Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wissenschaftler entdecken den Ursprung einer Riesensynapse im Hörsystem

24.06.2013
Wie lokalisieren wir eine Geräuschquelle? Woher weiß unser Gehirn, wo genau in einem Raum der Ursprung dieses Geräuschs ist?

Verantwortlich dafür ist eine Riesenynapse im Gehirn, die eine effektive und zeitgenaue Verarbeitung von Hörinformationen möglich macht. Wissenschaftler der ETH Lausanne (EPFL) haben im Rahmen des Schwerpunktprogramms SPP 1608 der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) nun den Mechanismus offen gelegt, der das Wachstum dieser Synapse antreibt. Das Schwerpunktprogramm wird an der Technischen Universität Kaiserslautern von Professor Eckhard Friauf koordiniert www.pp1608.com).

Mit einer bemerkenswerten Genauigkeit können Menschen wie auch die meisten Säugetiere den Ursprung eines Geräuschs lokalisieren. Diese Fähigkeit begleitet uns den ganzen Tag über – sei es beim Überqueren der Straße oder bei der Ortung eines klingelnden Handys.

Das Gehirn benutzt für die Ortung einer Schallquelle den Zeit- und Intensitätsunterschied des ankommenden Schallsignals zwischen beiden Ohren. Dazu muss die Hörinformation des jeweils gegenüberliegenden Ohres rasch auf die andere Seite des Gehirns übermittelt werden.In dieser Verbindung spielt eine Riesensynapse, an der Informationen erstaunlich schnell - in weniger als 1/1000 Sekunde - übertragen werden können, eine wesentliche Rolle.

Das Team um Professor Ralf Schneggenburger hat nun die Rolle eines bestimmten Proteins entschlüsselt, welches das Wachstum dieser gigantischen Synapse anstößt. Diese Entdeckung könnte auch der Erforschung einer Reihe neuropsychiatrischer Krankheiten dienen.

Riesenynapsen ermöglichen schnellere Kommunikation

Normalerweise empfangen Neuronen tausende von Kontaktpunkten – bekannt unter der Bezeichnung Synapse – von vorgeschalteten Neuronen. Innerhalb eines bestimmten Zeitfensters muss ein Neuron mehrere erregende synaptische Signale erhalten, um selbst einen elektrischen Impuls aussenden zu können. So kommt es, dass der Informationsaustausch zwischen den Neuronen in vielen Teilen des Gehirns relativ zufällig.

Im auditorischen Teil des Hirns ist dies anders. Synapsen wachsen oft bis zu einer extremen Größe heran: Diese Riesensynapsen heißen Held'sche Calyxsynapsen nach ihrem Entdecker Hans Held, Leipziger Anatom vor mehr als 100 Jahren. Da sie über mehrere hunderte von Kontaktpunkten verfügen, sind sie in der Lage auch ein Signal allein zu ihrem nachgeschalteten Neuron zu senden. „Es ist fast wie eine Eins-zu-eins-Kommunikation zwischen den Neuronen“, erklärt EPFL-Professor Ralf Schneggenburger, Leiter der Studie. So können Informationen extrem schnell innerhalb einer Millisekunde verarbeitet werden, während dies in den meisten anderen Neuronenschaltungen mehr als 10 Millisekunden braucht.

Die Bestimmung des Proteins

Zur Isolierung des Proteins, welches für die Wachstumskontrolle des Heldischen Calyx verantwortlich ist, war akribische Forschung notwendig. Die Forscher begannen mit Genexpressionsanalysen bei Mäusen, um unter den ca. 20.000 Genen einer Maus die wesentlich beteiligten Proteine zu identifizieren. Sie fanden Hinweise für die Rolle von sogenannten Proteinen der "BMP" Famile ("bone morphogenetic proteins").

Um sicher zu sein, das richtige Protein ausfindig gemacht zu haben, schalteten die Forscher BMP-Proteinrezeptoren im auditiven Teil der Mäusehirne ab. "Das elektrophysiologische Signal des Held'schen Calyx war signifikant verändert", erklärt Le Xiao, Erstautorin der Studie. "Dies legte einen großen anatomischen Unterschied nahe."

Anschließend rekonstruierten die Wissenschaftler die Synapse dreidimensional aus Ultradünnschnitten, die unter dem Elektronenmikroskop beobachtet wurden. Anstelle eines großen Held'schen Calyx, der fast die Hälfte des Neurons umfasst, zeigte die 3D-Aufnahme des Neurons mehrere kleine Synapsen. "Das zeigt, dass der Ablauf, in welcher das BMP-Protein eingebunden ist, nicht nur das Wachstum einer Synapse beeinflusst, sondern auch eine Auswahl durch Unterbindung der anderen Synapsen vollzieht", erklärt Schneggenburger.

