Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Tödliches Techtelmechtel: Fledermäuse nutzen Kopulationsgeräusche von Fliegen für die Nahrungssuche

24.07.2012
Durch lautes Flügelschlagen während der Paarung werden Fliegen zur leichten Beute

Eine nächtliche Paarung bei Fliegen führt nicht immer zur Vermehrung: Die Männchen geben durch schnelles Flügelschlagen Geräusche in Form von breitbandigen Summlauten von sich, die von Fledermäusen wahrgenommen werden können.


Fransenfledermäuse.
© Stefan Greif/MPI f. Ornithologie


Kopulierende Stubenfliegen (Musca domestica).
© Stefan Greif/MPI f. Ornithologie

Stefan Greif vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen und seine Kollegen haben in einer Langzeitstudie an wildlebenden Fransenfledermäusen beobachtet, dass die Fledermäuse die kopulierenden Fliegen im Doppelpack verspeisten. Sitzende oder laufende Fliegen lösten dagegen kein Angriffsverhalten aus. Dies ist der erste experimentelle Nachweis, wie für Tiere die Paarung selbst zum Risiko werden kann.

Die Paarung ist für Tiere allgemein ein gefährlicher Vorgang, denn die Aufmerksamkeit für andere Geschehnisse in der Umgebung ist dann stark reduziert. Deshalb ist die Kopulation, von ein paar Ausnahmen abgesehen, meist recht schnell wieder vorbei. Bereits vor fast 100 Jahren äußerten Forscher die Vermutung, dass sich paarende Tiere einem erhöhten Risiko aussetzen, leichter entdeckt und gefressen zu werden. Jedoch gibt es überraschenderweise nur spärliche Beobachtungen, die diese Hypothese unterstützen. Diese stammen meist von im Wasser lebenden Insekten, wie z.B. Flohkrebsen und Wasserläufern, aber auch von Landinsekten, wie in einer kürzlich veröffentlichten Studie an Australischen Schwarmheuschrecken, die als Paare öfter zur Beute von Grabwespen wurden als Einzeltiere.

Außer der reduzierten Aufmerksamkeit für die Umgebung erhöht auch eine verminderte Fluchtfähigkeit und eine erhöhte Auffälligkeit die Gefahr, als tierisches Liebespaar eine leichte Beute zu werden. Den experimentellen Nachweis dafür erbrachten nun Stefan Greif vom Max-Planck-Institut für Ornithologie und seine Kollegen. An einer Lebensgemeinschaft von Stubenfliegen und Fransenfledermäusen in einem Kuhstall bei Marburg werteten sie Videoaufnahmen von fast 9000 Fliegen aus. Diese zeigen, dass die tagaktiven Fliegen nachts selten fliegen und meist nur an der Decke sitzen oder daran herumlaufen. Die Fledermäuse können diese recht trägen Fliegen durch Echoortung nicht finden, denn die Echos des rauen Untergrundes verschmelzen mit denen der kleinen Beute und machen sie sozusagen unsichtbar.
Dies ändert sich schlagartig, wenn die Fliegenmännchen auf Brautschau gehen und einen passenden Paarungspartner gefunden haben. Die darauf folgende Kopulation ist geräuschvoll, da die Männchen mit ihrem Flügelschlagen breitbandige Summlaute von sich geben, die von den Fledermäusen gehört werden können. In ca. fünf Prozent aller beobachteten Kopulationen wurden diese “Fliegen im Doppelpack“ dann auch von den Fledermäusen attackiert und meist auch erfolgreich gefangen. In einigen Fällen wurden sogar durchschnittlich 26 Prozent aller kopulierenden Fliegenpaare angegriffen.

Um nachzuweisen, dass es tatsächlich die Paarungsgeräusche sind, die die Fledermäuse auf die Fliegen aufmerksam machen, klebten die Forscher tote Fliegenpaare an die Decke. Diese bieten eine größere Reflektionsfläche für das Echoortungssignal der Fledermäuse als eine einzelne Fliege. Diese wurden jedoch nicht attackiert. Erst als die Wissenschaftler den Fransenfledermäusen die Kopulationsgeräusche der Fliegen vorspielten, attackierten sie die Lautsprecher. Dementsprechend fasst Stefan Greif die Studie auf Englisch recht simpel zusammen: “Sex kills“.

