Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wirksame Gentherapie für Kinder mit schwerer Immunkrankheit

11.11.2010
Neues Therapieverfahren hilft weltweit zum ersten Mal Patienten mit der Erberkrankung Wiskott-Aldrich-Syndrom

Weltweit erstmals konnten Kinder, die an der seltenen Immunkrankheit Wiskott-Aldrich-Syndrom (WAS) leiden, mit Hilfe einer Stammzellgentherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) behandelt werden.

In einer klinischen Studie ist es dem Team um Professor Dr. Christoph Klein, Direktor der MHH-Klinik für Pädiatrische Hämatologie und Onkologie, gelungen, mit Hilfe eines Gentherapeutikums die Symptome der Erbkrankheit zu beseitigen: Patienten zeigten bis zu vier Jahre nach dem Eingriff keine Krankheitszeichen mehr und führen ein normales Leben. Die Korrektur zeigt sich bei acht von zehn Kindern in allen Blutzellen stabil.

Ein Patient konnte nicht genug korrigierte Zellen erhalten, ein weiterer entwickelte als Nebenwirkung eine Leukämie. Erste Ergebnisse der beiden am längsten erfolgreich behandelten Patienten sind jetzt in der renommierten Fachzeitschrift „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht worden.

„Wir freuen uns alle über diese Erfolge einer neuen und offensichtlich wirksamen Therapie. Dennoch steht die Entwicklung der Gentherapie noch ganz am Anfang. Wir fühlen uns einer vorsichtigen und kritischen Vorgehensweise verpflichtet, denn neue Therapiemethoden bergen immer auch das Risiko unerwünschter Nebenwirkungen, die sich auch in dieser Studie leider nicht vermeiden ließen“, erklärt Professor Klein, der für seine Leistungen auf den Gebieten der Kinderheilkunde und Immunologie dieses Jahr von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) den hochdotierten Leibniz-Preis verliehen bekam.

Das Wiskott-Aldrich-Syndrom

Die ersten Symptome des Wiskott-Aldrich-Syndroms treten bereits im frühen Kindesalter auf. Dazu gehören schwere wiederkehrende Infektionen wie Lungenentzündungen. Auch Blutungen und Hautausschläge können Anzeichen der seltenen Krankheit sein. Patienten mit Wiskott-Aldrich-Syndrom haben ein hohes Risiko, Autoimmunerkrankungen, Leukämien oder Lymphome zu entwickeln. Unbehandelt führt der Immundefekt im Kindesalter zum Tod. Bislang konnten betroffene Kinder nur mit Hilfe einer Transplantation von Blutstammzellen eines Spenders gerettet werden. Dieses Verfahren ist jedoch häufig mit schweren Nebenwirkungen verbunden. „Die Gentherapie ist oft weniger belastend als die allogene Blutstammzelltransplantation, nach der schwere Komplikationen durch Unverträglichkeiten des Immunsystems auftreten können“, erklärt Dr. Kaan Boztug, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Rahmen dieser Gentherapiestudie und Erstautor der Veröffentlichung im „New England Journal of Medicine“. Die Erberkrankung beruht auf einer Genmutation, die die Bildung des WAS-Proteins beeinträchtigt.

Das Protein ist wesentlich für die Funktion des Zytoskeletts der Zelle und damit notwendig für die Reifung und Aktivierung der an der Immunabwehr beteiligten weißen Blutkörperchen (Leukozyten) und der Blutplättchen (Thrombozyten). Nach der erfolgreichen Gentherapie konnte das Forscherteam durch eine Vielzahl von molekularen Untersuchungen nachweisen, dass die entsprechenden Funktionen wiederhergestellt sind.

Therapie mit dem gesunden Gen

Der Gendefekt wird auf dem X-Chromosom vererbt und betrifft ausschließlich Jungen wie den heute fünfjährigen Felix Ott. Direkt nach seiner Geburt kam Felix auf die Intensivstation. Die Anzahl seiner Blutplättchen (Thrombozyten) war extrem niedrig – das kann zu lebensgefährlichen Blutungen führen. Ein Wiskott-Aldrich-Syndrom, wurde allerdings erst im Alter von dreieinhalb Jahren bei ihm diagnostiziert. Eine verzögerte Diagnose ist für Patienten mit seltenen Erkrankungen noch immer ein großes Problem. Die Ärzte prophezeiten dem Kind eine geringe Lebenserwartung. 2009 erhielt der aus Rheinland-Pfalz stammende Junge an der MHH die lebensrettende Gentherapie. Zuvor lebte Familie Ott in ständiger Angst. Jeder Sturz oder eine innere Blutung hätten für Felix den Tod bedeuten können. „Die Angst, ihn abends ins Bett zu legen und nicht zu wissen, ob er wegen einer inneren Blutung morgens vielleicht nicht mehr aufwacht, war der blanke Horror für uns“, erinnert sich die Mutter von Felix, Marion Ott.

