Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Weniger Vielfalt im Süden - Phylogeographische Untersuchungen an Argentinischer Landschildkröte

10.02.2012
Wissenschaftler des Senckenberg Forschungsinstituts Dresden haben anhand von DNA-Untersuchungen zusammen mit Kollegen aus Südamerika, den USA und Österreich herausgefunden, dass sich hinter den drei Arten der Argentinischen Landschildkröte Chelonoidis chilensis nur eine einzige verbirgt. Sie zeigen außerdem, dass auf der Südhalbkugel die genetische Vielfalt dieser Reptilien in Richtung Süden abnimmt. Die zugehörige Studie ist heute im Fachblatt „Zoologica Scripta" erschienen.

Die südamerikanische Landschildkröte Chelonoidis chilensis ist zwar deutlich kleiner, als ihre berühmte Verwandte, die Galapagos-Riesenschildkröte, aber mindestens genauso interessant.


Argentinische Landschildkröte vor ihrer Unterkunft
© Peter Praschag


Nicht gerade ein Sprinter – die Argentinische Landschildkröte Chelonoidis chilensis
© Peter Praschag

Die morphologischen Unterschiede und insbesondere die unterschiedliche Körpergröße der Panzerträger haben dazu geführt, dass diese südamerikanischen Landschildkröten bisher in die drei nominellen Arten Chelonoidis chilensis, Chelonoidis. donosobarrosi und Chelonoidis petersi unterteilt wurden.

„Von ‚nominellen Arten‘ spricht man, wenn diese zwar nomen-klatorisch unterschieden werden, aber nicht eindeutig Stellung bezogen wird, ob diese auch wirklich verschieden sind“, erklärt Professor Uwe Fritz, „Wir haben das Erbgut dieser Tiere untersucht und nur vernachlässigbar geringe Unterschiede feststellen können. Daher gehen wir davon aus, dass es sich nur um eine einzige Art handelt.“

Die nördlichen Argentinischen Landschildkröten erreichen gerade einmal eine Panzerlänge von 17 Zentimetern, während die südlichen mit mehr als 43 Zentimetern mehr als doppelt so groß werden. Das unterschiedliche Aussehen der Tiere, die von der trockenen Gran Chaco-Region im Inneren Südamerikas bis ins nördliche Patagonien verbreitet sind, erklären die Dresdner Wissenschaftler mit der „Bergmann'schen Regel“. Diese besagt, dass die Körpergröße bei Schildkröten mit dem geographischen Breiten¬grad zunimmt, die gleiche Art ist demnach im Süden größer als im Norden des Verbreitungsgebiets.

Umgekehrt verhält es sich mit der genetischen Vielfalt der Landschildkröte: diese nimmt von Norden nach Süden ab. Der Äquator ist demnach eine Art Spiegel, denn auch auf der Nordhalbkugel verringert sich die genetische Diversität mit steigenden Breitengraden – das Bild des „genetisch reichen Südens“ und des „genetisch einheitlichen Nordens“ ist dort schon lange bekannt. Die phylogeographischen Untersuchungen von Fritz und seinen Kollegen bestätigen das Muster nun auch für die Südhalbkugel. Die Chelonoidis chilensis ist damit – neben einem patagonischen Frosch – erst der zweite Fall, der das Modell des genetisch „reichen Nordens und einheitlichen Südens“ beschreibt.

Eine Erklärung für diese Muster sind die während der letzten Eiszeit entstandenen „Glazialrefugien“. Dort fanden wärme-liebende Tiere und Pflanzen, die durch die Vereisung in weiten Teilen ihres Verbreitungsgebietes ausstarben, kleine Zufluchts-stätten und überlebten. Mit der Erwärmung in der Nacheiszeit breiteten sich die Arten wieder aus. Während in den Refugien eine relativ große genetische Vielfalt erhalten blieb, zeichnen sich die Populationen in den wiederbesiedelten Gebieten durch eine viel geringere Vielfalt aus, da sie auf relativ wenige Gründerindividuen zurückgehen.

„Auf beiden Hemisphären nimmt die genetische Diversität in höheren Breitengraden mit zunehmender Entfernung vom Glazialrefugium ab“, erläutert Fritz die Ergebnisse „Erstaunlich fanden wir aber, dass die Schildkröten in relativ kurzer Zeit den südlichen, vormals lebensfeindlichen Raum zurück erobert haben.“

Denn Schildkröten bewegen sich erfahrungsgemäß nur sehr langsam – wie schafften sie es dennoch in maximal 10.000 Jahren eine Distanz von 1.000 Kilometern zu überbrücken?

Fritz und Kollegen gehen davon aus, dass die südamerikanischen Landschildkröten durch Hochwasserereignisse mitgerissen wurden und auf Treibgut den Desguadero-Fluss entlang in Richtung Süden drifteten.

Kontakt
Prof. Dr. Uwe Fritz
Senckenberg Naturhistorische SammlungenDresden
Tel. 0351 - 795841 4326
Uwe.Fritz@senckenberg.de

Pressestelle
Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Judith Jördens
Tel. 069- 7542 1434
judith.joerdens@senckenberg.de

Publikation
Fritz, U., Alcade, L. Vargas-Ramirez, M., Goode, E. V., Fabius-Turoblin, D.U. & Praschag, P. (2012): Northern genetic richness and southern purity, but just one species in the Chelonoidis chilensis complex, Zoologica Scripta, DOI 10.1111/j.1463-6409.2012.00533.x

Die Erforschung von Lebensformen in ihrer Vielfalt und ihren Ökosystemen, Klimaforschung und Geologie, die Suche nach vergangenem Leben und letztlich das Verständnis des gesamten Systems Erde-Leben – dafür arbeitet die SENCKENBERG Gesellschaft für Naturforschung. Ausstellungen und Museen sind die Schaufenster der Naturforschung, durch die Senckenberg aktuelle wissenschaftliche Ergebnisse mit den Menschen teilt und Einblick in vergangene Zeitalter sowie die Vielfalt der Natur vermittelt.

Judith Jördens | idw
Weitere Informationen:
http://www.senckenberg.de
http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1463-6409.2012.00533.x/abstract

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Chlamydia: How bacteria take over control
28.03.2017 | Julius-Maximilians-Universität Würzburg

nachricht Kontinentalrand mit Leckage
27.03.2017 | MARUM - Zentrum für Marine Umweltwissenschaften an der Universität Bremen

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

Zweites Symposium 4SMARTS zeigt Potenziale aktiver, intelligenter und adaptiver Systeme

27.03.2017 | Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Fließender Übergang zwischen Design und Simulation

27.03.2017 | HANNOVER MESSE

Industrial Data Space macht neue Geschäftsmodelle möglich

27.03.2017 | HANNOVER MESSE

Neue Sicherheitstechnik ermöglicht Teamarbeit

27.03.2017 | HANNOVER MESSE