Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Wenn viele fressen wollen: Wie Seevögel ihren Lebensraum teilen

05.01.2011
Wenn sich verschiedene Seevogelarten einen Lebensraum mit begrenztem Nahrungsangebot teilen, müssen sie sich in ihren Nahrungsgewohnheiten unterscheiden - eine Spezialisierung, die man als ökologische Einnischung bezeichnet.

Wie flexibel ökologische Nischen sind, haben Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Ornithologie untersucht. Sie fanden heraus, dass sich die Jagdgewohnheiten tauchender Seevogelarten räumlich und zeitlich stark unterscheiden. Die ökologischen Nischen sind flexibel; unterschiedliche Lebensräume, Vermeiden von Konkurrenz mit Nachbarn oder Ausweichen vor Fressfeinden führen auch innerhalb einer Art zu unterschiedlichem Verhalten. (Ecosphere, 20. Dezember 2010)

Die Frage, wie sich Tiere das begrenzte Nahrungsangebot in ihrem Lebensraum teilen, kann man besonders gut anhand von Seevögeln untersuchen, da sie zur Brut ans Land gebunden sind und sich insbesondere zur dieser Zeit viele Tiere den Platz und die Nahrung teilen müssen. Die Vögel brüten oft auf engstem Raum in Kolonien, was Schutz vor Fressfeinden bietet, doch ihre Nahrung finden die Vögel weiträumig verteilt im Meer. Sie müssen sie aufnehmen und zu ihrem Nachwuchs zurück auf die Insel bringen.

Die Wissenschaftler stellten sich die Frage, wie mehrere in ihren Ansprüchen ähnliche Arten gemeinsam auf einer Insel brüten können und wie genau sich ihre ökologischen Nischen unterscheiden. Mit GPS-Tauchtiefeloggern, die eine detaillierte dreidimensionale Darstellung des Tauchverhaltens eines Vogels ermöglichen, haben Forscher in der Vergangenheit bereits von mehreren Tauchseevögeln wie Pinguinen und Kormoranen die Jagdgebiete und Tauchtiefen untersucht, jedoch immer nur für eine Beispielkolonie. Nicht bekannt war bisher, ob sich solche Daten auf die ganze Art übertragen lassen.

Auf New Island, einer kleinen Insel im Falkland-Archipel im Südwest-Atlantik, untersuchten die Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Ornithologie mit GPS-Tauchtiefenloggern erstmals gleichzeitig die Jagdgewohnheiten von vier Tauchseevögeln: Eselspinguinen, Felsenpinguinen und Magellanpinguinen sowie von Blauaugen-Kormoranen. Außerdem verglichen die Forscher jeweils zwei Kolonien von jeder der drei Pinguinarten. "Die Ergebnisse haben uns sehr überrascht." sagt Juan Masello. "Wir hatten, der ökologischen Nischentheorie entsprechend, vor allem starke Unterschiede zwischen den Arten erwartet. Die Daten zeigten dann jedoch, dass sich die räumliche und zeitliche Verteilung der Vögel auch innerhalb einer Art sehr stark unterscheiden kann."

"Magellanpinguine zum Beispiel schwammen, selbst wenn die Kolonien an Land nur zwei Kilometer voneinander entfernt waren, zur Nahrungssuche in etwa 40 Kilometer weit auseinander liegende Meeresgebiete. Bei den Eselspinguinen waren Vögel einer Kolonie auch nachts auf Jagd, während die Nachbarkolonie ausschließlich am Tag jagte. Die Tiere vermeiden so eine Überschneidung der Nahrungsgebiete, und die kleinräumigen Unterschiede im Jagdgebiet werden effizient genutzt", ergänzt Petra Quillfeldt. Bei den Blauaugen-Kormoranen gehen am Vormittag die Weibchen in Küstennähe auf Jagd, am Nachmittag jagen die Männchen auf dem offenen Meer. So haben die einzelnen Seevogelarten verschiedene Lösungen gefunden, um innerartliche Konkurrenz weitgehend zu vermeiden. "Die Nahrung ist nicht der einzige Faktor, der die Verbreitung der Vögel um die Insel herum bestimmt", führen die Forscher weiter aus. " Bei zwei Pinguinarten war sehr deutlich zu erkennen, dass die Tiere es vermieden, in die Nähe einer Seelöwenkolonie zu schwimmen, um nicht selbst zur Beute zu werden. Diese Gefahrenzone trug zusätzlich zur räumlichen Trennung der Vögel auf dem Meer bei."

Eine vergleichbar umfassende Arbeit, die in einem bestimmten Zeitraum die Einnischung sowohl zwischen verschiedenen Arten als auch innerhalb einer Art untersucht, gab es bisher nicht. Sie hat gezeigt, dass sich Vögel unterschiedlicher Arten und auch Tiere ein und derselben Art in ihrer räumlichen und zeitlichen Verbreitung unterscheiden und dass die Tiere in geographisch weit auseinander liegenden Meeresgebieten unterschiedlicher Tiefe und Temperatur nach Nahrung suchen. Die ökologischen Nischen der untersuchten Arten sind daher weit weniger festgelegt als bisher angenommen. Bereits kleine Unterschiede der Lebensräume oder im Verhalten - sei es bei der Konkurrenzvermeidung mit Nachbarn oder beim Ausweichen vor Fressfeinden - tragen zu dieser Spezialisierung bei.

Originalveröffentlichung:
Masello, J.F., Mundry, R., Poisbleau, M., Demongin, L., Voigt, C., Wikelski, M. & Quillfeldt P
Diving seabirds share foraging space and time within and among species
Ecosphere, 20. Dezember 2010, doi: 10.1890/ES/0-001031
Weitere Informationen erhalten Sie von:
Dr. Petra Quillfeldt
Max-Planck-Institut für Ornithologie, Radolfzell
E-Mail: quillfeldt@orn.mpg.de
Dr. Juan F. Masello
Max-Planck-Institut für Ornithologie, Radolfzell
E-Mail: masello@orn.mpg.de
Leonore Apitz, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für Ornithologie, Radolfzell
Tel.: +49 7732-150174
E-Mail: apitz@orn.mpg.de

Leonore Apitz | Max-Planck-Institut
Weitere Informationen:
http://www.mpg.orn.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Der Evolutionsvorteil der Strandschnecke
28.03.2017 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

nachricht Mobile Goldfinger
28.03.2017 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Im Focus: Das anwachsende Ende der Ordnung

Physiker aus Konstanz weisen sogenannte Mermin-Wagner-Fluktuationen experimentell nach

Ein Kristall besteht aus perfekt angeordneten Teilchen, aus einer lückenlos symmetrischen Atomstruktur – dies besagt die klassische Definition aus der Physik....

Im Focus: Wegweisende Erkenntnisse für die Biomedizin: NAD⁺ hilft bei Reparatur geschädigter Erbinformationen

Eine internationale Forschergruppe mit dem Bayreuther Biochemiker Prof. Dr. Clemens Steegborn präsentiert in 'Science' neue, für die Biomedizin wegweisende Forschungsergebnisse zur Rolle des Moleküls NAD⁺ bei der Korrektur von Schäden am Erbgut.

Die Zellen von Menschen und Tieren können Schäden an der DNA, dem Träger der Erbinformation, bis zu einem gewissen Umfang selbst reparieren. Diese Fähigkeit...

Im Focus: Designer-Proteine falten DNA

Florian Praetorius und Prof. Hendrik Dietz von der Technischen Universität München (TUM) haben eine neue Methode entwickelt, mit deren Hilfe sie definierte Hybrid-Strukturen aus DNA und Proteinen aufbauen können. Die Methode eröffnet Möglichkeiten für die zellbiologische Grundlagenforschung und für die Anwendung in Medizin und Biotechnologie.

Desoxyribonukleinsäure – besser bekannt unter der englischen Abkürzung DNA – ist die Trägerin unserer Erbinformation. Für Prof. Hendrik Dietz und Florian...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Hannover Messe: Elektrische Maschinen in neuen Dimensionen

28.03.2017 | HANNOVER MESSE

Dimethylfumarat – eine neue Behandlungsoption für Lymphome

28.03.2017 | Medizin Gesundheit

Antibiotikaresistenz zeigt sich durch Leuchten

28.03.2017 | Biowissenschaften Chemie