Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Unechte Karettschildkröten - der Start ins Leben: ein Sprint und ein Ritt auf der Strömung

23.10.2014

Mit Hilfe winziger Sender verfolgten Wissenschaftler des GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, der Turtle Foundation und der Queen Mary University of London die Wege frisch geschlüpfter Unechter Karettschildkröten.

Die Tiere durchqueren zügig die Küstengewässer und lassen sich dann von Ozeanströmungen weitertragen. Laut der Studie, die vom Kieler Exzellenzcluster „Ozean der Zukunft“ gefördert wurde, haben die lokalen ozeanographischen Bedingungen maßgeblich zur evolutionären Entwicklung dieses besonderen Schwimmverhaltens beigetragen. Ihre Ergebnisse präsentieren die Meeresbiologen in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins „Proceedings of the Royal Society B“.


Frisch geschlüpfte Unechte Karettschildkröte mit Mini-Sender.

Foto: Rebecca Scott, GEOMAR

Unechte Karettschildkröten (Caretta caretta) von den Kapverdischen Inseln beginnen ihr Leben mit einem Schwimm-Sprint und einem Ritt auf günstigen Ozeanströmungen. So entkommen sie schnell den Küstengebieten, in denen sie leicht verschiedenen Räubern zum Opfer fallen können, und gelangen zügig in den sichereren offenen Ozean.

Dort wachsen sie über mehrere Jahre lang heran, ehe sie zur Eiablage an ihren Heimatstrand zurückkehren. Kleine akustische Sender gaben jetzt erstmals Einblick in die Wanderungen der Schildkröten-Babys. „Dank der neuen Technologie können wir jetzt wichtige Wissenslücken über die so genannten ‚verlorenen Jahre’ schließen“, erklärt Dr. Rebecca Scott, Postdoktorandin im Kieler Exzellenzcluster „Ozean der Zukunft“.

Die Meeresbiologin leitete eine gemeinsame Studie mit Wissenschaftlern des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel, der Turtle Foundation und der School of Biological and Chemical Sciences an der Queen Mary University of London. Die Ergebnisse ihrer Arbeiten veröffentlichten die Forscher in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins „Proceedings of the Royal Society B“.

„Wissenschaftler nennen die frühe Lebensphase ‚verlorene Jahre’, weil sie die frisch geschlüpften Schildkröten bisher nicht sehr weit verfolgen konnten. Die Tiere verschwanden aufs Meer hinaus. Erst Jahre später kehrten die Überlebenden zu ihrem Ursprungsort zurück, um ihre Eier abzulegen“, so Dr. Scott.

„Dank neuer Techniken wie den Mini-Sendern und Ozeanmodellen erkennen wir jetzt, wohin die Tiere wandern. Dies zu wissen ist wichtig, weil die Verbreitung der Jungen die Entwicklung im Erwachsenenstadium beeinflusst. Je mehr wir über das Schwimmverhalten und die biologischen und physischen Determinanten ihrer Verbreitung wissen, desto besser können wir diese bedrohte Art schützen.“

In Zusammenarbeit mit der Turtle Foundation auf der kapverdischen Insel Boa Vista sammelten die Wissenschaftler frisch geschlüpfte Schildkrötenjunge an zwei Stränden im Nordwesten und an der Südspitze der Insel. Stromlinienförmige, nur 0,4 Gramm schwere Sender mit einer Breite von fünf und einer Länge von zwölf Millimetern wurden vorübergehend auf den Bauchpanzer der Tiere geklebt.

Von einem Boot aus verfolgten die Forscher die Signale für bis zu acht Stunden und eine Strecke von 15 Kilometern. Außerdem beobachteten sie in Testbecken mit Datenloggern des GEOMAR mehrere Tage lang das Schwimmverhalten von 16 Schildkröten. Nach dem Schlüpfen schwammen die Neugeborenen 24 Stunden lang ununterbrochen. Dann wechselten sie zu einem Rhythmus von Aktivität während des Tages und Ruhephasen während der Nacht.

Weil die ablandigen Strömungen in großer Nähe zur Insel verlaufen, scheinen die Schildkröten von Boa Vista eine längere Nachtruhe einlegen zu können als Jungtiere, die anderenorts zur Welt kommen. „Verschiedene Forschergruppen aus Amerika haben beispielsweise beobachtet, dass der Weg dort viel weiter ist und Schwimmzeiten viel länger sind“, erklärt Dr. Scott.

„Das tiefe Wasser des offenen Ozeans und günstige Strömungsverläufe, die die Richtung und die Geschwindigkeit der Kapverdischen Schildkröten vorgeben, liegen sehr nah bei den Nestern. Die Tiere profitieren stark davon, wenn lokale Gegebenheiten die evolutionäre Entwicklung des Schwimmverhaltens so beeinflussen, dass sie beste Überlebenschancen haben. Es scheint, als ob die Schildkröten von Boa Vista mit diesen ortsspezifischen Fähigkeiten auf die Welt kommen.“

Weil große Schildkrötenjunge im Testbecken länger schwammen als kleinere, deuten die Wissenschaftler eine ausgeprägte Körpergröße als Hinweis auf eine hervorragende Fitness. „Es gibt aber Anzeichen dafür, dass höhere Temperaturen in den Nesten dazu führen können, dass die Neugeborenen kleiner bleiben. Darum könnte es sein, dass die Fitness in Zukunft unter der globalen Erwärmung leiden wird“, vermutet Rebecca Scott. „Der Klimawandel würde die Tiere dann auf viel subtilere Weise bedrohen als nur durch offensichtliche Gefahren wie etwa der Verlust von Stränden für die Eiablage“.

Originalveröffentlichung:
Scott, R., Biastoch, A., Roder, C., Stiebens, V. A. and Eizaguirre, C., 2014: Nano-tags for neonates and ocean-mediated swimming behaviours linked to rapid dispersal of hatchling sea turtles. Proc. R. Soc. B., 218, 20141209, doi:10.1098/rspb.2014.1209

Bildmaterial:
Unter www.geomar.de/n2123 steht Bildmaterial zum Download bereit.
Video-Footage auf Anfrage.

Ansprechpartner:
Rebecca Scott (GEOMAR, FB3-EV), Tel.: 0431 600-4569, rscott@geomar.de
Maike Nicolai (GEOMAR Kommunikation & Medien) Tel.: 0431 600-2807, mnicolai@geomar.de

Weitere Informationen:

http://www.geomar.de GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel
http://www.ozean-der-zukunft.de Exzellenzcluster „Ozean der Zukunft“
http://www.turtle-foundation.org Turtle Foundation
http://www.sbcs.qmul.ac.uk The School of Biological and Chemical Sciences at the Queen Mary University of London

Dr. Andreas Villwock | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Wie Reize auf dem Weg ins Bewusstsein versickern
22.09.2017 | Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn

nachricht Lebendiges Gewebe aus dem Drucker
22.09.2017 | Universitätsklinikum Freiburg

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: The pyrenoid is a carbon-fixing liquid droplet

Plants and algae use the enzyme Rubisco to fix carbon dioxide, removing it from the atmosphere and converting it into biomass. Algae have figured out a way to increase the efficiency of carbon fixation. They gather most of their Rubisco into a ball-shaped microcompartment called the pyrenoid, which they flood with a high local concentration of carbon dioxide. A team of scientists at Princeton University, the Carnegie Institution for Science, Stanford University and the Max Plank Institute of Biochemistry have unravelled the mysteries of how the pyrenoid is assembled. These insights can help to engineer crops that remove more carbon dioxide from the atmosphere while producing more food.

A warming planet

Im Focus: Hochpräzise Verschaltung in der Hirnrinde

Es ist noch immer weitgehend unbekannt, wie die komplexen neuronalen Netzwerke im Gehirn aufgebaut sind. Insbesondere in der Hirnrinde der Säugetiere, wo Sehen, Denken und Orientierung berechnet werden, sind die Regeln, nach denen die Nervenzellen miteinander verschaltet sind, nur unzureichend erforscht. Wissenschaftler um Moritz Helmstaedter vom Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und Helene Schmidt vom Bernstein-Zentrum der Humboldt-Universität in Berlin haben nun in dem Teil der Großhirnrinde, der für die räumliche Orientierung zuständig ist, ein überraschend präzises Verschaltungsmuster der Nervenzellen entdeckt.

Wie die Forscher in Nature berichten (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005), haben die...

Im Focus: Highly precise wiring in the Cerebral Cortex

Our brains house extremely complex neuronal circuits, whose detailed structures are still largely unknown. This is especially true for the so-called cerebral cortex of mammals, where among other things vision, thoughts or spatial orientation are being computed. Here the rules by which nerve cells are connected to each other are only partly understood. A team of scientists around Moritz Helmstaedter at the Frankfiurt Max Planck Institute for Brain Research and Helene Schmidt (Humboldt University in Berlin) have now discovered a surprisingly precise nerve cell connectivity pattern in the part of the cerebral cortex that is responsible for orienting the individual animal or human in space.

The researchers report online in Nature (Schmidt et al., 2017. Axonal synapse sorting in medial entorhinal cortex, DOI: 10.1038/nature24005) that synapses in...

Im Focus: Tiny lasers from a gallery of whispers

New technique promises tunable laser devices

Whispering gallery mode (WGM) resonators are used to make tiny micro-lasers, sensors, switches, routers and other devices. These tiny structures rely on a...

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungen

Internationale Konferenz zum Biomining ab Sonntag in Freiberg

22.09.2017 | Veranstaltungen

Die Erde und ihre Bestandteile im Fokus

21.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

11. BusinessForum21-Kongress „Aktives Schadenmanagement"

22.09.2017 | Veranstaltungsnachrichten

DFG bewilligt drei neue Forschergruppen und eine neue Klinische Forschergruppe

22.09.2017 | Förderungen Preise

Lebendiges Gewebe aus dem Drucker

22.09.2017 | Biowissenschaften Chemie