Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Verhaltensbiologen untersuchen Auswirkungen der Domestikation bei Meerschweinchen

09.04.2014

Verhaltensbiologen der Universität Münster haben den Domestikationsprozess bei Meerschweinchen untersucht. Dabei konnten sie zeigen: Haus- und Wildmeerschweinchen weisen unter gleichen Haltungsbedingungen deutliche Unterschiede in ihrem Verhalten und in ihrem Hormonstatus auf - schon bevor sie ausgewachsen sind. Die Ergebnisse sind in "Frontiers in Zoology" veröffentlicht.

Um aus einem Wildmeerschweinchen ein Haustier zu machen, reicht es nicht, es in einen Käfig zu sperren. Schon bevor die Tiere ausgewachsen sind, zeigen Hausmeerschweinchen und ihre wilden Verwandten unter gleichen Haltungsbedingungen deutliche Unterschiede in ihrem Verhalten und in ihrem Hormonstatus.


Benjamin Zipser, Erstautor der Studie

Foto: WWU/privat

Das haben Verhaltensbiologen der Universität Münster nachgewiesen. So sind Hausmeerschweinchen beispielsweise geselliger, Wildmeerschweinchen dagegen mutiger. Die Studie ist in der aktuellen Ausgabe des frei zugänglichen Online-Fachmagazins "Frontiers in Zoology" veröffentlicht.

Hausmeerschweinchen sind domestizierte Wildmeerschweinchen. In Südamerika werden sie bereits seit etwa 3000 bis 6000 Jahren gehalten, in Westeuropa seit dem 16. Jahrhundert. Typisch für Haustiere: Sie sind weniger aggressiv als ihre wilden Verwandten. Doch wie wurde aus der Wildform das Haustier? Welche Rollen spielen Erbanlagen und Umwelt?

Um Licht in den Domestikationsprozess zu bringen, verglichen die Forscher männliche Haus- und Wildmeerschweinchen, und zwar jeweils zu Beginn und zum Ende der Adoleszenz (umgangssprachlich Pubertät) im Alter von 50 beziehungsweise 120 Tagen.

Da diese Zeit des Heranwachsens bei männlichen Hausmeerschweinchen wie beim Menschen eine Phase großer Veränderungen im Organismus ist, wählten die Forscher genau dieses Lebensalter für ihre Studie. In Verhaltenstests untersuchten sie, wie die Tiere auf andere Meerschweinchen reagierten und ob sie sich in verschiedenen Situationen mutig oder ängstlich verhielten – ob sie sich beispielsweise trauten, eine hell erleuchtete Arena zu erkunden oder von einer Plattform zu springen.

Die Ergebnisse: Die Hausmeerschweinchen waren geselliger als ihre wilden Verwandten, allerdings weniger abenteuerlustig. Wie die Hormonuntersuchungen zeigten, hatten sie einen deutlich höheren Testosteronspiegel. Auf Stress – verursacht durch eine unbekannte Umgebung – reagierten sie jedoch mit einem weniger starken Anstieg des Cortisolgehalts im Blut als Wildmeerschweinchen. Aus evolutionsbiologischer Sicht machen diese Unterschiede Sinn: Die stärkere Stressreaktion hilft Wildmeerschweinchen, schnell auf Gefahren zu reagieren.

Ihr mutiges Verhalten erleichtert ihnen die Erkundung neuer Lebensräume. Hausmeerschweinchen dagegen müssen oft mit zahlreichen Artgenossen auf engem Raum zusammenleben, was nur bei friedlichem Verhalten möglich ist. Die Reaktionen der Tiere änderten sich mit zunehmendem Alter kaum, die Unterschiede zwischen Haus- und Wildmeerschweinchen bilden sich also nicht erst im Laufe des Heranwachsens heraus.

Benjamin Zipser, federführender Autor der Studie, erklärt: "Der Testosteronspiegel steigt durch häufige soziale Kontakte. Der erhöhte Testosteronspiegel wiederum bewirkt, dass die Hausmeerschweinchen weniger Cortisol ausschütten." Da eine starke physiologische Stressantwort aggressives Verhalten auslösen könne, erklären die Wissenschaftler das umgängliche Verhalten der Hausmeerschweinchen mit der abgeschwächten Ausschüttung des Stresshormons.

"Über diesen Mechanismus könnten sich zumindest einige der Verhaltensunterschiede zwischen Wild- und Hausmeerschweinchen erklären lassen. Unsere Hypothesen müssen nun allerdings in weiteren Studien überprüft werden", so Benjamin Zipser.

Benjamin Zipser ist Doktorand in der Abteilung für Verhaltensbiologie unter der Leitung von Prof. Dr. Norbert Sachser und Mitglied im "Otto Creutzfeldt Center for Cognitive and Behavioral Neuroscience", einem interdisziplinären Forschungsverbund der Universität Münster. Während der Promotion wurde er durch die Studienstiftung des deutschen Volkes gefördert.


