Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Was auf den Tisch kommt, wird gefressen - Europas Nashörner mit cleveren Ernährungsstrategien

12.01.2015

Eiszeitpaläontologe Prof. Dr. Ralf-Dietrich Kahlke von der Senckenberg Forschungsstation für Quartärpaläontologie in Weimar hat gemeinsam mit seiner Kollegin Dr. Eline van Asperen von der Liverpool John Moores Universität das Fressverhalten der ausgestorbenen europäischen Nashornarten Stephanorhinus kirchbergensis und Stephanorhinus hemitoechus untersucht. Sie kommen zu dem Schluss, dass die damals auch in unseren Breiten beheimateten sogenannten „Wald“- bzw. „Steppennashörner“ sich in ihrer Ernährung nicht an ihre namensgebenden Lebensräume hielten. Die Studie ist kürzlich im Fachjournal „Quaternary Science Reviews“ erschienen.

Das heutige afrikanische Spitzmaul-Nashorn ernährt sich bevorzugt von weicher Pflanzenkost – zu seiner Leibspeise gehören Blätter, die es von Ästen und Zweigen abstreift. Das in Afrika beheimatete Breitmaulnashorn dagegen ist vollständig an harte Grasnahrung angepasst. Bei den ausgestorbenen europäischen Nashornarten Stephanorhinus kirchbergensis und Stephanorhinus hemitoechus, landläufig als „Wald“- bzw. „Steppennashorn“ bezeichnet, ging man bisher ebenfalls von einer engen Nahrungsspezialisierung aus.


Schädel eines europäischen Steppennashorns (Stephanorhinus hemitoechus) von Weimar-Ehringsdorf aus den Sammlungen Senckenberg Weimar.

Foto: T. Korn, Senckenberg Weimar


Fossile Oberkieferzahnreihen warmzeitlicher Nashörner Mitteleuropas.

Foto: T. Korn, Senckenberg Weimar

„Wir haben die Nahrungsspektren der beiden Nashornarten untersucht und dabei zu unserer Überraschung festgestellt, dass sich die Tiere in Extremsituationen eine beachtliche Flexibilität in ihrer Ernährung bewahrten“, erklärt Prof. Dr. Ralf-Dietrich Kahlke, Leiter der Senckenberg Forschungsstation für Quartärpaläontologie in Weimar.

Beide Arten entstanden in einer Zeitspanne relativ lang andauernder Warmzeiten, welche gute Voraussetzungen für die Entstehung von Nahrungsspezialisten bot. „Wir sind deshalb davon ausgegangen, dass die Tiere eine sehr deutliche Bindung an die Nahrungsressourcen von Wald oder Steppe hatten“, ergänzt Kahlke.

Gemeinsam mit seiner Kollegin Dr. Eline van Asperen von der Liverpool John Moores Universität in Großbritannien hat Kahlke fossile Nashornzähne von zahlreichen Fundstellen in Deutschland und Großbritannien untersucht. Anhand der Gebisse von über 200 fossilen Nashornindividuen wurde mit der „Mesowear-Methode“ zur Untersuchung der Zahnabnutzung das Nahrungsspektrum der ausgestorbenen Dickhäuter rekonstruiert. Die zwischen 350.000 und 100.000 Jahre alten Belegstücke stammen überwiegend aus den Sammlungen der Senckenberg Forschungsstation in Weimar – mit tausenden Präparaten von über 400 Individuen die größte Sammlung fossiler Nashornreste Europas.

„Obwohl beide untersuchte Nashornarten durchaus verschiedene Lebensräume bevorzugten – Wald oder Offenland – und auch eine entsprechende Morphologie für eine Nahrungsspezialisierung hatten, zeigen unsere Untersuchungen, dass beide Tiere sogenannte ‚mixed feeder‘, also ‚Gemischtfresser‘ waren“, erläutert Kahlke und fügt hinzu: „Demnach konnten sie sowohl weiche Blätterkost, als auch harte Gräser zu sich nehmen.“

Das ursprünglich aus Asien eingewanderte „Waldnashorn“ Stephanorhinus kirchbergensis war größer als alle heutigen Nashörner und „sowohl die Form seines Gebisses, als auch die horizontale Kopfhaltung lassen eine Bevorzugung von Nahrung aus Wäldern erkennen“, sagt Kahlke. Das etwas kleinere „Steppennashorn“ Stephanorhinus hemitoechus hingegen hatte eine abgesenkte Schädelhaltung – das und die Zahnmorphologie deuten darauf hin, dass die Tiere auf härtere Bodenvegetation spezialisiert waren.

