Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Mit den Waffen des Immunsystems

05.04.2012
Mikroorganismen entscheiden über die Entstehung von rheumatischen Erkrankungen

Wenn die richtigen Mikroorganismen am Werk sind, können Immunzellen, die an der Entstehung von Autoimmunerkrankungen wie Schuppenflechte, Multiple Sklerose und Arthritis beteiligt sind, antientzündliche Eigenschaften entwickeln.

Diese Entdeckung machten jetzt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Charité – Universitätsmedizin Berlin und des Institute for Research in Biomedicine in Bellinzona, Schweiz. Ihre Arbeit ist in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsjournals Nature veröffentlicht.*

Die Wissenschaftler konnten nachweisen, dass bestimmte Pilze Immunzellen, die an der Entstehung dieser Erkrankungen beteiligt sind, aktivieren, während andere Mikroorganismen, insbesondere Bakterien, die natürlicherweise unsere Haut besiedeln, ihnen eine antientzündliche Funktion verleihen.

„Damit zeigt sich nicht nur, dass die Zusammensetzung unserer Mikroflora einen entscheidenden Einfluss auf die Entstehung chronischer Erkrankungen hat, sondern auch, dass die entscheidenden krankheitsverursachenden Zellen einen antientzündlichen ‚Zwilling‘ entwickeln können“, erklärte Dr. Christina Zielinski, die Erstautorin der Studie.

Die 32-jährige Forscherin von der Klinik für Dermatologie und Allergologie der Charité sowie der Berlin-Brandenburg School for Regenerative Therapies und ihre Kollegen identifizierten die wesentlichen Signale, die dazu beitragen, ob eine krankheitserregende oder eine antientzündliche Immunzelle entsteht. Hierbei stellte sich heraus, dass Interleukin 1b, ein körpereigenes Hormon des Immunsystems, wie ein molekularer Schalter wirkt. Seine Anwesenheit trainiert die Immunzellen, im Autoimmungeschehen destruktiv zu funktionieren und entzündliche Botenstoffe auszuscheiden. Seine Abwesenheit hingegen lässt die Immunzellen zu antientzündlichen Zellen reifen. Interessanterweise sind es unsere körpereigenen Mikroorganismen, die entscheiden, ob Interleukin 1b produziert wird und somit, welcher Modus gewählt wird.

Diese Beobachtung veranlasste die Wissenschaftler, auch nach Patienten zu suchen, die eine Überproduktion von Interleukin 1b aufwiesen. Dies ist bei den sogenannten autoinflammatorischen Erkrankungen (z.B. CAPS-Syndrom, Muckle-Wells Syndrom, Schnitzler-Syndrom) der Fall. Diese Patienten, vor allem Kinder, leiden an multiplen Symptomen wie Fieber, Arthritis und Hautausschlägen. Die genaue Entwicklung dieser Krankheiten ist jedoch noch weitgehend ungeklärt. Die Forscher testeten, ob eine Therapie mit Antikörpern, die Interleukin 1b blockiert, ein antientzündliches Potential in den Immunzellen generieren kann.
Tatsächlich produzierten die Immunzellen nach Einleitung dieser Therapie entzündungshemmende Immunbotenstoffe. Sie entwickelten sogar ein Gedächtnis dafür, die Botenstoffe über lange Zeiträume auszuschütten.

„Ich bin davon überzeugt, dass eine Dysbalance unserer mikrobiellen Mikroflora einen entscheidenden Einfluss auf die Entstehung chronisch entzündlicher Erkrankungen wie Rheuma, Morbus Crohn und Schuppenflechte hat. Unser Organismus besteht aus zehnmal mehr mikrobiellen Zellen als körpereigenen Zellen. Diese in Schach zu halten ist nicht einfach. Interleukin 1b stellt sich nun als ein entscheidender molekularer Schalter dar, dessen sich die Mikroben bedienen um zwischen krank oder gesund zu bestimmen“, sagt Dr. Christina Zielinski. Sie sieht ein großes Potential in der Therapie entzündlicher Erkrankungen über eine Blockade dieses Botenstoffes. Im Gegensatz zu anderen Immuntherapien führt dies nicht zu einer Immunschwächung, sondern erlaubt den Zellen stattdessen, bei Bedarf antientzündlich zu reagieren ohne ihre Fähigkeit zu verlieren, gefährliche Krankheitserreger zu bekämpfen.

*Zielinski CE, Mele F, Aschenbrenner D, Jarrossay D, Ronchi F, Gattorno M,Monticelli S, Lanzavecchia A, Sallusto F. Pathogen-induced human T(H)17 cells produce IFN-γ or IL-10 and are regulated by IL-1β. Nature. 2012 Apr 1. doi: 10.1038/nature10957.

Kontakt:
Dr. med. Christina Zielinski
Klinik für Dermatologie und Allergologie
Charité – Universitätsmedizin Berlin
t: +49 30 450 518 213
christina.zielinski@charite.de

Dr. Julia Biederlack | idw
Weitere Informationen:
http://www.derma.charite.de/
http://www.bsrt.de/
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22466287

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Software mit Grips
20.04.2018 | Max-Planck-Institut für Hirnforschung, Frankfurt am Main

nachricht Einen Schritt näher an die Wirklichkeit
20.04.2018 | Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Software mit Grips

Ein computergestütztes Netzwerk zeigt, wie die Ionenkanäle in der Membran von Nervenzellen so verschiedenartige Fähigkeiten wie Kurzzeitgedächtnis und Hirnwellen steuern können

Nervenzellen, die auch dann aktiv sind, wenn der auslösende Reiz verstummt ist, sind die Grundlage für ein Kurzzeitgedächtnis. Durch rhythmisch aktive...

Im Focus: Der komplette Zellatlas und Stammbaum eines unsterblichen Plattwurms

Von einer einzigen Stammzelle zur Vielzahl hochdifferenzierter Körperzellen: Den vollständigen Stammbaum eines ausgewachsenen Organismus haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Berlin und München in „Science“ publiziert. Entscheidend war der kombinierte Einsatz von RNA- und computerbasierten Technologien.

Wie werden aus einheitlichen Stammzellen komplexe Körperzellen mit sehr unterschiedlichen Funktionen? Die Differenzierung von Stammzellen in verschiedenste...

Im Focus: Spider silk key to new bone-fixing composite

University of Connecticut researchers have created a biodegradable composite made of silk fibers that can be used to repair broken load-bearing bones without the complications sometimes presented by other materials.

Repairing major load-bearing bones such as those in the leg can be a long and uncomfortable process.

Im Focus: Verbesserte Stabilität von Kunststoff-Leuchtdioden

Polymer-Leuchtdioden (PLEDs) sind attraktiv für den Einsatz in großflächigen Displays und Lichtpanelen, aber ihre begrenzte Stabilität verhindert die Kommerzialisierung. Wissenschaftler aus dem Max-Planck-Institut für Polymerforschung (MPIP) in Mainz haben jetzt die Ursachen der Instabilität aufgedeckt.

Bildschirme und Smartphones, die gerollt und hochgeklappt werden können, sind Anwendungen, die in Zukunft durch die Entwicklung von polymerbasierten...

Im Focus: Writing and deleting magnets with lasers

Study published in the journal ACS Applied Materials & Interfaces is the outcome of an international effort that included teams from Dresden and Berlin in Germany, and the US.

Scientists at the Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (HZDR) together with colleagues from the Helmholtz-Zentrum Berlin (HZB) and the University of Virginia...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Internationale Konferenz zur Digitalisierung

19.04.2018 | Veranstaltungen

124. Internistenkongress in Mannheim: Internisten rücken Altersmedizin in den Fokus

19.04.2018 | Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen - Juni 2018

17.04.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Grösster Elektrolaster der Welt nimmt Arbeit auf

20.04.2018 | Interdisziplinäre Forschung

Bilder magnetischer Strukturen auf der Nano-Skala

20.04.2018 | Physik Astronomie

Kieler Forschende entschlüsseln neuen Baustein in der Entwicklung des globalen Klimas

20.04.2018 | Geowissenschaften

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics