Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Vom "Wiegen" der Atome mit Elektronen

11.10.2016

Die chemischen Eigenschaften von Atomen werden durch die Anzahl der Protonen in deren Kern bestimmt. Dementsprechend werden Atome im Periodensystem der Elemente angeordnet. Jedoch können selbst chemisch identische Atome eine unterschiedliche Masse aufweisen – diese Varianten nennt man Isotope. Obwohl Verfahren zur Messung solcher Massenunterschiede existieren, haben diese nicht deren exakte Position in einer Probe verraten. Im renommierten Open Access Journal "Nature Communications" veröffentlichen Physiker um Toma Susi von der Universität Wien nun eine Methode zum "Wiegen" von Atomen mittels hochaufgelöster bildgebender Verfahren an Graphen, der nur Ein-Atom-dicken Schicht von Kohlenstoff.

Die verschiedenen, natürlich vorkommenden chemischen Elemente haben jedes für sich ganz eigene, spezifische Isotope. Bei Kohlenstoff kommen auf jedes stabile Kohlenstoff-Isotop 13C neunundneunzig Atome des leichteren stabilen Kohlenstoff-Isotops 12C, welches ein Neutron weniger im Kern aufweist.


Toma Susi von der Fakultät für Physik hat eine neue Methode zum "Wiegen" von Atomen mittels hochaufgelöster bildgebender Verfahren an Graphen getest.


Je leichter das Atom, desto weniger Elektronen werden im Mittel benötigt, um es herauszustoßen.

Abgesehen von diesen natürlichen Variationen kann Materie aus mit Isotopen angereicherten chemischen Stoffen gezüchtet werden. Das ermöglicht den WissenschafterInnen zu untersuchen, wie sich Atome zu Festkörpern anordnen, um z.B. ihre Synthese zu verbessern. Die meisten traditionellen Methoden zur Messung der Isotopenanteile erfordern jedoch die Zerstörung einer größeren Menge der Probe oder sind auf eine Auflösung von hunderten Nanometer beschränkt, wodurch wichtige Details verschleiert bleiben.

In ihrer neuen Studie unter der Leitung von Jani Kotakoski haben Forscher der Universität Wien das hochentwickelte Rastertransmissionselektronenmikroskop Nion UltraSTEM100 eingesetzt, um Isotope auf Nanometer-kleinen Flächen einer Graphen-Probe zu messen. Dieselben energetischen Elektronen, die ein Bild der Graphenstruktur entstehen lassen, können auch je ein Atom herausschlagen, indem sie am Kohlenstoffkern abgelenkt werden.

Da das 13C-Isotop eine größere Masse hat, kann ein Elektron einem 12C-Atom einen geringfügig kräftigeren Stoß versetzen und es so einfacher herausschlagen. Wie viele Elektronen im Durchschnitt dafür nötig sind, lässt die lokale Isotopenkonzentration abschätzen. "Der Schlüssel zum Erfolg war die Kombination präziser Experimente mit einem verbesserten theoretischen Modell des Prozesses", so Toma Susi, Erstautor der Studie.

Die Publikation in Nature Communications ermöglichte es dem Team, der Idee von Open Science voll gerecht zu werden. Zusätzlich zur Veröffentlichung der Gutachten ihrer KollegInnen wurde neben ihrem eigentlichen Forschungsartikel eine umfangreiche Beschreibung der Methoden und Analysen beigefügt. Die Wissenschafter gingen sogar noch einen Schritt weiter und haben ihre mikroskopischen Daten auf den internetbasierten Speicherdienst figshare hochgeladen.

Jeder mit einer Internetverbindung kann somit auf die Gigabyte an hochaufgelösten Bildern frei zugreifen, diese verwenden und zitieren. Toma Susi fährt fort: "Meines Wissens ist dies das erste Mal, dass elektronen-mikroskopische Daten auf dieser Skala offen geteilt werden."

Die Ergebnisse zeigen, dass moderne hochaufgelöste Elektronenmikroskope zwischen verschiedenen Kohlenstoff-Isotopen unterscheiden können. Obwohl diese Methode soweit nur für Graphen demonstriert wurde, ist es prinzipiell möglich, sie auf andere zweidimensionale Materialien auszuweiten. Dazu haben die Wissenschafter eine Patentanmeldung auf die neue Methode eingereicht. "Moderne Mikroskope erlauben uns schon jetzt alle atomaren Abstände in Festkörpern aufzulösen und zu sehen, aus welchen chemischen Elementen diese bestehen. Nun können wir Isotope zu dieser Liste hinzufügen", fasst Jani Kotakoski abschließend zusammen.

Finanzielle Unterstützung vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF), dem Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds (WWTF), und dem European Research Council (ERC) hat direkt zur Durchführung dieser Forschung beigetragen.

Publikation in Nature Communications:
Isotope analysis in the transmission electron microscope: Toma Susi, Christoph Hofer, Giacomo Argentero, Gregor T. Leuthner, Timothy J. Pennycook, Clemens Mangler, Jannik C. Meyer & Jani Kotakoski. Nature Communications | 7:13040 |
DOI: 10.1038/ncomms13040.

Offene Daten:
Atomic resolution electron irradiation time series of isotopically labeled monolayer graphene: Toma Susi, Christoph Hofer, Giacomo Argentero, Gregor T. Leuthner, Timothy J. Pennycook, Clemens Mangler, Jannik C. Meyer & Jani Kotakoski. figshare (2016).
DOI: 10.6084/m9.figshare.c.3311946.v1

Infographik (CC BY):
http://dim.univie.ac.at/uploads/media/Susi_NComms2016_DE.pdf

Wissenschaftliche Kontakte
Ass.-Prof. Dr. Jani Kotakoski
Physik Nanostrukturierter Materialen, Fakultät für Physik
Universität Wien
1090 Wien, Boltzmanngasse 5
T +43-1-4277-728 44
jani.kotakoski@univie.ac.at

Dr. Toma Susi
Physik Nanostrukturierter Materialen, Fakultät für Physik
Universität Wien
1090 Wien, Boltzmanngasse 5
T +43-1-4277-728 55
toma.susi@univie.ac.at

Rückfragehinweis
Mag. Alexandra Frey
Pressebüro der Universität Wien
Forschung und Lehre
1010 Wien, Universitätsring 1
T +43-1-4277-175 33
M +43-664-602 77-175 33
alexandra.frey@univie.ac.at

Die Universität Wien ist eine der ältesten und größten Universitäten Europas: An 15 Fakultäten und vier Zentren arbeiten rund 9.700 MitarbeiterInnen, davon 6.800 WissenschafterInnen. Die Universität Wien ist damit auch die größte Forschungsinstitution Österreichs sowie die größte Bildungsstätte: An der Universität Wien sind derzeit rund 92.000 nationale und internationale Studierende inskribiert. Mit über 180 Studien verfügt sie über das vielfältigste Studienangebot des Landes. Die Universität Wien ist auch eine bedeutende Einrichtung für Weiterbildung in Österreich. 1365 gegründet, feierte die Alma Mater Rudolphina Vindobonensis im Jahr 2015 ihr 650-jähriges Gründungsjubiläum. www.univie.ac.at

Alexandra Frey | Universität Wien

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Demenz: Neue Substanz verbessert Gehirnfunktion
28.07.2017 | Technische Universität München

nachricht Mit einem Flow-Reaktor umweltschonend Wirkstoffe erzeugen
28.07.2017 | Universität Bielefeld

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Ruckartige Bewegung schärft Röntgenpulse

Spektral breite Röntgenpulse lassen sich rein mechanisch „zuspitzen“. Das klingt überraschend, aber ein Team aus theoretischen und Experimentalphysikern hat dafür eine Methode entwickelt und realisiert. Sie verwendet präzise mit den Pulsen synchronisierte schnelle Bewegungen einer mit dem Röntgenlicht wechselwirkenden Probe. Dadurch gelingt es, Photonen innerhalb des Röntgenpulses so zu verschieben, dass sich diese im gewünschten Bereich konzentrieren.

Wie macht man aus einem flachen Hügel einen steilen und hohen Berg? Man gräbt an den Seiten Material ab und schüttet es oben auf. So etwa kann man sich die...

Im Focus: Abrupt motion sharpens x-ray pulses

Spectrally narrow x-ray pulses may be “sharpened” by purely mechanical means. This sounds surprisingly, but a team of theoretical and experimental physicists developed and realized such a method. It is based on fast motions, precisely synchronized with the pulses, of a target interacting with the x-ray light. Thereby, photons are redistributed within the x-ray pulse to the desired spectral region.

A team of theoretical physicists from the MPI for Nuclear Physics (MPIK) in Heidelberg has developed a novel method to intensify the spectrally broad x-ray...

Im Focus: Physiker designen ultrascharfe Pulse

Quantenphysiker um Oriol Romero-Isart haben einen einfachen Aufbau entworfen, mit dem theoretisch beliebig stark fokussierte elektromagnetische Felder erzeugt werden können. Anwendung finden könnte das neue Verfahren zum Beispiel in der Mikroskopie oder für besonders empfindliche Sensoren.

Mikrowellen, Wärmestrahlung, Licht und Röntgenstrahlung sind Beispiele für elektromagnetische Wellen. Für viele Anwendungen ist es notwendig, diese Strahlung...

Im Focus: Physicists Design Ultrafocused Pulses

Physicists working with researcher Oriol Romero-Isart devised a new simple scheme to theoretically generate arbitrarily short and focused electromagnetic fields. This new tool could be used for precise sensing and in microscopy.

Microwaves, heat radiation, light and X-radiation are examples for electromagnetic waves. Many applications require to focus the electromagnetic fields to...

Im Focus: Navigationssystem der Hirnzellen entschlüsselt

Das menschliche Gehirn besteht aus etwa hundert Milliarden Nervenzellen. Informationen zwischen ihnen werden über ein komplexes Netzwerk aus Nervenfasern übermittelt. Verdrahtet werden die meisten dieser Verbindungen vor der Geburt nach einem genetischen Bauplan, also ohne dass äußere Einflüsse eine Rolle spielen. Mehr darüber, wie das Navigationssystem funktioniert, das die Axone beim Wachstum leitet, haben jetzt Forscher des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) herausgefunden. Das berichten sie im Fachmagazin eLife.

Die Gesamtlänge des Nervenfasernetzes im Gehirn beträgt etwa 500.000 Kilometer, mehr als die Entfernung zwischen Erde und Mond. Damit es beim Verdrahten der...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Internationaler Ferienkurs mit rund 600 Teilnehmern aus aller Welt

28.07.2017 | Veranstaltungen

10. Uelzener Forum: Demografischer Wandel und Digitalisierung

26.07.2017 | Veranstaltungen

Clash of Realities 2017: Anmeldung jetzt möglich. Internationale Konferenz an der TH Köln

26.07.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Firmen räumen bei der IT, Mobilgeräten und Firmen-Hardware am liebsten in der Urlaubsphase auf

28.07.2017 | Unternehmensmeldung

Dunkel war’s, der Mond schien helle: Nachthimmel oft heller als gedacht

28.07.2017 | Geowissenschaften

8,2 Millionen Euro für den Kampf gegen Leukämie

28.07.2017 | Förderungen Preise