Synaptische Verbindung - der Schlüssel zu manchem psychiatrischem Puzzle

Die Studie macht einen ersten Schritt zum Verständnis der molekularen Abläufe während der Entwicklung der ungewöhnlich großen Calyxsynapsen im Hörsystem von Mäusen. Ein besseres Verständnis der molekularen Mechanismen der Synapsenentwicklung könnte wichtig sein für die zukünftige Entschlüsselung von zentralnervöser Schwerhörigkeit, die z.Zt. nur wenig verstanden ist. Die Ergebnisse zeigen auch, dass das BMP-Protein ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Entstehung von synaptischen Verbindungen im Gehirn von Säugetieren spielt. Schneggenburger und seine Kollegen forschen derzeit an seiner Rolle in anderen Bereichen des Gehirns. "Manche neuropsychiatrische Erkrankung wie bspw. Schizophrenie und Autismus sind durch die abnormale Entwicklung von synaptischer Konnektivität in verschiedenen Bereichen des Gehirns charakterisiert“, erklärt Schneggenburger. Durch die Identifizierung und Erklärung der Rolle verschiedener Proteine in dieser Entwicklung hoffen die Wissenschaftler, mehr Licht in diese schlecht verstandene Erkrankungen zu bringen.

Thomas Jung | idw
Weitere Informationen:
http://www.pp1608.com
http://www.uni-kl.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Modularer Genverstärker fördert Leukämien und steuert Wirksamkeit von Chemotherapie
18.01.2018 | Deutsches Krebsforschungszentrum

nachricht Der Kobold in der Zange
17.01.2018 | Leibniz-Institut für Katalyse e. V. an der Universität Rostock

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Ein Atom dünn: Physiker messen erstmals mechanische Eigenschaften zweidimensionaler Materialien

Die dünnsten heute herstellbaren Materialien haben eine Dicke von einem Atom. Sie zeigen völlig neue Eigenschaften und sind zweidimensional – bisher bekannte Materialien sind dreidimensional aufgebaut. Um sie herstellen und handhaben zu können, liegen sie bislang als Film auf dreidimensionalen Materialien auf. Erstmals ist es Physikern der Universität des Saarlandes um Uwe Hartmann jetzt mit Forschern vom Leibniz-Institut für Neue Materialien gelungen, die mechanischen Eigenschaften von freitragenden Membranen atomar dünner Materialien zu charakterisieren. Die Messungen erfolgten mit dem Rastertunnelmikroskop an Graphen. Ihre Ergebnisse veröffentlichen die Forscher im Fachmagazin Nanoscale.

Zweidimensionale Materialien sind erst seit wenigen Jahren bekannt. Die Wissenschaftler André Geim und Konstantin Novoselov erhielten im Jahr 2010 den...

Im Focus: Forscher entschlüsseln zentrales Reaktionsprinzip von Metalloenzymen

Sogenannte vorverspannte Zustände beschleunigen auch photochemische Reaktionen

Was ermöglicht den schnellen Transfer von Elektronen, beispielsweise in der Photosynthese? Ein interdisziplinäres Forscherteam hat die Funktionsweise wichtiger...

Im Focus: Scientists decipher key principle behind reaction of metalloenzymes

So-called pre-distorted states accelerate photochemical reactions too

What enables electrons to be transferred swiftly, for example during photosynthesis? An interdisciplinary team of researchers has worked out the details of how...

Im Focus: Erstmalige präzise Messung der effektiven Ladung eines einzelnen Moleküls

Zum ersten Mal ist es Forschenden gelungen, die effektive elektrische Ladung eines einzelnen Moleküls in Lösung präzise zu messen. Dieser fundamentale Fortschritt einer vom SNF unterstützten Professorin könnte den Weg für die Entwicklung neuartiger medizinischer Diagnosegeräte ebnen.

Die elektrische Ladung ist eine der Kerneigenschaften, mit denen Moleküle miteinander in Wechselwirkung treten. Das Leben selber wäre ohne diese Eigenschaft...

Im Focus: The first precise measurement of a single molecule's effective charge

For the first time, scientists have precisely measured the effective electrical charge of a single molecule in solution. This fundamental insight of an SNSF Professor could also pave the way for future medical diagnostics.

Electrical charge is one of the key properties that allows molecules to interact. Life itself depends on this phenomenon: many biological processes involve...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

6. Technologie- und Anwendungsdialog am 18. Januar 2018 an der TH Wildau: „Intelligente Logistik“

18.01.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - März 2018

17.01.2018 | Veranstaltungen

2. Hannoverscher Datenschutztag: Neuer Datenschutz im Mai – Viele Unternehmen nicht vorbereitet!

16.01.2018 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Innovationen in der Bionik gesucht!

18.01.2018 | Förderungen Preise

6. Technologie- und Anwendungsdialog am 18. Januar 2018 an der TH Wildau: „Intelligente Logistik“

18.01.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Projekt "HorseVetMed": Forscher entwickeln innovatives Sensorsystem zur Tierdiagnostik

17.01.2018 | Agrar- Forstwissenschaften