Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wer Vögel füttert, kann morgens länger schlafen

14.12.2010
Gefütterte Kohlmeisen-Männchen fangen morgens später an zu singen und ändern damit ihr Revierverhalten – was Auswirkungen auf ihren Fortpflanzungserfolg haben könnte. Dies berichten Forschende der Universität Basel in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift «Animal Behaviour». Obwohl etwa die Hälfte der Bevölkerung im Winter freilebende Vögel füttert, wurden die Auswirkungen auf das Verhalten der Tiere bisher kaum untersucht.

Wenn ab Weihnachten die Tage wieder länger werden, fangen die ersten Kohlmeisen an zu singen, und zwar nur die Männchen, wie bei den einheimischen Singvogelarten üblich. Der Frühling und die Brutzeit sind noch fern, aber die Tiere üben bereits ihren Gesang, mit dem sie ihr Revier gegen andere Männchen verteidigen. Zahlreiche Kohlmeisenreviere befinden sich in unseren Städten und Gärten, und in vielen dieser Reviere steht ein Futterhäuschen oder sind Meisenknödel aufgehängt.

Wie die Fütterung das Verhalten der Vögel beeinflusst, ist jedoch kaum bekannt – dabei ist das Füttern von Vögeln wohl jene Betätigung, die weltweit am meisten Menschen bewusst mit wildlebenden Tieren in Berührung bringt. Man weiss, dass Blaumeisen, die im Winter gefüttert werden, zur Brutzeit früher Eier legen und mehr Nachkommen haben als ihre nicht gefütterten Artgenossen. Immer häufiger jedoch bleibt die Vogelfütterung nicht nur auf den Winter beschränkt, sondern wird bis in den Frühling oder sogar ganzjährig praktiziert.

Werden Weibchen untreu?
Katja Saggese und PD Dr. Valentin Amrhein von der Universität Basel haben nun zusammen mit Kollegen der Universität Oslo und der Schweizerischen Vogelwarte Sempach untersucht, wie Kohlmeisen-Männchen reagieren, wenn bis Anfang April, kurz vor Beginn der Eiablage, in ihren Revieren Vogelfutter angeboten wird. Dafür hängten sie in 28 Kohlmeisen-Revieren Futtersilos auf. In der Hälfte dieser Reviere wurden die Silos zwei Wochen lang mit Futter gefüllt und zusätzlich Meisenknödel aufgehängt, die andere Hälfte der Reviere diente als Kontrolle ohne Meisenknödel und mit leeren Futtersilos. Jeweils vor Beginn der Fütterung, am Ende der zwei Wochen Fütterung und nochmals zwei Wochen danach wurde der Gesang der Männchen mit Richtmikrophonen aufgenommen, und zwar je eine Stunde vor und nach Sonnenaufgang.

Resultat der Studie: Männchen, die in ihrem Revier gefüttert wurden, fingen morgens durchschnittlich 20 Minuten später an zu singen als ihre nicht gefütterten Kollegen. Dieser Effekt war auch noch zwei Wochen nach Ende der Fütterung feststellbar. Der Grund für diesen verzögerten Gesangsbeginn ist noch unklar; möglicherweise lenken andere Vögel und männliche Rivalen, die durch die Fütterung in das Revier gelockt werden, das revierbesitzende Männchen vom Singen ab.

Das mag angenehm sein für die fütternden Garten- und Balkonbesitzer, denn sie werden erst 20 Minuten später von singenden Kohlmeisen geweckt. Frühere Studien haben aber gezeigt, dass der Gesang der Vögel vor Sonnenaufgang eine besondere biologische Rolle spielt. Bei einigen Vogelarten wie etwa der Nachtigall ist der Morgengesang besonders wichtig zur Revierverteidigung. Bei der Kohlmeise wird vermutet, dass der frühmorgendliche Gesang auch dazu dient, das eigene Weibchen vom Fremdgehen abzuhalten. Möglicherweise sind also gefütterte Männchen, eben weil sie morgens später anfangen zu singen, weniger erfolgreich bei der Verteidigung des eigenen Weibchens, haben mehr «Kuckucksjunge» im Nest und damit einen geringeren Fortpflanzungserfolg.

Winterfütterung sinnvoll
Soll man nun im Winter überhaupt Vögel füttern, und wenn ja, wie lange? Laut PD Dr. Valentin Amrhein, der die Studie geleitet hat, ist die Winterfütterung pädagogisch sehr wertvoll: «Es gibt wahrscheinlich viele Menschen, die – genauso wie ich – bereits als Kinder die Wintergäste auf dem Balkon beobachtet haben und so zur Vogelkunde und zum Naturschutz gekommen sind. Man muss sich aber bewusst sein, dass man durch Füttern auch das Verhalten der Tiere beeinflusst. Aufgrund unserer Ergebnisse rate ich, spätestens Ende März mit dem Füttern aufzuhören, damit die Tiere im April ungestört dem Brutgeschäft nachgehen können.»

Die Schweizerische Vogelwarte Sempach und der Schweizer Vogelschutz (SVS) empfehlen massvolles Füttern vor allem bei Dauerfrost und geschlossener Schneedecke. Von der Winterfütterung profitieren meist nur die häufigsten Brut- und Gastvögel wie eben Kohlmeise und Blaumeise. Um seltenere und gefährdete Arten zu fördern, sollte man vor allem um die Erhaltung von vielfältigen und gesunden Lebensräumen besorgt sein.

Weitere Auskünfte
PD Dr. Valentin Amrhein, Universität Basel, Zoologisches Institut, E-Mail: v.amrhein@unibas.ch

Christoph Dieffenbacher | idw
Weitere Informationen:
http://www.unibas.ch
http://camargue.unibas.ch/anim_behav2010.pdf

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Eine Karte der Zellkraftwerke
18.08.2017 | Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

nachricht Chronische Infektionen aushebeln: Ein neuer Wirkstoff auf dem Weg in die Entwicklung
18.08.2017 | Deutsches Zentrum für Infektionsforschung

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Unterwasserroboter soll nach einem Jahr in der arktischen Tiefsee auftauchen

Am Dienstag, den 22. August wird das Forschungsschiff Polarstern im norwegischen Tromsø zu einer besonderen Expedition in die Arktis starten: Der autonome Unterwasserroboter TRAMPER soll nach einem Jahr Einsatzzeit am arktischen Tiefseeboden auftauchen. Dieses Gerät und weitere robotische Systeme, die Tiefsee- und Weltraumforscher im Rahmen der Helmholtz-Allianz ROBEX gemeinsam entwickelt haben, werden nun knapp drei Wochen lang unter Realbedingungen getestet. ROBEX hat das Ziel, neue Technologien für die Erkundung schwer erreichbarer Gebiete mit extremen Umweltbedingungen zu entwickeln.

„Auftauchen wird der TRAMPER“, sagt Dr. Frank Wenzhöfer vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) selbstbewusst. Der...

Im Focus: Mit Barcodes der Zellentwicklung auf der Spur

Darüber, wie sich Blutzellen entwickeln, existieren verschiedene Auffassungen – sie basieren jedoch fast ausschließlich auf Experimenten, die lediglich Momentaufnahmen widerspiegeln. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums stellen nun im Fachjournal Nature eine neue Technik vor, mit der sich das Geschehen dynamisch erfassen lässt: Mithilfe eines „Zufallsgenerators“ versehen sie Blutstammzellen mit genetischen Barcodes und können so verfolgen, welche Zelltypen aus der Stammzelle hervorgehen. Diese Technik erlaubt künftig völlig neue Einblicke in die Entwicklung unterschiedlicher Gewebe sowie in die Krebsentstehung.

Wie entsteht die Vielzahl verschiedener Zelltypen im Blut? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler schon lange. Nach der klassischen Vorstellung fächern sich...

Im Focus: Fizzy soda water could be key to clean manufacture of flat wonder material: Graphene

Whether you call it effervescent, fizzy, or sparkling, carbonated water is making a comeback as a beverage. Aside from quenching thirst, researchers at the University of Illinois at Urbana-Champaign have discovered a new use for these "bubbly" concoctions that will have major impact on the manufacturer of the world's thinnest, flattest, and one most useful materials -- graphene.

As graphene's popularity grows as an advanced "wonder" material, the speed and quality at which it can be manufactured will be paramount. With that in mind,...

Im Focus: Forscher entwickeln maisförmigen Arzneimittel-Transporter zum Inhalieren

Er sieht aus wie ein Maiskolben, ist winzig wie ein Bakterium und kann einen Wirkstoff direkt in die Lungenzellen liefern: Das zylinderförmige Vehikel für Arzneistoffe, das Pharmazeuten der Universität des Saarlandes entwickelt haben, kann inhaliert werden. Professor Marc Schneider und sein Team machen sich dabei die körpereigene Abwehr zunutze: Makrophagen, die Fresszellen des Immunsystems, fressen den gesundheitlich unbedenklichen „Nano-Mais“ und setzen dabei den in ihm enthaltenen Wirkstoff frei. Bei ihrer Forschung arbeiteten die Pharmazeuten mit Forschern der Medizinischen Fakultät der Saar-Uni, des Leibniz-Instituts für Neue Materialien und der Universität Marburg zusammen Ihre Forschungsergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Advanced Healthcare Materials. DOI: 10.1002/adhm.201700478

Ein Medikament wirkt nur, wenn es dort ankommt, wo es wirken soll. Wird ein Mittel inhaliert, muss der Wirkstoff in der Lunge zuerst die Hindernisse...

Im Focus: Exotische Quantenzustände: Physiker erzeugen erstmals optische „Töpfe" für ein Super-Photon

Physikern der Universität Bonn ist es gelungen, optische Mulden und komplexere Muster zu erzeugen, in die das Licht eines Bose-Einstein-Kondensates fließt. Die Herstellung solch sehr verlustarmer Strukturen für Licht ist eine Voraussetzung für komplexe Schaltkreise für Licht, beispielsweise für die Quanteninformationsverarbeitung einer neuen Computergeneration. Die Wissenschaftler stellen nun ihre Ergebnisse im Fachjournal „Nature Photonics“ vor.

Lichtteilchen (Photonen) kommen als winzige, unteilbare Portionen vor. Viele Tausend dieser Licht-Portionen lassen sich zu einem einzigen Super-Photon...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

European Conference on Eye Movements: Internationale Tagung an der Bergischen Universität Wuppertal

18.08.2017 | Veranstaltungen

Einblicke ins menschliche Denken

17.08.2017 | Veranstaltungen

Eröffnung der INC.worX-Erlebniswelt während der Technologie- und Innovationsmanagement-Tagung 2017

16.08.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Eine Karte der Zellkraftwerke

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Chronische Infektionen aushebeln: Ein neuer Wirkstoff auf dem Weg in die Entwicklung

18.08.2017 | Biowissenschaften Chemie

Computer mit Köpfchen

18.08.2017 | Informationstechnologie