Literaturangabe:

Benjamin Zipser, Anja Schleking, Sylvia Kaiser and Norbert Sachser (2014): Effects of domestication on biobehavioural profiles: a comparison of domestic guinea pigs and wild cavies from early to late adolescence. Frontiers in Zoology 2014, 1:30; doi:10.1186/1742-9994-11-30

Weitere Informationen:

http://www.frontiersinzoology.com/content/11/1/30 Originalpublikation

Dr. Christina Heimken | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut
20.10.2017 | Johannes Gutenberg-Universität Mainz

nachricht Aus der Moosfabrik
20.10.2017 | Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Hochfeldmagnet am BER II: Einblick in eine versteckte Ordnung

Seit dreißig Jahren gibt eine bestimmte Uranverbindung der Forschung Rätsel auf. Obwohl die Kristallstruktur einfach ist, versteht niemand, was beim Abkühlen unter eine bestimmte Temperatur genau passiert. Offenbar entsteht eine so genannte „versteckte Ordnung“, deren Natur völlig unklar ist. Nun haben Physiker erstmals diese versteckte Ordnung näher charakterisiert und auf mikroskopischer Skala untersucht. Dazu nutzten sie den Hochfeldmagneten am HZB, der Neutronenexperimente unter extrem hohen magnetischen Feldern ermöglicht.

Kristalle aus den Elementen Uran, Ruthenium, Rhodium und Silizium haben eine geometrisch einfache Struktur und sollten keine Geheimnisse mehr bergen. Doch das...

Im Focus: Schmetterlingsflügel inspiriert Photovoltaik: Absorption lässt sich um bis zu 200 Prozent steigern

Sonnenlicht, das von Solarzellen reflektiert wird, geht als ungenutzte Energie verloren. Die Flügel des Schmetterlings „Gewöhnliche Rose“ (Pachliopta aristolochiae) zeichnen sich durch Nanostrukturen aus, kleinste Löcher, die Licht über ein breites Spektrum deutlich besser absorbieren als glatte Oberflächen. Forschern am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist es nun gelungen, diese Nanostrukturen auf Solarzellen zu übertragen und deren Licht-Absorptionsrate so um bis zu 200 Prozent zu steigern. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler nun im Fachmagazin Science Advances. DOI: 10.1126/sciadv.1700232

„Der von uns untersuchte Schmetterling hat eine augenscheinliche Besonderheit: Er ist extrem dunkelschwarz. Das liegt daran, dass er für eine optimale...

Im Focus: Schnelle individualisierte Therapiewahl durch Sortierung von Biomolekülen und Zellen mit Licht

Im Blut zirkulierende Biomoleküle und Zellen sind Träger diagnostischer Information, deren Analyse hochwirksame, individuelle Therapien ermöglichen. Um diese Information zu erschließen, haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik ILT ein Mikrochip-basiertes Diagnosegerät entwickelt: Der »AnaLighter« analysiert und sortiert klinisch relevante Biomoleküle und Zellen in einer Blutprobe mit Licht. Dadurch können Frühdiagnosen beispielsweise von Tumor- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen gestellt und patientenindividuelle Therapien eingeleitet werden. Experten des Fraunhofer ILT stellen diese Technologie vom 13.–16. November auf der COMPAMED 2017 in Düsseldorf vor.

Der »AnaLighter« ist ein kompaktes Diagnosegerät zum Sortieren von Zellen und Biomolekülen. Sein technologischer Kern basiert auf einem optisch schaltbaren...

Im Focus: Neue Möglichkeiten für die Immuntherapie beim Lungenkrebs entdeckt

Eine gemeinsame Studie der Universität Bern und des Inselspitals Bern zeigt, dass spezielle Bindegewebszellen, die in normalen Blutgefässen die Wände abdichten, bei Lungenkrebs nicht mehr richtig funktionieren. Zusätzlich unterdrücken sie die immunologische Bekämpfung des Tumors. Die Resultate legen nahe, dass diese Zellen ein neues Ziel für die Immuntherapie gegen Lungenkarzinome sein könnten.

Lungenkarzinome sind die häufigste Krebsform weltweit. Jährlich werden 1.8 Millionen Neudiagnosen gestellt; und 2016 starben 1.6 Millionen Menschen an der...

Im Focus: Sicheres Bezahlen ohne Datenspur

Ob als Smartphone-App für die Fahrkarte im Nahverkehr, als Geldwertkarten für das Schwimmbad oder in Form einer Bonuskarte für den Supermarkt: Für viele gehören „elektronische Geldbörsen“ längst zum Alltag. Doch vielen Kunden ist nicht klar, dass sie mit der Nutzung dieser Angebote weitestgehend auf ihre Privatsphäre verzichten. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) entsteht ein sicheres und anonymes System, das gleichzeitig Alltagstauglichkeit verspricht. Es wird nun auf der Konferenz ACM CCS 2017 in den USA vorgestellt.

Es ist vor allem das fehlende Problembewusstsein, das den Informatiker Andy Rupp von der Arbeitsgruppe „Kryptographie und Sicherheit“ am KIT immer wieder...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Das Immunsystem in Extremsituationen

19.10.2017 | Veranstaltungen

Die jungen forschungsstarken Unis Europas tagen in Ulm - YERUN Tagung in Ulm

19.10.2017 | Veranstaltungen

Bauphysiktagung der TU Kaiserslautern befasst sich mit energieeffizienten Gebäuden

19.10.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Forscher finden Hinweise auf verknotete Chromosomen im Erbgut

20.10.2017 | Biowissenschaften Chemie

Saugmaschinen machen Waschwässer von Binnenschiffen sauberer

20.10.2017 | Ökologie Umwelt- Naturschutz

Strukturbiologieforschung in Berlin: DFG bewilligt Mittel für neue Hochleistungsmikroskope

20.10.2017 | Förderungen Preise