Bei dem gentherapeutischen Verfahren wurden Felix zunächst seine eigenen Blutstammzellen (hämatopoetische Stammzellen) entnommen und gereinigt. Diese Stammzellen haben ihren Platz im Knochenmark, aus ihnen entstehen alle Zellen des Blutes und des Immunsystems. Im Labor schleusten die Forscher mit Hilfe eines retroviralen „Gentaxis“ (Vektor) eine gesunde Kopie des WAS-Gens in die Erbinformation der Stammzellen ein und gaben diese anschließend dem Patienten zurück. Nach der Transplantation der korrigierten Blutstammzellen normalisierten sich innerhalb eines Jahres die Zahl und Funktion der verschiedenen Blutzellen. Die Krankheitssymptome klangen vollständig ab. Felix kann nun ein normales Leben führen. Sein Vater Oliver Ott ist glücklich: „Heute kann unser Sohn mit anderen Kindern toben und spielen. Wir müssen ihn nicht mehr wie ein rohes Ei behandeln.“

Chancen und Risiken der Gentherapie

Bei der Gentherapie werden Körperzellen durch Transfer von genetischer Information in die Lage versetzt, einen fehlenden lebensnotwendigen Stoff, zum Beispiel ein Eiweiß, selbst herzustellen. Die Natur selbst liefert äußerst wirkungsvolle Transportvehikel in die Zelle: Viren sind sehr effiziente Genfähren. Um ein Virus als Genfähre benutzen zu können, wurden alle Virusgene entfernt, und stattdessen das gesunde WAS-Gen eingesetzt. Im Idealfall wird eine solche Gentherapie einmalig angewendet und erspart dem Patienten unter Umständen sogar die lebenslange Einnahme von Medikamenten.

Trotz der einfachen Grundidee ist die Gentherapie eine komplexe medizinische Behandlung, die Entwicklungspotenzial, aber auch Risiken aufweist. Die Sicherheit des Patienten hat neben der Aussicht auf Heilung höchste Priorität. Mögliche Nebenwirkungen der Gentherapie sind unerwünschte Genaktivierungen in einzelnen Zellen, sogenannte Insertionsmutagenesen, die im ungünstigsten Fall eine Krebserkrankung auslösen können. Eine engmaschige Kontrolle der transplantierten Patienten ist darum überaus wichtig. Professor Dr. Christof von Kalle vom Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) am DKFZ in Heidelberg ist ein international renommierter Spezialist auf dem Gebiet der Sicherheit von Gentherapiestudien.

Sein Team untersucht in regelmäßigen Abständen die korrigierten Blutstammzellen der Patienten auf krebsauslösende Faktoren. „Wenn auch bei den ersten WAS-Patienten zunächst keine Anzeichen einer Gefährdung durch Wachstum einzelner Klone beobachtet werden konnten, so sind mögliche Rückschläge nicht auszuschließen“, stellt der Heidelberger Experte für Gentherapie fest. So deuten erste Untersuchungen darauf hin, dass die Leukämie bei einem der Patienten durch die Insertion der retroviralen Vektoren mit ausgelöst wurde, ähnlich wie bei vorausgegangenen Gentherapiestudien in Paris und London.

„Neuere Genfähren könnten möglicherweise solche Nebenwirkungen verhindern, stehen uns aber derzeit noch nicht im klinischen Maßstab zur Verfügung“, sagte Klein. „Wir hoffen aber, dass wir diese Technologie bereits in einem Jahr in einer Nachfolgegeneration dieser Studie einsetzen können.“

Vor der klinischen Anwendung der Gentherapie hat das interdisziplinäre Team um Professor Klein auch mit einer Gruppe von Philosophen und Bioethikern zusammengearbeitet. „Für unsere Kinder mit Wiskott-Aldrich-Syndrom, für die sich keine passenden Blutstammzellspender finden, bietet die Gentherapie eine Chance auf eine Rückkehr in ein normales Leben. Ein Beispiel dafür ist Felix“, erklärt Professor Klein.

Care for Rare-Stiftung

Professor Klein gründete 2009 die Care-for-Rare Foundation, damit Kinder mit seltenen Erkrankungen schneller Zugang zu einer modernen genetischen Diagnostik und zu innovativen Therapieverfahren erhalten können. Die Care-for-Rare Stiftung kooperiert mit einem internationalen Netzwerk von Ärzten und Wissenschaftlern. Die Förderung der klinischen Forschung erfolgt derzeit mit einem besonderen Schwerpunkt auf Krankheiten des Blutes und des Immunsystems. (http://www.care-for-rare.org).

Weitere Informationen erhalten Sie bei Professor Dr. Christoph Klein, klein.christoph@mh-hannover.de, Telefon (0511) 532-6711.

Die Originalarbeit finden Sie unter http://www.nejm.org

Stefan Zorn | idw
Weitere Informationen:
http://www.care-for-rare.org
http://www.nejm.org

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen
24.03.2017 | Universität Bayreuth

nachricht Ultradünne CIGSE-Solarzellen: Nanostrukturen steigern den Wirkungsgrad
24.03.2017 | Helmholtz-Zentrum Berlin für Materialien und Energie GmbH

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Im Focus: Auf der Spur des linearen Ubiquitins

Eine neue Methode ermöglicht es, den Geheimcode linearer Ubiquitin-Ketten zu entschlüsseln. Forscher der Goethe-Universität berichten darüber in der aktuellen Ausgabe von "nature methods", zusammen mit Partnern der Universität Tübingen, der Queen Mary University und des Francis Crick Institute in London.

Ubiquitin ist ein kleines Molekül, das im Körper an andere Proteine angehängt wird und so deren Funktion kontrollieren und verändern kann. Die Anheftung...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

Über Raum, Zeit und Materie

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Cybersicherheit für die Bahn von morgen

24.03.2017 | Informationstechnologie

Schnell und einfach: Edge Datacenter fürs Internet of Things

24.03.2017 | CeBIT 2017

Designer-Proteine falten DNA

24.03.2017 | Biowissenschaften Chemie