Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

TROPICAL-ACS: Verbesserte Therapieoptionen für Patienten mit akutem Koronarsyndrom

28.08.2017

Daten einer großen Multicenter-Studie an der Medizinischen Klinik I am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München von mehr als 2.600 Patienten mit akutem Koronarsyndrom (ACS) und Stentimplantation bestätigen statistisch signifikant die Gleichwertigkeit einer frühen, kontrollierten Umstellung der Therapie von Prasugrel zu Clopidogrel.

Eine einwöchige Behandlung mit Prasugrel und die anschließende kontrollierte Umstellung der Medikation auf Clopidogrel liefern überzeugende Ergebnisse bei ACS Patienten im Sinne einer Gleichwertigkeit bezüglich der Inzidenz des primären Endpunkts der Studie (thrombotische Ereignisse und Blutungskomplikationen) im Vergleich zur Langzeittherapie mittels hochpotenter Plättchenhemmung.


Prof. Dr. med. Dirk Sibbing, MHBA, FESC

Dirk Sibbing (privat)

Eine Umstellung der Therapie wird in der klinischen Praxis bereits bei bis zu 25 Prozent der Patienten praktiziert; bisher jedoch ohne sichere Evidenz. Häufige Gründe zur frühen Umstellung der Therapie auf Clopidogrel im klinischen Alltag sind Blutungen und klinisch relevante Nebenwirkungen der potenten Plättchenhemmer Prasugrel und Ticagrelor. Auch ökonomische Aspekte spielen hier eine große Rolle, da nur Clopidogrel kostengünstig und generisch verfügbar ist.

TROPICAL-ACS ist die erste Studie, die nun sichere Evidenz liefert für ein alternatives Therapiekonzept einer frühen Umstellung der Plättchenhemmung von einem potenten Plättchenhemmer (hier: Prasugrel) auf Clopidogrel. Dabei verfolgt die Studie ein individualisiertes Therapiekonzept.

Neben einer Gleichwertigkeit im Gesamtkollektiv zeigte sich sogar, dass relevante Untergruppen von Patienten (Patienten mit ST-Hebungsinfarkt, Patienten mit einem Alter <70) von einer kontrollierten Umstellung und Individualisierung der Therapie profitieren.

Da ausschließlich Clopidogrel (nicht jedoch Prasugrel oder Ticagrelor) als kostengünstiges Generikum verfügbar ist, können die Behandlungskosten durch das untersuchte Konzept deutlich gesenkt werden. Ebenso zeigten sich unter der frühen Umstellung auf Clopidogrel weniger Blutungskomplikationen, wobei der Unterschied zur Kontrollgruppe hier nicht statistisch signifikant war.

Die Studienergebnisse wurden auf dem größten Kardiologenkongress, dem ESC in Barcelona, mit großem Interesse von der Fachwelt diskutiert. Simultan wurden die Ergebnisse in der renommierten Fachzeitschrift The Lancet publiziert.

TROPICAL-ACS ist die bisher größte Studie, die ein individualisiertes Therapiekonzept im Kollektiv der ACS Patienten untersucht hat. Das Klinikum der Universität München erweitert mit dieser IIT-Studie die Behandlungsoptionen für Patienten mit akutem Koronarsyndrom. Studiendesign, Studienleitung und Projektmanagement liegen in der Hand der Medizinischen Klinik I und dem Clinical Study Center am Klinikum der Universität München (LMU). Insgesamt nahmen 33 Zentren in ganz Europa teil, darunter auch elf Universitätsklinika in Deutschland.

Goldstandard bei der Behandlung von Patienten mit akutem Koronarsyndrom (ACS) ist das Einbringen eines Stents und neben einer lebenslangen Behandlung mit Aspirin die anschließende 12-monatige Gabe von potenten Plättchenhemmern wie Prasugrel oder Ticagrelor. Während potente Plättchenhemmer in vorausgegangenen großen Phase III Studien (TRITON-TIMI 38, PLATO) das Risiko für Re-Infarkte und Stentthrombosen reduzieren konnten, kam es insbesondere unter der Langzeittherapie mit diesen Medikamenten zu Blutungskomplikationen, die zum Teil auch lebensbedrohlich (z.B. Hirnblutungen) sein können.

Ziel von TROPICAL-ACS war es daher, den Zeitraum für die Gabe von Prasugrel auf eine kurze Akutphase zu reduzieren, um anschließend die Patienten im Sinne einer individualisierten Stufentherapie mit Clopidogrel weiter zu behandeln. Um aber eine ausreichende Hemmung der Blutplättchen bei allen Patienten zu gewährleisten, erfolgte eine Plättchenfunktionstestung zum Nachweis der Wirkung von Clopidogrel im Rahmen der Studie.

Investigator Initiated Trials (IIT) oder auch nicht-kommerzielle klinische Studien gelten als wichtige Maßnahmen der klinischen Forschung, wenn es darum geht, Erkenntnisse zu neuen oder verbesserten Behandlungsoptionen zu gewinnen. Auf dem Europäischen Kardiologenkongress (ESC, 26. - 30. August 2017) in Barcelona stellte Prof. Dr. Dirk Sibbing vom Klinikum der Universität München die Ergebnisse der Studie TROPICAL-ACS (1) vor, in der es um Fragen zur personalisierten Behandlung von Patienten mit koronarer Herzerkrankung (KHK) und akutem Koronarsyndrom (ACS) ging.

"Durch die Ergebnisse der TROPICAL-ACS Studie können wir ein alternatives Therapiekonzept für ACS Patienten etablieren, welches vor allem dann Anwendung finden kann, wenn potente Plättchenhemmer aus klinischen aber auch aus ökonomischen Gründen nicht verschrieben werden können", erklärt Prof. Sibbing, der auch Principal Investigator (PI) war.

Gemeinsam mit Prof. Dr. Julinda Mehilli (Co-PI) und Klinikdirektor Prof. Dr. Steffen Massberg (Study Chair) – beide von der Medizinischen Klinik I am Klinikum der Universität München – sowie weiteren Experten aus Deutschland, Ungarn, Polen und Österreich, waren sie federführend verantwortlich.

Mit den erzielten Ergebnissen der Studie ist es nun möglich, die individuellen Gegebenheiten der Betroffenen bei der Behandlung zu berück-sichtigen, um eine bestmögliche Risikoreduktion für Blutungen und thrombotische Komplikationen gleichermaßen zu erreichen. Es geht also um verbesserte Therapieoptionen und eine individualisierte Therapie mit bereits zugelassenen Medikamenten.

Um herauszufinden, welche Patienten wie auf die Medikamente ansprechen, wurde das individuelle Risiko für thrombotische Ereignisse mit Hilfe des Multiplate Analyzer (2) von Roche Diagnostics ermittelt. Roche hat die Studie zudem finanziell unterstützt, jedoch keinen Einfluss auf das Studiendesign und die spätere Auswertung der Daten genommen. Auch stehen keine von Roche hergestellten oder vertriebenen Medikamente auf dem Prüfstand.

Zum Studiendesign:
1.304 Patienten in der Monitoring-Gruppe (= Gruppe mit der individualisierten Therapie, "guided de-escalation") haben nach einem ACS mit Stentimplantaion nach Entlassung aus dem Krankenhaus für 7 Tage Prasugrel (5/10 mg) erhalten, anschließend 7 Tage Clopidogrel (75 mg). Die 1.306 Patienten der Kontrollgruppe wurden im selben Zeitraum 14 Tage ausschließlich mit Prasugrel (5/10 mg) behandelt. Anschließend erfolgte eine Plättchenfunktionstestung (Multiplate Analyzer) Im weiteren Verlauf erhielt die Kontrollgruppe unabhängig von den Ergebnissen dieser Messung für weitere 11,5 Monate Prasugrel. Hier hatte die Multiplate-Analyse nur einen observierenden Charakter. Der Monitoring-Arm der Studie erhielt auf Basis der Messung eine individualisierte Therapie für die verbleibenden 11,5 Monate. Nur die kleinere Gruppe der Patienten, die kein ausreichendes Ansprechen auf Clopidogrel zeigte, wurde auf Prasugrel weiterbehandelt. Der überwiegende Anteil der Patienten im Monitoring Arm der Studie wurde nach Bestätigung eines guten Ansprechens auf Clopidogrel auch mit diesem Medikament für weitere 11,5 Monate weiterbehandelt.

1) Testing RespOnsiveness to Platelet Inhibition on Chronic An-tiplatetLet Treatment for Acute Coronary Syndrome.

2) Damit kann die Tendenz der Blutplättchen Blutgerinnsel zu bilden gemessen werden. Selbige ist mit dem Risiko für das Auftreten von thrombotischen Ereignissen assoziiert

Literatur:
Sibbing D, Aradi D, Jacobshagen C, et al. Guided De-Escalation of Antiplatelet Treatment in Acute Coronary Syndrome Patients Undergoing percutaneous coronary intervention (TROPICAL-ACS): a randomised, open-label, multicentre trial. Lancet 2017

Ansprechpartner:

Prof. Dr. med. Dirk Sibbing, MHBA, FESC
Oberarzt, Medizinische Klinik und Poliklinik I
Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München
Co-Chairperson ESC Working Group on Thrombosis

Postadresse / mail address:
Medizinische Klinik I
Klinikum der Universität München, Campus Großhadern
Marchioninistraße 15
81377 München, Germany

Phone: +49 89 4400 73028 (Büro)
Mobile: +49 152 54849420 (mobile)
email: dirk@sibbing.net / dirk.sibbing@med.uni-muenchen.de

Weitere Informationen:

http://www.klinikum.uni-muenchen.de/de/das_klinikum/zentrale-bereiche/weitere-in...
http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(17)32155-4/fullte...