Anhand zahlreicher Fundstellen hat das britisch-deutsche Team festgestellt, dass die ausgestorbenen Nashörner bei einem vielfältigen Nahrungsangebot zwar ihre Präferenzen hatten, bei einem eintönigen Angebot aber durchaus „über ihren „‘ökologischen Schatten‘ springen konnten und mit dem vorlieb nahmen was die Natur ihnen bot“, ergänzt Kahlke. Diese Überlebensstrategie – trotz Spezialisierung die Fähigkeiten zur Nahrungsumstellung beizubehalten – wurde erstmals so deutlich für eine Großsäugetiergruppe des Eiszeitalters nachgewiesen.

Auch Landschaftsrekonstruktion müssen hinsichtlich der überraschenden Ergebnisse überdacht werden. Der Weimarer Eiszeitforscher erläutert: „Eine Fundstelle mit vielen ‚Waldnashörnern‘ bedeutet nicht zwangsläufig, dass sich die Fundstelle in waldreicher Umgebung bildete.“ Zudem schließt Kahlke Auswirkungen auf aktuelle Schutzkonzepte nicht aus: „Unsere Studie ist vielleicht ein Denkanstoß, um die Lebensräume heutiger Tierarten besser zu verstehen. Eventuell entspricht der Lebensraum heutiger bedrohter Arten nicht immer ihrem ökologischen Optimum, sondern resultiert aus einer ähnlichen Flexibilität, wie bei den pleistozänen Nashörnern.“

Kontakt
Prof. Dr. Ralf-Dietrich Kahlke
Senckenberg Forschungsstation für Quartärpaläontologie
Tel. 03643- 493093330
rdkahlke@senckenberg.de

Judith Jördens
Pressestelle
Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Tel. 069- 7542 1434
pressestelle@senckenberg.de

Publikation
Eline N. van Asperen, Ralf-Dietrich Kahlke: Dietary variation and overlap in Central and Northwest European Stephanorhinus kirchbergensis and S. hemitoechus (Rhinocerotidae, Mammalia) influenced by habitat diversity. Quaternary Science Reviews, Volume 107, 2015, Pages 47-61, ISSN 0277-3791, http://dx.doi.org/10.1016/j.quascirev.2014.10.001.

Die Natur mit ihrer unendlichen Vielfalt an Lebensformen zu erforschen und zu verstehen, um sie als Lebensgrundlage für zukünftige Generationen erhalten undnachhaltig nutzen zu können - dafür arbeitet die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung seit nunmehr fast 200 Jahren. Diese integrative „Geobiodiversitätsforschung“ sowie die Vermittlung von Forschung und Wissenschaft sind die Aufgaben Senckenbergs. Drei Naturmuseen in Frankfurt, Görlitz und Dresden zeigen die Vielfalt des Lebens und die Entwicklung der Erde über Jahrmillionen. Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung ist ein Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Das Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt am Main wird von der Stadt Frankfurt am Main sowie vielen weiteren Partnern gefördert.

Mehr Informationen unter www.senckenberg.de

Weitere Informationen:

http://www.senckenberg.de/root/index.php?page_id=5206&year=0&kid=2&i... Pressemitteilung

Judith Jördens | Senckenberg

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Einblick ins geschlossene Enzym
26.06.2017 | Universität Konstanz

nachricht 'Fix Me Another Marguerite!'
23.06.2017 | Universität Regensburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hyperspektrale Bildgebung zur 100%-Inspektion von Oberflächen und Schichten

„Mehr sehen, als das Auge erlaubt“, das ist ein Anspruch, dem die Hyperspektrale Bildgebung (HSI) gerecht wird. Die neue Kameratechnologie ermöglicht, Licht nicht nur ortsaufgelöst, sondern simultan auch spektral aufgelöst aufzuzeichnen. Das bedeutet, dass zur Informationsgewinnung nicht nur herkömmlich drei spektrale Bänder (RGB), sondern bis zu eintausend genutzt werden.

Das Fraunhofer IWS Dresden entwickelt eine integrierte HSI-Lösung, die das Potenzial der HSI-Technologie in zuverlässige Hard- und Software überführt und für...

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Future Security Conference 2017 in Nürnberg - Call for Papers bis 31. Juli

26.06.2017 | Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hyperspektrale Bildgebung zur 100%-Inspektion von Oberflächen und Schichten

26.06.2017 | Messenachrichten

Sind Zeitreisen physikalisch möglich?

26.06.2017 | Physik Astronomie

Auf der Suche nach Hochtechnologiemetallen in Norddeutschland

26.06.2017 | Geowissenschaften