Forum für Wissenschaft, Industrie und Wirtschaft

Hauptsponsoren:     3M 
Datenbankrecherche:

 

Therapeutische Oligonukleotide auf dem Weg in die Anwendung

19.09.2012
„Um völlig neuartige Therapieansätze medizinisch nutzbar zu machen, brauchen Forscher einen langen Atem. Das war bei den monoklonalen Antikörpern so und ist heute bei den therapeutischen Oligonukleotiden nicht anders. Doch wichtige Fortschritte bei der Erprobung dieser außergewöhnlichen Substanzen bringen ihren breiteren Einsatz etwa gegen Stoffwechsel- und Viruskrankheiten nun in Reichweite“. Das erklärte Professor Gunther Hartmann vom Universitätsklinikum Bonn am 18. September 2012 in Berlin. Mit Professor Peter C. Scriba von der Universität München leitete er dort den Workshop „Therapeutische Oligonukleotide – Stand und Perspektiven“ der Paul-Martini-Stiftung.
Therapeutische Oligonukleotide sind kein einheitlicher Wirkstoff-Typ wie Statine oder ACE-Hemmer. Gemeinsam ist ihnen nur, dass ihre Molekülstruktur der von DNA oder RNA nachempfunden ist – jedoch nicht „naturidentisch“, damit sie im Körper nicht allzu rasch enzymatisch abgebaut werden. Ihre Wirkung, so machten die Beiträge des Workshops deutlich, erzielen sie auf ganz unterschiedliche Weise.

Sogenannte Antisense-Oligonukleotide wirken durch das Stilllegen von Genen. „Die Idee dazu stammt bereits aus den 1970er Jahren“, erläuterte Hartmann. Das erste Medikament, das diesen Ansatz erfolgreich umsetzte, wurde 1999 gegen Augeninfektionen durch Cytomegalie-Viren bei AIDS-Patienten zugelassen. Doch erst jetzt zeichnen sich für weitere Antisense-Oligonukleotide Erfolge ab.
So konnte Dr. Carmen Poehl von der US-Firma Genzyme von Patienten berichten, deren erblich bedingt erhöhter Cholesterolspiegel mit dem Oligonukleotid Mipomersen gesenkt werden konnte. Weitere Antisense-Oligonukleotide, so Dr. Hubert Heinrichs von Antisense Pharma, Regensburg, seien für die Krebstherapie in Erprobung.

Ein zweiter Typ von Oligonukleotiden, die „locked nucleic acids (LNA)“, können in ähnlicher Weise bestimmte microRNA in Zellen blockieren und so in die Steuerung der Zellen eingreifen. Zu den fortgeschrittensten Projekten, so Dr. Troels Koch vom dänischen Unternehmen Santaris Pharma, gehört der Einsatz des Oligonukleotids Miravirsen gegen Hepatitis-C-Viren in Leberzellen.

Die CpG-Oligonukleotide – der dritte Typ – können als Adjuvantien die Immunreaktion bei Aktivimpfungen beschleunigen und steigern. Ein damit ausgestatteter Impfstoff gegen Hepatitis B ist derzeit im Zulassungsverfahren der EU. „Das angeborene Immunsystem hält die CpG-Oligonukleotide für das Erbgut eingedrungener Viren und versetzt deshalb den Körper in erhöhte Abwehrbereitschaft“, erläuterte Hartmann das Wirkprinzip. „Die molekulare Erkennung erfolgt dabei durch die TLR-9-Rezeptoren. Andere Oligonukleotide, die verwandte Rezeptoren des Typs RIG-I aktivieren, werden derzeit gegen Virus- und Tumorerkrankungen entwickelt.“

Ein vierter Typ von Oligonukleotiden kann in das Splicing – einen vorbereitenden Schritt zur Proteinsynthese – eingreifen. Damit lassen sich möglicherweise bestimmte Erbkrankheiten wie die Duchenne Muskeldystrophie behandeln, wie Dr. Giles Campion vom niederländischen Unternehmen Prosensa Therapeutics berichtete. So hätte das Oligonukleotid Drisapersen (PRO051/GSK2402968) bereits in klinischen Studien Wirksamkeit bei Duchenne‘scher Muskeldystrophie gezeigt. Konfirmatorische Studien laufen.

Bei einem fünften Typ – den Aptameren – ist ihre Ähnlichkeit zu DNA oder RNA nicht von Belang. Genutzt wird allein ihre Fähigkeit zu komplizierten Molekülfaltungen, durch die sie sich stark und spezifisch an ausgewählte Zielmoleküle im Krankheitsgeschehen binden können. Mit Pegaptanib ist ein erstes Aptamer zugelassen (es bindet an den Botenstoff VEGF); weitere Aptamere mit verbesserter Molekülstruktur (darunter sogenannte Spiegelmere) sind u.a. gegen Krebs und Nephropathie in Entwicklung.
„Die Entwicklung therapeutischer Oligonukleotide“, so resümierte Professor Scriba, „wird bisher vor allem von kleinen und mittleren Biotech-Firmen zusammen mit engagierten Ärzten und akademischen Forschern vorangetrieben. Deutschland, wo etliche der Firmen ihren Sitz haben, kann hier eine international bedeutende Rolle spielen.“

Die Paul-Martini-Stiftung
Die gemeinnützige Paul-Martini-Stiftung, Berlin, fördert die Arzneimittelforschung sowie die Forschung über Arzneimitteltherapie und intensiviert den wissenschaftlichen Dialog zwischen medizinischen Wissenschaftlern in Universitäten, Krankenhäusern, der forschenden Pharmaindustrie, anderen Forschungseinrichtungen und Vertretern der Gesundheitspolitik und der Behörden. Träger der Stiftung ist der vfa, Berlin, der als Verband derzeit 44 forschende Pharma-Unternehmen vertritt.

