Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Vogelzug: Amseln schalten schlagartig auf Nachtschwärmer um

06.10.2016

Die normalerweise tagaktiven Vögel brauchen für die Änderung ihres Biorhythmus vor dem Abflug in ihre Winterquartiere keine Zeit zur Anpassung

Jedes Jahr brechen Milliarden von Singvögeln im Herbst nachts zu ihrem Flug in ihr Winterquartier auf. Dafür müssen die tagaktiven Tiere ihren Biorhythmus wechseln. Bislang gingen die Forscher davon aus, dass sich die Vögel allmählich umstellen.


Mit der Miniaturisierung von Radio-Telemetrie-Geräten können die Ornithologen jetzt auch kleinere Singvögel ausstatten.

Maxine

Mit neuer Technik konnten Forscher des Max-Planck-Institutes für Ornithologie in Radolfzell zusammen mit internationalen Partnern das Abflugverhalten von Amseln in freier Natur beobachten. Dabei stellten sie fest, dass die Vögel abrupt direkt vor dem Abflug von Tag- auf Nachtaktivität umstellen.

In tiefer Nacht auf Reisen gehen zu müssen, fällt den meisten Menschen schwer. Wenn sich tagaktive Singvögel wie die Amseln (Turdus merula) in den Herbstnächten auf die weite Reise in wärmere Gefilde machen, müssen auch sie zu ungewohnter Zeit aktiv werden: Sie brechen bei sternenklarem Nachthimmel zwischen Dämmerung und Mitternacht auf.

Dafür müssen die Zugvögel ihren Tages- auf einen Nachtrhythmus umstellen. „Doch wie machen die Tiere das? Werden die Vögel über eine längere Zeit hinweg immer unruhiger oder erst dann, wenn sie losfliegen?“, sagt Jesko Partecke vom Max-Planck-Institut für Ornithologie.

Lange Zeit konnten Ornithologen das Zugverhalten nur an Vögeln in Gefangenschaft untersuchten. Bei solchen Messungen stellte sich heraus, dass die Vögel während der Zugphasen im Herbst und Frühjahr nachts ungewöhnlich unruhig sind, hin und her hüpfen und aufgeregt herumflattern. „Bislang galt das als Zeichen, dass die Vögel motiviert sind zu ziehen“, so Partecke.

Zugunruhe ist schwer zu interpretieren

Aber eines konnten sie nicht wissen: “Vögel im Käfig können aber nicht wegfliegen. Damit ist der genaue Abreisetag nicht wirklich zu ermitteln.“ Ob der graduelle Anstieg der Zugunruhe bei den Vögeln in Gefangenschaft tatsächlich eine Einstimmung auf die große Reise darstellt, ließ sich deshalb nicht sicher sagen.

Diese Frage ließ sich nur mit wilden Vögeln im Freiland beantworten. Die Aktivität von Singvögeln in freier Wildbahn konnten Forscher jedoch bis vor kurzem nicht kontinuierlich messen. Die Technik war zwar vorhanden, aber sie war für die kleinen Vögel zu groß, zu schwer und konnte nicht genügend Daten speichern.

Mit der Miniaturisierung von Radio-Telemetrie-Geräten konnten die Ornithologen jetzt diese Lücke schließen. Auf dem Rücken der Vögel befestigten sie die 2 Gramm schweren Geräte wie mit einer Art Rucksack. Ein Teil dieser Vögel wird auf den Vogelzug gehen und ein anderer verbleibt den Winter am Standort. Durch ihre Messung haben die Forscher festgestellt, dass sich die Tag- und Nachtaktivitäten zwischen Standort- und Zugvögeln von einer Amselpopulation in den Tagen vor der Abreise nicht unterscheiden.

Außerdem zeigten Amseln unter natürlichen Bedingungen keine Zugunruhe vor ihrem Abflugtag im Herbst. Sie schalten ihren Lebensrhythmus vielmehr abrupt vor dem Abflug um. „Die Amseln starten von einem Tag auf den anderen durch, von null auf hundert: Plötzlich müssen sie nachts los und die folgenden Nächte durchmachen. Dabei sind es eigentlich tagaktive Vögel“, sagt Jesko Partecke.

Auf dem Weg nach Südfrankreich

Als nächstes will er herausfinden, welche Route die Amseln wählen. Momentan ist es wieder so weit: Ein Teil der mitteleuropäischen Amseln zieht wieder nach Südfrankreich. Diesmal reist Partecke hinterher – mit den ziehenden Amseln über sich am Himmel. Als Reisegepäck tragen die Vögel diesmal Luftdrucksensoren, mit der der Forscher die Flughöhe bestimmen kann. „Die Sensoren sollen uns verraten, wie hoch die Amseln fliegen. Fliegen sie über die Berge oder machen sie um sie einen Bogen?“

Eines weiß er allerdings jetzt schon: Es werden mehr Weibchen dabei sein, denn die sind reiselustiger als ihre männlichen Kollegen. Die bleiben mehrheitlich zuhause.

Originalpublikation:
Daniel Zúñiga, Jade Falconer, Adam M. Fudickar, Willi Jensen, Andreas Schmidt, Martin Wikelski, Jesko Partecke
Abrupt switch to migratory night flight in a wild migratory songbird
www.nature.com/scientificreports; Online-Veröffentlichung 26. September 2016; doi 10.1038/srep34207

Ansprechpartner:
Dr. Jesko Partecke
Max-Planck-Institut für Ornithologie, Teilinstitut Radolfzell, Radolfzell
Telefon:+49 77 3215-0167
E-Mail: partecke@orn.mpg.de

Dr. Harald Rösch | Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht HIV: Spur führt ins Recycling-System der Zelle
07.12.2016 | Forschungszentrum Jülich

nachricht Forscher entwickeln Unterwasser-Observatorium
07.12.2016 | Johann Heinrich von Thünen-Institut, Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Poröse kristalline Materialien: TU Graz-Forscher zeigt Methode zum gezielten Wachstum

Mikroporöse Kristalle (MOFs) bergen große Potentiale für die funktionalen Materialien der Zukunft. Paolo Falcaro von der TU Graz et al zeigen in Nature Materials, wie man MOFs gezielt im großen Maßstab wachsen lässt.

„Metal-organic frameworks“ (MOFs) genannte poröse Kristalle bestehen aus metallischen Knotenpunkten mit organischen Molekülen als Verbindungselemente. Dank...

Im Focus: Gravitationswellen als Sensor für Dunkle Materie

Die mit der Entdeckung von Gravitationswellen entstandene neue Disziplin der Gravitationswellen-Astronomie bekommt eine weitere Aufgabe: die Suche nach Dunkler Materie. Diese könnte aus einem Bose-Einstein-Kondensat sehr leichter Teilchen bestehen. Wie Rechnungen zeigen, würden Gravitationswellen gebremst, wenn sie durch derartige Dunkle Materie laufen. Dies führt zu einer Verspätung von Gravitationswellen relativ zu Licht, die bereits mit den heutigen Detektoren messbar sein sollte.

Im Universum muss es gut fünfmal mehr unsichtbare als sichtbare Materie geben. Woraus diese Dunkle Materie besteht, ist immer noch unbekannt. Die...

Im Focus: Significantly more productivity in USP lasers

In recent years, lasers with ultrashort pulses (USP) down to the femtosecond range have become established on an industrial scale. They could advance some applications with the much-lauded “cold ablation” – if that meant they would then achieve more throughput. A new generation of process engineering that will address this issue in particular will be discussed at the “4th UKP Workshop – Ultrafast Laser Technology” in April 2017.

Even back in the 1990s, scientists were comparing materials processing with nanosecond, picosecond and femtosesecond pulses. The result was surprising:...

Im Focus: Wie sich Zellen gegen Salmonellen verteidigen

Bioinformatiker der Goethe-Universität haben das erste mathematische Modell für einen zentralen Verteidigungsmechanismus der Zelle gegen das Bakterium Salmonella entwickelt. Sie können ihren experimentell arbeitenden Kollegen damit wertvolle Anregungen zur Aufklärung der beteiligten Signalwege geben.

Jedes Jahr sind Salmonellen weltweit für Millionen von Infektionen und tausende Todesfälle verantwortlich. Die Körperzellen können sich aber gegen die...

Im Focus: Shape matters when light meets atom

Mapping the interaction of a single atom with a single photon may inform design of quantum devices

Have you ever wondered how you see the world? Vision is about photons of light, which are packets of energy, interacting with the atoms or molecules in what...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Wie aus reinen Daten ein verständliches Bild entsteht

05.12.2016 | Veranstaltungen

Von „Coopetition“ bis „Digitale Union“ – Die Fertigungsindustrien im digitalen Wandel

02.12.2016 | Veranstaltungen

Experten diskutieren Perspektiven schrumpfender Regionen

01.12.2016 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher entwickeln Unterwasser-Observatorium

07.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

HIV: Spur führt ins Recycling-System der Zelle

07.12.2016 | Biowissenschaften Chemie

Mehrkernprozessoren für Mobilität und Industrie 4.0

07.12.2016 | Informationstechnologie