Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Welteroberung im Schneckentempo - Ausbreitung der invasiven Mittelmeer-Ackerschnecke

15.09.2014

Wissenschaftler des Senckenberg Forschungsinstitutes in Görlitz haben die Verbreitung der invasiven Mittelmeer-Ackerschnecke untersucht. Das Weichtier besiedelt bereits weite Teile Europas, Australiens sowie Nord- und Südamerikas.

Erstmals wurde sie unter anderem in Mexiko, Costa Rica und Ecuador nachgewiesen. Die Art ist regional ein bedeutender Agrarschädling – scheint aber in extrem kalten oder heißen Gebieten an ihre Ausbreitungsgrenzen zu stoßen. In der vor Kurzem im Fachjournal „NeoBiota“ erschienenen Studie identifizieren die Senckenberger zudem potentielle weitere Einwanderungsländer für die Schneckenart.


Eine Schnecke erobert die Welt: Deroceras invadens

© Hutchinson


Wohl fühlt sich die invaDie Nacktschneckenart wird durch Importe eingeschleppt.

© Hutchinson

Vermutlich mit Gemüselieferungen aus Italien kam sie im Jahr 1977 in Westdeutschland an, in den neuen Bundesländern wurde sie erstmals ein Jahr nach der Maueröffnung gesichtet: Die Mittelmeer-Ackerschnecke Deroceras invadens. Wie der Name schon vermuten lässt – invadere kommt aus dem lateinischen und bedeutet so viel wie „eindringen“ – besiedelt die Schnecke gerne neue Lebensräume.

„Mittlerweile begegnet man dieser Nacktschnecken-Art beinah weltweit“, erzählt Dr. Heike Reise, Konservatorin in der Sektion Malakologie am Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz und ergänzt: „Man findet sie meistens in Gärten oder unter herumliegendem Müll, aber auch in Gewächshäusern und in der freien Natur. Eingeschleppt werden sie beispielsweise über den Import von Gemüse, Gartenzubehör oder Fliesen.“

Die Wissenschaftlerin hat gemeinsam mit ihrem Görlitzer Kollegen Dr. John M.C. Hutchinson und einem Kollegen des US-amerikanischen „Department of Agriculture“ (USDA-APHIS) die Verbreitung der etwa drei Zentimeter großen Weichtiere untersucht. „Dabei haben wir versucht herauszufinden in welchen Ländern die Schnecke bereits etabliert ist, wann sie dort erstmals auftrat und ob ihre Verbreitung mit bestimmten Klimafaktoren korreliert ist“, ergänzt Erstautor Hutchinson. Dazu wurden Literaturdaten ausgewertet, Material aus Museen und anderen Instituten überprüft sowie eigenhändig Tiere aufgesammelt.

Ursprünglich stammt die Schnecke aus dem Mittelmeerraum. Der erste Einwanderungsnachweis stammt aus dem Jahr 1930 in Großbritannien und innerhalb von 10 Jahren besiedelte die Landschnecke dann Dänemark, Kalifornien, Australien und Neuseeland. „Heute findet man Deroceras invadens in weiten Teilen Europas, Australiens, Nord- und Südamerikas. Auch in Südafrika und auf mehreren Inseln, wie den Azoren, Madeira oder den Kanaren fühlen sich die Schnecken wohl“, erklärt Reise. Erstmals konnte das Wissenschaftlerteam in der von der Paul-Ungerer-Stiftung unter¬stützen Studie auch weitere Vorkommen nachweisen, beispielsweise in Mexiko, Costa Rica und Ecuador.

„Um Asien und Osteuropa machen die Schnecken bisher einen Bogen“, erzählt Hutchinson und ergänzt: „Wir vermuten, dass die kalten Winter in den östlichen Ländern und das trockene, heiße Klima in Zentralspanien oder Teilen Australiens, Afrikas und Asiens die Besiedlung der Schnecken erschwert.“ Unmöglich macht es sie aber nicht unbedingt: In Breslau hat eine Schneckenpopulation mehrere Winter mit Temperaturen von minus 22 Grad Celsius überlebt. 

In Nordamerika und Ägypten machen die Tiere sich die großen landwirtschaftlichen Bewässerungsanlagen zu nutze. „Diese vom Menschen angelegten Lebensräume bieten den Schnecken neue Wege zur Expansion in sonst für die Tiere unwirtliche Regionen und könnten eventuell als Korridore zur Besiedlung isoliert gelegener geeigneter Lebensräume dienen“, erklärt Reise.

Die Wissenschaftler aus Görlitz gehen davon aus, dass die kleinen Schnecken ihre Besiedlung weiterer Länder und Regionen fortsetzen werden. Ein Vergleich des Verbreitungsmusters mit Klimadaten erlaubt Prognosen über potentielle weitere Vorkommen. „Grundsätzlich kommen für die Tiere alle Gebiete mit einem gemäßigten Klima in Frage“, erklärt Hutchinson und gibt eine Empfehlung: „In großen Teilen Chinas und Japans, sowie der südlichen USA wäre es gut auf den potentiellen Einwanderer zu achten. In manchen Gebieten könnten ein frühes Erkennen und schnell eingeleitete Bekämpfungsmaßnahmen eventuell eine Etablierung der Schnecken verhindern.“

Kontakt
Dr. Heike Reise
Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz
Tel. 03581 - 47605410
Heike.Reise@senckenberg.de

Dr. John M.C. Hutchinson
Senckenberg Museum für Naturkunde Görlitz
Tel. 03581 - 47605410
majmch@googlemail.com

Judith Jördens
Pressestelle
Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Tel. 069- 7542 1434
pressestelle@senckenberg.de

Publikation
Hutchinson J, Reise H, Robinson D (2014) A biography of an invasive terrestrial slug: the spread, distribution and habitat of Deroceras invadens. NeoBiota 23: 17-64.
doi: 10.3897/neobiota.23.7745

Die Natur mit ihrer unendlichen Vielfalt an Lebensformen zu erforschen und zu verstehen, um sie als Lebensgrundlage für zukünftige Generationen erhalten undnachhaltig nutzen zu können - dafür arbeitet die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung seit nunmehr fast 200 Jahren. Diese integrative „Geobiodiversitätsforschung“ sowie die Vermittlung von Forschung und Wissenschaft sind die Aufgaben Senckenbergs. Drei Naturmuseen in Frankfurt, Görlitz und Dresden zeigen die Vielfalt des Lebens und die Entwicklung der Erde über Jahrmillionen. Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung ist ein Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Das Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt am Main wird von der Stadt Frankfurt am Main sowie vielen weiteren Partnern gefördert. Mehr Informationen unter www.senckenberg.de

Weitere Informationen:

http://www.senckenberg.de/root/index.php?page_id=5206&year=0&kid=2&i... Pressemitteilung Welteroberung im Schneckntempo

Judith Jördens | Senckenberg

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Lipid-Nanodisks stabilisieren fehlgefaltete Proteine für Untersuchungen
18.12.2017 | Technische Universität München

nachricht Zusammenarbeit von Fraunhofer und Universität in Würzburg bringt Medizinforschung voran
18.12.2017 | Fraunhofer-Institut für Silicatforschung ISC

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: „Carmenes“ findet ersten Planeten

Deutsch-spanisches Forscherteam entwirft, baut und nutzt modernen Spektrografen

Seit Januar 2016 nutzt ein deutsch-spanisches Forscherteam mit Beteiligung der Universität Göttingen den modernen Spektrografen „Carmenes“ für die Suche nach...

Im Focus: Fehlerfrei ins Quantencomputer-Zeitalter

Heute verfügbare Ionenfallen-Technologien eignen sich als Basis für den Bau von großen Quantencomputern. Das zeigen Untersuchungen eines internationalen Forscherteams, deren Ergebnisse nun in der Fachzeitschrift Physical Review X veröffentlicht wurden. Die Wissenschaftler haben für Ionenfallen maßgeschneiderte Protokolle entwickelt, mit denen auftretende Fehler jederzeit entdeckt und korrigiert werden können.

Damit die heute existierenden Prototypen von Quantencomputern ihr volles Potenzial entfalten, müssen sie erstens viel größer werden, d.h. über deutlich mehr...

Im Focus: Error-free into the Quantum Computer Age

A study carried out by an international team of researchers and published in the journal Physical Review X shows that ion-trap technologies available today are suitable for building large-scale quantum computers. The scientists introduce trapped-ion quantum error correction protocols that detect and correct processing errors.

In order to reach their full potential, today’s quantum computer prototypes have to meet specific criteria: First, they have to be made bigger, which means...

Im Focus: Search for planets with Carmenes successful

German and Spanish researchers plan, build and use modern spectrograph

Since 2016, German and Spanish researchers, among them scientists from the University of Göttingen, have been hunting for exoplanets with the “Carmenes”...

Im Focus: Immunsystem - Blutplättchen können mehr als bislang bekannt

LMU-Mediziner zeigen eine wichtige Funktion von Blutplättchen auf: Sie bewegen sich aktiv und interagieren mit Erregern.

Die aktive Rolle von Blutplättchen bei der Immunabwehr wurde bislang unterschätzt: Sie übernehmen mehr Funktionen als bekannt war. Das zeigt eine Studie von...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Neue Konfenzreihe in Berlin: Landscape 2018 - Ernährungssicherheit, Klimawandel, Nachhaltigkeit

18.12.2017 | Veranstaltungen

Call for Contributions: Tagung „Lehren und Lernen mit digitalen Medien“

15.12.2017 | Veranstaltungen

Die Stadt der Zukunft nachhaltig(er) gestalten: inter 3 stellt Projekte auf Konferenz vor

15.12.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Neue Konfenzreihe in Berlin: Landscape 2018 - Ernährungssicherheit, Klimawandel, Nachhaltigkeit

18.12.2017 | Veranstaltungsnachrichten

„Carmenes“ findet ersten Planeten

18.12.2017 | Physik Astronomie

Fehlerfrei ins Quantencomputer-Zeitalter

18.12.2017 | Physik Astronomie