Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Therapie der Multiplen Sklerose: Mehr Sicherheit dank Biomarker

13.08.2013
Eine seltene, aber gefährliche Nebenwirkung durch das MS-Medikament Natalizumab könnte mit einem neuen Test in den meisten Fällen möglicherweise verhindert werden.

Den Schlüssel zu einer sichereren Therapie liefern Forscher aus der Arbeitsgruppe von Professor Heinz Wiendl, Direktor der Klinik für Allgemeine Neurologie am Universitätsklinikum Münster.

Sie haben gezeigt, dass vor allem jenen Patienten eine virusvermittelte Hirnentzündung (Progressive multifokale Leukoenzephalopathie, PML) droht, deren Immunzellen auf der Oberfläche das Molekül L-Selektin fehlt.

„Diese Erkenntnis könnte den Schlüssel darstellen, um zukünftig das PML-Risiko unter Langzeitgabe von Natalizumab auf individualisierter Basis zu ermitteln“, so Professor Ralf Gold, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und Direktor der Neurologischen Klinik am St. Josef-Hospital, Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum.

Für die in der Fachzeitschrift Neurologie veröffentlichte Studie hatte das Team um Wiendl mehr als 300 Personen untersucht – die meisten davon MS-Patienten, die mit Natalizumab behandelt worden waren. Anhand von Blutproben konnte man dabei einen Zusammenhang feststellen zwischen dem Oberflächenmolekül L-Selektin (CD62L) auf den Immunzellen der Patienten und der Wahrscheinlichkeit, an einer PML zu erkranken.

Die acht Patienten, die später unter Natalizumab eine virusvermittelte Hirnentzündung entwickelten, hatten im Durchschnitt nur auf 4,6 Prozent ihrer CD4+-Immunzellen das Molekül L-Selektin, während es bei denjenigen, die nicht erkrankten, fast neun Mal so viele Zellen (40,2 Prozent) waren. In einer gesunden Kontrollgruppe betrug der Prozentsatz 61,0 Prozent und bei MS-Patienten, die statt Natalizumab andere Medikamente bekamen, 47,2 Prozent. L-Selektin scheint demnach als Biomarker geeignet, der helfen könnte, verschiedene Patientengruppen voneinander abzugrenzen.

Wie die Forscher in ihrer Arbeit erläutern, ist das Adhäsionsmolekül L-Selektin wichtig für die ersten Schritte, mit denen das Immunsystem auf bestimmte Krankheitserreger reagiert. Fehlt dieses Molekül, so kann der Auslöser der PML – das Polyoma JC-Virus – die Zellen der Patienten befallen und eine lebensbedrohliche Infektion verursachen. Das Virus findet sich zwar bei 40 bis 60 Prozent aller Erwachsenen. Zu einer PML kommt es jedoch ausschließlich bei Personen, bei denen die Abwehr geschwächt ist, zum Beispiel durch die Behandlung mit Immunsuppressiva wie Natalizumab.

Das Arzneimittel, das in Europa seit 2006 verfügbar ist, hat sich bei besonders schweren Fällen der schubförmigen MS als wirksam erwiesen und stellt für viele Patienten die beste Option dar, den Verlauf der Krankheit zu bremsen. Es verhindert bei der MS die Einwanderung von weißen Blutzellen durch die Gefäßwände in das entzündete Gewebe. Allerdings kommt es unter einer längeren Behandlung in seltenen Fällen zur PML, was zu einer großen Verunsicherung geführt hat. Das Medikament war in den USA deshalb sogar zeitweise vom Markt genommen worden.

Als Risikoparameter dienten bislang die Vorbehandlung mit Immunsuppressiva und das Vorhandensein von Antikörpern gegen das JC-Virus, das die gefährliche PML verursacht. Jedoch sind nicht alle Patienten der Hochrisikogruppe gleichermaßen gefährdet, wie Wiendl erläutert: „Unter den Patienten, die Antikörper gegen das JC-Virus haben und die mit Immunsuppressiva vorbehandelt wurden, erkrankt nur etwa jeder Hundertste an der PML. Bei einem Großteil dieser Patienten wurde aufgrund des nicht bestimmbaren Risikos die Therapie oftmals abgesetzt – meist ohne adäquate Behandlungsalternative.“ Der neue Test ermöglicht es nun, das Risiko der Patienten nach mehr als einjähriger Therapie mit Natalizumab individuell einzuschätzen: Solche mit hohen Werten von L-Selektin haben ein geringes Risiko. Patienten, bei denen das Molekül dann fehlt, tragen ein hohes Risiko. Hier würde man nur noch in wohl begründeten Ausnahmen Natalizumab weiter verordnen und die Patienten besonders engmaschig kontrollieren.

Wenn L-Selektin vorliegt, bietet dies zwar auch keinen 100-prozentigen Schutz, betont Wiendl: „Doch der Test ist ein erster Schritt auf dem Weg, individuelle Therapie-Empfehlungen für die Natalizumab-Behandlung auszusprechen.“ Und für Ralf Gold ist diese Arbeit darüber hinaus „ein erneuter Beleg für die internationale Führungsrolle der deutschen Neuroimmunologie bei der Erforschung der PML unter Natalizumab.“

Quelle

Schwab N, et al: L-Selectin is a possible biomarker for individual PML risk in natalizumab-treated MS patients. Neurology. 2013 Aug 7 (online)

