Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Unterschiedliche Reichweite von Signalmolekülen verursacht Wachstumsstörungen

05.03.2009
Wissenschaftler beschreiben molekulare Abläufe beim Längenwachstum der Finger

Als Brachydaktylie bezeichnen Mediziner eine Gruppe von seltenen, genetisch bedingten Erkrankungen, bei denen einer oder mehrere Finger verkürzt sind (Griech. brachys = kurz, dactylos = Finger).

Seit langem bekannt ist die Brachydaktylie A1, bei der die mittleren Fingerglieder betroffen sind. Wissenschaftler der Universitäten Hong Kong und Shanghai konnten jetzt gemeinsam mit Kollegen des Max-Planck-Instituts für molekulare Genetik und der Charité - Universitätsmedizin Berlin zeigen, dass die Verkürzung der Finger nicht durch eine Wachstumsstörung einzelner Knochen hervorgerufen wird.

Vielmehr fehlt dem Organismus bei dieser Erkrankung die Fähigkeit, Zellen aus dem umliegenden Gewebe in den wachsenden Knorpel einzubauen und damit das Längenwachstum zu verstärken. Die vorab in der online-Version der Zeitschrift Nature veröffentlichte Studie klärt erstmalig den molekularen Mechanismus einer menschlichen Brachydaktylie auf und gibt neue Einblicke in die grundsätzlichen Abläufe beim Wachstum der Finger (Gao B, et al., Nature, doi:10.1038/nature07862, advance online publication March 1st, 2009).

Der menschliche Finger besteht aus drei einzelnen Gliedern. Während der Embryonalentwicklung werden zunächst knorpelige Anlagen für jeden Finger und die Mittelhand angelegt, die sich im weiteren Verlauf zu insgesamt vier einzelnen Knochen (Mittelhandknochen und Fingerknochen 1-3) entwickeln.

In der vorliegenden Studie untersuchten die beteiligten Wissenschaftler der Universitäten Hong-Kong und Shanghai, gemeinsam mit Kollegen des Max-Planck-Instituts für molekulare Genetik und der Charité - Universitätsmedizin Berlin eine bestimmte Form der erblich bedingten Kurzfingrigkeit (Brachydaktylie A1).

Bei dieser Erkrankung führen Mutationen im Indian Hedgehog (Ihh)-Gen bei den betroffenen Personen zu einer Verkürzung bzw. dem Fehlen der mittleren Fingerglieder. Brachydaktylie A1 ist die erste menschliche Erkrankung, für die bereits 1903 ein mendelscher autosomal-dominanter Erbgang nachgewiesen werden konnte. Für das Entstehen der Krankheit genügt es also, wenn das veränderte Ihh-Gen von nur einem Elternteil (Vater oder Mutter) weitergegeben wird.

"Finger entstehen, indem unspezifische embryonale Zellen (Mesenchymzellen), anfangen, sich zu Knorpelzellen zu differenzieren;" erläutert Stefan Mundlos, Leiter der Berliner Arbeitsgruppe, die an dem Projekt beteiligt war. "Dieser initiale Knorpel beginnt, sich zu ordnen und bildet aus Knorpel bestehende Vorläuferknochen, sogenannte Anlagen, die anschließend zu echten Knochen umgebaut werden."

Hauptverantwortlich für die Differenzierung der Knorpelzellen ist das Indian Hedgehog-Protein (Ihh). Im gesunden Organismus wird es von bestimmten Knorpelzellen gebildet und diffundiert in das umliegende Gewebe, wo es mit zwei weiteren Molekülen, dem Rezeptor PTCH1 und seinem Gegenspieler HIP1 interagiert. HIP1, das sogenannte Hedgehog-Interacting Protein ist dabei für die Festlegung des Aktionsradius des Ihh verantwortlich. Es wird am äußeren Rand der entstehenden Knorpelanlage gebildet, wodurch die Wirkung des Ihh auf einen bestimmten Bereich begrenzt bleibt.

An der Spitze des wachsenden Fingers im Bereich des künftigen zweiten und dritten Fingergliedes ist die Abgrenzung durch HIP1 jedoch unterbrochen, so dass die Ihh-Moleküle bis in das undifferenzierte Embryonalgewebe (Mesenchym) diffundieren können. Dort bewirken sie die Aufnahme von Mesenchymzellen in den wachsenden Knochen und verstärken dadurch das Längenwachstum des Fingers.

Die Forscher fanden heraus, dass Ihh bei Patienten mit Brachydaktylie A1 so verändert ist, dass es nicht mehr so gut an seinen Rezeptor und an HIP1 binden kann. Dadurch können die Ihh-Moleküle weiter in das umgebende Gewebe diffundieren, als es normalerweise der Fall ist. Im Bereich des ersten Fingergliedes gelangt Ihh auf diese Weise in die sogenannte Interzone zwischen den künftigen Fingergliedern 1 und 2/3. Dort verstärkt es die Bildung des Parathyroid-hormone-related-Peptide (PTHrP), das in Folge über einen negativen Rückkopplungsmechanismus die Bildung von Ihh insbesondere im vorderen Fingerglied 2/3 unterdrückt. Hier kann entsprechend nicht mehr genügend Ihh in das undifferenzierte Gewebe an der Spitze des wachsenden Fingers gelangen und die Aufnahme zusätzlichen Materials bricht zusammen.

Die vorgelegte Studie klärt erstmalig den molekularen Mechanismus einer menschlichen Brachydaktylie auf. Weiterhin stellen die Wissenschaftler einen neuen, bislang unbekannten Mechanismus zum Wachstum der Finger vor. Bisher gingen Forscher davon aus, dass die Entstehung von Knorpelzellen vor allem durch Signale "von außen", beispielsweise aus der Haut oder dem umgebenden undifferenzierten Embryonalgewebe gesteuert wird. Die jetzt publizierte Arbeit zeigt jedoch, dass das vom Knorpel selbst produzierte Ihh essentiell für das Längenwachstum des Fingers ist.

Originalveröffentlichung:
Gao, B., Hu, J., Stricker, S., Cheung, M., Ma, G., Fong Law, K., Witte, F., Briscoe, J., Mundlos, S., He, L., Cheah K.S.E., Chan, D. (2009). A mutation in Ihh that causes digit abnormalities alters its signaling capacity and range. Nature, doi: 10.1038/nature07862, advance online publication March 1st, 2009
Kontakt (Pressestelle):
Dr. Patricia Marquardt
Max-Planck-Institut für molekulare Genetik
Ihnestr. 63-73
14195 Berlin
Tel.: +49 30 8413-1716
Fax: +49 30 8413-1671
Email : patricia.marquardt@molgen.mpg.de

Dr. Patricia Marquardt | idw
Weitere Informationen:
http://www.molgen.mpg.de/research/mundlos/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Superkondensatoren aus Holzbestandteilen
24.05.2018 | Gesellschaft Deutscher Chemiker e.V.

nachricht Was einen guten Katalysator ausmacht
24.05.2018 | Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit Hilfe molekularer Schalter lassen sich künftig neuartige Bauelemente entwickeln

Einem Forscherteam unter Führung von Physikern der Technischen Universität München (TUM) ist es gelungen, spezielle Moleküle mit einer angelegten Spannung zwischen zwei strukturell unterschiedlichen Zuständen hin und her zu schalten. Derartige Nano-Schalter könnten Basis für neuartige Bauelemente sein, die auf Silizium basierende Komponenten durch organische Moleküle ersetzen.

Die Entwicklung neuer elektronischer Technologien fordert eine ständige Verkleinerung funktioneller Komponenten. Physikern der TU München ist es im Rahmen...

Im Focus: Molecular switch will facilitate the development of pioneering electro-optical devices

A research team led by physicists at the Technical University of Munich (TUM) has developed molecular nanoswitches that can be toggled between two structurally different states using an applied voltage. They can serve as the basis for a pioneering class of devices that could replace silicon-based components with organic molecules.

The development of new electronic technologies drives the incessant reduction of functional component sizes. In the context of an international collaborative...

Im Focus: GRACE Follow-On erfolgreich gestartet: Das Satelliten-Tandem dokumentiert den globalen Wandel

Die Satellitenmission GRACE-FO ist gestartet. Am 22. Mai um 21.47 Uhr (MESZ) hoben die beiden Satelliten des GFZ und der NASA an Bord einer Falcon-9-Rakete von der Vandenberg Air Force Base (Kalifornien) ab und wurden in eine polare Umlaufbahn gebracht. Dort nehmen sie in den kommenden Monaten ihre endgültige Position ein. Die NASA meldete 30 Minuten später, dass der Kontakt zu den Satelliten in ihrem Zielorbit erfolgreich hergestellt wurde. GRACE Follow-On wird das Erdschwerefeld und dessen räumliche und zeitliche Variationen sehr genau vermessen. Sie ermöglicht damit präzise Aussagen zum globalen Wandel, insbesondere zu Änderungen im Wasserhaushalt, etwa dem Verlust von Eismassen.

Potsdam, 22. Mai 2018: Die deutsch-amerikanische Satellitenmission GRACE-FO (Gravity Recovery And Climate Experiment Follow On) ist erfolgreich gestartet. Am...

Im Focus: Faserlaser mit einstellbarer Wellenlänge

Faserlaser sind ein effizientes und robustes Werkzeug zum Schweißen und Schneiden von Metallen beispielsweise in der Automobilindustrie. Systeme bei denen die Wellenlänge des Laserlichts flexibel einstellbar ist, sind für spektroskopische Anwendungen und die Medizintechnik interessant. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien (Leibniz-IPHT) haben, im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Projekts „FlexTune“, ein neues Abstimmkonzept realisiert, das erstmals verschiedene Emissionswellenlängen voneinander unabhängig und zeitlich synchron erzeugt.

Faserlaser bieten im Vergleich zu herkömmlichen Lasern eine höhere Strahlqualität und Energieeffizienz. Integriert in einen vollständig faserbasierten...

Im Focus: LZH zeigt Lasermaterialbearbeitung von morgen auf der LASYS 2018

Auf der LASYS 2018 zeigt das Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) vom 5. bis zum 7. Juni Prozesse für die Lasermaterialbearbeitung von morgen in Halle 4 an Stand 4E75. Mit gesprengten Bombenhüllen präsentiert das LZH in Stuttgart zudem erste Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt zur zivilen Sicherheit.

Auf der diesjährigen LASYS stellt das LZH lichtbasierte Prozesse wie Schneiden, Schweißen, Abtragen und Strukturieren sowie die additive Fertigung für Metalle,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

Größter Astronomie-Kongress kommt nach Wien

24.05.2018 | Veranstaltungen

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungen

48V im Fokus!

21.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Was einen guten Katalysator ausmacht

24.05.2018 | Biowissenschaften Chemie

Superkondensatoren aus Holzbestandteilen

24.05.2018 | Biowissenschaften Chemie

Neue Schaltschrank-Plattform für die Energiewelt

24.05.2018 | Messenachrichten

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics