Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Tickende Zeitbombe: Zirkulierende NMDA-Rezeptor Autoantikörper

23.09.2013
Wissenschaftler des CNMPB und des Max-Planck-Instituts für Experimentelle Medizin weisen bei 10% aller untersuchten Probanden NMDAR-Autoantikörper im Blut nach, die bei einer Schädigung der Blut-Hirn-Schranke neuropsychiatrische Störungen hervorrufen können. Die Ergebnisse der Studie wurden kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift Molecular Psychiatry veröffentlicht.

Als 'NMDAR-Autoantikörper Enzephalitis' wurde eine akute Erkrankung des Gehirns bezeichnet, deren mögliche Ursachen und Behandlung in einer Vielzahl neuerer Publikationen beschrieben werden.

Auf molekularer Ebene geht sie mit einer Unterfunktion von Glutamat-Rezeptoren (NMDAR) einher, welche ausgelöst wird durch im Gehirn anwesende Autoantikörper gegen diese Rezeptoren. Symptome der Erkrankung können Psychosen, Bewegungsstörungen, epileptische Anfälle, oder geistiger Leistungsabbau in verschiedener Ausprägung sein.

Basierend auf meist nur kleinen Gruppen von Patienten, beleuchten die bisherigen Arbeiten jedoch weder die Relevanz von NMDAR-Autoantikörpern im Blut für die Krankheitsentstehung, noch existieren belastbare Daten über ihre Vorkommenshäufigkeit bei gesunden Menschen.

Bemerkenswerte neue Erkenntnisse liefert eine aktuelle Studie von Frau Prof. Hannelore Ehrenreich und ihrem Team vom Max-Planck-Institut für Experimentelle Medizin und vom Göttinger DFG-Forschungszentrum und Exzellenzcluster Mikroskopie im Nanometerbereich und Molekular-physiologie des Gehirns (CNMPB). Die Studie belegt erstmals, dass im Blutserum von über 10% der insgesamt fast 3000 untersuchten Probanden NMDAR-Autoantikörper zu finden sind, und zwar völlig unabhängig davon, ob es sich um Gesunde oder Kranke handelt.

Erstaunlicherweise sind Antikörpertiter, Antikörperklassen und Antikörper-wirksamkeit bei gesunden Menschen und neuropsychiatrisch Erkrankten vergleichbar. Deshalb stellten die Autoren der Studie sich die logische zentrale Frage: Wenn diese Autoantikörper irgendeine pathologische Rolle spielen, warum bleiben dann gesunde Autoantikörperträger gesund?

In einer Serie von gezielten Tierexperimenten konnten die Wissenschaftler zeigen, dass Voraussetzung für die Auslösung von Symptomen durch diese Autoantikörper und damit für die Krankheitsentstehung eine Störung der Blut-Hirn-Schranke ist. Diese physiologische Barriere grenzt im gesunden Organismus das zentrale Nervensystem wie eine Art Filter vom allgemeinen Blutkreislauf ab und schützt so das Gehirn vor zirkulierenden Erregern und Giften.

Eine Störung ihrer natürlichen Barrierefunktion ermöglicht den im Blut zirkulierenden Autoantikörpern den Übertritt in das Gehirngewebe. Auf diese Weise erreichen sie die im Hirn lokalisierten NMDA-Rezeptoren und können durch entsprechende Wechselwirkungen eine Beeinträchtigung der Hirnfunktion erzielen, in deren Folge psychoseähnliche Symptome, epileptische Anfälle oder kognitive Störungen ausgelöst werden.

„Mit anderen Worten, über 10% aller Menschen trägt eine ’tickende Zeitbombe’ in sich, die nur durch eine intakte Blut-Hirn-Schranke unterdrückt wird“, so Ehrenreich. Eine Störung der Blut-Hirn-Schranke kann beispielsweise durch einen Schlaganfall, ein Schädelhirntrauma, oder auch eine einfache Virusinfektion hervorgerufen werden. In diesem Zusammenhang zeigen die Wissenschaftler in einer weiteren, retrospektiven Erhebung an einem großen Kollektiv, dass der Schweregrad der neurologischen Symptomatik bei Patienten mit durchgemachter Hirnverletzung, und damit einer vorübergehenden oder anhaltenden Störung der Blut-Hirn-Schranke, erhöht ist, wenn ihr Blutserum NMDAR-Autoantikörper aufweist.

Erstmals stellten sich die Autoren der Studie auch die Frage, welche Faktoren überhaupt auslösend für die Bildung solcher NMDAR-Autoantikörper sein könnten: Warum erwirbt man solche Autoantikörper? Sie fanden einerseits vergangene Influenza-Infektionen vom Typ A oder B mit dem Auftreten dieser Autoantikörper assoziiert, andererseits identifizierten sie mittels einer genomweiten Assoziationsstudie auch einen genetischen Risikofaktor, der mit der NMDAR Biologie in Zusammen-hang steht.

