Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wärme treibt tropische Arten den Berg hinauf

10.10.2008
Biologe der Universität Jena ist Mitautor einer Publikation im Magazin "Science"

Motten - für Dr. Gunnar Brehm von der Friedrich-Schiller-Universität Jena klingt diese umgangssprachliche Bezeichnung für Nachtfalter fast wie ein Schimpfwort.

Mehrere Monate hat er sich in den tropischen Regenwäldern Costa Ricas Nacht für Nacht auf die Suche nach den nachtaktiven Schmetterlingen gemacht. Er weiß genau: Sie sind alles andere als Plagegeister im Kleiderschrank, sondern sehr viel artenreicher und oft auch genauso attraktiv wie die bekannteren Tagfalter.

Allein etwa 14.000 Exemplare einer einzigen Faltergruppe hat der Biologe vom Jenaer Institut für Spezielle Zoologie und Evolutionsbiologie mit Phyletischem Museum während seines Forschungsaufenthaltes in der Biologischen Station La Selva in Costa Rica gefangen. Sie gehören zu insgesamt 739 Spannerarten, deren Name sich von der besonderen Fortbewegungsweise der Raupen ableitet.

Die von dem Jenaer Biologen erhobenen Verbreitungsdaten dieser Schmetterlingsfamilie sind in ein internationales Kooperationsprojekt eingeflossen, dessen Ergebnisse gerade in der renommierten Fachzeitschrift "Science" veröffentlicht wurden. "Daten über den Einfluss des Klimawandels auf bestimmte Tier- und Pflanzengruppen stammen bisher fast ausschließlich aus den gemäßigten Breiten", sagt Brehm. "Für die artenreichen tropischen Regenwälder fehlen Aussagen über mögliche Folgeerscheinungen jedoch bisher weitgehend." Zusammen mit vier Kollegen hat Brehm die Verbreitungsdaten von 1.900 Tier- und Pflanzenarten zusammengetragen - neben Nachtfaltern wurden Ameisen, Rötegewächse und auf Bäumen wachsende Pflanzen, sogenannte Epiphyten, untersucht. Mit einem biomathematischen Modell ermittelte das Wissenschaftlerteam, wie sich eine Erwärmung von 3,2 °C, die der Weltklimarat für die Region in den nächsten 100 Jahren errechnet hat, auf Tier- und Pflanzenarten auswirkt.

"Wir haben unsere Daten entlang eines Höhengradienten vom Tiefland bis in etwa 2.900 Meter Höhe ermittelt", erläutert Dr. Brehm. "Dabei stellte sich heraus, dass die verschiedenen Arten ihren Verbreitungsschwerpunkt in ganz unterschiedlichen Höhen haben. So leben besonders viele Ameisen in einer Höhe von 300 Metern, während die meisten Spannerarten zwischen 1.000 und 2.000 Meter Höhe vorkommen". Folglich ergeben sich auch unterschiedliche Reaktionen auf eine Erwärmung des Klimas. Mit zunehmender Erwärmung müssen sich Arten extrem schnell anpassen oder ausweichen. Da in den tropischen Breiten jedoch über hunderte Kilometer fast gleiche Temperaturbedingungen herrschen, kommt für die meisten Arten eine Wanderung nach Norden oder Süden nicht in Frage - anders als etwa in Europa, wo ein stärkeres Temperaturgefälle herrscht. "Der einzige Fluchtweg geht den Berg hinauf - in 100 Jahren müssen theoretisch rund 600 Höhenmeter überwunden werden", so Brehm.

Etwa die Hälfte der untersuchten Arten kommt zurzeit im Tiefland vor. Viele von ihnen stehen vor großen Problemen, denn zwischen ihrer jetzigen und der prognostizierten Verbreitung klaffen oft erhebliche Lücken. Als Konsequenz der Erwärmung erwarten die Wissenschaftler, dass die Tieflandgebiete artenärmer werden und regelrecht ausdünnen. "Das Verbreitungsgebiet der meisten Arten wird in Zukunft deutlich kleiner sein und damit steigt das Risiko des Aussterbens vieler Arten", nennt Brehm eine unmittelbare Folge. Um dem entgegenzusteuern, sei besonders der Schutz großer Korridore entlang der Bergflanken tropischer Gebirge wichtig, um eine Wanderung von Arten zu ermöglichen.