Philipp Kressirer | idw - Informationsdienst Wissenschaft

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Bakterieller Untermieter macht Blattnahrung für Käfer verdaulich
17.11.2017 | Max-Planck-Institut für chemische Ökologie

nachricht Neues Werkzeug für gezielten Proteinabbau
17.11.2017 | Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Ultrakalte chemische Prozesse: Physikern gelingt beispiellose Vermessung auf Quantenniveau

Wissenschaftler um den Ulmer Physikprofessor Johannes Hecker Denschlag haben chemische Prozesse mit einer beispiellosen Auflösung auf Quantenniveau vermessen. Bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit kombinierten die Forscher Theorie und Experiment und können so erstmals die Produktzustandsverteilung über alle Quantenzustände hinweg - unmittelbar nach der Molekülbildung - nachvollziehen. Die Forscher haben ihre Erkenntnisse in der renommierten Fachzeitschrift "Science" publiziert. Durch die Ergebnisse wird ein tieferes Verständnis zunehmend komplexer chemischer Reaktionen möglich, das zukünftig genutzt werden kann, um Reaktionsprozesse auf Quantenniveau zu steuern.

Einer deutsch-amerikanischen Forschergruppe ist es gelungen, chemische Prozesse mit einer nie dagewesenen Auflösung auf Quantenniveau zu vermessen. Dadurch...

Im Focus: Leoniden 2017: Sternschnuppen im Anflug?

Gemeinsame Pressemitteilung der Vereinigung der Sternfreunde und des Hauses der Astronomie in Heidelberg

Die Sternschnuppen der Leoniden sind in diesem Jahr gut zu beobachten, da kein Mondlicht stört. Experten sagen für die Nächte vom 16. auf den 17. und vom 17....

Im Focus: «Kosmische Schlange» lässt die Struktur von fernen Galaxien erkennen

Die Entstehung von Sternen in fernen Galaxien ist noch weitgehend unerforscht. Astronomen der Universität Genf konnten nun erstmals ein sechs Milliarden Lichtjahre entferntes Sternensystem genauer beobachten – und damit frühere Simulationen der Universität Zürich stützen. Ein spezieller Effekt ermöglicht mehrfach reflektierte Bilder, die sich wie eine Schlange durch den Kosmos ziehen.

Heute wissen Astronomen ziemlich genau, wie sich Sterne in der jüngsten kosmischen Vergangenheit gebildet haben. Aber gelten diese Gesetzmässigkeiten auch für...

Im Focus: A “cosmic snake” reveals the structure of remote galaxies

The formation of stars in distant galaxies is still largely unexplored. For the first time, astron-omers at the University of Geneva have now been able to closely observe a star system six billion light-years away. In doing so, they are confirming earlier simulations made by the University of Zurich. One special effect is made possible by the multiple reflections of images that run through the cosmos like a snake.

Today, astronomers have a pretty accurate idea of how stars were formed in the recent cosmic past. But do these laws also apply to older galaxies? For around a...

Im Focus: Pflanzenvielfalt von Wäldern aus der Luft abbilden

Produktivität und Stabilität von Waldökosystemen hängen stark von der funktionalen Vielfalt der Pflanzengemeinschaften ab. UZH-Forschenden gelang es, die Pflanzenvielfalt von Wäldern durch Fernerkundung mit Flugzeugen in verschiedenen Massstäben zu messen und zu kartieren – von einzelnen Bäumen bis hin zu ganzen Artengemeinschaften. Die neue Methode ebnet den Weg, um zukünftig die globale Pflanzendiversität aus der Luft und aus dem All zu überwachen.

Ökologische Studien zeigen, dass die Pflanzenvielfalt zentral ist für das Funktionieren von Ökosys-temen. Wälder mit einer höheren funktionalen Vielfalt –...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungen

Roboter für ein gesundes Altern: „European Robotics Week 2017“ an der Frankfurt UAS

17.11.2017 | Veranstaltungen

Börse für Zukunftstechnologien – Leichtbautag Stade bringt Unternehmen branchenübergreifend zusammen

17.11.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Technologievorsprung durch Textiltechnik

17.11.2017 | Veranstaltungsnachrichten

IHP präsentiert sich auf der productronica 2017

17.11.2017 | Messenachrichten

Roboter schafft den Salto rückwärts

17.11.2017 | Innovative Produkte