Fachlicher Kontakt bei Rückfragen

Prof. Dr. med. Ralf Gold
Direktor der Neurologischen Klinik
Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum
St. Josef-Hospital
Gudrunstr. 56
44791 Bochum
Tel.: +49 (0) 234 509-2411
Fax.: +49 (0) 234 509-2414
E-Mail: ralf.gold@ruhr-uni-bochum.de
Pressestelle der Deutschen Gesellschaft für Neurologie
Frank A. Miltner
c/o albertZWEI media GmbH
Englmannstr. 2, 81673 München
E-Mail: presse@dgn.org, Tel.: +49 (0) 89 46148622
Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)
sieht sich als neurologische Fachgesellschaft in der gesellschaftlichen Verantwortung, mit ihren mehr als 7500 Mitgliedern die neurologische Krankenversorgung in Deutschland zu verbessern. Dafür fördert die DGN Wissenschaft und Forschung sowie Lehre, Fort- und Weiterbildung in der Neurologie. Sie beteiligt sich an der gesundheitspolitischen Diskussion. Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden gegründet. Sitz der Geschäftsstelle ist die Bundeshauptstadt Berlin.

www.dgn.org

1. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Martin Grond
2. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Wolfgang H. Oertel
3. Vorsitzender: Prof. Dr. med. Ralf Gold
Geschäftsführer: Dr. rer. nat. Thomas Thiekötter
Geschäftsstelle
Reinhardtstr. 27 C, 10117 Berlin, Tel.: +49 (0) 30 531437930, E-Mail: info@dgn.org
Ansprechpartner für die Medien
Frank A. Miltner, Tel.: +49 (0) 89 46148622, E-Mail: presse@dgn.org
Pressesprecher der DGN: Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener, Essen

Frank A. Miltner | idw
Weitere Informationen:
http://www.dgn.org

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Vielseitige Nanokugeln: Forscher bauen künstliche Zellkompartimente als molekulare Werkstatt
22.05.2018 | Technische Universität München

nachricht Designerzellen: Künstliches Enzym kann Genschalter betätigen
22.05.2018 | Universität Basel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Vielseitige Nanokugeln: Forscher bauen künstliche Zellkompartimente als molekulare Werkstatt

Wie verleiht man Zellen neue Eigenschaften ohne ihren Stoffwechsel zu behindern? Ein Team der Technischen Universität München (TUM) und des Helmholtz Zentrums München veränderte Säugetierzellen so, dass sie künstliche Kompartimente bildeten, in denen räumlich abgesondert Reaktionen ablaufen konnten. Diese machten die Zellen tief im Gewebe sichtbar und mittels magnetischer Felder manipulierbar.

Prof. Gil Westmeyer, Professor für Molekulare Bildgebung an der TUM und Leiter einer Forschungsgruppe am Helmholtz Zentrum München, und sein Team haben dies...

Im Focus: LZH showcases laser material processing of tomorrow at the LASYS 2018

At the LASYS 2018, from June 5th to 7th, the Laser Zentrum Hannover e.V. (LZH) will be showcasing processes for the laser material processing of tomorrow in hall 4 at stand 4E75. With blown bomb shells the LZH will present first results of a research project on civil security.

At this year's LASYS, the LZH will exhibit light-based processes such as cutting, welding, ablation and structuring as well as additive manufacturing for...

Im Focus: Kosmische Ravioli und Spätzle

Die inneren Monde des Saturns sehen aus wie riesige Ravioli und Spätzle. Das enthüllten Bilder der Raumsonde Cassini. Nun konnten Forscher der Universität Bern erstmals zeigen, wie diese Monde entstanden sind. Die eigenartigen Formen sind eine natürliche Folge von Zusammenstössen zwischen kleinen Monden ähnlicher Grösse, wie Computersimulationen demonstrieren.

Als Martin Rubin, Astrophysiker an der Universität Bern, die Bilder der Saturnmonde Pan und Atlas im Internet sah, war er verblüfft. Die Nahaufnahmen der...

Im Focus: Self-illuminating pixels for a new display generation

There are videos on the internet that can make one marvel at technology. For example, a smartphone is casually bent around the arm or a thin-film display is rolled in all directions and with almost every diameter. From the user's point of view, this looks fantastic. From a professional point of view, however, the question arises: Is that already possible?

At Display Week 2018, scientists from the Fraunhofer Institute for Applied Polymer Research IAP will be demonstrating today’s technological possibilities and...

Im Focus: Raumschrott im Fokus

Das Astronomische Institut der Universität Bern (AIUB) hat sein Observatorium in Zimmerwald um zwei zusätzliche Kuppelbauten erweitert sowie eine Kuppel erneuert. Damit stehen nun sechs vollautomatisierte Teleskope zur Himmelsüberwachung zur Verfügung – insbesondere zur Detektion und Katalogisierung von Raumschrott. Unter dem Namen «Swiss Optical Ground Station and Geodynamics Observatory» erhält die Forschungsstation damit eine noch grössere internationale Bedeutung.

Am Nachmittag des 10. Februars 2009 stiess über Sibirien in einer Höhe von rund 800 Kilometern der aktive Telefoniesatellit Iridium 33 mit dem ausgedienten...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

VideoLinks
Industrie & Wirtschaft
Veranstaltungen

22. Business Forum Qualität: Vom Smart Device bis zum Digital Twin

22.05.2018 | Veranstaltungen

48V im Fokus!

21.05.2018 | Veranstaltungen

„Data Science“ – Theorie und Anwendung: Internationale Tagung unter Leitung der Uni Paderborn

18.05.2018 | Veranstaltungen

VideoLinks
Wissenschaft & Forschung
Weitere VideoLinks im Überblick >>>
 
Aktuelle Beiträge

Vielseitige Nanokugeln: Forscher bauen künstliche Zellkompartimente als molekulare Werkstatt

22.05.2018 | Biowissenschaften Chemie

Mikroskopie der Zukunft

22.05.2018 | Medizintechnik

Designerzellen: Künstliches Enzym kann Genschalter betätigen

22.05.2018 | Biowissenschaften Chemie

Weitere B2B-VideoLinks
IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics