Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Veränderte Inselrinde im Gehirn autistischer Mäuse

01.08.2014

In der Inselrinde des Gehirns werden Emotionen, Rückmeldungen der Sinnesorgane und kognitive Informationen miteinander verflochten. Veränderungen der Inselrinde werden mit psychiatrischen Erkrankungen wie Angststörungen, Depressionen und Autismus in Verbindung gebracht.

Wissenschaftler der Harvard Universität und des Max-Planck-Instituts für Neurobiologie in Martinsried beschreiben nun deutliche Veränderungen in der Inselrinde von Mäusen mit Autismus-Symptomen. Das Verhältnis von hemmenden und erregenden Kontakten war aus dem Gleichgewicht geraten – es konnte jedoch medikamentös wieder hergestellt werden. Die Ergebnisse könnten helfen verbesserte Diagnose- und Therapieansätze zu entwickeln.


Die Inselrinde ist im Autismus-Mausmodell schon durch einen einzelnen Sinneseindruck (hier Ton) so stark aktiviert, dass sie ihre Rolle im Zusammenführen von Informationen nicht mehr ausfüllen kann.

(c) MPI für Neurobiologie / Gogolla

Autismus ist eine angeborene Störung der Informationsverarbeitung des Gehirns. Die Diagnose erfolgt derzeit ausschließlich über die für die Krankheit typischen Veränderungen im Verhalten: Störungen der Sprache, stereotype Verhaltensweisen und Schwierigkeiten in der sozialen Interaktion. Welche neurologischen Veränderungen diesen Symptomen zugrunde liegen, bleibt unbekannt. Die Entwicklung neuer und effektiver Therapeutika ist somit äußerst schwierig.

Autismus: jeder Sinn für sich?

Die zellulären Grundlagen können natürlich nicht im Gehirn autistischer Patienten untersucht werden. Um die Krankheit besser zu verstehen, haben Wissenschaftler daher verschiedene Mausmodelle entwickelt, die die für Autismus typischen Verhaltensstörungen zeigen.

Nadine Gogolla und ihre Kollegen im Labor von Takao Hensch an der Harvard Universität haben nun in den Mausmodellen nach neurologischen Gemeinsamkeiten gesucht. Dabei konzentrierten sie sich auf die Inselrinde, einen Teil der Großhirnrinde, der eine wichtige Rolle bei sozialen, emotionalen und kognitiven Funktionen spielt.

"Wir wollten wissen, ob es Unterschiede in der Inselrinde autistischer und gesunder Mäuse gibt", berichtet Nadine Gogolla, die seit Januar eine Max-Planck-Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Neurobiologie in Martinsried leitet. Wie die Forscher nun im Fachmagazin Neuron berichten, reagiert eine bestimmte Inselrinden-Region im gesunden Gehirn stärker, wenn Informationen von zwei Sinnesorangen gleichzeitig eintreffen. Diese Signale verstärken sich gegenseitig.

"Wenn wir zum Beispiel eine Rose sehen und gleichzeitig riechen, hinterlässt das einen stärkeren Eindruck, als wenn wir sie nur sehen oder riechen", erklärt Nadine Gogolla. Diese Fähigkeit war in allen untersuchten Mausmodellen einheitlich gestört. So reagierte die Inselrinde autistischer Mäuse auf zwei kombinierte Reize genauso wie auf die einzelnen Reize. Interessanterweise war es meist so, dass schon ein einzelner Sinneseindruck die Inselrinde der autistischen Mäuse so stark aktivierte, dass die Kombination von mehreren Sinneseindrücken keine zusätzliche Information liefern konnte. Dies erinnert an die oft beschriebene Übersensibilität von Autisten auf einzelne Sinneswahrnehmungen.