Kontakt

Stefan Greif
Max-Planck-Institut für Ornithologie
Telefon: +49 8157 932-376
Email: greif@­orn.mpg.de
Dr. Sabine Spehn
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Seewiesen
Max-Planck-Institut für Ornithologie
Telefon: +49 8157 932-421
Fax: +49 8157 932-209
Email: sspehn@­orn.mpg.de

Originalveröffentlichung
Björn M. Siemers, Eva Kriner, Ingrid Kaipf, Matthias Simon and Stefan Greif
Bats eavesdrop on the sound of copulating flies.
Current Biology, Veröffentlicht Online am 24.07.2012

Dr. Sabine Spehn | Max-Planck-Institut
Weitere Informationen:
http://www.mpg.de/5913958/fledermaeuse_kopulationsgeraeusche

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Der erste Blick auf ein einzelnes Protein
18.01.2017 | Max-Planck-Institut für Festkörperforschung, Stuttgart

nachricht Unterschiedliche Rekombinationsraten halten besonders egoistische Gene im Zaum
18.01.2017 | Max-Planck-Institut für Evolutionsbiologie, Plön

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Textiler Hochwasserschutz erhöht Sicherheit

Wissenschaftler der TU Chemnitz präsentieren im Februar und März 2017 ein neues temporäres System zum Schutz gegen Hochwasser auf Baumessen in Chemnitz und Dresden

Auch die jüngsten Hochwasserereignisse zeigen, dass vielerorts das natürliche Rückhaltepotential von Uferbereichen schnell erschöpft ist und angrenzende...

Im Focus: Wie Darmbakterien krank machen

HZI-Forscher entschlüsseln Infektionsmechanismen von Yersinien und Immunantworten des Wirts

Yersinien verursachen schwere Darminfektionen. Um ihre Infektionsmechanismen besser zu verstehen, werden Studien mit dem Modellorganismus Yersinia...

Im Focus: How gut bacteria can make us ill

HZI researchers decipher infection mechanisms of Yersinia and immune responses of the host

Yersiniae cause severe intestinal infections. Studies using Yersinia pseudotuberculosis as a model organism aim to elucidate the infection mechanisms of these...

Im Focus: Interfacial Superconductivity: Magnetic and superconducting order revealed simultaneously

Researchers from the University of Hamburg in Germany, in collaboration with colleagues from the University of Aarhus in Denmark, have synthesized a new superconducting material by growing a few layers of an antiferromagnetic transition-metal chalcogenide on a bismuth-based topological insulator, both being non-superconducting materials.

While superconductivity and magnetism are generally believed to be mutually exclusive, surprisingly, in this new material, superconducting correlations...

Im Focus: Erforschung von Elementarteilchen in Materialien

Laseranregung von Semimetallen ermöglicht die Erzeugung neuartiger Quasiteilchen in Festkörpersystemen sowie ultraschnelle Schaltung zwischen verschiedenen Zuständen.

Die Untersuchung der Eigenschaften fundamentaler Teilchen in Festkörpersystemen ist ein vielversprechender Ansatz für die Quantenfeldtheorie. Quasiteilchen...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Künftige Rohstoffexperten aus aller Welt in Freiberg zur Winterschule

18.01.2017 | Veranstaltungen

Bundesweiter Astronomietag am 25. März 2017

17.01.2017 | Veranstaltungen

Über intelligente IT-Systeme und große Datenberge

17.01.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Der erste Blick auf ein einzelnes Protein

18.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Das menschliche Hirn wächst länger und funktionsspezifischer als gedacht

18.01.2017 | Biowissenschaften Chemie

Zur Sicherheit: Rettungsautos unterbrechen Radio

18.01.2017 | Verkehr Logistik