Grüne, rote und gelbe Exemplare der Spanner in sämtlichen Variationen sind ein Beweis für die ungeheure Vielfalt der Tropen. Rund ein Jahr hat es gedauert, bis Brehm seine gesammelten Nachtfalter präpariert und bestimmt hat, die Daten in eine Datenbank eingegeben und analysiert hat. "Etwa die Hälfte der Arten ist bisher unbekannt. Damit all dieser Reichtum nicht verloren geht, müssen wir dem Klimawandel entgegenwirken", so der Experte von der Universität Jena. "Sonst wird möglicherweise ein großer Teil biologischer Diversität in wenigen Jahrzehnten verloren gehen."

Originalpublikation: Colwell, Robert K., Brehm, Gunnar, Cardelús, Catherine L., Gilman, Alex C., Longino, John T.: Global Warming, Elevational Range Shifts, and Lowland Biotic Attrition in the Wet Tropics, Science 322, 10. Oktober 2008

Kontakt:
Dr. Gunnar Brehm
Institut für Spezielle Zoologie und Evolutionsbiologie mit Phyletischem Museum der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Erbertstr. 1, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 949184
E-Mail: Gunnar.Brehm[at]uni-jena.de

Manuela Heberer | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-jena.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Zirkuläre RNA wird in Proteine übersetzt
24.03.2017 | Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft

nachricht Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen
24.03.2017 | Universität Bayreuth

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Im Focus: Fliegende Intensivstationen: Ultraschallgeräte in Rettungshubschraubern können Leben retten

Etwa 21 Millionen Menschen treffen jährlich in deutschen Notaufnahmen ein. Im Kampf zwischen Leben und Tod zählt für diese Patienten jede Minute. Wenn sie schon kurz nach dem Unfall zielgerichtet behandelt werden können, verbessern sich ihre Überlebenschancen erheblich. Damit Notfallmediziner in solchen Fällen schnell die richtige Diagnose stellen können, kommen in den Rettungshubschraubern der DRF Luftrettung und zunehmend auch in Notarzteinsatzfahrzeugen mobile Ultraschallgeräte zum Einsatz. Experten der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin e.V. (DEGUM) schulen die Notärzte und Rettungsassistenten.

Mit mobilen Ultraschallgeräten können Notärzte beispielsweise innere Blutungen direkt am Unfallort identifizieren und sie bei Bedarf auch für Untersuchungen im...

Im Focus: Gigantische Magnetfelder im Universum

Astronomen aus Bonn und Tautenburg in Thüringen beobachteten mit dem 100-m-Radioteleskop Effelsberg Galaxienhaufen, das sind Ansammlungen von Sternsystemen, heißem Gas und geladenen Teilchen. An den Rändern dieser Galaxienhaufen fanden sie außergewöhnlich geordnete Magnetfelder, die sich über viele Millionen Lichtjahre erstrecken. Sie stellen die größten bekannten Magnetfelder im Universum dar.

Die Ergebnisse werden am 22. März in der Fachzeitschrift „Astronomy & Astrophysics“ veröffentlicht.

Galaxienhaufen sind die größten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum, mit einer Ausdehnung von etwa zehn Millionen Lichtjahren. Im Vergleich dazu ist...

Im Focus: Giant Magnetic Fields in the Universe

Astronomers from Bonn and Tautenburg in Thuringia (Germany) used the 100-m radio telescope at Effelsberg to observe several galaxy clusters. At the edges of these large accumulations of dark matter, stellar systems (galaxies), hot gas, and charged particles, they found magnetic fields that are exceptionally ordered over distances of many million light years. This makes them the most extended magnetic fields in the universe known so far.

The results will be published on March 22 in the journal „Astronomy & Astrophysics“.

Galaxy clusters are the largest gravitationally bound structures in the universe. With a typical extent of about 10 million light years, i.e. 100 times the...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungen

Lebenswichtige Lebensmittelchemie

23.03.2017 | Veranstaltungen

Die „Panama Papers“ aus Programmierersicht

22.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rund 500 Fachleute aus Wissenschaft und Wirtschaft diskutierten über technologische Zukunftsthemen

24.03.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Förderung des Instituts für Lasertechnik und Messtechnik in Ulm mit rund 1,63 Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise

TU-Bauingenieure koordinieren EU-Projekt zu Recycling-Beton von über sieben Millionen Euro

24.03.2017 | Förderungen Preise