Gleichgewicht zwischen Stopp und Go

Für eine optimale Verarbeitung im Gehirn ist nicht nur die Weitergabe von Informationen, sondern auch das gezielte Hemmen des Informationsflusses wichtig. In dem nun identifizierten Bereich der Inselrinde war das Verhältnis zwischen hemmenden und erregenden Nervenzellkontakten aus dem Gleichgewicht gekommen. So fanden die Forscher in einem der Mausmodelle eine deutliche Verringerung hemmender Moleküle.

Um den Einfluss dieser Veränderung zu überprüfen, gaben sie den Mäusen das Medikament Diazepam, das auch unter dem Handelsnamen Valium bekannt ist. Diazepam fördert die Hemmung im Gehirn. Tatsächlich verbesserte sich darauf die Fähigkeit der Inselrinde verschiedene Reize zusammenzuführen – allerdings nur kurzzeitig. Weil das Gleichgewicht zwischen Aktivierung und Hemmung nach der Geburt im Gehirn eingestellt wird, gaben die Forscher Jungtieren über mehrere Tage in einem frühen Zeitfenster der Entwicklung Diazepam. Diese Behandlung war so effizient, dass die Inselrinde der so behandelten Mäuse selbst in erwachsenen Tieren, die lange keine Medikamente mehr erhalten hatten, wie in gesunden Tieren verschiedene Sinneseindrücke verarbeitete. Auch das stereotype Verhalten der Tiere wurde permanent stark gemindert.

Abweichung mit Therapiepotential?

Auch alle anderen untersuchten Mausmodelle zeigten Abweichungen in den hemmenden Nervenzellkontakten der Inselrinde. Allerdings waren die Abweichungen sehr unterschiedlich. Bei manchen war die Hemmung deutlich reduziert, bei anderen deutlich erhöht. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Gleichgewicht zwischen erregenden und hemmenden Kontakten in der Inselrinde ein wichtiger neurobiologischer Aspekt bei der Entstehung von Autismus ist. "Das Wiederherstellen dieses Gleichgewichts zwischen Hemmung und Aktivierung in der frühen Kindheit könnte daher ein wichtiger Therapieansatz sein", hofft Nadine Gogolla.

"Das künstliche Steigern der Hemmung wie zum Beispiel mit Diazepam kann aber auch große Nachteile haben." So ruft dies bei gesunden Mäusen Störungen in der Inselrinde erst hervor, da es das delikate Gleichgewicht stört. Bei einer Therapie müssten die eingesetzten Medikamente und Dosierungen daher genauestens auf den Bedarf des jeweiligen Patienten abgestimmt werden. Wie dieser Bedarf ermittelt werden kann, das müsste durch weitere Studien und spätere vorklinische Tests erforscht werden.

Originalveröffentlichung:
Nadine Gogolla, Anne E. Takesian, Guoping Feng, Michela Fagiolini, Takao K. Hensch
Sensory integration in mouse insular cortex reflects GABA circuit maturation
Neuron, 31. Juli 2014

Kontakt:
Dr. Stefanie Merker
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max-Planck-Institut für Neurobiologie, Martinsried
Tel.: 089 8578 - 3514
E-Mail: merker@neuro.mpg.de
www.neuro.mpg.de

Dr. Nadine Gogolla
Max-Planck-Forschungsgruppe Schaltkreise der Emotionen
Max-Planck-Institut für Neurobiologie, Martinsried
Tel.: 089 8578 3493
Email: ngogolla@neuro.mpg.de
www.neuro.mpg.de/gogolla/de

Weitere Informationen:

http://www.neuro.mpg.de - Webseite des Max-Planck-Instituts für Neurobiologie
http://www.neuro.mpg.de/gogolla/de - Webseite der Gruppe von Nadine Gogolla


Dr. Stefanie Merker | Max-Planck-Institut

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Hemmung von microRNA-29 schützt vor Herzfibrosen
20.11.2017 | Technische Universität München

nachricht Satellitenbilder zur Erfassung von Biodiversität nur bedingt tauglich
20.11.2017 | Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Transparente Beschichtung für Alltagsanwendungen

Sport- und Outdoorbekleidung, die Wasser und Schmutz abweist, oder Windschutzscheiben, an denen kein Wasser kondensiert – viele alltägliche Produkte können von stark wasserabweisenden Beschichtungen profitieren. Am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) haben Forscher um Dr. Bastian E. Rapp einen Werkstoff für solche Beschichtungen entwickelt, der sowohl transparent als auch abriebfest ist: „Fluoropor“, einen fluorierten Polymerschaum mit durchgehender Nano-/Mikrostruktur. Sie stellen ihn in Nature Scientific Reports vor. (DOI: 10.1038/s41598-017-15287-8)

In der Natur ist das Phänomen vor allem bei Lotuspflanzen bekannt: Wassertropfen perlen von der Blattoberfläche einfach ab. Diesen Lotuseffekt ahmen...

Im Focus: Ultrakalte chemische Prozesse: Physikern gelingt beispiellose Vermessung auf Quantenniveau

Wissenschaftler um den Ulmer Physikprofessor Johannes Hecker Denschlag haben chemische Prozesse mit einer beispiellosen Auflösung auf Quantenniveau vermessen. Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit kombinierten die Forscher Theorie und Experiment und können so erstmals die Produktzustandsverteilung über alle Quantenzustände hinweg - unmittelbar nach der Molekülbildung - nachvollziehen. Die Forscher haben ihre Erkenntnisse in der renommierten Fachzeitschrift "Science" publiziert. Durch die Ergebnisse wird ein tieferes Verständnis zunehmend komplexer chemischer Reaktionen möglich, das zukünftig genutzt werden kann, um Reaktionsprozesse auf Quantenniveau zu steuern.

Einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe ist es gelungen, chemische Prozesse mit einer nie dagewesenen Auflösung auf Quantenniveau zu vermessen. Dadurch...

Im Focus: Leoniden 2017: Sternschnuppen im Anflug?

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde und des Hauses der Astronomie in Heidelberg

Die Sternschnuppen der Leoniden sind in diesem Jahr gut zu beobachten, da kein Mondlicht stört. Experten sagen für die Nächte vom 16. auf den 17. und vom 17....

Im Focus: «Kosmische Schlange» lässt die Struktur von fernen Galaxien erkennen

Die Entstehung von Sternen in fernen Galaxien ist noch weitgehend unerforscht. Astronomen der Universität Genf konnten nun erstmals ein sechs Milliarden Lichtjahre entferntes Sternensystem genauer beobachten – und damit frühere Simulationen der Universität Zürich stützen. Ein spezieller Effekt ermöglicht mehrfach reflektierte Bilder, die sich wie eine Schlange durch den Kosmos ziehen.

Heute wissen Astronomen ziemlich genau, wie sich Sterne in der jüngsten kosmischen Vergangenheit gebildet haben. Aber gelten diese Gesetzmässigkeiten auch für...

Im Focus: A “cosmic snake” reveals the structure of remote galaxies

The formation of stars in distant galaxies is still largely unexplored. For the first time, astron-omers at the University of Geneva have now been able to closely observe a star system six billion light-years away. In doing so, they are confirming earlier simulations made by the University of Zurich. One special effect is made possible by the multiple reflections of images that run through the cosmos like a snake.

Today, astronomers have a pretty accurate idea of how stars were formed in the recent cosmic past. But do these laws also apply to older galaxies? For around a...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

500 Kommunikatoren zu Gast in Braunschweig

20.11.2017 | Veranstaltungen

VDI-Expertenforum „Gefährdungsanalyse Trinkwasser"

20.11.2017 | Veranstaltungen

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Künstliche neuronale Netze: 5-Achs-Fräsbearbeitung lernt, sich selbst zu optimieren

20.11.2017 | Informationstechnologie

Tonmineral bewässert Erdmantel von innen

20.11.2017 | Geowissenschaften

Hemmung von microRNA-29 schützt vor Herzfibrosen

20.11.2017 | Biowissenschaften Chemie