Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Über kurz oder lang: Einsamkeit schädigt Erbmaterial

07.04.2014

VeterinärmedizinerInnen und Biologen der Vetmeduni Vienna haben herausgefunden, dass einzeln gehaltene Graupapageien kürzere Telomere aufweisen, als jene, die mit einem Partner leben.

Telomere sind die Enden der Chromosomen, die sich bei jeder Zellteilung verkürzen. Mit den nun vorliegenden Ergebnissen konnte die Hypothese bestätigt werden, dass sich sozialer Stress negativ auf die Zellalterung auswirkt. In Zukunft könnte die Telomerlänge als Marker bei der Messung von Stress Anwendung finden. Die Forschungsergebnisse wurden im Journal PLOS ONE veröffentlicht.


Einsame Graupapageien besitzen kürzere Telomere als in Gruppen gehaltene.

Foto: Denise Aydinonat

Graupapageien sind sehr soziale Vögel. Ihre Einzelhaltung ist in Österreich laut Tierschutzgesetz verboten. Dennoch sind Graupapageien in Privathaushalten oft ohne Artgenossen untergebracht. Häufig hat diese Art der Tierhaltung schwerwiegende Folgen für die Gesundheit und das Wohlbefinden der Tiere. Bis vor Kurzem gab es keinerlei wissenschaftliche Studien zum Effekt der längerfristigen sozialen Isolation auf die Zellalterung.

Telomere verkürzen sich bei jeder Zellteilung. Sobald eine kritische Länge erreicht ist, kann sich die Zelle nicht mehr weiter teilen („replikative Seneszenz“). Dieser natürliche Alterungsprozess der Körperzellen trägt dazu bei, geschädigte Zellen zu eliminieren. Die Verkürzung der Telomere stellt somit einen Marker für die eintretende Beeinträchtigung der Zellfunktionen dar. Mehrere Studien deuten darauf hin, dass Stress die Telomere schneller schrumpfen lässt, jedoch gab es bisher keine Untersuchungen, die sich mit den Auswirkungen von sozialer Isolation auf Telomere befassen.

Sozialen Stress molekulargenetisch untersuchen

Um den Einfluss sozialer Isolation auf die Verkürzung der Telomere zu testen, analysierten die Doktorandin Denise Aydinonat und ihre KollegInnen DNA Proben von Graupapageien (Altersspanne 1-45 Jahre), die im Rahmen von Routineuntersuchungen gewonnen wurden. Die Forschenden verglichen die Telomerlängen von alleine lebenden Vögeln mit jenen in Paarhaltung. Bei älteren Papageien waren die Telomere, unabhängig von der Haltungsform, erwartungsgemäß kürzer als bei jüngeren Tieren. Die wichtigste Erkenntnis dieser Studie ist jedoch, dass einzeln gehaltenen Graupapageien deutlich kürzere Telomere aufwiesen, als jene Tiere, die mit einem Partner lebten.

Anzeichen von Stress sind an der DNA abzulesen

„Untersuchungen beim Menschen haben gezeigt, dass übermäßig gestresste und sozial ausgegrenzte Personen über kürzere Telomere verfügen”, erklärt Dustin Penn vom Konrad-Lorenz Institut für Vergleichende Verhaltensforschung an der Vetmeduni Vienna. „In unserer Studie untersuchten wir erstmals den Einfluss von sozialer Isolation bei Tieren auf die Telomerlänge.“ Penn und sein Team haben zuvor bei Hausmäusen gezeigt, dass “crowding“, so nennt sich die Haltung von zu vielen Individuen in einer Behausung, zu beschleunigter Verkürzung der Telomere führt. Penn meint weiters: „Die neuen Erkenntnisse zeigen somit, dass beide Extreme der sozialen Umgebung, Einsamkeit aber auch zu dichte Behausung, einen Einfluss auf die Länge der Telomere haben. Um die Resultate zu untermauern, müssen wir in zukünftigen Langzeitstudien untersuchen, inwieweit Gesundheit und Lebenserwartung mit einer stressbedingten Telomerverkürzung zusammenhängen.”

Franz Schwarzenberger vom Institut für Medizinische Biochemie, ein Co-Autor der Studie, betont einen weiteren wichtigen Aspekt der Ergebnisse: „Möglicherweise können Telomere in Zukunft als Marker für die Messung von Stressexposition und die Fähigkeit der chronisch-sozialen Stressanpassung fungieren.“

Der Artikel “Social isolation shortens telomeres in African Grey Parrots (Psittacus erithacus erithacus)” von Aydinonat, D., Penn, D.J.*, Smith, S., Moodley, Y. Hoelzl, F., Knauer, F. & Schwarzenberger, F. wurde am 4. April 2014 im Open Access Journal PLOS ONE veröffentlicht.

Über die Veterinärmedizinische Universität Wien

Die Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna) ist die einzige veterinärmedizinische, akademische Bildungs- und Forschungsstätte Österreichs. Ihr Augenmerk gilt der Tiergesundheit und der Lebensmittelsicherheit. Im Forschungsinteresse stehen die Gesundheit von Tier und Mensch sowie Themen der Tierhaltung und des Tierschutzes. Die Vetmeduni Vienna beschäftigt 1.200 MitarbeiterInnen und bildet zurzeit 2.300 Studierende aus. Der Campus in Wien Floridsdorf verfügt über fünf Universitätskliniken und zahlreiche Forschungseinrichtungen. Zwei Forschungsinstitute am Wiener Wilhelminenberg sowie ein Lehr- und Forschungsgut in Niederösterreich gehören ebenfalls zur Vetmeduni Vienna. http://www.vetmeduni.ac.at

Wissenschaftlicher Kontakt:
Ao. Univ.-Prof. Franz Schwarzenberger
Institut für Medizinische Biochemie
Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna)
T +43 1 20577-4104
franz.schwarzenberger@vetmeduni.ac.at

Dustin Penn, PhD (englischsprachig)
Konrad-Lorenz-Institut für Vergleichende Verhaltensforschung
Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna)
T +43 1 4890915-823
dustin.penn@vetmeduni.ac.at

Aussenderin:
Dr.rer.nat. Susanna Kautschitsch
Wissenschaftskommunikation / Public Relations
Veterinärmedizinische Universität Wien (Vetmeduni Vienna)
T +43 1 25077-1153
susanna.kautschitsch@vetmeduni.ac.at

Weitere Informationen:

http://www.vetmeduni.ac.at/de/infoservice/presseinformationen/presseinfo2014/pap...

Dr. Susanna Kautschitsch | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Proteinforschung: Der Computer als Mikroskop
16.01.2017 | Ruhr-Universität Bochum

nachricht Nervenkrankheit ALS: Mehr als nur ein Motor-Problem im Gehirn?
16.01.2017 | Leibniz-Institut für Neurobiologie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Mit solaren Gebäudehüllen Architektur gestalten

Solarthermie ist in der breiten Öffentlichkeit derzeit durch dunkelblaue, rechteckige Kollektoren auf Hausdächern besetzt. Für ästhetisch hochwertige Architektur werden Technologien benötigt, die dem Architekten mehr Gestaltungsspielraum für Niedrigst- und Plusenergiegebäude geben. Im Projekt »ArKol« entwickeln Forscher des Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern aktuell zwei Fassadenkollektoren für solare Wärmeerzeugung, die ein hohes Maß an Designflexibilität erlauben: einen Streifenkollektor für opake sowie eine solarthermische Jalousie für transparente Fassadenanteile. Der aktuelle Stand der beiden Entwicklungen wird auf der BAU 2017 vorgestellt.

Im Projekt »ArKol – Entwicklung von architektonisch hoch integrierten Fassadekollektoren mit Heat Pipes« entwickelt das Fraunhofer ISE gemeinsam mit Partnern...

Im Focus: Designing Architecture with Solar Building Envelopes

Among the general public, solar thermal energy is currently associated with dark blue, rectangular collectors on building roofs. Technologies are needed for aesthetically high quality architecture which offer the architect more room for manoeuvre when it comes to low- and plus-energy buildings. With the “ArKol” project, researchers at Fraunhofer ISE together with partners are currently developing two façade collectors for solar thermal energy generation, which permit a high degree of design flexibility: a strip collector for opaque façade sections and a solar thermal blind for transparent sections. The current state of the two developments will be presented at the BAU 2017 trade fair.

As part of the “ArKol – development of architecturally highly integrated façade collectors with heat pipes” project, Fraunhofer ISE together with its partners...

Im Focus: Mit Bindfaden und Schere - die Chromosomenverteilung in der Meiose

Was einmal fest verbunden war sollte nicht getrennt werden? Nicht so in der Meiose, der Zellteilung in der Gameten, Spermien und Eizellen entstehen. Am Anfang der Meiose hält der ringförmige Proteinkomplex Kohäsin die Chromosomenstränge, auf denen die Bauanleitung des Körpers gespeichert ist, zusammen wie ein Bindfaden. Damit am Ende jede Eizelle und jedes Spermium nur einen Chromosomensatz erhält, müssen die Bindfäden aufgeschnitten werden. Forscher vom Max-Planck-Institut für Biochemie zeigen in der Bäckerhefe wie ein auch im Menschen vorkommendes Kinase-Enzym das Aufschneiden der Kohäsinringe kontrolliert und mit dem Austritt aus der Meiose und der Gametenbildung koordiniert.

Warum sehen Kinder eigentlich ihren Eltern ähnlich? Die meisten Zellen unseres Körpers sind diploid, d.h. sie besitzen zwei Kopien von jedem Chromosom – eine...

Im Focus: Der Klang des Ozeans

Umfassende Langzeitstudie zur Geräuschkulisse im Südpolarmeer veröffentlicht

Fast drei Jahre lang haben AWI-Wissenschaftler mit Unterwasser-Mikrofonen in das Südpolarmeer hineingehorcht und einen „Chor“ aus Walen und Robben vernommen....

Im Focus: Wie man eine 80t schwere Betonschale aufbläst

An der TU Wien wurde eine Alternative zu teuren und aufwendigen Schalungen für Kuppelbauten entwickelt, die nun in einem Testbauwerk für die ÖBB-Infrastruktur umgesetzt wird.

Die Schalung für Kuppelbauten aus Beton ist normalerweise aufwändig und teuer. Eine mögliche kostengünstige und ressourcenschonende Alternative bietet die an...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Aquakulturen und Fangquoten – was hilft gegen Überfischung?

16.01.2017 | Veranstaltungen

14. BF21-Jahrestagung „Mobilität & Kfz-Versicherung im Fokus“

12.01.2017 | Veranstaltungen

Leipziger Biogas-Fachgespräch lädt zum "Branchengespräch Biogas2020+" nach Nossen

11.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Weltweit erste Solarstraße in Frankreich eingeweiht

16.01.2017 | Energie und Elektrotechnik

Proteinforschung: Der Computer als Mikroskop

16.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Vermeintlich junger Stern entpuppt sich als galaktischer Greis

16.01.2017 | Physik Astronomie