Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Ursache vieler Lymphome geklärt – Grundlage für revolutionäre Therapie geschaffen

09.07.2015

Professor Dr. Michael Pfreundschuh, Direktor der Klinik für Innere Medizin I - Onkologie, Hämatologie, Klinische Immunologie und Rheumatologie präsentierte am Montag, 06.07.2015, im Rahmen einer Pressekonferenz im Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg Forschungsergebnisse seiner Arbeitsgruppe zur Entstehung von Lymphomen sowie einen erfolgversprechenden Therapieansatz, das sogenannte „reverse targeting“.

Es handelt sich um den ersten Therapieansatz in der Geschichte der Krebstherapie, mit dem ausschließlich die bösartigen Zellen und nicht die anderen Zellen des Patienten angegriffen werden. Die Wirksamkeit dieses neuen Ansatzes wurde im Reagenzglas und am Tiermodell bestätigt.


Professor Dr. Michael Pfreundschuh

UKS

Schon lange stand die Hypothese im Raum, dass bösartige Erkrankungen der B-Lymphozyten (hierzu gehören viele Lymphome, Plasmozytome und die chronischen lymphatischen Leukämien) dadurch entstehen, dass bestimmte Substanzen vom Immunsystem erkannt werden, also als Antigene eine Immunantwort stimulieren.

Dies geschieht dadurch, dass die Antigene an den Antigenrezeptor (ein Antikörpermolekül) auf der Oberfläche der spezifischen B-Zellen (einer Unterform der weißen Blutkörperchen) binden und danach zusammen ins Innere der B-Zelle transportiert werden. Durch diese chronische Antigenstimulation kommt es zu einer vermehrten Proliferation und Zellteilung der B-Zellen, und da mit jeder Zellteilung die Entstehung eines bösartigen Zellklons steigt, kommt es nach Jahren der Stimulation durch ein Antigen letztendlich zur Entstehung eines Lymphoms.

Das Problem der „Hypothese der chronischen Antigenstimulation“ lag jedoch darin, dass die hierfür verantwortlichen Substanzen nicht bekannt waren. Der Arbeitsgruppe von Prof. Pfreundschuh ist es jetzt gelungen, die verantwortlichen Substanzen, also die jeweiligen Antigene für viele unterschiedliche Lymphomarten zu identifizieren. Überraschend dabei war, dass bei fast allen Lymphomerkrankungen ein Antigen vorherrscht.

In den meisten Fällen handelt es sich dabei um eine veränderte körpereigene Substanz, also ein Auto (Selbst)-Antigen, in einem Teil der Fälle wird die veränderte körpereigene Substanz vererbt, und gesunde Träger dieser veränderten körpereigenen Substanzen haben ein erhöhtes Risiko, an einem Lymphom zu erkranken, da sie seit Geburt diese veränderte körpereigene Substanz haben, die dann chronisch das Immunsystem dieser Personen stimuliert.

Das Vorherrschen eines oder zweier Autoantigene bei jeder einzelnen Untergruppe von Lymphomen hat sich die Arbeitsgruppe von Prof. Pfreundschuh nun zunutze gemacht und einen revolutionären Therapie-Ansatz entwickelt, das sogenannte „reverse Targeting“. „Reverse Targeting“ heißt dieser Ansatz, weil im Gegensatz zur Therapie mit Antikörpern, die einen immer wichtigeren Platz bei der Krebstherapie einnimmt, hier nicht der Antikörper zum Antigen auf einer Krebszelle geht und dort gebunden wird, sondern dass beim „reverse targeting“ das Antigen zum Antikörper, also dem Antigenrezeptor auf der Oberfläche der Lymphomzelle geht.

Wenn man an das Antigen ein Zellgift koppelt, wird dieses Zellgift mit dem Antigen nach der Bindung an den Antigenrezeptor auf der Oberfläche der Lymphomzelle in das Innere der Lymphomzelle transportiert und kann dort seine tödliche Wirkung entfalten. Da sehr viele Antigenrezeptoren auf der Oberfläche von Lymphomzellen vorhanden sind, sollte das „reverse targeting“ sehr effektiv sein, was nun im Reagenzglas und in Mäusen, denen ein menschliches Lymphom transplantiert worden war, bestätigt werden konnte.

Diese Forschungsergebnisse wurden jetzt im Juni erstmals auf dem Europäischen Hämatologie-Kongress vorgestellt und von den Teilnehmern als „sensationell“ oder gar „revolutionär“ bezeichnet. Mit den B-Zell-Rezeptor-Antigenen für das „reverse targeting“ (den sogenannten „BARs“) steht nun nicht nur ein völlig neuer Therapieansatz für Lymphome zur Verfügung; dieser Therapieansatz sollte auch besonders gut verträglich sein, denn „Reverse Targeting“ mit den Homburgern „BARs“ ist der erste Therapieansatz in der Geschichte der Krebstherapie, mit dem ausschließlich die bösartigen Lymphomzellen und nicht die anderen Zellen des Patienten angegriffen werden. „Reverse targeting“ ist also die am meisten personalisierte Therapie, die man sich vorstellen kann, oder anders ausgedrückt „precision medicine at the limits“.

Nachdem die Wirksamkeit der „BARs“ im Reagenzglas und im Mausmodell bewiesen ist, geht es jetzt darum, dieses Verfahren möglichst umgehend in die Klinik zu bringen. Dafür sucht die Universität des Saarlandes als Inhaber des Patents für das „reverse targeting“ nun einen kompetenten industriellen Partner.

Foto: Professor Dr. Michael Pfreundschuh

Kontakt für Journalisten:

Prof. Dr. Michael Pfreundschuh

Klinik für Innere Medizin I - Onkologie, Hämatologie,
Klinische Immunologie und Rheumatologie

Universitätsklinikum des Saarlandes und
Medizinische Fakultät der Universität des Saarlandes

Tel.: 0 68 41 / 16 - 2 30 02

http://www.uks.eu/onkologie

Roger Motsch | Universität des Saarlandes

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht In Hochleistungs-Mais sind mehr Gene aktiv
19.01.2018 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Warum es für Pflanzen gut sein kann auf Sex zu verzichten
19.01.2018 | Universität Wien

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Maschinelles Lernen im Quantenlabor

Auf dem Weg zum intelligenten Labor präsentieren Physiker der Universitäten Innsbruck und Wien ein lernfähiges Programm, das eigenständig Quantenexperimente entwirft. In ersten Versuchen hat das System selbständig experimentelle Techniken (wieder)entdeckt, die heute in modernen quantenoptischen Labors Standard sind. Dies zeigt, dass Maschinen in Zukunft auch eine kreativ unterstützende Rolle in der Forschung einnehmen könnten.

In unseren Taschen stecken Smartphones, auf den Straßen fahren intelligente Autos, Experimente im Forschungslabor aber werden immer noch ausschließlich von...

Im Focus: Artificial agent designs quantum experiments

On the way to an intelligent laboratory, physicists from Innsbruck and Vienna present an artificial agent that autonomously designs quantum experiments. In initial experiments, the system has independently (re)discovered experimental techniques that are nowadays standard in modern quantum optical laboratories. This shows how machines could play a more creative role in research in the future.

We carry smartphones in our pockets, the streets are dotted with semi-autonomous cars, but in the research laboratory experiments are still being designed by...

Im Focus: Fliegen wird smarter – Kommunikationssystem LYRA im Lufthansa FlyingLab

• Prototypen-Test im Lufthansa FlyingLab
• LYRA Connect ist eine von drei ausgewählten Innovationen
• Bessere Kommunikation zwischen Kabinencrew und Passagieren

Die Zukunft des Fliegens beginnt jetzt: Mehrere Monate haben die Finalisten des Mode- und Technologiewettbewerbs „Telekom Fashion Fusion & Lufthansa FlyingLab“...

Im Focus: Ein Atom dünn: Physiker messen erstmals mechanische Eigenschaften zweidimensionaler Materialien

Die dünnsten heute herstellbaren Materialien haben eine Dicke von einem Atom. Sie zeigen völlig neue Eigenschaften und sind zweidimensional – bisher bekannte Materialien sind dreidimensional aufgebaut. Um sie herstellen und handhaben zu können, liegen sie bislang als Film auf dreidimensionalen Materialien auf. Erstmals ist es Physikern der Universität des Saarlandes um Uwe Hartmann jetzt mit Forschern vom Leibniz-Institut für Neue Materialien gelungen, die mechanischen Eigenschaften von freitragenden Membranen atomar dünner Materialien zu charakterisieren. Die Messungen erfolgten mit dem Rastertunnelmikroskop an Graphen. Ihre Ergebnisse veröffentlichen die Forscher im Fachmagazin Nanoscale.

Zweidimensionale Materialien sind erst seit wenigen Jahren bekannt. Die Wissenschaftler André Geim und Konstantin Novoselov erhielten im Jahr 2010 den...

Im Focus: Forscher entschlüsseln zentrales Reaktionsprinzip von Metalloenzymen

Sogenannte vorverspannte Zustände beschleunigen auch photochemische Reaktionen

Was ermöglicht den schnellen Transfer von Elektronen, beispielsweise in der Photosynthese? Ein interdisziplinäres Forscherteam hat die Funktionsweise wichtiger...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Kongress Meditation und Wissenschaft

19.01.2018 | Veranstaltungen

LED Produktentwicklung – Leuchten mit aktuellem Wissen

18.01.2018 | Veranstaltungen

6. Technologie- und Anwendungsdialog am 18. Januar 2018 an der TH Wildau: „Intelligente Logistik“

18.01.2018 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Rittal vereinbart mit dem Betriebsrat von RWG Sozialplan - Zukunftsorientierter Dialog führt zur Einigkeit

19.01.2018 | Unternehmensmeldung

Open Science auf offener See

19.01.2018 | Geowissenschaften

Original bleibt Original - Neues Produktschutzverfahren für KFZ-Kennzeichenschilder

19.01.2018 | Informationstechnologie