Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Tröpfchen für Tröpfchen

22.06.2017

Ein Experiment an der Universität Konstanz kann nicht-klassisches Kristallwachstum nachweisen – Das Ergebnis hat Konsequenzen sowohl für die Grundlagenforschung als auch für die Anwendung

Wie wachsen Kristalle? Das klassische Lehrbuchwissen sagt: Schicht für Schicht verbreiten sich Atome beziehungsweise Moleküle auf einer bestehenden Kristallfläche. Die Arbeitsgruppe Physikalische Chemie an der Universität Konstanz hat für Glutaminsäure eine Vorstufe dieses Kristallwachstums beobachten können, die diesem klassischen Wachstumsprinzip widerspricht.


Zeitsequenz repräsentativer Bilder des Rasterkraftmikroskops, die die Abscheidung und die nach-folgende Gestaltänderung der flüssigen Vorstufen auf der Oberfläche eines Glutaminsäuremono-hydrat-Einkristalls zeigen. Das erste Bild (t = 0 Minuten) wurde fünf Minuten nach der Zugabe der übersättigten Lösung genommen. Weitere Bilder von links nach rechts nach weiteren 3, 9, 15, 26, 31, 34, 37 und 47 Minuten Das Sichtfeld ist zwei mal zwei Mikrometer. Die farbigen Kreise dienen als Hilfe, um zu erkennen, was mit den Tröpfchen auf der Kristalloberfläche geschieht (Auflösung oder Bildung einer Wachstumsschicht).

http://bit.ly/2tiQvQl

Prof. Dr. Helmut Cölfen

Demnach sind es nicht nur einzelne Atome, die sich an eine existierende Kristallfläche anlagern, sondern Nano-Tröpfchen, in denen bereits Bausteine für das Wachstum eingelagert sind. Damit könnte das Kristallwachstum, das in einer Vielzahl von Materialien und Anwendungen eine bedeutende Rolle spielt, erheblich beschleunigt werden.

Dass die Bausteine in der Vorstufe flüssig sind, könnte darüber hinaus die Wirksamkeit von Medikamenten beschleunigen. Die Ergebnisse sind in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsjournals Nature Communications vom 21. Juni 2017 erschienen.

Aufnahmen des Rasterkraftmikroskopes, mit dem in der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Helmut Cölfen diese Vorstufe gemessen wurde, weisen unter anderem helle Punkte auf, die im Zeitverlauf immer dunkler werden, um schließlich ganz mit der Kristallfläche zu verschmelzen. Das Rasterkraftmikroskop übersetzt Helligkeit in Höhe. Je heller der Punkt, desto höher ist die Komponente, die dann zerfließt, bis sie die Höhe der Kristalloberfläche erreicht hat. Sie bildet nun eine neue Kristallschicht.

„Wenn ich für eine neue Schicht Atome oder Moleküle anbringe, brauche ich sehr viele davon. Wenn ich in der Lösung aber bereits Bausteine habe, ist es möglich, mit einem Mal viele Bausteine dahin zu bringen, wo gebaut werden soll“, erklärt Helmut Cölfen das Prinzip.

Dass es diese Nano-Tröpfchen gibt, war vor dem Konstanzer Experiment nicht unbekannt. Ihr Vorhandensein wurde bereits bei Proteinkristallen gefunden – sehr großen Makromolekülen. Glutaminsäure ist dagegen eine einzelne Aminosäure, ein kleines Molekül. Dass es dieses nicht-klassische Wachstum auch hier gibt, wurde zum ersten Mal beobachtet.

Der Vorgang konnte auch zum ersten Mal wirklich gemessen werden. Dass es sich dabei um einen flüssigen Zustand handelt, ist strenggenommen noch nicht bewiesen, sondern wird aus dem Verhalten der Bausteine auf der Kristalloberfläche geschlossen. „Wir glauben, dass es Flüssigkeiten sind, sonst würden die Nano-Tröpfchen nicht so zerfließen“, sagt Helmut Cölfen.