Die unter Erstautor Christian Hammer veröffentlichte Studie ist nicht nur konzeptionell neu, sie liefert zudem bedeutende Erkenntnisse über einen pathophysiologischen Mechanismus, der für die Neuropsychiatrie wie auch für andere klinische Disziplinen von entscheidender Relevanz ist. Die Empfehlung der Wissenschaftler: „Patienten mit akuter oder chronischer Beeinträchtigung der Blut-Hirn-Schranke, etwa nach Hirnverletzung, Schlaganfall, entzündlicher Hirnerkrankung einschließlich Multipler Sklerose, sollten auf die Präsenz von Autoantikörpern gegen NMDA-Rezeptoren im Blut untersucht werden“. Dies könnte dazu beitragen, mittels geeigneter Therapieverfahren den Krankheitsverlauf zu verbessern und langfristigen Komplikationen vorzubeugen.

(cnmpb/mpiem)

Kontakt:
Max-Planck-Institut für Experimentelle Medizin
Klinische Neurowissenschaften
Prof. Dr. Dr. Hannelore Ehrenreich (ehrenreich@em.mpg.de)
Telefon 0551 / 39-3899615
Hermann-Rein-Str. 3, 37075 Göttingen
Weitere Informationen:
http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/23999527
- Originalpublikation
http://www.em.mpg.de/index.php
- Max-Planck-Institut für Experimentelle Medizin
http://www.cmpb.de
- Exzellenzcluster und DFG-Forschungszentrum für Mikroskopie im Nanometerbereich und Molekularphysiologie des Gehirns - CNMPB

Dr. Heike Benecke | idw
Weitere Informationen:
http://www.em.mpg.de/index.php

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Das Geheimnis der Sojabohne: Mainzer Forscher untersuchen Ölkörperchen in Sojabohnen
20.06.2018 | Max-Planck-Institut für Polymerforschung

nachricht Schlüsselmolekül des Alterns entdeckt
20.06.2018 | Deutsches Krebsforschungszentrum

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Temperaturgesteuerte Faser-Lichtquelle mit flüssigem Kern

Die moderne medizinische Bildgebung und neue spektroskopische Verfahren benötigen faserbasierte Lichtquellen, die breitbandiges Laserlicht im nahen und mittleren Infrarotbereich erzeugen. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Photonische Technologien Jena (Leibniz-IPHT) zeigen in einer aktuellen Veröffentlichung im renommierten Fachblatt Optica, dass sie die optischen Eigenschaften flüssigkeitsgefüllter Fasern und damit die Bandbreite des Laserlichts gezielt über die Umgebungstemperatur steuern können.

Das Besondere an den untersuchten Fasern ist ihr Kern. Er ist mit Kohlenstoffdisulfid gefüllt - einer flüssigen chemischen Verbindung mit hoher optischer...

Im Focus: Temperature-controlled fiber-optic light source with liquid core

In a recent publication in the renowned journal Optica, scientists of Leibniz-Institute of Photonic Technology (Leibniz IPHT) in Jena showed that they can accurately control the optical properties of liquid-core fiber lasers and therefore their spectral band width by temperature and pressure tuning.

Already last year, the researchers provided experimental proof of a new dynamic of hybrid solitons– temporally and spectrally stationary light waves resulting...

Im Focus: Revolution der Rohre

Forscher*innen des Instituts für Sensor- und Aktortechnik (ISAT) der Hochschule Coburg lassen Rohrleitungen, Schläuchen oder Behältern in Zukunft regelrecht Ohren wachsen. Sie entwickelten ein innovatives akustisches Messverfahren, um Ablagerungen in Rohren frühzeitig zu erkennen.

Rückstände in Abflussleitungen führen meist zu unerfreulichen Folgen. Ein besonderes Gefährdungspotential birgt der Biofilm – eine Schleimschicht, in der...

Im Focus: Überdosis Calcium

Nanokristalle beeinflussen die Differenzierung von Stammzellen während der Knochenbildung

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universitäten Freiburg und Basel haben einen Hauptschalter für die Regeneration von Knochengewebe identifiziert....

Im Focus: Overdosing on Calcium

Nano crystals impact stem cell fate during bone formation

Scientists from the University of Freiburg and the University of Basel identified a master regulator for bone regeneration. Prasad Shastri, Professor of...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen im August 2018

20.06.2018 | Veranstaltungen

Hengstberger-Symposium zur Sternentstehung

19.06.2018 | Veranstaltungen

LymphomKompetenz KOMPAKT: Neues vom EHA2018

19.06.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

DFG unterstützt Kongresse und Tagungen im August 2018

20.06.2018 | Veranstaltungsnachrichten

Breitbandservices von DNS:NET erweitert

20.06.2018 | Unternehmensmeldung

Mit Parasiten infizierte Stichlinge beeinflussen Verhalten gesunder Artgenossen

20.06.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics