Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Verlorener Frosch in der vergessenen Welt?

17.07.2013
Ökotourismus und Artenschutz – kann das funktionieren?

Ein Wissenschaftlerteam des Senckenberg Forschungsinstituts Dresden beschäftigte sich im Rahmen einer Studie in den Wäldern Zentralguyanas mit genau dieser Frage und fand dabei zufällig eine bisher unentdeckte Froschart, die es nur dort in einem sehr kleinen Verbreitungsgebiet gibt. Die zugehörige Studie ist im Fachblatt Organisms Diversity and Evolution erschienen.


Allobates amissibilis sp. nov., neu entdeckte mikroendemische Froschart
Foto: M.Hölting & R.Ernst / Senckenberg

The Lost World, so der Titel des 1912 erschienen Romans des bekannten britischen Schriftstellers Sir Arthur Conan Doyle, spielt in einer auch heute noch beinahe vergessenen und wenig beachteten Gegend unseres Planeten, dem Guianaschild im nördlichen Südamerika. Die Region beherbergt heute mehr als 25 Prozent des noch verbliebenen globalen Regenwaldbestandes und zählt somit, neben Amazonien, dem Kongo und Papua Neuguinea, zu einem der vier weltweit bedeutendsten großflächigen Regenwaldgebiete.

Das Dresdner Team um die Biologen Dr. Raffael Ernst und Monique Hölting untersucht in einer von der Stiftung Artenschutz und dem Verband Deutscher Zoodirektoren geförderten Studie, ob sich Amphibienschutz und Ökotourismus in den Wäldern Guyanas in Einklang bringen lassen. Die Untersuchungen werden in enger Zusammenarbeit mit der gemeinnützigen internationalen Organisation Iwokrama International Centre for Rainforest Conservation and Development durchgeführt. Deren Konzept ist es, nachhaltiges Waldmanagement zu testen, welches sowohl Schutz und Erhalt von Biologischer Vielfalt, als auch deren nachhaltige Nutzung zu vereinen sucht. Neben Formen der nachhaltigen Waldwirtschaft werden dabei auch Ökotourismuskonzepte erprobt. So auch im Projektgebiet, Turu Falls, am Fuße der Iwokrama Mountains im sogenannten Iwokrama Forest Zentralguyanas.

Ziel der Studie war es ursprünglich, die Populationen des Hoogmoeds Harlekinfrosch (Atelopus hoogmoedi) zu untersuchen, um herauszufinden, ob diese (morphologisch) sehr variable Froschart durch die geplanten touristischen Aktivitäten beeinflusst werden könnte. Die Ergebnisse sollen mittelfristig in einem nachhaltigen Entwicklungsplan für das Gebiet münden, wobei Atelopus hier die Rolle einer so genannten flagship species zukommen soll, also einer Art, die stellvertretend für den Schutz des gesamten Gebietes steht.

Ein schon so gut wie verlorener Frosch

Während der Feldarbeit zu diesem Projekt fiel den Forschern jedoch ein unscheinbarer, nur daumennagelgroßer, brauner Frosch auf, den sie keiner bekannten Art zuordnen konnten. Wie sich herausstellte, handelte es sich tatsächlich um eine bis dato unbeschriebene Pfeilgiftfroschart, die nun gemeinsam von Dresdner und belgischen Wissenschaftlern erstmals beschrieben werden konnte.

So unscheinbar das Fröschchen erscheint, so einzigartig ist es. Bisher sind lediglich drei Arten der Gattung Allobates aus Guyana bekannt – eine davon, der Kuckucksfrosch Allobates spumaponens Kok & Ernst 2007, wurde vom selben Team bereits im Jahre 2007 neu beschrieben. Außerdem ist der jetzt entdeckte kleine Frosch die dritte bekannte mikroendemische, also nur in dem sehr kleinen Gebiet vorkommende Art der Iwokrama Mountains. Bisher waren nur ein Gecko und eine Blindwühle, ein beinloses Amphib, mit ähnlich eingegrenzter Verbreitung von dort bekannt.

Mikroendemiten gelten aufgrund ihres kleinen Verbreitungsgebiets und dementsprechend oft auch geringen Gesamtbestandes als besonders gefährdet durch Lebensraumveränderungen und Störungen. Es ist daher fraglich, ob die Nutzung des Gebietes als ökotouristisches Reiseziel nicht langfristig zum Verlust einer Art führen kann, die gerade erst neu entdeckt und damit der wissenschaftlichen Untersuchung zugänglich gemacht wurde. Um auf diesen Umstand hinzuweisen, haben die Forscher dem kleinen Lurch den bezeichnenden Namen Allobates amissibilis (lat. der verloren gehen könnte) gegeben. Aber es bleibt zu hoffen, dass nicht zuletzt auch aufgrund der Forschungsarbeiten des Dresdner Teams noch nicht alles verloren ist für die vergessene Welt im Norden Südamerikas.

