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Weltweit ältester molekulargenetischer Beweis einer Kernfamilie erbracht

19.11.2008
Veröffentlichung in PNAS

Mit einem multidisziplinären Ansatz haben Wissenschaftler der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, der University of Adelaide und der University of Bristol in Kooperation mit dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie und dem Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle die genetischen Verwandtschaftsverhältnisse analysiert. So wurde in einem Grab eine direkte Eltern-Kind-Verwandtschaft entdeckt - der bislang älteste molekulargenetische Beweis für eine Kernfamilie.

Im Jahr 2005 haben Archäologen in der Nähe von Eulau in Sachsen-Anhalt ein steinzeitliches Gräberfeld entdeckt. Die 4600 Jahre alten Gräber enthielten Gruppierungen von Erwachsenen und Kindern, die Gesicht zu Gesicht beerdigt worden sind - vermutlich Opfer eines gewalttätigen Angriffs. Mit einem multidisziplinären Ansatz haben Wissenschaftler der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, der University of Adelaide und der University of Bristol in Kooperation mit dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie und dem Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle die genetischen Verwandtschaftsverhältnisse analysiert.

So wurde in einem Grab eine direkte Eltern-Kind-Verwandtschaft entdeckt - der bislang älteste molekulargenetische Beweis für eine Kernfamilie. Weitere Erhebungen zeigten, dass es sich bei der Gesellschaft der späten Steinzeit offenbar um Gemeinschaften handelte, die außerhalb der Sippe heirateten und in der sich die Familien am Wohnort des Mannes niederließen. Die Untersuchungen wurden in der neuesten Ausgabe der Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) veröffentlicht.

Viele Menschen der Gegenwart sind fasziniert vom Schicksal vergangener Gesellschaften und sind an den Umständen interessiert, wie und warum archäologische Kulturen entstehen und wieder verschwinden. Diese Faszination ist noch viel größer, wenn Archäologen in der Lage sind, Details über das Leben im prähistorischen Alltag von einzelnen Individuen und unter bestimmten Voraussetzungen auch ihre Todesumstände zu präsentieren. Friedhöfe und Bestattungen liefern seitens der Archäologie aus erster Hand nützliche Informationen über (prä)historische Gesellschaften, zum Beispiel über Bestattungssitten und Bestattungsumstände. Diese Untersuchungen gewinnen jedoch erheblich an Bedeutung, wenn die Individuen selbst Gegenstand der Forschung werden. "Die Gedankenwelt unserer Vorfahren im Umgang mit dem Tod und die Beziehung der Lebenden zu den Toten erschließt sich dem Anthropologen mehr oder weniger aus der Beschäftigung mit den sterblichen Überresten unserer Vorfahren. Die anthropologische Analyse von Skelettresten ist daher mehr als nur ein Schlüssel zu Informationen über die biologischen Parameter in früheren Bevölkerungen", teilte Univ.-Prof. Dr. Kurt W. Alt vom Institut für Anthropologie der Universität Mainz mit.

Leider aber sind naturwissenschaftliche Untersuchungen auf interdisziplinärer Ebene noch keine Selbstverständlichkeit. In dem Beitrag in der neuesten Ausgabe der Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America (PNAS) legen die Wissenschaftler die detaillierten Ergebnisse eines multi-interdisziplinären Ansatzes vor, der Archäologie, Physische Anthropologie, Molekulargenetik (aDNA) und Biogeochemie (stabile Isotopen) umfasst. Dieser umfassende Ansatz ermöglichte es, in enger Zusammenarbeit präzise das Szenario einer Tragödie zu rekonstruieren, die sich vor 4600 Jahren ereignet hat. "Dabei ragt als ein Befund heraus, dass wir den bisher weltweit ältesten molekulargenetischen Beweis einer Kernfamilie erbringen konnten", so Alt.

Im Jahr 2005 wurden vier Mehrfachbestattungen in Eulau, Sachsen-Anhalt, entdeckt und ausgegraben. Das Besondere an diesen Mehrfachbestattungen war nicht nur die Gewalt, der diese Menschen - gleichzeitig - zum Opfer fielen, es ist auch die große Sorgfalt bei der Niederlegung der Verstorbenen, welche die Frage aufwirft, was an diesem längst vergangenen Tag geschah und in welcher Beziehung die Menschen zueinander standen, sodass ihr Schicksal sie vereinte. Kombiniert man die Resultate verschiedener, eng innerhalb des Projektes verbundener Disziplinen, erlaubt dies, das tragische Ereignis am Ende der Jungsteinzeit vor über 4000 Jahren zu rekonstruieren. Darüber hinaus waren die Wissenschaftler in der Lage, die verwandtschaftlichen Beziehungen der in Eulau Bestatteten bis auf den Nachweis einer Kernfamilie aufzudecken und die soziale Struktur der Gesellschaft zu erhellen, welche exogam und patrilokal organisiert war.

Die interdisziplinäre Studie repräsentiert ein herausragendes Beispiel für das Potenzial eines Forschungsfeldes, welches als Bioarchäologie Archäologie und Naturwissenschaften integrativ vereint. Modernste Anwendungen aus den Lebenswissenschaften, bewährte anthropologische Verfahren und archäologische Untersuchungen versuchen auf diese Weise Lücken in unserem Wissen zu füllen, die uns den Zugang zu vergangenen Zeiten erleichtern.

Die Mehrfachbestattungen von Eulau, die in dem Artikel detailliert beschrieben werden, sind im neu eröffneten Landesmuseum Sachsen-Anhalt, Deutschland, dauerhaft ausgestellt. Seit Beginn der Dauerausstellung am 23. Mai 2008 haben diese Funde, die Seite an Seite mit der Himmelscheibe von Nebra gezeigt werden, ein enormes Interesse der Öffentlichkeit hervorrufen.

Kontakt und Informationen:
Univ.-Prof. Dr. Kurt W. Alt
Institut für Anthropologie
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Tel. +49 6131 39-22242
Fax +49 6131 39-25132
E-Mail: altkw@mail.uni-mainz.de
E-Mail: minneken@uni-mainz.de

Petra Giegerich | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-mainz.de/FB/Biologie/Anthropologie/

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