Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wächter an der Darmbarriere: Immunzellen und ihre Rolle bei Morbus Crohn und Reizdarm

15.01.2010
Am Auge, im Mund und in der Lunge wehren sogenannte Mastzellen gefährliche Bakterien ab. Im Darm, wo Bakterien eine wichtige Rolle spielen, leben sie friedlich mit ihnen zusammen.

Wie Mastzellen erkennen, ob Bakterien Gewinn oder Gefahr bedeuten, ist Ziel eines neuen Forschungsprojektes von Ernährungsmedizinern der Universität Hohenheim. Ist der Mechanismus erst entschlüsselt, könnte das Wissen zur Heilung von Krankheiten wie Morbus Crohn und Reizdarm beitragen oder die Wirkungsweise von probiotischen Lebensmitteln verständlicher machen.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert das Grundlagenprojekt mit 250.000 Euro.

Mastzellen sind Entzündungszellen im Gewebe. Sie entstehen im Knochenmark und befinden sich in der Haut und den Schleimhäuten. "Als Abwehrzellen haben alle Mastzellen spezielle Rezeptoren, die auf Bakterien ansprechen. Sie funktionieren wie Antennen", erklärt Prof. Dr. Stefan C. Bischoff. "Damit können sie einzelne Bakterien unterscheiden und die Immunabwehr in Gang setzen."

Anders jedoch im Darm - dem einzigen Platz im Körper, der dauernd mit Bakterien belegt ist. Die Bakterien bilden dort die Darmflora und sind für die Verdauung zuständig. Prof. Dr. Bischoff erläutert: "Würden sich die Mastzellen im Darm genauso verhalten wie im restlichen Körper, nämlich sofort mit Immunabwehr zu reagieren, dann wäre das fatal."

Die speziellen Darmmastzellen befinden sich in der Darmbarriere - das ist die Stelle, an der die Nährstoffe aus dem Darm in das Innere des Körpers übergehen. Hier verhindern die Darmmastzellen, dass Bakterien in den Körper eindringen. Das Eigentümliche dabei ist: Die Darmmastzellen leben mit den Bakterien in friedlicher Koexistenz. Sie halten sie zwar in Schach und sorgen dafür, dass der Körper gesund bleibt. Sie reagieren aber viel schwächer auf die Bakterien als die Mastzellen im übrigen Körper.

Die Lebensbedingungen der Darmmastzellen

"Warum sich die Darmmastzellen so verhalten, genau das wollen wir herausfinden", sagt Prof. Dr. Bischoff. "Wir untersuchen, ob das an der Mastzelle selbst liegt. Es könnte sein, dass Darmmastzellen besondere Rezeptoren haben oder dass sie sich im Zellinneren durch bestimmte Moleküle von den übrigen Mastzellen unterscheidet."

Eine andere Möglichkeit liegt in der Umgebung, in der die Darmmastzellen leben. "Es könnte ebenso sein, dass dort Bedingungen herrschen, welche die Immunreaktion dämpfen." Wahrscheinlich sei, dass es sich um eine Kombination beider Möglichkeiten handelt.

Schlüssel zur Erkenntnis von Krankheiten

Die gesuchten Erkenntnisse sind sowohl bei der Forschung mit Blick auf die Gesundheit als auch auf die Heilung von Krankheiten nützlich.

Die Balance von Mastzellen und Bakterien im Darm ist die Voraussetzung, dass Probiotika, die bestimmte lebendige Mikroorganismen enthalten, überhaupt wirken können. "Dass solche Probiotika und Präbiotika die Verdauung regulieren und den Körper unterstützen können, ist unstrittig. Mit unserer Forschung wollen wir mit zur Klärung beitragen, wie sie das tun", resümiert Prof. Dr. Bischoff, der den aktuellen Forschungsstand bereits im September 2009 in einem Standardwerk zu diesem Thema veröffentlichte.

Gleichzeitig könnten Krankheiten wie Morbus Crohn oder Reizdarm darin begründet sein, dass das natürliche Zusammenspiel von Mastzellen und Bakterien im Darm gestört ist. So zeigten Untersuchungen an Kranken, die unter Morbus Crohn, einer chronischen Entzündung des Darmtrakts leiden, dass daran bestimmte Bakterien beteiligt sind.

Das gilt auch für den Reizdarm. Die Krankheit ist europaweit auf dem Vormarsch und könnte Folge einer bakteriellen Infektion sein.

Prof. Dr. Bischoff: "Wir glauben, dass das Verständnis, welche Vorgänge in der Darmbarriere ablaufen, der Schlüssel dafür ist, bestimmte lebenslange Darmerkrankungen zu heilen."

