www.leibniz-gemeinschaft.de.

Weitere Informationen:

http://www.fli-leibniz.de - Homepage Leibniz-Institut für Altersforschung - Fritz-Lipmann-Institut

Dr. Kerstin Wagner | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Forscherteam der Universität Bremen untersucht Korallenbleiche
24.04.2017 | Universität Bremen

nachricht Feinste organische Partikel in der Atmosphäre sind häufiger glasartig als flüssige Öltröpfchen
21.04.2017 | Max-Planck-Institut für Chemie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Löschbare Tinte für den 3-D-Druck

Im 3-D-Druckverfahren durch Direktes Laserschreiben können Mikrometer-große Strukturen mit genau definierten Eigenschaften geschrieben werden. Forscher des Karlsruher Institus für Technologie (KIT) haben ein Verfahren entwickelt, durch das sich die 3-D-Tinte für die Drucker wieder ‚wegwischen‘ lässt. Die bis zu hundert Nanometer kleinen Strukturen lassen sich dadurch wiederholt auflösen und neu schreiben - ein Nanometer entspricht einem millionstel Millimeter. Die Entwicklung eröffnet der 3-D-Fertigungstechnik vielfältige neue Anwendungen, zum Beispiel in der Biologie oder Materialentwicklung.

Beim Direkten Laserschreiben erzeugt ein computergesteuerter, fokussierter Laserstrahl in einem Fotolack wie ein Stift die Struktur. „Eine Tinte zu entwickeln,...

Im Focus: Leichtbau serientauglich machen

Immer mehr Autobauer setzen auf Karosserieteile aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff (CFK). Dennoch müssen Fertigungs- und Reparaturkosten weiter gesenkt werden, um CFK kostengünstig nutzbar zu machen. Das Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) hat daher zusammen mit der Volkswagen AG und fünf weiteren Partnern im Projekt HolQueSt 3D Laserprozesse zum automatisierten Besäumen, Bohren und Reparieren von dreidimensionalen Bauteilen entwickelt.

Automatisiert ablaufende Bearbeitungsprozesse sind die Grundlage, um CFK-Bauteile endgültig in die Serienproduktion zu bringen. Ausgerichtet an einem...

Im Focus: Making lightweight construction suitable for series production

More and more automobile companies are focusing on body parts made of carbon fiber reinforced plastics (CFRP). However, manufacturing and repair costs must be further reduced in order to make CFRP more economical in use. Together with the Volkswagen AG and five other partners in the project HolQueSt 3D, the Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) has developed laser processes for the automatic trimming, drilling and repair of three-dimensional components.

Automated manufacturing processes are the basis for ultimately establishing the series production of CFRP components. In the project HolQueSt 3D, the LZH has...

Im Focus: Wonder material? Novel nanotube structure strengthens thin films for flexible electronics

Reflecting the structure of composites found in nature and the ancient world, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have synthesized thin carbon nanotube (CNT) textiles that exhibit both high electrical conductivity and a level of toughness that is about fifty times higher than copper films, currently used in electronics.

"The structural robustness of thin metal films has significant importance for the reliable operation of smart skin and flexible electronics including...

Im Focus: Immunzellen helfen bei elektrischer Reizleitung im Herzen

Erstmals elektrische Kopplung von Muskelzellen und Makrophagen im Herzen nachgewiesen / Erkenntnisse könnten neue Therapieansätze bei Herzinfarkt und Herzrhythmus-Störungen ermöglichen / Publikation am 20. April 2017 in Cell

Makrophagen, auch Fresszellen genannt, sind Teil des Immunsystems und spielen eine wesentliche Rolle in der Abwehr von Krankheitserregern und bei der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Forschungsexpedition „Meere und Ozeane“ mit dem Ausstellungsschiff MS Wissenschaft

24.04.2017 | Veranstaltungen

3. Bionik-Kongress Baden-Württemberg

24.04.2017 | Veranstaltungen

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Phoenix Contact übernimmt Spezialisten für Netzleittechnik

24.04.2017 | Unternehmensmeldung

Phoenix Contact beteiligt sich an Berliner Start-up Unternehmen für Energiemanagement

24.04.2017 | Unternehmensmeldung

Phoenix Contact übernimmt Spezialisten für industrielle Kommunikationstechnik

24.04.2017 | Unternehmensmeldung