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Ziel der Rheumaforscher in Berlin: Das Krankheitsgedächtnis für Rheuma löschen

12.12.2008
Autoimmunerkrankungen wie rheumatoide Arthritis, Lupus erythematodes oder multiple Sklerose entstehen, wenn das Immunsystem körpereigenes Gewebe angreift. Eine wichtige Rolle spielen dabei überaktive Gedächtniszellen des Immunsystems, die sich nach erfolgreicher Abwehr eines Krankheitserregers verselbstständigen und weiter gegen einen vermeintlichen Feind kämpfen, obwohl der "Krieg" längst zu Ende ist.

Wissenschaftler des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums (DRFZ) in Berlin erforschen das "immunologische Gedächtnis" und seine Entgleisungen. Daraus wollen sie neue Strategien für die Behandlung dieser schweren Krankheiten ableiten.

Die derzeitige Behandlung chronisch-entzündlicher rheumatischer Erkrankungen basiert auf der ungezielten Unterdrückung des überaktiven Immunsystems, das sich gegen den eigenen Körper richtet. Eine Heilung ist dadurch in der Regel nicht möglich, die Erkrankung kehrt nach Absetzen der Therapie zurück. "Das Immunsystem erinnert sich an das Rheuma", sagt Professor Andreas Radbruch, Wissenschaftlicher Direktor des DRFZ.

Basis dieser Erinnerung ist das "immunologische Gedächtnis", das erst seit kurzem näher erforscht ist und den gesunden Menschen vor Krankheiten schützt, die er zuvor überstanden hat. Wird der Körper erneut mit dem Krankheitsauslöser (Antigen) konfrontiert, ist dank der Gedächtniszellen eine schnellere und effizientere Abwehr möglich. Danach wird die Aktivität dieser Zellen durch ein kompliziertes Regelwerk wieder heruntergefahren. Bei Autoimmunerkrankungen entziehen sich die Zellen jedoch dieser Kontrolle und entwickeln ein Eigenleben.

Das immunologische Gedächtnis wird vor allem von zwei Zelltypen des Immunsystems bestimmt: von langlebigen T-Lymphozyten, die Immunreaktionen über verschiedene Botenstoffe (Zytokine) regulieren, sowie von langlebigen B-Lymphozyten, so genannten Plasmazellen, die schützende Antikörper produzieren.

Bei Autoimmunerkrankungen richten sich diese Antikörper jedoch gegen körpereigenes Gewebe, daher spricht man von Autoantikörpern (auto= selbst, eigen). Langlebige Plasmazellen entstehen beim zweiten Kontakt des Immunsystems mit einem Antigen. Sie wandern danach ins Knochenmark oder in entzündetes Gewebe. Dort docken sie an Bindegewebszellen an, die ihnen eine geschützte Nische bieten, wo sie sich dem Zugriff des immunologischen Kontrollsystems ebenso entziehen wie dem Angriff durch immunsuppressive Medikamente. Sie teilen sich nicht mehr, verlieren ihre Fähigkeit zu wandern, produzieren aber weiter Autoantikörper.

"Ohne Frage sind langlebige Plasmazellen ein interessantes neues therapeutisches Ziel", sagt Radbruch. Die Konzentration der Wissenschaftler auf die Plasmazellen allein greift jedoch zu kurz, denn wahrscheinlich sind auch Gedächtnis-T-Lymphozyten an der Aufrechterhaltung entzündlich-rheumatischer Erkrankungen beteiligt. Diese entstehen durch mehrfachen Kontakt mit einem Antigen, der sie entscheidend prägt und verändert. Bei diesem Prozess werden bestimmte Gene stillgelegt und andere dauerhaft eingeschaltet, die fortan in Botenstoffe übersetzt werden, die das immunologische Gleichgewicht aus dem Ruder laufen lassen. Ein solchermaßen aktiviertes Gen ist z. B. twist1. "T-Lymphozyten mit außergewöhnlich hoher twist1-Expression dominieren in chronisch entzündetem Gewebe von Patienten mit rheumatoider Arthritis, reaktiver Arthritis oder Morbus Crohn", so Radbruch.

Um das immunologische Gedächtnis für rheumatische Erkrankungen dauerhaft zu löschen, erklärt der Wissenschaftler, müssen künftig beide Zelltypen ins Visier genommen werden. Dass die Löschung des immunologischen Gedächtnisses prinzipiell funktioniert, zeigen die Erfahrungen an Patienten, bei denen das Immunsystem zunächst durch Chemotherapie völlig zerstört und anschließend durch eine Transplantation eigener Stammzellen wieder aufgebaut wurde. Mit ihrem neuen Immunsystem haben die Patienten die Krankheit meistens überwunden. Diese Art Therapie ist jedoch wegen des vorübergehenden, aber lebensgefährlichen Infektionsrisikos für eine breite Anwendung nicht geeignet. Für die Zukunft setzt Radbruch daher auf subtilere Methoden, mit denen die Gedächtniszellen im Körper gezielt aufgesucht und ausgeschaltet werden können. Die Wissenschaftler des DRFZ haben mit ihren Erkenntnissen zur Funktion des immunologischen Gedächtnisses bereits die Basis dafür gelegt.

Am 13. Dezember 1988 errichteten das Land Berlin und das Immanuel-Krankenhaus, die damalig einzige Rheumaklinik West-Berlins, eine Stiftung mit dem Namen Deutsches Rheuma-Forschungszentrum (DRFZ) Berlin. Ziel war eine bessere Diagnostik und Therapie sowie eine umfassende Prävention rheumatischer Erkrankungen. Seitdem hat sich das DRFZ zu einem Motor des rheumatologischen Fortschritts entwickelt und sowohl in der Grundlagen-, als auch in der Versorgungsforschung Meilensteine gesetzt.

Am 13. Dezember 2008 feiert das DRFZ sein 20jähriges Bestehen und die Aufnahme in die Leibniz-Gemeinschaft zum 1. Januar.2009 mit einem Festakt. Das DRFZ ist dann ein reguläres Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft, der es bisher als assoziiertes Mitglied angegliedert war. Zur Leibniz-Gemeinschaft gehören 82 außeruniversitäre Forschungsinstitute, die gezielt und interdisziplinär Forschungsfragen von hoher gesellschaftlicher Bedeutung bearbeiten.

Interessierte Journalisten sind herzlich eingeladen. Der Festakt beginnt um 17.00 Uhr im DRFZ, Charitéplatz 1, 10117 Berlin. Um Anmeldung wird gebeten. Das Programm kann auf der Webseite des DRFZ eingesehen werden.

Kontakt:
Deutsches Rheuma-Forschungszentrum Berlin
Öffentlichkeitsarbeit | Jacqueline Hirscher
Charitéplatz 1
10117 Berlin
Tel.: 030 - 284 60 793
Fax: 030 - 284 60 603
info@drfz.de

Jacqueline Hirscher | idw
Weitere Informationen:
http://www.drzf.de

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