Hintergrund: Schwergewichte der Forschung

Rund 26 Millionen Euro an Drittmitteln akquirierten Forscher der Universität Hohenheim allein im Jahr 2009 - gut 20 % mehr als im Vorjahr. In loser Folge präsentiert die Reihe "Schwergewichte der Forschung" herausragende Forschungsprojekte mit einem Drittmittelvolumen von mindestens einer viertel Million Euro bzw. 125.000 Euro in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.

Ansprechperson:
Prof. Dr. med. Stephan C. Bischoff, Universität Hohenheim, Institut für Ernährungsmedizin

Tel.: 0711 459-24101, E-Mail: bischoff.stephan@uni-hohenheim.de

Text: Töpfer

Florian Klebs | idw
Weitere Informationen:
http://www.uni-hohenheim.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Bakterieller Untermieter macht Blattnahrung für Käfer verdaulich
17.11.2017 | Max-Planck-Institut für chemische Ökologie

nachricht Neues Werkzeug für gezielten Proteinabbau
17.11.2017 | Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Ultrakalte chemische Prozesse: Physikern gelingt beispiellose Vermessung auf Quantenniveau

Wissenschaftler um den Ulmer Physikprofessor Johannes Hecker Denschlag haben chemische Prozesse mit einer beispiellosen Auflösung auf Quantenniveau vermessen. Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit kombinierten die Forscher Theorie und Experiment und können so erstmals die Produktzustandsverteilung über alle Quantenzustände hinweg - unmittelbar nach der Molekülbildung - nachvollziehen. Die Forscher haben ihre Erkenntnisse in der renommierten Fachzeitschrift "Science" publiziert. Durch die Ergebnisse wird ein tieferes Verständnis zunehmend komplexer chemischer Reaktionen möglich, das zukünftig genutzt werden kann, um Reaktionsprozesse auf Quantenniveau zu steuern.

Einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe ist es gelungen, chemische Prozesse mit einer nie dagewesenen Auflösung auf Quantenniveau zu vermessen. Dadurch...

Im Focus: Leoniden 2017: Sternschnuppen im Anflug?

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde und des Hauses der Astronomie in Heidelberg

Die Sternschnuppen der Leoniden sind in diesem Jahr gut zu beobachten, da kein Mondlicht stört. Experten sagen für die Nächte vom 16. auf den 17. und vom 17....

Im Focus: «Kosmische Schlange» lässt die Struktur von fernen Galaxien erkennen

Die Entstehung von Sternen in fernen Galaxien ist noch weitgehend unerforscht. Astronomen der Universität Genf konnten nun erstmals ein sechs Milliarden Lichtjahre entferntes Sternensystem genauer beobachten – und damit frühere Simulationen der Universität Zürich stützen. Ein spezieller Effekt ermöglicht mehrfach reflektierte Bilder, die sich wie eine Schlange durch den Kosmos ziehen.

Heute wissen Astronomen ziemlich genau, wie sich Sterne in der jüngsten kosmischen Vergangenheit gebildet haben. Aber gelten diese Gesetzmässigkeiten auch für...

Im Focus: A “cosmic snake” reveals the structure of remote galaxies

The formation of stars in distant galaxies is still largely unexplored. For the first time, astron-omers at the University of Geneva have now been able to closely observe a star system six billion light-years away. In doing so, they are confirming earlier simulations made by the University of Zurich. One special effect is made possible by the multiple reflections of images that run through the cosmos like a snake.

Today, astronomers have a pretty accurate idea of how stars were formed in the recent cosmic past. But do these laws also apply to older galaxies? For around a...

Im Focus: Pflanzenvielfalt von Wäldern aus der Luft abbilden

Produktivität und Stabilität von Waldökosystemen hängen stark von der funktionalen Vielfalt der Pflanzengemeinschaften ab. UZH-Forschenden gelang es, die Pflanzenvielfalt von Wäldern durch Fernerkundung mit Flugzeugen in verschiedenen Massstäben zu messen und zu kartieren – von einzelnen Bäumen bis hin zu ganzen Artengemeinschaften. Die neue Methode ebnet den Weg, um zukünftig die globale Pflanzendiversität aus der Luft und aus dem All zu überwachen.

Ökologische Studien zeigen, dass die Pflanzenvielfalt zentral ist für das Funktionieren von Ökosys-temen. Wälder mit einer höheren funktionalen Vielfalt –...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungen

Roboter für ein gesundes Altern: „European Robotics Week 2017“ an der Frankfurt UAS

17.11.2017 | Veranstaltungen

Börse für Zukunftstechnologien – Leichtbautag Stade bringt Unternehmen branchenübergreifend zusammen

17.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungsnachrichten

IHP präsentiert sich auf der productronica 2017

17.11.2017 | Messenachrichten

Roboter schafft den Salto rückwärts

17.11.2017 | Innovative Produkte