Schützenswertes Guianaschild

Auch aufgrund der hohen Anzahl endemischer Arten ist die Region eines der wichtigsten Zentren Biologischer Vielfalt in den Neuwelttropen. Entgegen dem globalen Trend lagen die Entwaldungsraten im Guianaschild in der Vergangenheit weit unter denen vergleichbarer tropischer Region. In Folge rasanter wirtschaftlicher und sozialer Veränderungen nimmt jedoch auch hier der Druck auf die bisher noch verhältnismäßig intakten Waldökosysteme zu. Die Länder des Guianaschildes stehen inzwischen an einem Scheideweg, an dem kritische Entscheidungen über die Vereinbarkeit von Nutzung und Schutz, bzw. Erhalt der verbleibenden Wälder und somit beträchtlicher Teile der Biodiversität dieser Region getroffen werden müssen.

Publikation:

Kok, P.J.R., Hölting, M., Ernst, R. (in press 2013) A third microendemic to the Iwokrama Mountains of central Guyana: a new "cryptic" species of Allobates Zimmerman and Zimmerman, 1988 (Anura: Aromobatidae). Organisms Diversity and Evolution. Online first DOI: 1010.1007/s13127-013-0144-4

Kontakt:

Dr. Raffael Ernst
Curator Herpetology
Museum für Tierkunde Dresden
Königsbrücker Landstr. 159
01109 Dresden
Tel.: 0351-7958 41-4315
Raffael.Ernst@senckenberg.de
Pressestelle:
Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung
Regina Bartel
Senckenberganlage 25
60325 Frankfurt am Main
Tel.: 069- 7542 1434
regina.bartel@senckenberg.de

Dr. Sören Dürr | Senckenberg
Weitere Informationen:
http://www.senckenberg.de/presse

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht 'Fix Me Another Marguerite!'
23.06.2017 | Universität Regensburg

nachricht Schimpansen belohnen Gefälligkeiten
23.06.2017 | Max-Planck-Institut für Mathematik in den Naturwissenschaften (MPIMIS)

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Can we see monkeys from space? Emerging technologies to map biodiversity

An international team of scientists has proposed a new multi-disciplinary approach in which an array of new technologies will allow us to map biodiversity and the risks that wildlife is facing at the scale of whole landscapes. The findings are published in Nature Ecology and Evolution. This international research is led by the Kunming Institute of Zoology from China, University of East Anglia, University of Leicester and the Leibniz Institute for Zoo and Wildlife Research.

Using a combination of satellite and ground data, the team proposes that it is now possible to map biodiversity with an accuracy that has not been previously...

Im Focus: Klima-Satellit: Mit robuster Lasertechnik Methan auf der Spur

Hitzewellen in der Arktis, längere Vegetationsperioden in Europa, schwere Überschwemmungen in Westafrika – mit Hilfe des deutsch-französischen Satelliten MERLIN wollen Wissenschaftler ab 2021 die Emissionen des Treibhausgases Methan auf der Erde erforschen. Möglich macht das ein neues robustes Lasersystem des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnologie ILT in Aachen, das eine bisher unerreichte Messgenauigkeit erzielt.

Methan entsteht unter anderem bei Fäulnisprozessen. Es ist 25-mal wirksamer als das klimaschädliche Kohlendioxid, kommt in der Erdatmosphäre aber lange nicht...

Im Focus: Climate satellite: Tracking methane with robust laser technology

Heatwaves in the Arctic, longer periods of vegetation in Europe, severe floods in West Africa – starting in 2021, scientists want to explore the emissions of the greenhouse gas methane with the German-French satellite MERLIN. This is made possible by a new robust laser system of the Fraunhofer Institute for Laser Technology ILT in Aachen, which achieves unprecedented measurement accuracy.

Methane is primarily the result of the decomposition of organic matter. The gas has a 25 times greater warming potential than carbon dioxide, but is not as...

Im Focus: How protons move through a fuel cell

Hydrogen is regarded as the energy source of the future: It is produced with solar power and can be used to generate heat and electricity in fuel cells. Empa researchers have now succeeded in decoding the movement of hydrogen ions in crystals – a key step towards more efficient energy conversion in the hydrogen industry of tomorrow.

As charge carriers, electrons and ions play the leading role in electrochemical energy storage devices and converters such as batteries and fuel cells. Proton...

Im Focus: Die Schweiz in Pole-Position in der neuen ESA-Mission

Die Europäische Weltraumagentur ESA gab heute grünes Licht für die industrielle Produktion von PLATO, der grössten europäischen wissenschaftlichen Mission zu Exoplaneten. Partner dieser Mission sind die Universitäten Bern und Genf.

Die Europäische Weltraumagentur ESA lanciert heute PLATO (PLAnetary Transits and Oscillation of stars), die grösste europäische wissenschaftliche Mission zur...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Von Batterieforschung bis Optoelektronik

23.06.2017 | Veranstaltungen

10. HDT-Tagung: Elektrische Antriebstechnologie für Hybrid- und Elektrofahrzeuge

22.06.2017 | Veranstaltungen

„Fit für die Industrie 4.0“ – Tagung von Hochschule Darmstadt und Schader-Stiftung am 27. Juni

22.06.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Radioaktive Elemente in Cassiopeia A liefern Hinweise auf Neutrinos als Ursache der Supernova-Explosion

23.06.2017 | Physik Astronomie

Dünenökosysteme modellieren

23.06.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Makro-Mikrowelle macht Leichtbau für Luft- und Raumfahrt effizienter

23.06.2017 | Materialwissenschaften