Dr. Rolf Hömke | idw
Weitere Informationen:
http://www.paul-martini-stiftung.de/

Weitere Nachrichten aus der Kategorie Biowissenschaften Chemie:

nachricht Kupferhydroxid-Nanopartikel schützen vor toxischen Sauerstoffradikalen im Zigarettenrauch
30.03.2017 | Johannes Gutenberg-Universität Mainz

nachricht Nierentransplantationen: Weisse Blutzellen kontrollieren Virusvermehrung
30.03.2017 | Universität Basel

Alle Nachrichten aus der Kategorie: Biowissenschaften Chemie >>>

Die aktuellsten Pressemeldungen zum Suchbegriff Innovation >>>

Die letzten 5 Focus-News des innovations-reports im Überblick:

Im Focus: Atome rennen sehen - Phasenübergang live beobachtet

Ein Wimpernschlag ist unendlich lang dagegen – innerhalb von 350 Billiardsteln einer Sekunde arrangieren sich die Atome neu. Das renommierte Fachmagazin Nature berichtet in seiner aktuellen Ausgabe*: Wissenschaftler vom Center for Nanointegration (CENIDE) der Universität Duisburg-Essen (UDE) haben die Bewegungen eines eindimensionalen Materials erstmals live verfolgen können. Dazu arbeiteten sie mit Kollegen der Universität Paderborn zusammen. Die Forscher fanden heraus, dass die Beschleunigung der Atome jeden Porsche stehenlässt.

Egal wie klein sie sind, die uns im Alltag umgebenden Dinge sind dreidimensional: Salzkristalle, Pollen, Staub. Selbst Alufolie hat eine gewisse Dicke. Das...

Im Focus: Kleinstmagnete für zukünftige Datenspeicher

Ein internationales Forscherteam unter der Leitung von Chemikern der ETH Zürich hat eine neue Methode entwickelt, um eine Oberfläche mit einzelnen magnetisierbaren Atomen zu bestücken. Interessant ist dies insbesondere für die Entwicklung neuartiger winziger Datenträger.

Die Idee ist faszinierend: Auf kleinstem Platz könnten riesige Datenmengen gespeichert werden, wenn man für eine Informationseinheit (in der binären...

Im Focus: Quantenkommunikation: Wie man das Rauschen überlistet

Wie kann man Quanteninformation zuverlässig übertragen, wenn man in der Verbindungsleitung mit störendem Rauschen zu kämpfen hat? Uni Innsbruck und TU Wien präsentieren neue Lösungen.

Wir kommunizieren heute mit Hilfe von Funksignalen, wir schicken elektrische Impulse durch lange Leitungen – doch das könnte sich bald ändern. Derzeit wird...

Im Focus: Entwicklung miniaturisierter Lichtmikroskope - „ChipScope“ will ins Innere lebender Zellen blicken

Das Institut für Halbleitertechnik und das Institut für Physikalische und Theoretische Chemie, beide Mitglieder des Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), der Technischen Universität Braunschweig, sind Partner des kürzlich gestarteten EU-Forschungsprojektes ChipScope. Ziel ist es, ein neues, extrem kleines Lichtmikroskop zu entwickeln. Damit soll das Innere lebender Zellen in Echtzeit beobachtet werden können. Sieben Institute in fünf europäischen Ländern beteiligen sich über die nächsten vier Jahre an diesem technologisch anspruchsvollen Projekt.

Die zukünftigen Einsatzmöglichkeiten des neu zu entwickelnden und nur wenige Millimeter großen Mikroskops sind äußerst vielfältig. Die Projektpartner haben...

Im Focus: A Challenging European Research Project to Develop New Tiny Microscopes

The Institute of Semiconductor Technology and the Institute of Physical and Theoretical Chemistry, both members of the Laboratory for Emerging Nanometrology (LENA), at Technische Universität Braunschweig are partners in a new European research project entitled ChipScope, which aims to develop a completely new and extremely small optical microscope capable of observing the interior of living cells in real time. A consortium of 7 partners from 5 countries will tackle this issue with very ambitious objectives during a four-year research program.

To demonstrate the usefulness of this new scientific tool, at the end of the project the developed chip-sized microscope will be used to observe in real-time...

Alle Focus-News des Innovations-reports >>>

Anzeige

Anzeige

IHR
JOB & KARRIERE
SERVICE
im innovations-report
in Kooperation mit academics
Veranstaltungen

Industriearbeitskreis »Prozesskontrolle in der Lasermaterialbearbeitung ICPC« lädt nach Aachen ein

28.03.2017 | Veranstaltungen

Neue Methoden für zuverlässige Mikroelektronik: Internationale Experten treffen sich in Halle

28.03.2017 | Veranstaltungen

Wie Menschen wachsen

27.03.2017 | Veranstaltungen

 
VideoLinks
B2B-VideoLinks
Weitere VideoLinks >>>
Aktuelle Beiträge

Nierentransplantationen: Weisse Blutzellen kontrollieren Virusvermehrung

30.03.2017 | Biowissenschaften Chemie

Zuckerrübenschnitzel: der neue Rohstoff für Werkstoffe?

30.03.2017 | Materialwissenschaften

Integrating Light – Your Partner LZH: Das LZH auf der Hannover Messe 2017

30.03.2017 | HANNOVER MESSE