Wenn die Glutaminsäure nach diesem Mechanismus der flüssigen Vorstufe wachsen kann, könnte dies auch für andere Moleküle gelten. Helmut Cölfen denkt insbesondere an neue Formulierungen von Wirkstoffen in Medikamenten. Da sich Flüssigkeit schneller auflöst als ein Feststoff, würden derartige Medikamente schneller wirken.

Mit dem Experiment der Arbeitsgruppe Cölfen lässt sich außerdem die Geschwindigkeit messen, mit der die Stufen wachsen, und daraus die Bausteine errechnen, die sich in der Flüssigkeit befinden. „Das trägt zum grundlegenden Verständnis von Kristallwachstum bei“, so Cölfen. Auch Abweichungen von erwartetem Kristallwachstum könnten damit erklärt werden.

Um die empirische Beobachtung der flüssigen Vorstufe theoretisch beschreiben zu können, müssen nun neue physikalisch-chemische Theorien des Kristallwachstums aufgestellt werden. Die entscheidenden Fragen lauten: Wo kommen diese kleinen Bausteine her? Warum werden sie flüssig? Und warum können sie eine Kristallschicht bilden? Die Arbeitsgruppe von Helmut Cölfen hat das experimentelle Material für die Theorie geliefert.

Originalveröffentlichung:
Yuan Jiang, Matthias Kellermeier, Denis Gebauer, Zihao Lu, Rose Rosenberg, Adrian Moise, Mi-chael Przybylski, Helmut Cölfen: Growth of Organic Crystals via Attachment and Transformation of Nanoscopic Precursors.
DOI: 10.1038/ncomms15933

Faktenübersicht:
• Unterstützung durch das Zukunftskolleg der Universität Konstanz
• Kooperation mit der Xiamen University, China, und BASF SE Ludwigshafen

Hinweis an die Redaktionen:
Fotos können im Folgenden heruntergeladen werden:
http://bit.ly/2sh7cxd
Zeitsequenz repräsentativer Bilder des Rasterkraftmikroskops, die die Abscheidung und die nach-folgende Gestaltänderung der flüssigen Vorstufen auf der Oberfläche eines Glutaminsäuremono-hydrat-Einkristalls zeigen. Das erste Bild (t = 0 Minuten) wurde fünf Minuten nach der Zugabe der übersättigten Lösung genommen. Weitere Bilder von links nach rechts nach weiteren 3, 9, 15, 26, 31, 34, 37 und 47 Minuten Das Sichtfeld ist zwei mal zwei Mikrometer. Die farbigen Kreise dienen als Hilfe, um zu erkennen, was mit den Tröpfchen auf der Kristalloberfläche geschieht (Auflösung oder Bildung einer Wachstumsschicht).

http://bit.ly/2tiQvQl
Prof. Dr. Helmut Cölfen

Kontakt:
Universität Konstanz
Kommunikation und Marketing
Telefon: + 49 7531 88-3603
E-Mail: kum@uni-konstanz.de

Julia Wandt | idw - Informationsdienst Wissenschaft
Weitere Informationen:
http://www.uni-konstanz.de

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Neue Materialchemie für Hochleistungsbatterien
19.09.2017 | Technische Universität Berlin

nachricht Zentraler Schalter der Immunabwehr gefunden
19.09.2017 | Medizinische Hochschule Hannover

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Wundermaterial Graphen: Gewölbt wie das Polster eines Chesterfield-Sofas

Graphen besitzt extreme Eigenschaften und ist vielseitig verwendbar. Mit einem Trick lassen sich sogar die Spins im Graphen kontrollieren. Dies gelang einem HZB-Team schon vor einiger Zeit: Die Physiker haben dafür eine Lage Graphen auf einem Nickelsubstrat aufgebracht und Goldatome dazwischen eingeschleust. Im Fachblatt 2D Materials zeigen sie nun, warum dies sich derartig stark auf die Spins auswirkt. Graphen kommt so auch als Material für künftige Informationstechnologien infrage, die auf der Verarbeitung von Spins als Informationseinheiten basieren.

Graphen ist wohl die exotischste Form von Kohlenstoff: Alle Atome sind untereinander nur in der Ebene verbunden und bilden ein Netz mit sechseckigen Maschen,...

