Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Westafrikanische Fledermäuse – kein Paradies für Malaria-Erreger

17.10.2013
Westafrikanische Fledermäuse beherbergen große Vielfalt unterschiedlicher Haemosporidien

Fledermäuse machen in Europa in der Regel als gefährdete Arten von sich Reden, die vor allem durch den Verlust ihres Lebensraums bedroht sind. In den letzten Jahren sind Fledermäuse aber auch immer mehr in den Fokus von Infektionsmedizinern gerückt. Sie beherbergen nämlich erstaunlich viele Krankheitserreger, von denen einige auch dem Menschen gefährlich werden können.


Die Fledermaus Hipposideros cyclops beherbergt den Parasiten Plasmodium cyclopsi (links oben).
© N. Weber


Micropteropus pusillus mit einem Gametocyten des Parasiten Hepatocystis.
© MPI f. Infektionsbiologie/Schaer

Forscher des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie und dem Museum für Naturkunde in Berlin sowie dem American Museum of Natural History haben nun in westafrikanischen Fledermäusen vier Gattungen von Parasiten identifiziert, die mit dem Malaria-Erreger eng verwandt sind.

Darunter sind Erreger der Gattung Plasmodium, aus der auch die Arten stammen, die beim Menschen Malaria hervorrufen. Die Fledermaus-Plasmodien sind denen von Nagetieren sehr ähnlich und könnten deshalb dabei helfen, die Verteidigungsstrategien der Malaria-Erreger gegen Reaktionen des Immunsystems zu erforschen.

Fledermäuse können verschiedene Krankheiten auf den Menschen übertragen. Die Liste an Krankheitserregern, denen sie als natürliches Reservoir dienen, ist lang und enthält das Who-is-who gefürchteter Killerviren: Ebola-, Marburg-, Nipah-, Hendra und Lyssa-Viren. Auch die SARS-Epidemie 2002 in Asien sowie die Übertragung eines bislang unbekannten Virus auf den Menschen 2013 im Nahen Osten (MERS) gehen auf Viren zurück, die von Fledermäusen auf den Menschen übergesprungen sind. Das Immunsystem der Fledermäuse hält all diese Viren sehr gut in Schach. Dagegen verlaufen die Infektionen bei Menschen oft tödlich.

Die Forscher haben nun in westafrikanischen Fledermäusen auch eine erstaunliche Vielfalt von Blutparasiten gefunden. Sie haben 31 Fledermaus-Arten aus dem westafrikanischen Regenwald in Guinea, Liberia und der Elfenbeinküste auf das Vorkommen von Parasiten, die die roten Blutzellen befallen, untersucht. 40 Prozent der rund 270 analysierten Tiere waren mit Parasiten der Gattungen Plasmodium, Polychromophilus, Nycteria und Hepatocystis befallen. Mindestens zwei Plasmodium-Arten kommen der Studie zufolge bei Fledermäusen vor. Die Fledermaus-Erreger weisen dabei große Ähnlichkeit mit denen von Nagetieren auf. „In den Tropen leben verschiedene baumbewohnende Nager-Arten in der Nähe zu den Fledermäusen, die in Baumhöhlen schlafend wahrscheinlich von denselben Moskitos gestochen werden. Dadurch scheinen leicht Parasiten von einer Tiergruppe zur anderen zu wechseln“, erklärt Juliane Schaer vom Berliner Max-Planck-Institut.

Plasmodien sind die Erreger der Malaria, der weltweit bedeutendsten Vektor-übertragenen Infektionskrankheit. Die Einzeller vermehren sich in unterschiedlichen Wirtszellen und durchlaufen dabei einen komplizierten Lebenszyklus mit zwei Wirten. Sie pflanzen sich in Insekten, in der Regel der Anopheles-Mücke, sexuell fort. Eine asexuelle Vermehrung erfolgt nach einem Mückenstich in unterschiedlichen Klassen von Wirbeltieren. Mit Hilfe eines Erbgutvergleichs konnten die Forscher einen Stammbaum der Haemosporidien bei Fledermäusen erstellen. Demnach haben die Erreger unter den Säugetieren als Erstes Fledermäuse infiziert. „Später in der Evolution sind sie dann auf Nagetiere und Primaten übergesprungen“, sagt Susan Perkins vom American Museum of Natural History in New York.

Warum Fledermäuse so vielen Mikroorganismen als Wirte dienen, ist noch nicht völlig geklärt. „Eine Rolle spielt sicherlich, dass sie eine evolutionär sehr alte Tiergruppe sind, die zudem eine große Anzahl unterschiedlicher Arten umfasst. Darüber hinaus begünstigt ihre Flugfähigkeit und die Neigung, sich in großen Gruppen zusammen zu finden, die Ausbreitung von Parasiten“, erklärt Schaer.

Als Folge dieser Bedrohung durch Krankheitserreger haben Fledermäuse ein hoch entwickeltes Immunsystem ausgebildet. Dies könnte die Erklärung für den Befund der Wissenschaftler sein, dass manche Fledermaus-Arten zu über 60 Prozent mit Haemosporidien infiziert sind und die Erreger in Schach halten ohne zu erkranken. „Außerdem findet die rasche asexuelle Vermehrung bei den Gattungen Polychromophilus, Nycteria und Hepatocystis in Fledermäusen nicht mehr in den roten Blutkörperchen statt wie beim Menschen, sondern ausschließlich in Leberzellen. Diese Leberphase ist auch beim Menschen klinisch nicht bemerkbar. Vielleicht hat das effektive Immunsystem die Erreger aus den Blutzellen verjagt und sie mussten sich auf die Ausbreitung in der Leber beschränken“, sagt Kai Matuschewski, Leiter der Forschungsgruppe Parasitologie am Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie.

Für die Forscher bieten die Fledermaus-Haemopsoridien die Chance, die Anpassungen der Erreger an neue Organismen und damit Immunreaktionen eines Organismus zu erforschen. Darüber hinaus lässt sich auch etwas über die Malaria-Erreger beim Menschen lernen. Viele Studien zu Impfstoffen und Anti-Malaria-Medikamenten nutzen Mäuse als Modellsystem. Da die Fledermaus-Erreger ihren Verwandten in den Nagetieren so ähnlich sind, könnten sie möglicherweise leicht auf Mäuse übertragen und untersucht werden.

Ansprechpartner

Dr. Juliane Schaer
Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie, Berlin
Telefon: +49 177 4623538
E-Mail: schaer@­mpiib-berlin.mpg.de
Kai Matuschewski
Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie, Berlin
E-Mail: matuschewski@­mpiib-berlin.mpg.de
Dr. Sabine Englich
Pressebeauftragte
Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie, Berlin
Telefon: +49 30 28460-142
Fax: +49 30 28460-270
E-Mail: englich@­mpiib-berlin.mpg.de
Originalpublikation
Juliane Schaer, Susan L. Perkins, Jan Decher, Fabian H. Leendertz, Jakob Fahr, Natalie Weber, and Kai Matuschewski
High diversity of West African bat malaria parasites and a tight link with rodent Plasmodium taxa

PNAS, 22. Oktober 2013

Dr. Juliane Schaer | Max-Planck-Institut
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de/7572516/fledermaeuse_malaria

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Feinste organische Partikel in der Atmosphäre sind häufiger glasartig als flüssige Öltröpfchen
21.04.2017 | Max-Planck-Institut für Chemie

nachricht Darmflora beeinflusst das Altern
21.04.2017 | Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Immunzellen helfen bei elektrischer Reizleitung im Herzen

Erstmals elektrische Kopplung von Muskelzellen und Makrophagen im Herzen nachgewiesen / Erkenntnisse könnten neue Therapieansätze bei Herzinfarkt und Herzrhythmus-Störungen ermöglichen / Publikation am 20. April 2017 in Cell

Makrophagen, auch Fresszellen genannt, sind Teil des Immunsystems und spielen eine wesentliche Rolle in der Abwehr von Krankheitserregern und bei der...

Im Focus: Tief im Inneren von M87

Die Galaxie M87 enthält ein supermassereiches Schwarzes Loch von sechs Milliarden Sonnenmassen im Zentrum. Ihr leuchtkräftiger Jet dominiert das beobachtete Spektrum über einen Frequenzbereich von 10 Größenordnungen. Aufgrund ihrer Nähe, des ausgeprägten Jets und des sehr massereichen Schwarzen Lochs stellt M87 ein ideales Laboratorium dar, um die Entstehung, Beschleunigung und Bündelung der Materie in relativistischen Jets zu erforschen. Ein Forscherteam unter der Leitung von Silke Britzen vom MPIfR Bonn liefert Hinweise für die Verbindung von Akkretionsscheibe und Jet von M87 durch turbulente Prozesse und damit neue Erkenntnisse für das Problem des Ursprungs von astrophysikalischen Jets.

Supermassereiche Schwarze Löcher in den Zentren von Galaxien sind eines der rätselhaftesten Phänomene in der modernen Astrophysik. Ihr gewaltiger...

Im Focus: Deep inside Galaxy M87

The nearby, giant radio galaxy M87 hosts a supermassive black hole (BH) and is well-known for its bright jet dominating the spectrum over ten orders of magnitude in frequency. Due to its proximity, jet prominence, and the large black hole mass, M87 is the best laboratory for investigating the formation, acceleration, and collimation of relativistic jets. A research team led by Silke Britzen from the Max Planck Institute for Radio Astronomy in Bonn, Germany, has found strong indication for turbulent processes connecting the accretion disk and the jet of that galaxy providing insights into the longstanding problem of the origin of astrophysical jets.

Supermassive black holes form some of the most enigmatic phenomena in astrophysics. Their enormous energy output is supposed to be generated by the...

Im Focus: Neu entdeckter Exoplanet könnte bester Kandidat für die Suche nach Leben sein

Supererde in bewohnbarer Zone um aktivitätsschwachen roten Zwergstern gefunden

Ein Exoplanet, der 40 Lichtjahre von der Erde entfernt einen roten Zwergstern umkreist, könnte in naher Zukunft der beste Ort sein, um außerhalb des...

Im Focus: Resistiver Schaltmechanismus aufgeklärt

Sie erlauben energiesparendes Schalten innerhalb von Nanosekunden, und die gespeicherten Informationen bleiben auf Dauer erhalten: ReRAM-Speicher gelten als Hoffnungsträger für die Datenspeicher der Zukunft.

Wie ReRAM-Zellen genau funktionieren, ist jedoch bisher nicht vollständig verstanden. Insbesondere die Details der ablaufenden chemischen Reaktionen geben den...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungen

Baukultur: Mehr Qualität durch Gestaltungsbeiräte

21.04.2017 | Veranstaltungen

Licht - ein Werkzeug für die Laborbranche

20.04.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Intelligenter Werkstattwagen unterstützt Mensch in der Produktion

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Forschungszentrum Jülich auf der Hannover Messe 2017

21.04.2017 | HANNOVER MESSE

Smart-Data-Forschung auf dem Weg in die wirtschaftliche Praxis

21.04.2017 | Veranstaltungsnachrichten