Im Focus: Hochautomatisiertes Fahren bei Schnee und Regen: Robuste Warnehmung dank intelligentem Sensormix

Schlechte Sichtverhältnisse bei Regen oder Schnellfall sind für Menschen und hochautomatisierte Fahrzeuge eine große Herausforderung. Im europäischen Projekt RobustSENSE haben die Forscher von Fraunhofer FOKUS mit 14 Partnern, darunter die Daimler AG und die Robert Bosch GmbH, in den vergangenen zwei Jahren eine Softwareplattform entwickelt, auf der verschiedene Sensordaten von Kamera, Laser, Radar und weitere Informationen wie Wetterdaten kombiniert werden. Ziel ist, eine robuste und zuverlässige Wahrnehmung der Straßensituation unabhängig von der Komplexität und der Sichtverhältnisse zu gewährleisten. Nach der virtuellen Erprobung des Systems erfolgt nun der Praxistest, unter anderem auf dem Berliner Testfeld für hochautomatisiertes Fahren.

Starker Schneefall, ein Ball rollt auf die Fahrbahn: Selbst ein Mensch kann mitunter nicht schnell genug erkennen, ob dies ein gefährlicher Gegenstand oder...

Im Focus: Ultrakurze Momentaufnahmen der Dynamik von Elektronen in Festkörpern

Mit Hilfe ultrakurzer Laser- und Röntgenblitze haben Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für Quantenoptik (Garching bei München) Schnappschüsse der bislang kürzesten Bewegung von Elektronen in Festkörpern gemacht. Die Bewegung hielt 750 Attosekunden lang an, bevor sie abklang. Damit stellten die Wissenschaftler einen neuen Rekord auf, ultrakurze Prozesse innerhalb von Festkörpern aufzuzeichnen.

Wenn Röntgenstrahlen auf Festkörpermaterialien oder große Moleküle treffen, wird ein Elektron von seinem angestammten Platz in der Nähe des Atomkerns...

Im Focus: Ultrafast snapshots of relaxing electrons in solids

Using ultrafast flashes of laser and x-ray radiation, scientists at the Max Planck Institute of Quantum Optics (Garching, Germany) took snapshots of the briefest electron motion inside a solid material to date. The electron motion lasted only 750 billionths of the billionth of a second before it fainted, setting a new record of human capability to capture ultrafast processes inside solids!

When x-rays shine onto solid materials or large molecules, an electron is pushed away from its original place near the nucleus of the atom, leaving a hole...

Im Focus: Quantensensoren entschlüsseln magnetische Ordnung in neuartigem Halbleitermaterial

Physiker konnte erstmals eine spiralförmige magnetische Ordnung in einem multiferroischen Material abbilden. Diese gelten als vielversprechende Kandidaten für zukünftige Datenspeicher. Der Nachweis gelang den Forschern mit selbst entwickelten Quantensensoren, die elektromagnetische Felder im Nanometerbereich analysieren können und an der Universität Basel entwickelt wurden. Die Ergebnisse von Wissenschaftlern des Departements Physik und des Swiss Nanoscience Institute der Universität Basel sowie der Universität Montpellier und Forschern der Universität Paris-Saclay wurden in der Zeitschrift «Nature» veröffentlicht.

Multiferroika sind Materialien, die gleichzeitig auf elektrische wie auch auf magnetische Felder reagieren. Die beiden Eigenschaften kommen für gewöhnlich...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

»Laser in Composites Symposium« in Aachen – von der Wissenschaft in die Anwendung

19.09.2017 | Veranstaltungen

Biowissenschaftler tauschen neue Erkenntnisse über molekulare Gen-Schalter aus

19.09.2017 | Veranstaltungen

Zwei Grad wärmer – und dann?

19.09.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

»Laser in Composites Symposium« in Aachen – von der Wissenschaft in die Anwendung

19.09.2017 | Veranstaltungsnachrichten

Zentraler Schalter der Immunabwehr gefunden

19.09.2017 | Biowissenschaften Chemie

Neue Materialchemie für Hochleistungsbatterien

19.09.2017 | Biowissenschaften Chemie